Zur Einsatzdoktrin der russischen Armee

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Von Hptm Stefan Bühler, ex-Kdt Pz Kp 12/1, beruflich Einsatzleiter KAMIR

Im Russian New Generation Warfare Handbook beschreibt die Asymmetric Warfare Group der US Army die Organisation der russischen Streitkräfte und deren Einsatzdoktrin, die aufgrund der Erfahrungen aus Tschetschenien, Georgien, der Ostukraine und Syrien konsequent adaptiert und weiterentwickelt wurde. Obwohl das Handbuch als Doktringrundlage für die US Army geschrieben wurde, ergeben sich wichtige Erkenntnisse und Konsequenzen auch für die Schweizer Armee.

Russland und USA
Neben den Einsatzverfahren der russischen Streitkräfte sind in Kapitel 2 auch mögliche Vorgehensweisen der amerikanischen Streitkräfte beschrieben – dadurch bekommt der Leser einen guten Einblick in die Einsatzdoktrin nicht nur von Russland sondern auch der USA.
Die abgeleiteten Erkenntnisse und Konsequenzen im vorliegenden Artikel beziehen sich daher nicht explizit auf die russischen Streitkräfte, wie die Einleitung vielleicht vermuten lässt, sondern sind bewusst allgemein gehalten bezogen auf einen modernen und der Schweizer Armee überlegenen Modellgegner.


Hybride Kriegsführung
Während der Konflikte in Georgien und der Ukraine hat Russland eine neue Einsatzdoktrin entwickelt, welche in der internationalen Presse auch als Russian New Generation Warfare (RNGW), 4th Generation Warfare oder Hybrid War bezeichnet wird. Das Ziel dieser neuen Doktrin ist gemäss dem RNGWH nicht mehr der konventionelle militärische Sieg über den Gegner, sondern ein Regime Change. Um diesen Regierungswechsel zu erreichen, wird auf unterschiedlichen Ebenen (Militär, Politik, Wirtschaft) Druck auf den Gegner aufgebaut.
Es muss an dieser Stelle vermerkt werden, dass der Regime Change keine russische Erfindung ist, sondern seit Jahrzehnten von den USA weltweit mit mehr oder weniger Erfolg umgesetzt wird. Prominente Beispiele sind die amerikanischen Interventionen in Iran 1953, Chile 1973, Irak 1991/2003 und Libyen 2011. Russland kopiert in dieser Hinsicht lediglich amerikanische Machtpolitik.


Zurück zu Divisionen
Die Hauptlast der militärischen Intervention tragen in einer ersten Phase lokal rekrutierte und organisierte Einheiten (Proxy Forces), die jedoch durch Advise, Assist and Accompany (AAA) Teams ausgebildet und teilweise auch ausgerüstet werden. Parallel zu den Aktionen im Inland wird im grenznahen Ausland eine konventionelle militärische Drohkulisse aufgebaut (Truppenübungen, Show of Force).
Im Bereich der konventionellen Streitkräfte basiert Russland im Rahmen des Ostukrainekonflikts auf Einsatzverbänden in der Stärke eines Bataillons, sogenannten Batallion Tactical Groups BTG, als primäres Manöverelement. Gemäss RNGWH hat die russische Militärführung offensichtlich Schwächen in der Bataillonsstruktur festgestellt und tendiert wieder zurück zur Divisionsstruktur.


Anti-Access/Area Denial
Die russische Luftabwehr besteht aus Flugabwehrkanonen, Lenkwaffen und Mitteln der elektronischen Kriegsführung. Die russischen Verbände verfügen ab Stufe Bataillon über integrale Luftabwehrfähigkeiten, in Ausnahmefällen werden diese Fähigkeiten sogar für eine begrenzte Zeit auf Stufe Kompanie zugewiesen.
Auf der strategischen Ebene verfügt die russische Flugabwehr über Lenkwaffensysteme (S-300 und S-400) mit einer Reichweite bis 400 km, welche in der Lage sind, sowohl Flugzeuge als auch Marschflugkörper und ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen abzufangen.
Auf der operativen und oberen taktischen Stufe kommen selbstfahrende Lenkwaffen- und Kanonensysteme mit Reichweiten bis 150 km (BUK-M1) zum Einsatz. Die taktische Stufe (Bataillon) verfügt über schultergestützter Flugabwehrlenkwaffen (sogenannte Manpads wie z.B. 9K34 Strela oder 9K38 Igla) sowie Lenkwaffen- und/oder Kanonenflab auf leichten Fahrzeugen mit (Bekämpfungs-) Reichweiten bis 10 km.


Gefährliche Manpads
Das RNGWH nennt die schultergestützten Luftabwehrlenkwaffen (Manpads) als eine der gefährlichsten Bedrohungen für die US Streitkräfte, da diese hochmobil eingesetzt werden, nur sehr schwierig aufzuklären sind (passiver Zielsuchkopf) und dadurch die taktische Luftbeweglichkeit extrem einschränken – direkt betroffen wären hier vor allem die Bereich der Luftnahunterstützung (Close Air Support), der Luftversorgung (Aerial Resupply) sowie der Verwundetentransport (Medical Evacuation MEDEVAC).
Als aktuelles Beispiel dient auch hier der Ostukrainekonflikt, in dem die Separatisten mittels bodengestützten Flugabwehrsystemen auf der taktischen Ebene praktisch eine Flugverbotszone durchgesetzt haben, obwohl die ukrainische Luftwaffe de facto die Luftherrschaft hätte haben müssen. Ein weiteres Beispiel ist die sowjetische Intervention in Afghanistan, wo die sowjetischen Streitkräfte trotz der absoluten Luftherrschaft innerhalb weniger Monate die taktische Luftbeweglichkeit aufgrund der Lieferung von Stinger-Luftabwehrlenkwaffen durch die CIA an die Mudschaheddin verloren.


BODLUV tut Not
Die Schweiz muss auch in Zukunft über ein dichtes bodengstütztes Flugabwehrnetz verfügen. Insbesondere die schultergestützten Luftabwehrlenkwaffen (aktuell FIM-92 Stinger) erzeugen für verhältnismässig geringe Kosten eine grosse dissuasive Wirkung und müssen auch in Zukunft in genügender Anzahl im Luftabwehrdispositiv vorhanden sein.
Operative Systeme (BODLUV mittlerer und grosser Reichweite) müssen in genügender Anzahl beschafft werden, um einen überlappenden Einsatz sicherstellen zu können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass durch den Ausfall schon eines einzelnen Systems (durch EKF oder kinetische Wirkung) eine Lücke im Luftabwehrnetz entsteht, welches der Gegner wiederum für weitere Aktionen ausnutzen kann.


Infanterie: Das Programm Ratnik
Mit dem Ratnik Programm erneuern die russischen Streitkräfte momentan die infanteristische Grundausrüstung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem persönlichen Körperschutz (Individual Body Armor) und einer modularen Grundausrüstung (u.a. Erste Hilfe Kit, Funk, Haken- und Leinensatz, Metalldetektor, …). Weiter soll auch die Waffen-wirkung verbessert werden, indem man sukzessive das Sturmgewehr AK-74 mit dem Nachfolgemodell AK-12 ersetzt.
Die persönliche Schutzausrüstung für die Schweizer Armee ist ohne Kompromisse und so schnell wie möglich zu beschaffen. Alle Kader und Soldaten sind verpflichtet, unter Einsatz des Lebens Volk und Land zu verteidigen (Bundesverfassung, Artikel 58 und Dienstreglement, Ziffer 77) – er hat daher ohne Diskussion Anrecht auf eine hochwertige persönliche Schutzausrüstung!


Den Gegner schnell binden
Die Schiessausbildung des Schweizer Soldaten mit dem Sturmgewehr muss sich weiterhin auf den Bereich von 300 m (normale Schützen) bis auf lange Distanzen (Zielfernrohrschützen) ausrichten, um auf diese Distanzen präzis das Feuer erwiedern zu können
Die Anzahl an eigenen Scharfschützen ist gegenüber heute zu erhöhen, insbesondere müssen auch die mechanisierten Verbände in Zukunft über Scharfschützen verfügen. Bei den kombatanten Verbänden sind zwingend Counter-Sniper Einsatzverfahren zu implementieren, um einerseits die Wirkung des gegnerischen Feuers zu minimieren und anderseits die gegnerischen Scharfschützen schnellstmöglich zu binden und zu neutralisieren.


Indirektes Feuer
In der russischen Armee wird die Artillerie auch als «Kriegsgott» bezeichnet. Während dessen die meisten westlichen Armeen die Artillerie einsetzen, um die Manöverelement zu unterstützen, gilt in Russland seit jeher das Gegenteil: Die Manöverelement haben günstige Voraussetzungen für den Einsatz der Artillerie zu schaffen! Die russische Artillerie kennt fünf Feuerarten:
• Einzelschuss: Feuer gegen aufgeklärte Einzelziele oder Direktschuss;
• Konzentriertes Feuer: Feuer von mehreren Sytemen gegen dasselbe Ziel;
• (statischer) Schutzvorhang: kontinuierliche Sperre aus Feuer gegen eine oder mehrere Fronten eines angreifenden Gegners;
• (beweglicher) Feuervorhang: beweglicher Vorhang aus Feuer entlang der eigenen Angriffsachse in Front der stossenden Manöverelemente;
• Unterstützungsfeuer: konzentriertes Feuer auf Ziele in der Front oder den Flanken der stossenden (eigenen) Manöverelemente.


Bis zu 500 Kilometer
Die russische Artillerie verfügt mit den taktischen Systemen über eine Reichweite von bis 70 km (BM-30 Smerch), mit den ballistischen Kurzstreckenraketen werden Distanzen bis 500 km (SS-26 Iskander-M) erreicht. Neben Spreng-Splittergefechtsköpfen gelangen auch Kanistermunition, fernverlegbare Minen sowie thermobare, chemische oder taktische nukleare Gefechtsköpfe zum Einsatz.
Im Vergleich zur westlichen Artillerie wird die russische Rohrartillerie (2S1 und 2S3) auch als Sturmgeschütz zur Unterstützung der vorstossenden Infanterie eingesetzt. Durch die Verwendung von Hohlladungsgeschossen können sogar Kampfpanzer wirkungsvoll bekämpft werden.
Tarnung und Täuschung
Der Dezentralisierung von Truppen und Führungseinrichtung sowie der Tarnung (mutispektral, inklusive elektromagnetisches Spektrum) und Täuschung muss in der Ausbildung auf allen Stufen wieder höhere Priorität eingeräumt werden.
Es muss schnellstmöglich ein adäquater Ersatz für die weggefallene Kanistermunition in ausreichender Menge beschafft werden, um die Fähigkeit zur effektiven Bekämpfung von mechanisierten Verbänden wieder zu erlangen.
Die Einsatzreichweite der Artillerie muss mindestens verdoppelt werden (50 und mehr Kilometer). Die Schweizer Armee muss mittelfristig die Fähigkeit erhalten, Stellungsräume der gegnerischen Artillerie aufzuklären und diese wenn notwendig auch über die Landesgrenze hinaus zu bekämpfen.


Feuerführung per Drohne
Der Ostukrainekrieg zeigt, dass die russischen Streitkräfte und die Separatisten konsequent Drohnen einsetzen, um das Artilleriefeuer zu führen.
Eine hochfliegende Drohne identifiziert das Ziel, nimmt in einem zweiten Überflug auf einer tieferen Ebene die exakten Zielkoordinaten auf und übermittelt diese an die Feuerleitstelle.
Innerhalb von 10–15 Minuten nach dem Erstüberflug trifft das Artilleriefeuer das designierte Ziel. Die Wirkungsbeurteilung und eine allfällige Korrektur erfolgen ebenfalls mit Unterstützung der Drohne.
Die Separatisten in der Ostukraine setzten auch vermehrt zivile Drohnen (Quad-, Hexa- und Oktocopter) ein, um Munition, i d R Handgranaten mit Splitter und/oder Brandwirkung, abzuwerfen. Der Einsatz von Thermit-granaten auf Treibstofftanks und Munitionsumschlagplätze war dabei besonders verheerend für die ukrainischen Streitkräfte.


4 x Drohneneinsatz
Drohnenaktivitäten können in vier Gruppen zusammengefasst werden:
• Aufklärung von gegnerischen Stellungen, Überwachung von gegnerischen Aktivitäten, Führung des Artillerie-feuers, Beurteilung der Wirkung;
• Indirekte Angriffe: Abwurf von Zuladung (so Hand- oder Gewehrgranaten) auf das designierte Ziel;
• Direkte Angriffe: Direkter Angriff der Drohne, allenfalls mit einer explosiven Wirkladung, auf das designierte Ziel;
• Schwarmangriff: Einsatz von mehreren Drohnen, die in einem Schwarm fliegen und damit allfällige Abwehrsysteme überlasten.
Nur eine Frage der Zeit
Obwohl es bisher keine bestätigten Berichte über direkte Angriffe oder Schwarmangriffe mit Drohnen gibt, wäre dies mit den zur Verfügung stehenden Mitteln heute technisch schon umsetzbar. Es wird daher wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis ein erster solcher Angriff erfolgt.
In der Schweiz muss die Truppe schnellstmöglich auf die Gefahr, welche von Kleindrohnen ausgeht, sensibilisiert werden. Es ist ein standardisierter Meldeprozess einzuführen.
Mittelfristig muss die taktische Stufe mit Mitteln zur Aufklärung und Abwehr von Kleindrohnen ausgerüstet werden, die Aufklärung und Abwehr von operativen Drohnen des Gegners muss durch die BODLUV sichergestellt werden.


Elektronische Kriegsführung
Die bewegliche Kampfführung modernen Streitkräfte ist zur Koordination der einzelnen Einheiten zwingend auf eine funktionierende Kommunikation angewiesen.
Russland hat unter dem Konzept Radio Electronic Battery (REB) massiv in die elektronische Kriegsführung investiert und verfügt nun über Systeme, die über ein breites Spektrum die gegnerische Kommunikation (so FM, Satellitenkommunikation, GSM, GPS und andere Signale) aktiv stören oder manipulieren können.
Im Ostukrainekrieg wurden zum Beispiel gezielt GPS Signale auf den Empfangsgeräten der ukrainische Streitkräfte verfälscht (spoofing).
Weiter haben ukrainische Soldaten offensichtlich SMS auf ihre privaten Mobiltelefone erhalten, in denen ihre Familien bedroht wurden – inklusive genauer Angaben über die Standorte von einzelnen Familienmitgliedern.
Frühzeitig zerstören
Die neue russische Kommunikationsausrüstung wurde anderseits von Beginn weg so konzipiert, dass sie durch die eigenen Syteme nicht gestört wird und eine hohe Robustheit gegenüber gegnerischen Stör- und Manipulierversuchen aufweist.
Zum Schutz der eigenen Einheiten verfügt die russische EKF über spezielle Abwehrsysteme.

Starke elektromagnetische Signale
Diese senden ein starkes elektromagnetisches Signal aus, das elektronische Zünder (so Artilleriegranaten oder Lenkwaffen) überlastet und diese damit entweder frühzeitig zur Detonation bringt oder – bei gelenkter Munition – eine Ablage von den Zielkoordinaten bewirkt.
Die EKF-Systeme der russischen Streitkräfte sind sehr leistungsfähig und zumindest in Teilbereichen auch den amerikanischen Systemen überlegen. Da sie momentan nur in einer verhältnismässig geringen Anzahl zur Verfügung stehen, entstehen durch die Neutralisierung einzelner Schlüsselsysteme grössere Lücken.
Truppe sensibilisieren
Die Truppe muss auf die Gefahr, die von der gegnerischen EKF ausgeht, sensibilisiert und mit entsprechenden Mittenl zum Eigenschutz ausgerüstet werden.
Die Navigation und Führung ohne die Unterstützung durch elektronische Hilfsmittel muss trainiert und in Übungen überprüft werden (Navigation mit Karte und Kompass, Führen mit Handzeichen).
Bei der Beschaffung von Munition darf der Fokus nicht zu stark auf (intelligente) Sensormunition gelegt werden – entsprechende Abwehrsysteme der gegnerischen EKF können sie auf einen Schlag unbrauchbar machen oder die Wirkung und/oder Präzision spürbar verringern.


Landminen und Sprengfallen
Neben Landminen aus sowjetischer und russischer Produktion (auch Richtminen wie die MON-Serie) setzen die Akteure in der Ostukraine vermehrt auch Sprengfallen ein.
Neben improvisierten Sprengfallen wie Handgranaten, die über einen Stolperdraht ausgelöst (Trip Wire Initiated Grenade TWIG) oder als Aufnahmesicherung unter ein Objekt geklemmt werden, kommen vrbreitet auch speziell für diesen Zweck industriell gefertigte, sehr moderne Systeme wie Pursuit Denial Munition (PDM) und Aufnahmesicherungen zum Einsatz.


Unkonventionelle Mittel
Auch unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) und. Improvised Explosive Devices (IED) werden im grossen Stil eingesetzt.
Aufgrund der relativ guten Verfügbarkeit in der Ostukaine besteht die Wirkladung in den meisten Fällen aus hochwertigem militärischem Sprengstoff.
Das macht die Leistungsfähigkeit der Vorrichtung deutlich erhöht und die Herstellung von Selbstlaboraten (Homemade Explosives HME) – wie sie zum Beispiel durch den ISIS in Syrien und im Irak produziert werden – aktuell unnötig.
Eine integrale Kampfmittelabwehr muss in der Schweiz zwingend (wieder) aufgebaut werden.
Alle Kader und Soldaten müssen mittelfristig materiell und ausbildungstechnisch dazu befähigt werden, Kampfmittel aufzuklären und sich selbstständig aus einem kampfmittelkontaminierten Gelände zu evakuieren.


Moderner Modellgegner
Das RNGWH gibt wertvolle Einblicke in die Einsatzverfahren sowohl der russischen als auch der amerikanischen Streitkräfte und bildet damit die Grundlage für einen modernen, der Schweizer Armee überlegenen Modellgegner, auf den wir uns in letzter Konsequenz doktrinell und materiell auszurichten haben.