Zum US Marine Corps und zur US Navy

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Unser Nautik- und Amerika-Korrespondent und -Experte, Oberst i Gst Jürg Kürsener, schreibt zu den Reformen im US Marine Corps und in der US Navy:

General David Berger, Kommandant des US Marine Coprs, hier noch mit drei Sternen (usmc).

Allgemeines

Die Aussage, wonach das USMC den Abbau der Kampfpanzerflotte plane, ist in einem breiteren Kontext zu sehen. Das US Marine Corps und die US Navy (USN) befinden sich derzeit in einem massiven Umbruch, vieles deutet auf einen Paradigmenwechsel hin. Im Gegensatz zu früheren Zeiten betonen jetzt beide Seiten (USMC und USN), ihre jeweilige Zusammenarbeit zu verstärken und vor allem ihre Bedürfnisse gegenseitig besser abzustimmen. Das hat nicht zuletzt mit dem veränderten Bedrohungsbild zu tun.

Leitsatz des US Marine Corps: “SEMPER FI” (usmc).

Denn beide Teilstreitkräfte (TSK) planen, ihre künftigen Einsätze wieder vermehrt auf die traditionelle Bedrohung und die wieder erwachsende Great Power Competition auszurichten. Dabei stehen China und Russland im Vordergrund, gefolgt vom Iran und Nordkorea. Diese Bestrebungen sollen signalisieren, dass nicht mehr der Einsatz gegen den Terror und die Verwendung des USMC als de facto zweites Heer (zB in Afghanistan und im Irak) im Vordergrund stehen, sondern dass beide TSK zu den traditionellen, ihren ureigensten Aufgaben zurückzukehren planen.

Dies in Abstimmung auf die Vorgaben in der Nationalen Verteidigungsstrategie von 2018. Beide Chefs, der Commandant des US Marine Corps (CMC) und der Chief of Naval Operations (CNO) beteuern dabei, dass sie ihre Doktrin und die entsprechenden materiellen Vorhaben besser gegenseitig abstimmen und koordinieren wollen.

Zur US Navy

Seit langem und vor allem seit Amtsantritt von Präsident Trump ist gesetzlich festgeschrieben, dass die Navy ihren Schiffsbestand von heute etwa 290 auf 355 Einheiten hochzufahren hat und dies bis etwa 2035. Obschon die Navy diese Bestandeserhöhung offiziell befürwortet, scheint sie dies zumindest vorerst nur halbherzig umzusetzen. Im neuesten Budgetvorschlag für das Haushaltsjahr 2021 beantragt sie den Neubau von nur acht Schiffen, die chinesische Marine baut demgegenüber derzeit etwa 15 Einheiten pro Jahr. Zur geplanten Erreichung der 355 Einheiten der US Navy müssten aber jährlich 12-14 Neubauten erfolgen.

Die Navy begründet diese Abweichung mit dem Umstand, dass sie zuerst zwingend den Rückstand der Reparatur- und Überholungsarbeiten bei zahlreichen aktiven Schiffen wettmachen müsse, bevor an einen Ausbau gegangen werden könne. Tatsächlich hat das hohe Op Tempo (Einsatzrhythmus) der letzten Jahre dazu geführt, dass längst fällige Wartungsarbeiten hinausgeschoben wurden. Das rächt sich nun. Dazu kommt, dass die Navy derzeit ohnehin daran ist, ihre Einsatzkonzeption und Struktur grundlegend zu überprüfen. Der entsprechende Bericht – als Force Structure Assessment (FSA) bezeichnet – wurde ursprünglich auf das Frühjahr 2020 erwartet.

Nun aber hat Verteidigungsminister Esper vor kurzem interveniert, offenbar deshalb, weil ihm die ersten Ergebnisse des Berichtes nicht gefielen. Er hat nun seinerseits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die parallel die Sicht des Verteidigungsministeriums (DoD) zur Navy der Zukunft erarbeiten soll. Weiter kommt erschwerend hinzu, dass vor kurzem eine gewichtige Arbeitsgruppe eingesetzt worden ist, die prüfen soll, ob die Flugzeugträger auch weiterhin die zentrale Bedeutung haben sollen, die sie bisher fast uneingeschränkt reklamieren konnten.

Pazifik, gemäss Navy: “guided-missile cruiser USS Princeton (CG 59); Military Sealift Command fleet replenishment oiler USNS Guadalupe (T-AO 200); aircraft carrier USS Nimitz (CVN 68); guided-missile destroyers USS Momsen (DDG 92) und USS Preble (DDG 88)” (usn).

Kein Tabu soll ausgespart werden, auch nicht die bisherigen, seit Jahrzehnten praktizierten regelmässigen Einsätze von Trägerkampfgruppen beispielsweise ins Mittelmeer oder in den Arabischen Raum. All dies, nämlich der geplante Ausbau auf 355 Schiffe, die FSA, die Parallelstudie des DoD sowie die erwähnte Trägerstudie, erfordert Kohärenz und bedarf daher einer beträchtlichen Abstimmung. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt, nämlich die vermehrte Ausrichtung der Navy auf das geplante «neue» USMC.

Zum US Marine Corps

Der neue Kommandant des Marine Corps, General David H. Berger, hat bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2019 angekündigt, dass er das USMC massiv reformieren will. Dies, um dem veränderten Bedrohungsbild gerecht zu werden. In seiner Schrift «Force Design 2030» vom März 2020 legt er nun seine Überlegungen dar, die allerdings da und dort noch der Überprüfung, u.a. durch entsprechende Tests und Übungen, bedürfen. Er schliesst nicht aus, dass deshalb seine Richtlinien vereinzelt noch angepasst werden müssen. Wegleitend für die neuen Weisungen ist die Überzeugung Bergers, dass das heutige USMC zu schwerfällig und beispielsweise für eine Kampfführung im Pazifik – mit Stossrichtung China und Südchinesisches Meer – zu verwundbar sei. Es sei zu lange als «zweites Heer» im Einsatz gestanden und sei gar nicht mehr durch seine ursprüngliche Aufgabe gefordert gewesen.

USMC – eine Elite (usmc).

Die ersten Schritte und Versuche zur Neugestaltung des USMC will Berger zuerst auf die Bedürfnisse des Indo-Pazifischen Kommandos ausrichten (USINDOPACOM). Er schliesst dabei nicht aus, dass die Bedürfnisse für Einsätze in Europa durchaus andere sein können. Das wird sich dann später herausstellen. Vorerst will er nun also das Corps u.a. mit agilen, kleineren Verbänden gestalten, die über eine grosse Feuerkraft verfügen, entweder ausserhalb der Reichweite der gegnerischen Feuers operieren oder dieses durch Beweglichkeit und wenig lohnenswerte Ziele neutralisieren können.

Trotzdem wir die Stufe Regiment beibehalten. Die bisherigen «Marine Regiments» werden neu «Marine Littoral Regiments» (MLR) heissen, womit das Schwergewicht ihres künftigen Einsatzes küstennahe unterstrichen wird. Es liegt auf der Hand und wird gelegentlich zumindest indirekt auch bestätigt, dass General Berger nicht zuletzt auch einen Einsatz in der von China widerrechtlich militarisierten Inselwelt des Südchinesischen Meeres vor Augen hat.

In all seinen Bestrebungen hält Berger engen Kontakt mit seinem Partner der Navy, dem Chief of Naval Operations, der offenbar gewillt ist, hier mitzumachen. Es sieht so aus, dass die Vorstellungen Bergers durchaus auch Einfluss auf das künftige Bauprogramm der Navy haben könnten, bis hin zum Bau von leichteren amphibischen Schiffen, unbemannten Fahrzeugen und luftgestützten Drohnen. Bergers Richtlinien und Vorgaben sehen u.a folgende gravierende Eingriffe und Veränderungen vor:

Reduktion des Bestandes des USMC um 12’000 Personen;
Auflösung eines Infanterie Regimentsstabes (es bleiben noch 7);
Auflösung von drei Infanterie Bataillonen (noch 21);
Auflösung von zwei Inf Bat der Reserve (noch 6);
Neugliederung der Inf Bat, die kampfkräftiger und flexibler werden sollen, mit reduzierter Struktur und mit einem Abbau von etwa 200 Personen pro Bataillon;
16 Art Bttr werden aufgelöst (noch 5);
Schaffung von 14 zusätzlichen Raketenartillerie Batterien (total neu 21);
Auflösung aller 7 M1A1 Panzerkompanien;
Auflösung der drei «Law Enforcement Battalions» (eA MP-Bataillone);
Auflösung aller drei Brückenleger-Kompanien;
Schaffung von drei neuen Leichten Aufklärungskompanien (neu 12);
Auflösung von zwei amphibischen Sturmkompanien mit Schwimmpanzern (noch 4);
Alle Kampfbomber Staffeln der USMC-eigenen Luftwaffe werden von 12 auf 10 Maschinen pro Staffel reduziert;
Auflösung von drei Schwenkflügel Staffeln «Ospreys» (total noch 14);
Auflösung von 3 schweren CH-53 Transporthelikopter Staffeln (noch 5);
Auflösung von zwei AH-1Z Kampfhelikopter Staffeln (noch 5);
Schaffung von drei neuen unbemannten Drohnen Staffeln (neu 6);
Schaffung einer zusätzlichen Luftbetankungsstaffel (neu 4).

Die Einschnitte sind bedeutend. Viele offene Fragen bleiben, das gesteht auch General Berger ein. So ist zB auch noch nicht klar, welche Bedeutung die F-35B «Lightning II» im Rahmen des USMC einnehmen wird. Diese kann bekanntlich auch auf den neuen amphibischen Helikopterträgern der «America»-Klasse eingesetzt werden.

Erste Versuche sind mit 20 Maschinen pro Schiff gemacht worden. Die Tatsache, dass solche Schiffe mit einer entsprechender Zahl an F-35B Einsätze in Krisenregionen geringerer Intensität wahrnehmen und dort die bisherigen grossen Flugzeugträger-Kampfgruppen ersetzen könnten, dürfte in den erwähnten neuen Studien, in gegenseitiger Absprache zwischen Navy und USMC, ebenfalls themaitisert werden. Die Tatsache, dass das USMC wie bisher auch weiterhin Einsätze ab den grossen Flugzeugträgern mit eigenen Maschinen, hier aber des Typs F-35C fliegt, scheint unbestritten zu sein.

Mit der Publikation der erwähnten Studien wird die nächste Zukunft interessante Schlüsse auf die Entwicklung der amerikanischen Seestreitkräfte und deren neue Einsatzoptionen zulassen. Sicher ist, dass nicht nur das USMC, sondern auch die Navy ihre Einsätze in Zukunft wesentlich flexibler gestalten wird. Die über Jahrzehnte eingespielten, fast etwas fest gefahrenen Einsatzfahrten werden dann wohl der Vergangenheit angehören. Und es macht Sinn, wenn dieses Instrument dorthin geschickt wird, wo es etwas zu bewirken hat. Es wird interessant sein, wie das Kader und die Mannschaften des traditionsreichen Marine Corps auf diese Umkrempelung reagieren werden.