Zum Barbara-Tag > “Das Monstergeschütz”

Standard

 

AEC-Lastwagen mit 102-mm-Kanone bei Dungeness in Kent, Juli 1940.

Zum heutigen 4. Dezember, zum Tag der hl. Barbara, der Schutzpatronin der Mineure und Kanoniere, sendet uns der Panzerkorrespondent Hagen Seehase einen Beitrag zu einem “britischen Monstergeschütz”.

AEC-Truck mit 102mm-Schiffsgeschütz

Von Hagen Seehase

Als sich nach dem Ende des Frankreichfeldzuges 1940 in Grossbritannien die Gefahr einer deutschen Invasion abzeichnete, liess man sich dort einiges zur Abwehr der befürchteten Landung einfallen. Überzählige 4-inch-guns der Royal Navy  – im Jahre 1908 gebaute Geschütze der Variante Mk VII und im Jahre 1915 gefertigte Geschütze der Variante Mk IX – wurden auf Fahrgestelle von 6×4-Schwerlastwagen von AEC/Foden montiert. Insgesamt machte man so 49 der Schiffsgeschütze beweglich. Es gab verschiedene Versionen.

Im Juni 1940 kamen vier dieser monströsen Gefährte aus der Marinebasis Portsmouth nach Suffolk, wo sie unter dem Kommando von Lieutenant Wintle (Royal Navy) zur Küstenverteidigung eingesetzt wurden. Die Kanonen konnten nach vorne und über das Fahrzeugheck abgeschossen werden, wobei der enorme Mündungsdruck bei Probeschießen in der Umgebung regelmäßig Fenster zu Bruch gehen liess. Beim Abschuss musste sich jeder Kanonier irgendwo festhalten, um nicht vom Fahrzeug gepustet oder geschüttelt zu werden.

Bei den Marinefahrzeugen stand die Schiffsabwehr im Vordergrund, als mobile Küstenkanone war das Fahrzeug dazu durchaus geeignet. Die Army produzierte eine eigene Version, acht Stück kamen direkt aus dem Woolwich Arsenal an die Küste nach Suffolk. Im Gegensatz zu den Marinefahrzeugen konnten die Heeresfahrzeuge nur über das Heck feuern.

Ausserdem war ihre primäre Rolle die Panzerabwehr. Einem Direkttreffer aus einer Marinekanone des Kalibers 102 mm würde kein Panzer der Achsenmächte oder sonst ein anderer standhalten. Allerdings waren Schussfolge und Richtgeschwindigkeit denen einer richtigen PAK weit unterlegen. Aber Anfang 1941 änderte sich ohnehin auch die Einsatzrolle der Heeresfahrzeuge hin zur Schiffsabwehr.

Bei den Marinefahrzeugen, obschon ganz zweifelsfrei an Land, herrschte Navy-Zeremoniell: Seitenpfeifen, wenn der kommandierende Offizier, das Schiff, nein, den Truck betrat, militärischer Gruss Richtung Heck. Die Leute wussten noch, was sie taten.

4. Dezember 2021 – Vive la bombarde, Gloire à Sainte-Barbe.