Zeichen der Zuversicht zur Passionszeit

Standard

 

 

Die Redaktion dankt Hptm Asg Sabine Herold, ev. Pfarrerin in Wohlen/AG, herzlich für ihr Zeichen der Zuversicht zur Passionszeit. Die Zeichnung stammt von Deborah Keller.

 

Gebet

 

Jesus

du Menschensohn

gekommen aus Gottes Reich

in unsere Welt, in unsere Herrschaftsgebiete –

auch zu mir.

 

Jesus

du Menschensohn

ausgeliefert in Menschenhände:

ihrem Hass, ihrem Ego, ihrer Grausamkeit –

auch mir.

 

Jesus

du Menschensohn

leidend unter den Selbstgerechten

unter ihrem Wesen, ihrem Neid, ihrem Stolz –

auch unter mir.

 

Jesus

du Menschensohn

verleugnet von Freunden und Feiglingen,

verraten von Eifersüchtigen und Enttäuschten –

auch von mir.

 

Jesus

du Menschensohn

verurteilt zu Folter, zu Pein, zum Tod am Kreuz

verurteilt durch Missgünstige, Mitläufer, Heuchler –

auch durch mich.

 

Jesus

du Menschensohn

leidest Qualen, gibst dich hin und

stirbst für deine Menschen –

auch für mich.

 

AMEN

© Sabine Herold (27. März 2022)

 

Wer ist dieser «Menschensohn»? (zu Matthäus 17,22)

Wenn Jesus von sich selbst spricht, dann verwendet er oft den besonderen Begriff und Titel «Menschensohn». In allen Evangelien taucht dieser geheimnisvolle Name für Jesus auf, auch und gerade im Zusammenhang mit seinem Leiden, Sterben, Auferstehen und mit seiner Wiederkunft (vgl. Mt 12,40; 16,27; 17,9.12; 20,18.28; 26,2.45).

Der Ausdruck «Menschensohn» wird schon im Ersten bzw. Alten Testament erwähnt und bedeutet «Menschenkind». Eine Stelle im Buch Daniel beschreibt einen ganz besonderen Menschensohn, eine übermenschliche, himmlische Gestalt. Der Prophet Daniel hat eine eindrückliche nächtliche Vision (Daniel 7,13.14):

Und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und königliche Würde, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.– Und Jesus beansprucht dieser eine zu sein, in dem sich die Vision Daniels erfüllt (vgl. Mt 24,30; 25,31; 26,64).

Immer wieder gebraucht Jesus diesen geheimnisvollen Namen «Menschensohn» als Selbstbezeichnung [1]und sagt damit, dass er der erwartete Messias, der Gesalbte Gottes ist. Doch nie reden die Apostel vom Menschensohn, wenn sie über Jesus sprechen. Letztendlich bleibt dieser Titel und vieles andere von Jesu Wesen und Wirken, Reden und Lehren, Erleben und Erleiden, Sein und Tun unergründlich. Eines ist jedoch offensichtlich: Jesus ist derMensch, wie Gott ihn sich von Anfang an gedacht hat, wie Gott ihn wollte und will. (1.Kor 15,45-47)

Auch in Matthäus 17,22 spricht Jesus von sich als Menschensohn. Er sagt: Der Menschensohn wird bald in der Gewalt der Menschen sein. Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen (Luther)

In den Versen davor ist davon die Rede, wie Jesus ein krankes Kind von einem bösen Geist befreit und heilt (Mt 17,14-21). Nun hält sich Jesus mit seinen Jüngern in Galiläa auf und teilt ihnen mit, was ihm bevorsteht, was bald mit ihm geschehen wird: er wird verraten, in die Gewalt der Menschen gegeben, er wird ausgeliefert und preisgegeben.

Jesus wird in die Hände der Menschen überantwortet. Mit den Händen ist die Gewalt, Macht, Gewalttätigkeit und Grausamkeit gemeint. Jesus wird Menschen ausgeliefert, die ihn ablehnen und hassen, die Böses mit ihm im Sinn haben, die ihn töten wollen. Warum? Er hat doch niemandem etwas zuleide getan. Wer sollte ihn hassen?

Diese Menschen lehnen Jesus ab, weil er so anders ist, weil er nicht in ihr System passt, weil er sich nicht anpasst. Sie verachten ihn, weil er ein Herz für ausgestossene, benachteiligte und leidende Menschen hat; weil er mit Gottes Liebe berührt, anspricht, befreit und heilt. Sie beneiden ihn, weil er Naturgewalten beruhigen kann, weil ihm böse Geister gehorchen müssen, weil er vom Tod auferweckt, weil er Sünden vergibt. Diese Menschen hassen Jesus, weil er ihren Stolz, ihre Heuchelei, ihre Machtgier und ihre Gesetzlichkeit ans Licht bringt und beim Namen nennt.

Wehe dem, der in die Hände und Gewalt solch hassender Menschen gerät und ihrer Grausamkeit ausgeliefert wird.

Jesus erleidet genau dies. Gott lässt es zu. Jesus setzt sich dem Hass seiner Feinde aus, obwohl er göttliche Vollmacht hat. Warum tut er dies? Warum nimmt er diese Erniedrigungen auf sich?

Weil der Menschensohn nicht nur kommen und herrschen wird, sondern weil er auch leiden und sterben wird. So erfüllt Jesus seine göttliche Mission. So wird er uns zum Vorbild und zeigt, dass Gottes Wille und Weg an erster Stelle kommen. Jesus überlässt sich Gottes Händen und bleibt in diesen göttlichen Händen geborgen, selbst wenn er den Händen der Menschen und ihrer Grausamkeit ausgeliefert wird, selbst wenn er sein Leben hingibt. Auch sein Leben bleibt in Gottes Händen.

Jesus zeigt uns sogar in seinem Leiden, wie der von Gott gedachte Menschensohn bzw. wahre Mensch ist und lebt.

Darum sollen und dürfen wir uns in allem an Jesus orientieren.

Er möge uns dabei helfen: Tag für Tag!

[1]Vgl. Matthäus 8,20; 9,6; 10,23; 11,19; 12,8.32.40; 13,37.41; 16,13.27.28; 17,9.12.22; 19,28; 20,18.28; 24,30.44; 25,31; 26,2.24; 26,45.64: Der Menschensohn hat kein Bett. Er vergibt Sünden, er kommt, er sucht die Sünder, die Verlorenen, er ist Herr über den Sabbat, er stirbt, er sät den guten Samen, er vergilt den Menschen nach ihrem Tun, er steht von den Toten auf, er leidet, er wird den Händen der Menschen ausgeliefert, er wird auf dem Thron sitzen und richten, er wird zum Tod verurteilt werden, er dient und gibt sein Leben hin, er wird gekreuzigt, er wird verraten und ausgeliefert…

Sabine Herold