Zeichen der Ermutigung

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Von Deborah Keller.

 

Die Redaktion dankt Hptm Asg Sabine Herold, ev. Pfarrerin in Wohlen AG, für ihr neues Zeichen der Ermutigung aus dem reichen Schatz des Alten Testamentes.

 

Gebet 

Was soll ich nur tun, 

wenn es eng um mich wird: 

unter Druck, in Überforderung, 

in den Anforderungen des Lebens, 

bei Ausgrenzung und Ablehnung? 

Wo kann ich mich bergen 

und bin auch wirklich sicher? 

Wohin soll ich fliehen? 

Ich nehme mich ja doch 

überall hin mit. 

An wen soll ich mich wenden? 

Wer bleibt mir, wer? 

Auf wen ist denn noch Verlass? 

HERR, erbarme dich! 

Wende dich mir zu, 

neige dich zu mir herab. 

Schenk mir deine Gnade, 

erneuere meine Sicht. 

Bei DIR suche ich Schutz 

wie in einer Höhle der Geborgenheit, 

wie ein Ungeborenes im Mutterleib, 

wie ein Kind in den Eltern-Armen. 

Bei DIR berge ich mich. 

Ich lass mich DIR: 

deinen Händen, deinem Herzen. 

Deine Flügel sind mir Zuflucht. 

DU bist mein Zufluchtsort! 

Geborgen und sicher bin ich 

NUR BEI DIR! 

AMEN 

© Sabine Herold (11.7.2021) 

 

In den Bergen Israels gab und gibt es weit ausgedehnte Höhlen, Grotten und unterirdische Grüfte. In der Bibel werden Höhlen immer wieder erwähnt – auch als Unterkünfte und Verstecke für Menschen (vgl. 1. Mose 19,30; Richter 6,2). Eine Höhle kann zum Hort und Bergungsort werden und bedeutet Schutz und Geborgenheit. 

So versteckte sich David immer wieder auf der Flucht vor Saul oder anderen Verfolgern in Höhlen und Schlupfwinkeln (1. Samuel 22,1; 24,1ff; 2. Samuel 17,9). Zu Beginn von Psalm 57 werden genaue Anweisungen gegeben, wie dieser Psalm zu singen ist, nämlich nach der Weise ‘vertilge nicht’, als David vor Saul in die Höhle floh 

Stellen wir uns einmal vor: David wird verfolgt. Er flieht von Ort zu Ort und findet nirgends Aufnahme. Wie verzweifelt muss er gewesen sein, dass er sogar bei seinen Feinden Zuflucht gesucht hat. Doch er wird abgewiesen (1. Samuel 21,11-16). Keinem Menschen kann er mehr trauen, kein Mensch öffnet ihm die Tür und lässt ihn ein, bei keinem Menschen findet er eine sichere Unterkunft. So bleibt ihm nur noch Gott, zu dem er um Hilfe ruft. Wenn wir Psalm 57 im Bewusstsein von Davids verzweifelter Lage lesen, dann wird jeder Satz und Hilfeschrei nachvollziehbar. David beschreibt sein Unglück folgendermassen (V.5.7, NGÜ): 

Von Feinden bin ich umzingelt, sie sind wie Löwen, die Menschen verschlingen. Ihre Zähne sind spitz wie Speere und Pfeile, und ihre Zunge gebrauchen sie wie ein scharfes Schwert. Ein Fangnetz haben sie mir in den Weg gelegt, jeden Lebensmut wollten sie mir nehmen… 

David sucht aber nicht nur äusserlich Zuflucht in einer Höhle, sondern er flieht auch innerlich: in Gottes Gegenwart und Schutzraum. So eröffnet er den Psalm: Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn bei dir ist meine Seele geborgen, im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis die tödliche Gefahr vorüber ist. (NGÜ) 

David weiss nicht mehr aus noch ein. Er hängt völlig in der Luft, weil er keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll. Seine Zukunft ist ungewiss. Er ist an Leib und Leben bedroht. Wer kann ihm noch helfen? 

Ihm bleibt alleine Gott, mit dem er schon so viele Erfahrungen gemacht hat, den er bis jetzt als treu und zuverlässig erlebt hat. So bittet er Gott um Erbarmen: Erbarme dich meiner, o Gott, erbarme dich meiner! 

Ja, David hat die Erfahrung gemacht, dass seine Seele, dass er selbst schon oft bei Gott Zuflucht gesucht und gefunden hat. Darum birgt er sich auch jetzt in Gott. Wo, das umschreibt er noch genauer: ‘im Schatten deiner Flügel’. Der Ausdruck ‘im Schatten deiner Flügel’ verweist auf Gottes schützende Gegenwart. Wer sich in Gottes Schatten aufhält, ist geborgen und befindet sich unter seinem wohltuenden Schutz, in seiner Fürsorge. 

Im Schatten deiner Flügel werde ich mich bergen. 

Im Schatten deiner Flügel will ich Zuflucht suchen! 

Diese Worte Davids sind eine Entscheidung. Er ist sich bewusst, dass dies seine letzte und einzige Hoffnung und Rettung ist: Zuflucht bei Gott. Hier gilt es, alles und sich selbst loszulassen und dem Grösseren zu überlassen, der Leib und Leben, Vergangenheit und Zukunft in seinen Händen hält, und der hier und jetzt behütet und birgt. 

David trifft diese wichtige, existenzielle Entscheidung: Ich will mich bergen im Schatten deiner Flügel, Gott! 

Wie lange? Nicht nur für einen kurzen Moment, um ein bisschen auszuruhen und aufzutanken, nein: so lange bis das Unglück vorbei ist, bis das Verderben vorübergezogen ist wie ein bedrohliches Gewitter. David weiss nicht, wie lange es noch dauert. Die Zukunft ist für ihn menschlich gesehen ungewiss. Die einzige Gewissheit, die ihm bleibt, ist Gottes Gegenwart. 

In dieser Nähe Gottes, im Schatten seiner Flügel will David sich bergen und so lange bleiben, bis die tödliche Gefahr vorüber ist. Und in dieser Geborgenheit bei Gott erlebt David einen inneren Wendepunkt, so dass er Gott sogar zu loben beginnt (Psalm 57,8-12). 

Und ich? In welchen Lebensbereichen bin ich zurzeit auf der Flucht? 

In welcher ‘Höhle’, wo finde ich Zuflucht, Schutz und Sicherheit? 

Der Schatten von Gottes Flügeln gilt auch mir als Zufluchtsort. Gott bietet mir in seiner Gegenwart Schutz. Ich darf in jeder Situation zu ihm flüchten. Er ist für mich da! 

In Gottes Dasein werde ich verwandelt. Aus Verzweiflung wird Hoffnung, trotz Verfolgung kehrt Ruhe ein, Herz und Seele erwachen zu neuem Leben. Im Schatten von Gottes Flügeln wird eine neue Sicht möglich: Gottes Perspektive. 

Bei dir ist meine Seele geborgen. Im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen! 

Sabine Herold