Zeichen der Ermutigung

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Heute beginnt der Februar 2021, kalendarisch der letzte volle Wintermonat, aktuell auch der Monat, in dem sich der Beginn der Corona-Pandemie zum ersten Mal jährt.

Hptm Asg Sabine Herold, ev. Pfarrerin in Wohlen AG, diente in der Phase “CORONA 20” als Armeeseelsorgerin zehn Wochen en suite. Sie vermittelt mit den Illustrationen von Deborah Keller, Sulgen TG, mitten in der Pandemie Zeichen der Zuversicht, wofür wir ihr und Deborah Keller herzlich danken.

Gebet 

Gott 

manchmal fühle ich mich 

wie ein geknicktes, zerbrochenes, verletztes, zertretenes 

Schilfrohr: 

aufgerieben, bedrückt, niedergeschlagen. 

Alles hängt an einem dünnen Faden. 

Gott 

manchmal fühle ich mich 

wie ein glimmender, sterbender, verlöschender 

Docht: 

verblasst, verzagt, ausgebrannt. 

Nur ein schwacher Hauch kämpft noch zitternd. 

Du Gott sagst: 

Ich zerbreche dich nicht. 

Du Gott sagst: 

Ich lösche dich nicht aus. 

Sondern DU richtest mich wieder auf, 

lässt meine Seele zu dir zurückfinden, 

erquickst mich vollständig. 

So gehe ich von einer Kraft zur anderen – 

mit dir, angeschmiegt an deine Hand. 

Du entfachst den Funken der Hoffnung in mir 

zur Flamme deiner Liebe, 

damit ich nicht ausbrenne, sondern aus DIR brenne! 

Gott 

sei DU 

mein Licht und mein Heil, 

meines Lebens Kraft. 

Sende 

Dein Licht und Deine Wahrheit, 

dass sie mich leiten. 

AMEN 

© Sabine Herold  

Dieses Wort aus Jesaja 42,3 kündigt Hilfe von Gott für die Schwachen an. Zunächst geht es um das Volk Israel, das in grosser Bedrängnis ist. In der Verbannung erleben sie ihre Situation als hoffnungslos. Mitten in ihre Not hinein lässt Gott durch den Propheten Jesaja verkündigen: Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er bringt dem geschlagenen Volk das Recht, damit Gottes Treue ans Licht kommt. (GN) 

In Jesaja 42 ist vom Gottesknecht die Rede, der von Gott auserwählt, beauftragt, gesandt und mit Gottes Geist ausgerüstet ist. Der Gottesknecht ist nicht nur ein Bild für das Volk Israel, also für diejenigen, die zu Gottes Volk gehören, sondern auch für den verheissenen und erwarteten Messias.

Und Matthäus selbst zitiert diesen Text und deutet ihn auf Jesus: Seht, das ist mein Diener, den ich erwählt habe, den ich liebe und an dem ich Freude habe. Ich will meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Völkern das Recht verkünden. … Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. So wird er schließlich dem Recht zum Sieg verhelfen. (Matthäus 12,18-21) 

Dieses Bild vom geknickten Rohr und glimmenden Docht spricht mich sehr an, aber vielmehr die damit verbundene Verheissung, dass es weder zu einem Zerbruch noch zu einem Auslöschen kommen wird. Dies lässt hoffen – nicht nur Gottes Volk im Exil, sondern auch uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus. 

Ein Grashalm, ein Schilfrohr oder ein Bambusrohr sind grundsätzlich extrem widerstandsfähig. Weder Wind noch Sturm können ein solches Rohr ohne Weiteres abknicken oder zerbrechen. Im Gegenteil: Es lässt sich sogar vom Wind hin- und herwiegen.

Diese Fähigkeit, sich elastisch zu biegen und sich so den Umständen anzupassen, ist ein Bild für Resilienz, das heisst äussere und innere Widerstandskraft. So wird das Schilf- oder Bambusrohr auch zum Bild für uns Menschen. Gott hat auch uns ausgerüstet und in uns eine innere Kraft gelegt, die uns grundsätzlich befähigt den verschiedenen Lebensstürmen standzuhalten und sie unverletzt zu überstehen. 

Jesaja verwendet noch ein zweites Bild: Ein Docht bewirkt, dass eine Kerze oder Öllampe überhaupt brennen kann. Das Wachs oder Öl nährt den Docht bzw. die Flamme. Und auch der Docht wird hier zum Bild für uns Menschen gebraucht. Spannend ist für mich, dass der griechische Begriff für Docht (‘linon’, im Zitat von Matthäus) auch ‘Lebensfaden’ bedeutet und mit ‘anschmiegen’ zu tun hat. 

Auch wir brauchen Wachs, Öl bzw. Nahrung für die Seele, damit wir sinnvoll leben können, damit wir leuchten und unsere Bestimmung finden und erfüllen können. Jesus sagt von sich, dass er das Licht der Welt ist (Johannes 8,12) und ebenso sagt er, dass wir das Licht der Welt sind (Matthäus 5,14). Wo wir uns von Jesu Licht und Kraft nähren lassen (Psalm 27,1) und ‘angeschmiegt’ an ihn leben, d.h. mit ihm verbunden sind, wird unser Leben hell. 

Doch Jesaja spricht nicht nur von einem Schilfrohr und Docht, sondern von einem ‘geknickten Rohr’ und von einem nur noch ‘glimmenden Docht’ (42, 3). 

Die Stabilität und Widerstandskraft haben bei einem ‘geknickten Rohr’ bleibenden Schaden genommen. Ein ‘glimmender Docht’ steht kurz vor dem vollständigen Erlöschen. Von einer Flamme ist nichts mehr zu sehen, nur noch ein Glühen an der Dochtspitze. 

Und auf uns Menschen übertragen: Die Lebenskraft, die Hoffnung, der Mut, das Vertrauen, die Sicht für einen Sinn… hängen manchmal nur noch an einem dünnen Faden. Dies kann geschehen, wenn wir schwere Schicksalsschläge erleben, wenn uns Unrecht geschieht oder Leid zugefügt wird, aber auch, wenn wir äusserlich oder innerlich ausbrennen, weil ständig Anforderungen, Stimmen, Lügen, Meinungen… sowie Kräfte und Mächte an uns zehren. 

In dieser Situation ist Gottes Zusage ein wahrer Trost: ER zerbricht uns nicht! ER löscht uns nicht aus! Nein, im Gegenteil: 

Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. (Psalm 34,9) 

Der HERR heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. (Psalm 147,3) 

Diesem behutsamen Wirken Gottes dürfen wir uns anvertrauen, uns bei Ihm anschmiegen und uns von Ihm wiederherstellen lassen! 

Sabine Herold