Zeichen der Ermutigung, Folge 23

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Unermüdlich schaffen Hptm Asg Sabine Keller, ev. Pfarrerin in Wohlen/AG, und die Künsterlin Deborah Keller, Sulgen/TG, an ihren Zeichen der Ermutigung, jetzt auch wieder in schwieriger werdenden Zeit. Es folgt die 23. Ermutigung.

Illustration von Deborah Keller.

Gebet

Gott,

da sind zwei Stimmen in mir, die miteinander ringen; «zwei Seelen» im Kampf gegeneinander;

ein gespaltenes Herz, das sich nicht entscheiden kann.

Die eine Hälfte von mir will dich und deine Nähe.

Die andere Hälfte zieht es weit weg aus Angst vor Enge.

Wo will ich hin? Wo gehöre ich hin?

Gott,

ich suche deine Nähe.

Ich suche dich. Ich rufe dich.

Du hörst mich, du lässt dich finden, du kommst mir ganz nah,

begleitest mich mit deiner Gegenwart.

Bei dir darf ich

den Sprung in deine Hände wagen

und erfahren, dass du hältst,

dass ich nie tiefer falle als in deine Hand,

dass ich nirgends sicherer bin als an deinem Herzen.

Und so werde ich – ganz.

Verändert in dein Bild,

um deine Liebe und Herrlichkeit zu reflektieren.

Und ich erkenne:

Ich bin durch dich.

Nur durch dich lebe, webe und bin ich.

Nur durch dich atme, bestehe und werde ich –

weil du es wolltest;

weil du es willst.

Gott,

zu dir komme ich;

dir will ich nahe sein;

bei dir bleiben –

an deiner Hand.

AMEN

© Pfarrerin Sabine Herold (Oktober 2020)

 

Der Apostel Jakobus schreibt in seinem Brief:

Sucht die Nähe Gottes, dann wird er euch nahe sein. (Jakobus 4,8)

In Zeiten von Bedrohungen, in Ungewissheit und Unsicherheit hilft es einen Zufluchtsort zu haben, jemanden der uns Halt und Trost gibt.

Doch seltsam: Wieso sollen zuerst wir die Nähe Gottes suchen? Ist er nicht immer gegenwärtig, so wie wir es vom bekannten Kirchenlied von Gerhard Tersteegen aus dem 18. Jahrhundert kennen («Gott ist gegenwärtig»)?

Warum sollen wir uns Gott zuerst nahen?

Dazu hilft es den Zusammenhang dieses Verses genauer anzuschauen: Zu Beginn des Kapitels 4 geht es um das Herz des Menschen, um sein Innerstes.

Der Apostel Jakobus zählt auf, was darin so alles zu finden ist:

Hochmut, Stolz und Selbstgerechtigkeit,

Egoismus, Narzissmus und Selbstsucht,

Missgunst, Neid und Gier,

Machtkämpfe, Streitsucht und Unfrieden…

Jakobus erinnert die Gläubigen an ihren Treuebund mit Gott und ihre Zugehörigkeit zu Gott. Er macht deutlich, dass sie nicht gleichzeitig einen Bund mit Gott und mit der Welt eingehen können, weil diese beiden «Systeme» diametral entgegengesetzt sind. Es geht also um eine Entscheidung: Entweder Gott oder die Welt.

Dieses Dilemma hat schon Jesus angesprochen und es folgendermassen aufgelöst: Seine Jünger sind zwar in der Welt, aber nicht von der Welt (vgl. Joh 17,11.15.16).

Und Jakobus empfiehlt, sich Gott ganz neu zuzuwenden, sich unter seine Werte und Weisungen zu stellen und sich so Gott zu nähern.

Der griechische Begriff für «nahen» bzw. «nähern» bedeutet ursprünglich «in der Hand befindlich». Es geht also darum wieder zurückzugehen und heimzukehren in Gottes Hand, in seine Gegenwart. Das meint «sich Gott nahen».

Und so kommt Gott uns nah, denn er zwingt sich nicht auf. Er stülpt uns nichts über. Er wartet, bis wir uns ihm nähern. Dann kommt er uns entgegen und nimmt uns an der Hand, um uns auf seinen Weg zurückzubringen, um mit uns ins Leben unterwegs zu sein.

Im selben Vers ist auch vom «Reinigen der Hände und des Herzens» die Rede.

Letztendlich geht es um unsere Entscheidung, nicht mehr auf zwei Hochzeiten zu tanzen, nicht mehr mit dem System Welt von Einfluss, Macht und Ehre zu liebäugeln, sondern uns ganz und gar und mit ungeteiltem Herzen den Händen und dem Herzen Gottes anzuvertrauen und in seinem Bund zu leben.

Jakobus ruft sozusagen jeder und jedem von uns zu: Entscheide dich! Entscheide dich für Gott!

Ob ich nun Nähe mag oder nicht – die Frage ist, ob ich mich Gottes Händen und Wirken überlasse, ob ich sein Handeln an und in meinem Leben zulasse, ob Gott an meinem Lebensteppich mit-weben darf.

Der Apostel Paulus formuliert dies in seiner berühmten Rede auf dem Areopag in Athen folgendermassen: Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir. Wir sind von seinem Geschlecht. (Apg 17,27.28)

Gott ist nicht meilenweit entfernt, sondern letztlich existieren wir durch ihn. Durch in bestehen wir und von ihm nähren wir uns.

Durch ihn können wir uns entfalten und auch anders werden.

Dank ihm sind wir überhaupt. Von ihm stammen wir ab, weil er unser Schöpfer ist und uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Wir sind von seiner Art, ihm ähnlich. Von ihm kommen wir und zu ihm gehören wir. Auf ihn hin sind wir geschaffen.

Wenn das kein Grund ist, dass wir uns Gott nahen…

Darum: Lasst uns ganz neu oder überhaupt zum ersten Mal Gottes Nähe und Gegenwart suchen.

Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch! (Lutherbibel)

Ein gutes Unterwegssein wünscht

Pfarrerin Sabine Herold