“ZAPAD 21” – das choreographierte Manöver

Standard

 

 

KARTE ROCHAN.

Schauen Sie auf diese Karte. Sie zeigt nicht den Krieg, sondern das russisch-belarussische Grossmanöver “ZAPAD 21” schwergewichtig in Weissrussland an der polnischen Grenze. Die Gegner waren vom 10.–16. September 2021:

  • Die Weststaaten mit der Polar Rebublic (Polen), Pomorie (Polen) und Njaris (Litauen mit einem Teil von Lettland). Sie markieren ROT, die Angreifer. Damit das Nachrichtenspiel umgesetzt werden kann, starten sie das Manöver am westlichen Rand von Belarus mit Bialystok, dem berühmten Schlachtort, den die Wehrmacht vom 27. Juni 1941 bis zum 27. Juli 1944 in Besitz hielt.
  • Zu litauischem Territorium deklariert die Übungsleitung sodann einen langen Grenzstreifen oben im Nordwesten.
  • Die Central Federation (Russland) mit der Polesie Republic (Belarus). Sie verteidigt in Phase 1 ihr Territorium und schlägt in Phase 2 zurück > sie verdrängt den Angreifer und holt bis Übungsabbruch die ursprünglich verlorenen Gebiete vollständig zurück.

Dezentrales Manöver

Wie jedes Jahr im Frühherbst, wenn sich der Generalstab im Vier-Jahres-Turnus einen Militärbezirk vornimmt, legten die Planer auch “ZAPAD 21” dezentral an. Die Schwerpunkte werden geografisch von ausgedehnten Waffenplätzen bestimmt:

  • Zuerst einmal die Anlagen von Brest, Bialystok und Grodno, wo die spektakulären Fallschirmabsprünge mit bis zu 600 Mann pro Bataillon über die Bühne gehen – absolute Höhepunkte, denen in aller Regel Präsident Putin, Verteidigungsminister Sergej Shoigu und Generalstabschef Valeri Gerassimow beiwohnen.
  • Dann die Waffenplätze von Ruzhany, Domanowsky (Domanovo), Obuz-Lesnovsky und Chepelevo.
  • Weiter zurückgestaffelt in Russland Anlagen wie Kirillovsky, Luzhsky, Strugi Krasnye, Dorogobuzh, Poponovo, Mulino, Volksy und Ashuluk (diese Orte ersichtlich auf der unten stehenden ISW-Karte).

Study of War ISW.

Was heisst das für das Schulung der Führung?

  • Das Manöver zerfällt in mehrere Einzelübungen, notdürftig zusammengekleistert vom übergeordneten Szenario. Das aber, was Not täte, die Führung des Grossverbandes aus einer Hand, findet nicht statt. Das Augenmerk richtet sich auf brillante Landungen, Abwehroperationen und Durchbrüche auf den einzelnen Waffenplätzen.
  • Polnische und russische Beobachter halten gnadenlos fest: Es fehlt auf oberer Stufe das Training der gesamtheitlichen Führung einer grossen Streitmacht. Das wirkt sich jetzt in der Ukraine negativ aus.

Choreographiert für Putin

Kritische Russen beanstanden ebenso: Die spektakulären Manöverphasen werden Monate, wenn nicht Jahre im voraus geplant, geübt und eingeschliffen. So weit so gut. In der Ukraine erweist sich jetzt zulasten der russischen Armee: Die mittleren und unteren Kommandanten verstehen es, eine Choreogaphie bis zum Umfallen zu trainieren und zu perfektionieren.

Das aber, was gegen die zähen Ukrainer jetzt erforderlich ist, wird wenig geschult: die selbständige Entschlussfassung, Befehlsgebung und Durchsetzung im Gefecht, das permanent neue Anforderungen stellt. In der Schweizer Armee heisst das “Auftragstaktik”. Wer seine Untergebenen primär dazu erzieht, vor Staatsgästen zu glänzen, der muss nicht wundern, wenn seine Unterführer im Krieg wenig selbständig handeln.

Ist oben der Zwanziger gefallen?

Zieht die obere russischen Führung – sagen wir ruhig: auf Stufe Gerassimow – die Konsequenzen? Davon hängt für den weiteren Verlauf des Krieges viel ab. Morgen früh tritt er in den zweiten Monat.