“Wir Weicheier”

Standard

 

Erschienen im Aris Verlag.

Prof. Martin van Creveld.

Vor Jahren hielt Martin van Creveld, Professor in Jerusalem, an der Berliner Handelsblatt-Konferenz einen brillanten Vortrag. Vom berühmten Militärhistoriker geht die Kunde, er könne einen Regenschirm nicht von einem Sturmgewehr unterscheiden.

Manchmal hat man Glück. Im ansonsten leeren Presseraum bat mich ein älterer, schwerer, freundlicher Mann, ihm beim Ausdrucken seines Manuskripts zu helfen. Es war Martin van Crefeld, und wir kamen ins Gespräch. Zum Schluss stach mich der Hafer: Ich fragte ihn: “Stimmt das mit dem Regenschirm?” Der grosse Gelehrte, den manche für den Besten seines Faches halten, antwortete ohne Umschweife: “Ja, natürlich, das stimmt.”

In seinem neuen Buch “Wir Weicheier” sagt er uns, warum das so ist: Geboren 1946, stellte er sich 1964 in Jerusalem zur strengen Armee-Rekrutierung – und fiel durch, wegen irgendeinem gesundheitlichen Mangel. Das ändert aber nichts an seinem Weltruf, der auf harter Arbeit gründet – und auf permanenter Provokation. Seine Bücher sind Bestseller und polarisieren mit schöner Regelmässigkeit. Das gilt jetzt wieder für “Wir Weicheier”.

Das Internet strotzt vor Rezensionen pro und contra. Man muss mit dem Buch nicht einig gehen, namentlich nicht mit den provokativen Ausfällen gegen Frauen, aber lesen sollte man es doch. Von all den Besprechungen auf dem Netz fiel mir diejenige eines Wiener Blogs auf, die dort ohne Verfasser erschien, aber sehr zum Denken anregt. Der Text folgt mit dem klassischen Zusatz: “Die Meinung des Autors muss sich nicht in alle Teilen mit der Meinung der Redaktion decken.”

 

Bundeswehr: Das korallenrote Beret der Artillerie.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es nur einen klaren Sieg „westlicher“ Staaten gegen einen nichtwestlichen Gegner gegeben: den 1. Kuwaitkrieg 1991. Ob die Briten in Palästina, Aden, Kenia oder Malaysien, ob die Franzosen in Indochina und Algerien, ob die Niederlande in Indonesien oder Portugal in Angola. Sie alle mussten sich erfolglos zurückziehen.

Den USA blühte das im Vietnamkrieg, obwohl sie dort vermutlich mehr Material eingesetzt hatten als bei allen davor genannten Kriegen zusammen. Auch die Einsätze in Afghanistan und Irak gegen Taliban und andere Islamisten, die derzeit noch laufen, sind alles andere als siegreich zu nennen, sondern zermürbende Besetzungen ohne erkennbaren Nutzen, aber mit Billionen Dollar Kosten. Auch die Verwendung von Stellvertretertruppen in Syrien bringt den USA nicht den gewünschten Erfolg (Syriens Präsident al-Assad erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit).

Wie erklärt sich das, obwohl alle Gegner der westlichen Mächte (OK, die Russen, die al-Assad unterstützen ausgenommen) meist bunt zusammengewürfelte Truppen waren mit wesentlich schlechterer Ausrüstung? Lag und liegt es an schwerfälligen Kommandostrukturen, wie manche behaupten, an der für die nicht-konventionelle Kriegsführung unzureichenden Ausbildung der Soldaten, an den nicht genug unterstützenden Politikern (Gefallene stören Wahlkampfkampagnen!) und/oder pazifistischen Medien (heute sind die Medien ja eher Kriegstreiber)? Oder liegt es vielleicht daran, dass westliche Soldaten zu „Weicheiern“ geworden sind? Und wenn ja, was sagt das über die jeweiligen Zivilgesellschaften aus, über deren Überlebensfähigkeit, falls es tatsächlich einmal zu dem oft zitierten clash of civilisations kommt?

In dem Buch „Wir Weicheier“ von dem Militärhistoriker Martin van Creveld wird dieses Phänomen ausgiebig analysiert. Der Autor führt an:

Verlängerung von Kindheit und Jugendalter

Schon im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung im Westen, die Kindheit immer weiter auszudehnen, Kinderarbeit zu verbieten und generell Kinder und Jugendliche mit immer aufwendigeren Mitteln und Maßnahmen zu bevormunden und zu kontrollieren und in Schulsysteme zu pressen, die sie zu „wertvollen“ Bürgern der Gesellschaft erziehen sollen, zu „excellent sheep“.

  • Dabei liegt der Fokus in kopflastigem Theoriewissen statt in Zurechtkommen im Alltag (von Überlebensfähigkeiten ganz zu schweigen)?
  • Kann es sein, dass das Abhalten der Jugendlichen von Arbeit sie auch vom Erwachsenwerden abhält?
  • Hinzu kommt der Trend, dass die ersten Kinder immer später geboren werden (Berufstätigkeit der Frau und Pille sei Dank), was dazu führt, dass die Eltern zu mehr Vorsicht und Risikovermeidung neigen („Helikoptereltern“).

Van Crevelds Sicht der Dinge.

Die Inklusion

Einem weiteren Trend, der Inklusion, ist es zu verdanken, dass nicht nur Leistung zählt, sondern das sich anstrengen oft genügt. Eine Nivellierung nach unten ist die Folge, da ja alle Kinder, auch verhaltensauffällige und minderbegabte, die Lernziele erreichen sollen. In Ländern wie Deutschland, wo sogar die Unterrichtssprache eine Herausforderung für viele darstellt, ist dieser Effekt besonders gravierend (siehe entsprechende PISA-Ergebnisse).

Die USA haben dafür andere Probleme: Eine CDC Umfrage aus 2012 ergab, dass 19% der Jungen in den USA zwischen 14 und 17 Jahren mit ADHS diagnostiziert wurden und 10% mit Medikamenten dagegen behandelt wurden Quelle. 2014 erhielt schon jedes 5. Schulkind in den USA Ritalin (Methylphenidat, ein Neuro-Stimulans). Die Tatsache, dass dreimal so viele Buben wie Mädchen mit diesen Drogen behandelt werden, führt der Autor auf den Umstand zurück, dass Buben eher stören, unangepasst und lebhafter sind und weniger gut stundenlang still sitzen können (was aber einfach ein Teil ihrer Natur ist!) und dass das Lehrpersonal zum Grossteil aus (teilweise feministischen) Frauen besteht, die allzu leicht typisch männliche Verhaltensweisen pathologisieren.

Entmannt und feminisiert

Die Infantilisierung setzt sich im Militärdienst nahtlos fort. Das beginnt beim Verbot pornographischer und „gewaltaffiner“ Bilder und Videos, setzt sich fort beim schwammigen Auslegen von „ungebührlichem Verhalten“ und Ehebruch wird sanktioniert, als ob man Eunuchen in den Armeen wollte und keine Soldaten. Reihenweise werden Offiziere in der US-Armee entlassen auf blosse Behauptungen einer sexuellen Belästigung, teilweise ohne sie überhaupt anzuhören.

Verpetzen wird zur Pflicht erhoben und 2014 soll es bei den US-Streitkräften mehr Sexual Assault-Berater als Musterungsoffiziere gegeben haben. Viele Soldaten haben mehr Angst, zu Unrecht wegen sexueller Belästigung beschuldigt zu werden, als dem Feind gegenüberzutreten. Ein Ausufern der political correctness, gleichsam militärisch perfektioniert.

Stolz, ein Weichei zu sein.

Soldaten müssen bereit sein, dem Tod ins Angesicht zu sehen. Kann man das von dieser Generation Soldaten, die offenbar mit großem Aufwand vor sich selbst geschützt werden müssen, erwarten? Nicht zuletzt ist es unter westlichen Militärs, anders als früher, verpönt, stolz auf die Tätigkeit zu sein. Wer aber nicht stolz auf eine gute Leistung sein darf, wird nicht motiviert sein. Die Folge – gutes Militärpersonal ist schwer zu finden. Von schlechter Ausstattung möchte ich erst gar nicht anfangen. Eine Umfrage aus 2012 ergab, dass 87,4% der Führungskräfte der Bundeswehr ihnen nahe stehenden Personen (z.B. Ihren Kindern, Verwandten, Freunden) den Dienst in den Streitkräften nicht empfehlen würden.

Helden waren früher todesverachtende Männer (oder Frauen), die sich durch besondere Tapferkeit in höchster Gefahr auszeichneten. Heute sind Helden bestenfalls Frauen, die eine angebliche Belästigung öffentlich machen oder bemitleidenswerte, die zu ihrer Fresssucht stehen.

Die Soldaten von heute sind stattdessen nach der Rückkehr „beschädigte Ware“ – die Zahl der Soldaten mit „posttraumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS) nimmt rasant zu (im Vietnamkrieg hatten 62% der Heimkehrer PTBS als Grund) und diese Krankheit, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch wenig bedeutend war, ist heute so populär, dass sie sogar in manche Videospiele (Kriegs-Egoshooter) eingebaut wird.

Nach Ansicht des Autors ist es nicht der Krieg, der PTBS verursacht, sondern die fixe Idee, dass jeder, der längere Zeit daran teilnimmt daran zerbrechen muss (und manchmal die Verlockungen von Invaliditätsrenten aufgrund einer schwammigen und schwer zu bestimmenden Symptomatik).

Niemand bezweifelt, dass Frauen im Militärdienst ihr Bestes geben, aber es ist nun mal nicht zu leugnen, dass die körperliche Leistungsfähigkeit von Frauen deutlich geringer ist als die von Männern. Nur die besten 5% der Frauen erreichen den Medianwert der Männer, da die Körperkraft einer Frau im Schnitt bei gleicher Körpergröße 80% von der eines Mannes ist.

Da Männer auch besser darin sind, Muskelmasse aufzubauen, führt intensives Training noch zu einer Vergrößerung dieser Diskrepanz. Die einzigen Vorteile sind, dass Frauen besser Kälte ertragen können und seltener von Höhenkrankheit befallen sind. Die Lösung? „Gender norming“, also das Herabsetzen von Anforderungen (z.B. weniger Liegestütze, geringere Gewichte) für Frauen bei der Ausbildung.

Doch ist das fair, dass Frauen für weniger Leistung die gleichen Beförderungen und Posten erhalten? Jedenfalls führt die Ungleichbehandlung und die Tatsache, dass eines der letzten Gebiete, wo Männer „unter sich“ sein und sich behaupten können auch weggefallen ist, zu Frustration (hinter vorgehaltener Hand) unter männlichen Soldaten. Und ist ein geringeres Ausbildungsniveau im Kriegsfall ausreichend, wo der Feind nicht unterscheidet zwischen männlichen und weiblichen Soldaten?

Trauma statt Ehre, Rechte statt Pflichten

Früher galt es als ehrenhaft, in einen Krieg zu ziehen. Noch Ernst Jünger schrieb, dass der Krieg, gerade weil er so schrecklich war, von den Kämpfern abverlangt, über sich selbst hinauszuwachsen und in einen reineren und edleren Bereich vorzudringen. Heute dagegen hat der Krieg nur noch den Ruf eines „durch und durch miesen Geschäfts“, auch bedingt durch die „Ehrlosigkeit“ der modernen Kriegsführung. Galt es früher als unehrenhaft, jemanden von hinten abzustechen, wird heute mittels Drohnen über tausende Kilometer hinweg ein „weiches Ziel neutralisiert“.

Israels Armee wies den 18-jährigen van Crefeld ab. Es ist die Armee, in der Frauen obligatorisch zwei Jahre dienen (Männer drei Jahre), auch in   Kampftruppen (hier im Caracal-Bataillon).

Ehre und Krieg sind schon so lange entkoppelt, dass heute niemand mehr diese beiden Wörter überhaupt gemeinsam in den Mund nehmen würde. Ähnliches gilt für Rechte und Pflichten. Wie selbstverständlich beanspruchen wir heute – zu Recht – unveräußerliche Rechte wie das Recht auf Freiheit, auf Sicherheit, Meinungsfreiheit oder auf Privatleben.

Die europäische Menschenrechtskonvention trat 1953 in Kraft, in den USA gab waren diese Rechte (und noch andere wie z.B das Recht auf Besitzen von Schusswaffen) schon länger in der Verfassung verankert. Doch kaum jemand denkt daran, dass all diese Rechte dem Staat gegenüber auch mit Pflichten einhergehen könnten, und dass die meisten von uns im Fall eines Krieges sicherlich auch sehr gerne, auch von Soldaten, verteidigt werden wollen.

Nach Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht würden sich heute aber wohl die wenigsten verpflichtet fühlen, ihr Land aus einer Pflicht heraus zu verteidigen. Sogar bezahlte Soldaten der heutigen Berufsheere haben das Recht, die Freistellung von einem geplanten Einsatz aus Gewissensgründen zu erwirken, womit sich natürlich jeder Armee selbst ab adsurdum führt.

Israelischer Soldat mit dem eigenartigen Helm-Tarnnetz, das Kontur5en verwischen soll.

Wir leben in einer Spass- und Rechtegesellschaft, die alle Pflichten ausklammert. Der Tod wird verdrängt, und das Steuerzahlen eigentlich auch (wenn man seine Lohnsteuer selbst einzahlen müsste, wäre es vermutlich anders). Sogar die deutsche Regierung hat ihre Pflicht, die Grenzen zu schützen, einfach aufgegeben.

Machen wir uns nichts vor – wir sind wie die „Eloi“ aus H.G.Well´s „Zeitmaschine“ – scheinbar sorgenfrei, verweichlicht, unreflektiert, vergeistigt (aber verdummt) und den “Morlocks” hilflos ausgeliefert.

Ausblick

Wieso ich ständig vom Krieg rede? Vielleicht weil wir uns schon am Rande eines solchen befinden, ohne es zu merken. Eines Krieges nicht in klassischem Sinn, sondern von extrem unkonventioneller Art, in dem nicht einmal die Kriegsparteien leicht auszumachen sind.

Klar, noch ist alles eitel Wonne und wir leben in Saus und Braus, aber dunkle Wolken ziehen sich am Horizont zusammen. Ökonomische Katastrophe (mit dem Euro als todgeweihter Währung, der nur noch künstlich am Leben gehalten wird) und demographische (der „Große Austausch“ ist gerade voll im Gang) werden in brutalen Verteilungskämpfen enden, sobald es den europäischen „Einwanderungsstaaten“ nicht mehr möglich sein wird, die Analphabetenheere zu alimentieren, sprich wenn die Sozialgelder heruntergefahren werden.

Wer weiss, dass jetzt schon manche Arbeitslose unter Gewaltandrohung ihren Tribut einfordern, kann sich ausmalen, wie unschön das in Zukunft werden wird. Während es in den Grossstädten jetzt schon „no go areas“ gibt, könnten sich diese in so einem Fall rapide ausweiten, und zur Beruhigung der Lage wird dann das ach so verhasste und kaputtgesparte Militär helfen müssen (die Polizei ist jetzt schon überfordert). Über die Folgen und mögliche Szenarien dann in einem anderen post.

Martin van Creveld: „Wir Weicheier – warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist“, Ares Verlag 2017.