Wie Israel Irans Atomrüstung zerschlagen will

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Die sechs vorrangigen Ziele: Parchin, Fordow, Arak, Natans, Isfahan, Buschehr.

Wiederholt berichteten wir von General Aviv Kochavis “MOMENTUM”. Israels Generalstabschef richtet die Armee neu aus. Künftige Kriege gelten nicht mehr primär dem Geländegewinn; es geht vielmehr um die komplette Zerschlagung gegnerische Waffen, feindlicher Infrastrukturen und – im Fall des Erzgegners Iran – die Zerstörung des atomaren Potentials. 

Siehe auch > “MOMENTUM”: Israel ersetzt F-16I durch F-35I

Die Belege, dass Teheran sein Nuklearprogramm militärisch nutzt, verdichten sich wieder. In gleichem Masse häufen sich Spekulationen über einen operativ denkbaren Angriff Israels auf die iranischen Anlagen, um der Atombombe zuvor zu kommen, die Israels Existenz auslöschen kann (nukleare Schläge auf die Agglomeration Tel Aviv, auf Beersheva, den Reaktor von Dimona, die Hafenstadt Haifa, das fruchtbare Galiläa, wohl weniger auf Jerusalem wegen der islamischen Heiligtümer al-Aksa und Felsendom).

Kann Israel den Auftrag militärisch stemmen? Welche Mittel sind unabdingbar? Braucht Israel amerikanische Hilfe? Und um welche Ziele geht es?

Im Iran gibt es 25 Anlagen, in denen für das Atomprogramm gearbeitet wird. Sechs davon sind erstrangige Ziele:

  • die Urananreicherung von Natans,
  • die Konversion in Isfahan,
  • den Schwerwasserreaktor in Arak,
  • die Waffen- und Munitionsproduktion in Parchin,
  • die Urananreicherung Fordow
  • und den Leichtwasserreaktor Buschehr.

Gegen Natans: GBU-28

Lage, Dimensionen, Art und Stärke der Armierung und die Luftabwehr sind weitgehend bekannt. Die Urananreicherung Natans ist ein Komplex von sechs Gebäuden auf einer Fläche von 220’000 Quadratmetern. Die eigentliche Produktion besteht aus Hallen, die acht Meter tief in die Erde gegraben wurden. Das Hallendach ist gehärtet durch mehrere Meter Stahlbeton und 25 Meter Erde.

Die Informationen über Natans sind solid. Das Projekt wurde von Anfang an von Satelliten überwacht und vor Ort von israelischen Agenten begleitet. In Natans sind über 10’000 Zentrifugen installiert, wovon mindestens 6’500 produzieren.

Israels stärkster „bunker buster“ ist die GBU-28 (Gewicht: 2,3 Tonnen), die sieben Meter Stahlbeton und 30 Meter Erde durchschlägt. Sie würde ausreichen, um das Dach der Anlage in Natans zu durchschlagen. Im Zweifel müssten zwei GBU-28 nacheinander zum Einsatz gebracht werden – die zweite Bombe würde den Trichter der ersten Bombe vertiefen und die Wirkung im Ziel erzielen.

Diese sequenzielle Bombardierung ist durch GPS-gesteuerte, auf zehn Meter genaue Waffen möglich. Der sichere, aber auch gefährlichere Weg ist jedoch die Lasersteuerung vom Boden, also vom Ziel aus; mit diesem Verfahren haben die Israeli 2007 den syrischen Reaktor al-Kibar zerstört.

Die Frage, wie viel GBU-28 man benötigt, hängt davon ab, was man erreichen will. Zur Zerstörung aller Zentrifugen würden einige wenige Bomben ausreichen, wahrscheinlich sogar eine einzige pro Gebäude beziehungsweise Halle. Denn Ultrazentrifugen, die mit 1500 Drehungen pro Sekunde Uran 235 produzieren, dürfen nicht der geringsten Erschütterung ausgesetzt werden, ohne dass sie sich über eine Unwucht selbst zu zerstören.

Eine zerplatzende Zentrifuge hat die Wirkung von mehreren Bomben. Eine einmal durch eine Druckwelle „geschockte“, instabil gewordene Zentrifuge ist auf Dauer unbrauchbar. Ultrazentrifugen sind nicht reparabel; selbst bei nur wenigen Treffern würde also in Natans keine Zentrifuge überleben.

Will man die gesamte Gebäudestruktur nachhaltig zertrümmern, wird man wenigstens zwanzig GBU-28 benötigen – allerdings nur, wenn man nicht auf sequenzielle Bombardierung zurückgreifen muss. Davon abhängig wäre wiederum, wie viele Flugzeuge man benötigt.

Für den Einsatz von GBU-28 müssten es F-15I oder F-35I sein; die Obergrenze läge bei zwanzig Mschinen, wenn die Maschine mit zwei GBU-28 bestückt ist, beziehungsweise vierzig Flugzeuge bei nur einer GBU-28. Die israelische Luftwaffe verfügt über genügend Maschinen vom Typ F-15 oder F-35 – mit unterschiedlichen Spezifikationen. Wie viele bei einem Angriff gegen den Iran als Jagdbomber eingesetzt werden könnten, ist offen.

Isfahan: weitgehend oberirdisch

Die Konversion in Isfahan, wo verdichtetes Uranerz (Yellow Cake) in gasförmiges Uranhexafluorid umgewandelt wird, ist weitgehend oberirdisch angelegt. Der Komplex umfasst circa 35’000 Quadratmeter. Gehärtet ist die Anlage kaum, wohl aber durch einen dichten Luftabwehrgürtel geschützt. Zur Zerstörung der Anlage würden wenige GBU-27 ausreichen; diese Bombe wiegt ein Tonne und durchschlägt 2,4 Meter Stahlbeton.

Sie kann von F-16I oder F-35I eingesetzt werden; maximal wären für die Zerstörung der Anlage in Isfahan fünf Maschinen erforderlich. Ein Fragezeichen zur Zerstörung von Isfahan ergibt sich aus einem Netz von Tunneln im Umfeld der Anlage. Ihre Lage ist zwar bekannt, nicht jedoch ihre Funktion. Spekulationen reichen von einer zweiten Konversionsanlage bis zu einer geheimen Urananreicherung.

Die unterirdischen Teile der Gesamtanlage in Isfahan sind zwar kein Primärziel, die Israeli stufen sie aber als Sekundärziel ein. Das wiederum heisst mindestens, dass man im Verlauf der Kampfhandlungen zunächst einmal die vier Eingänge zu den Tunneln zerstören wird.

Arak: Reaktor für Schweres Wasser

Machbar für die israelische Luftwaffe dürfte die Zerstörung der Produktionsstätte von Schwerem Wasser und des Schwerwasserreaktors Arak sein. Die Anlagen sind nicht sehr gross, oberirdisch und wenig gehärtet. GBU-10, Laser- oder GPS-gesteuerte Bomben amerikanischer Herkunft könnten zum Einsatz gelangen.

Hierzu wären F-35I oder F-16I erforderlich. Israel verfügt über Maschinen beider Typen.  Als Jagdbomber kommen beide in Frage.

Fordow: Option Spezialkräfte

Ein wichtiger Teil des iranischen Nuklearprogramms ist die lange geheim gehaltene Urananreicherung Fordow bei Qom. Dort sind P-1-Zentrifugen installiert. Darüber hinaus hat die iranische Regierung verlauten lassen, dass in Fordow Uranhexafluorid mit einem Anteil von fast 20% U-235 produziert wird. 

Die Anlage ist in den Berg geschlagen und durch 70 Meter Fels geschützt – das ist mit israelischen Mitteln aus der Luft nicht zu knacken. In der ersten Phase eines Angriffs bliebe zunächst nur die Option, die beiden Tunneleingänge mit GBU-28 zu bombardieren und damit für eine gewisse Zeit zu schliessen.

Die Alternative wäre eine Aktion von Spezialkräften, die in die Anlage eindringen und sie dann mit Sprengstoff zerstören. Selbst die USA verfügen über keine konventionelle Bombe, mit der Fordow zerstört werden könnte.

Die GBU-57 A/B durchschlägt Fels bis zu 40 Meter, Stahlbeton bis zu 60 Meter. Die GBU-57 wiegt fast 14 Tonnen und dürfte die israelischen Jagdbomber überfordern.

Parchin: der zentrale Sprengkopf

An dieser Stelle enden fast alle öffentlich verfügbaren Analysen über Israels „militärische Option“ gegenüber dem Iran. Ein Nuklearprogramm, dessen Konversion, Anreicherung und Plutoniumbrüter zerstört werden, gilt als eliminiert. Dennoch wäre es ein unverzeihlicher Fehler, die zentrale Anlage zum Sprengkopfbau in Parchin zu schonen.

Über diese Anlage, die aus mehr als 100 Gebäuden besteht und teilweise untertunnelt ist, weiss man relativ wenig. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) inspizierte Teile. Aber die einzige Erkenntnis lag in der Entdeckung einer Hochgeschwindigkeitskamera, mit der man hochbrisante Zündvorgänge sichtbar machen kann.

In Parchin, soviel steht fest, wird an einem Implosionsgefechtskopf für Nuklearwaffen gearbeitet. Hinweise von Geheimdiensten lassen den Schluss zu, dass Iran in Parchin bereits Sprengköpfe „kalt“ getestet hat. Dabei wird ein echter Sprengkopf gezündet, dessen Kern aus spaltbarem Material durch Wolfram oder abgereichertes Uran simuliert wurde. Messungen geben Auskunft, ob die Waffe mit spaltbarem Kern funktioniert hätte.

Erst Natans, Isfahan, Arak und Fordow – dann Parchin

Wie viele Bomben Israel brauchen würde, um Parchin nachhaltig zu zerstören, ist reine Spekulation. Israel wird zunächst alle verfügbaren Mittel gegen Natans, Isfahan, Arak und Fordow einsetzen. Erst danach wäre wohl Parchin an der Reihe. Danach wiederum die 19 verbliebenen Sekundärziele, insbesondere Produktionsanlagen für Zentrifugen, martensitgehärteten Stahl und Kohlefaserverbundstoffe.

Die Zerstörung von Parchin hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Es könnte die Rückversicherung sein für den Fall, dass der Iran über geheime Konversions- und Anreicherungsanlagen verfügt. Wo auch immer angereichert wird, das Produkt kann nach aktuellem Stand nur in Parchin in einen Sprengkopf integriert werden. Parchin ist der Flaschenhals, durch den alles muss – Uran oder Plutonium –, was Waffe werden soll.

“Wir können mit Buschehr nicht leben”

Ein mögliches Primärziel für Israel könnte der Leichtwasserreaktor in Buschehr sein. Er hat zwar keinen unmittelbaren Bezug zum Nuklearprogramm des Iran, ist aber potenziell ein erhebliches nukleares Risiko. Nicht ohne Grund heisst es in der israelischen Nuklearelite: „Wir können mit dem Reaktor Buschehr nicht leben.“ Denn Leichtwasserreaktoren sind nicht „proliferationsresistent“.

Der Reaktor in Buschehr wird im Normalbetrieb 250 kg verunreinigtes Plutonium im Jahr produzieren. Dieses Plutonium ist nach chemischer Separation für den Bau von Atomwaffen geeignet – für 30 bis 40 pro Jahr. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Ist ein Leichtwasserreaktor auf maximale Energieproduktion eingestellt, bleiben die Brennelemente bis zu 60 Monate im Reaktor. Entnimmt man jedoch die Brennelemente bereits nach wenigen Monaten, ist das Endprodukt nur leicht verunreinigtes Plutonium 239.

Der Praxistest hierfür ergab sich eher zufällig, als in den 70er-Jahren eine britische Firma einen Reaktor vorzeitig herunterfahren musste. Das Ergebnis waren rund 450 kg Plutonium mit einem Verunreinigungsgrad von fünf bis zehn Prozent – waffenfähiges Plutonium für etwa 70 Bomben.

Die Zerstörung des Reaktors wäre kein Problem für die israelische Luftwaffe – GBU-28 oder GBU-27 könnten reichen. Ein Zerstörungsschlag hätte die Verstrahlung weiter Gebiete Irans, aber auch angrenzender Golfstaaten zur Folge. Als Israel 1981 den irakischen Reaktor Osirak zerstörte, war dieser noch nicht in Betrieb genommen. Das gilt auch für den 2007 zerstörten syrischen Reaktor al-Kibar.

Unabdingbar: Tankflugzeuge 

Israel hat genügend Flugzeuge mit starker Bewaffnung, um das iranische Nuklearprogramm nachhaltig zu zerstören. Es gibt jedoch Einschränkungen. Ein gewisses Risiko ergibt sich, weil alle israelischen Flugzeuge – unabhängig von der konkreten Route – auf dem Hin- und Rückflug je einmal nachtanken müssen. Hierzu verfügt Israel offiziell über sechs Tanker KC-130H und vier KC-707.

Zudem beherrscht die israelische Luftwaffe das Verfahren des „buddy refueling“ zwischen F-15 und F-16. Geprüft hat man auch die Möglichkeit, kurzfristig eine Behelfspiste im syrischen, türkischen oder irakischen Grenzgebiet einzurichten, um zusätzliche Möglichkeiten zum Nachtanken zu schaffen.

In jedem Fall ist die Phase des Nachtankens über fremdem Territorium ein Risiko, nicht zuletzt, weil unklar ist, ob die zu überfliegenden Staaten nicht ihre eigenen Luftwaffen aktivieren. Das gilt insbesondere für Syrien, wenn die Israelis über die Nordroute in den Iran einfliegen wollten. Dabei ist die Nordroute entlang der syrisch-türkischen Grenze, durch den Nordirak in den Iran attraktiv. Die anderen Flugrouten – über Jordanien, Syrien, und den Irak beziehungsweise über Jordanien, Saudi-Arabien und Irak – sind militärisch ungewiss.

Die zweite Warnung gilt der iranischen Luftabwehr. Die Luftwaffe selbst stellt keine herausragende Gefahr dar: Sollten ihre Maschinen aufsteigen, wären sie wohl eine Beute für Israels Jäger. Ernster zu nehmen sind die iranischen Luftabwehrraketen. Sie könnten Israel zu Abstandswaffen zwingen, die, je nach Typ, bis zu 50 km vor dem Ziel ausgeklinkt werden.

Militärschlag mit Risiken

Eine Unsicherheit ergibt sich aber, weil Russland den Iran mit der SA-12 GIANT und der S-300-Flab ausrüstete. Dies kann die Verluste der Angreifer erheblich in die Höhe treiben. Letzteres gilt, wenn eine israelische Cyber-Attacke auf die iranische Luftabwehr, wie sie 2007 in Syrien erfolgreich getestet wurde, fehlschlüge.

Israel könnte versucht sein, einen Militärschlag gegen die iranische Atomrüstung zu führen, wenn auch mit beträchtlichen Risiken. In einer Woche müsste das iranische Nuklearpotential zerstört werden. Was aber heisst zerstört?

Diese Frage ist das Einfallstor des Unseriösen um Israels militärische Option. Zum Beispiel, wenn von durchaus ernsthaften Israeli nur drei Monate für den Wiederaufbau der massiv zerstörten iranischen Nuklearanlagen genannt werden.

Doch die Bilder der zerstörten Reaktoren Osirak und al-Kibar haben gezeigt, dass es dort nichts mehr zu reparieren gab. Saddam Hussein liess die Ruine einfach stehen. Asad liess die Trümmer beseitigen. Wie lange es dauert, um einen stark zerstörten Reaktor wieder aufzubauen, lässt Buschehrs erahnen. Der von der Deutschen Kraftwerksunion zu mehr als 50% erstellte Reaktor musste von Russland fertig gestellt werden – Bauzeit: 15 Jahre!

Mit Ausnahme von Fordow könnten alle iranischen Atomanlagen so nachhaltig zerstört werden, dass sie nicht mehr zu reparieren sind. Der Iran müsste sich, wenn er Nuklearmacht werden wollte, völlig neu orientieren. Manche Experten glauben, dass der Iran in zehn Jahren auf der Basis des vorhandenen Wissens ein neues Programm aufbauen könnte.

Uran für einen einzigen Sprengsatz

In Irak habe sich der Diktator Saddam nach Zerstörung seines Plutoniumbrüters Osirak im Jahre 1981 für ein geheim aufgebautes, völlig anderes, auf angereichertem Uran basierendes Atomprogramm entschieden. Nach zehn Jahren sei er fast am Ziel gewesen. Hätte der Irakkrieg von 1991 drei Monate später begonnen, hätte Saddam bereits über einen nuklearen Sprengsatz verfügt. Auch wenn die genannten Fakten richtig sind – der Vergleich hinkt auf allen vier Beinen. Saddam hätte bis zum späten Frühjahr 1991 zwar einen einzigen Sprengkopf bauen können, das Material hierzu wäre jedoch nicht aus dem geheimen Nuklearprogramm gekommen.

Vielmehr hatte Saddam vor, dass hochangereicherte Uran aus den von Frankreich und Russland gelieferten Forschungsreaktoren zu entnehmen und daraus einen Sprengsatz zu basteln. Allerdings hätten die 15 Kilogramm russisches und 13 Kilogramm französisches, auf 80% beziehungsweise 93% angereichertes Uran nur für einen einzigen Sprengsatz ausgereicht. Hätte Saddam selbstproduziertes waffenfähiges Uran verwenden wollen, hätte er wohl noch einmal fünf bis zehn Jahre warten müssen.