Wenn Untergebene mehr können …

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General Smith-Dorrien widersetzte sich am 26. August 1914 Sir John Frenchs Rückzugsbefehl und gewann die Schlacht von Le Cateau.

Einer von mehreren Gründen dafür, dass Donald Trump an sich selber scheiterte, war der Umgang, den er mit seinen bedeutendsten Beratern pflegte – namentlich in der Aussen- und Sicherheitspolitik. Vor allem verkannte er die Kriegsgeschichte, sofern er überhaupt wusste, was sie lehrt. Sie strotzt vor Operationen, in denen Untergebene mehr konnten als ihre Chefs. Berühmt wurde am 26. August 1914 die Schlacht von Le Cateau.

Der britische Rückzug von Mons (rechts oben) nach Compiègnes (links unten).

Die Schlacht war ein klassischer Verzögerungskampf, geschlagen vom II. Corps des Britischen Expeditionskorps (BEF). Das BEF gelangte in Ersten Weltkrieg an die Front, als Deutschlands kaiserliche Armee Frankreich zu überrennen drohte. Vom 22. August bis zum 1. September 1914 liessen sich die Briten intakt von Mons über Valenciennes, Le Cateau–Landrécies, St. Quentin und Chauny nach Compiègnes zurückfallen, um dann intakt zur Schlacht an der Marne anzutreten.

Sir John French.

Den Befehl über das BEF führte der grobschlächtige Feldmarschall Sir John French. Er gliederte seine nummerisch schwache Streitmacht in zwei Corps und eine Kavalleriedivision:

  • General Sir Douglas Haig führte das I. Corps mit zwei Infanteriedivisionen. Haig stand French seit den Burenkriegen kritisch gegenüber. Ende 2015 sollte er seinen Rivalen im BEF-Kommando ablösen.

General Douglas Haig.

  • General Sir Horace Smith-Dorrien befehligte das II. Corps. Er übernahm das Corps am 17. August, nachdem der erste Kommandant, Generalleutnant Sir James Grierson, bei Amiens im Eisenbahnzug gestorben war. In London ernannte der Kriegsminister Lord Kitchener seinen Vertrauten Smith-Dorrien gegen Frenchs Willen zum Nachfolger. Wie Haig lehnte Smith-Dorrien French innerlich ab.
  • Den britischen Kavallerieverband kommandierte General Edmund Allenby, der Feldherr, der 1917 im Orient Jerusalem und Damaskus eroberte.

I., II. und III. Armee

Von Brüssel her stiessen auf dem rechten Flügel des deutschen Heeres drei Armeen aus dem Raum Brüssel in Richtung Paris:

  • Die I. Armee unter dem offensiven Haudegen Alexander von Kluck, der seinen Verband eigenwillig führte – bis er im September die französische 5. Armee die preussische Armee eigenmächtig ins Verderben riss.

Der selbstbewusste General Alexander von Kluck, Befehlshaber der preussischen I. Armee.

  • Die II. Armee unter dem abwägenden, generalstäblerisch kalkulierenden General Karl von Bülow. Auf dem Papier unterstand ihm von Kluck; doch vermochte er den dynamischeren Unterstellten nie zu bändigen. Entnervt hob Generalstabschef Helmuth Moltke der Jüngere die Unterstellung wieder auf.
  • Die III. Armee unter dem sächsischen General Max von Hausen, der auch im Krieg Wert auf standesgemässe Unterkunft in adligen Schlössern legte.

Blau verläuft im oberen Kartenteil diagonal die alliierte Front am 26. August 1914. Der untere Kartenabschnitt zeigt dann im blauen Bogen die alliierte Auffangstellung drei Tage später.

Die Lagekarte vom 26. August 1914 zeigt im oberen Teil blau die alliierte Front, rot den deutschen Vorstoss. Die Briten hielten den mittleren Abschnitt um die picardische Stadt Le Cateau: das II. Corps westwärts, das I. ostwärts. Le Cateau gehörte noch zum II. Corps; die Abschnittsgrenze verlief scharf östlich des Stadtrandes.

Das II. Corps stand schon am 25. August unter Druck der I. deutschen Armee: Klucks Infanterie griff, von Kavallerie verstärkt, auf einer Frontbreite von 36 Kilometern an. Smith-Dorrien erhielt noch an jenem Tag den Befehl: “Ziehen Sie Ihr Corps im Schutz der Dunkelheit in den Raum St. Quentin–Compiègnes zurück.” Klucks ungestüme Preussen hatten Sir John French schwer beeindruckt. Der Feldmarschall fürchtete um das II. Corps und sein ganzes BEF.

Smith-Dorrien analysierte den 58 Kilometer langen Rückzugsstreifen durch die Picardie. Er erkannte die Höhenzüge beidseits der Achse nach Südwesten. Auf den Kuppen sollten Deckungsverbände das Gros auf dem Rückmarsch schützen. Als er in der Nacht zum 26. August den entsprechenden Einsatzbefehl erlassen wollte, traf im kargen Gefechtsstand General Allenby ein. Der Kavalleriechef meldete von seinen berittenen Aufklärern: “Kluck hat die Anhöhen schon besetzt. Die Front ist komplett verzahnt.” Das stellte Smith-Dorrien vor das Dilemma:

  • Einerseits hatte ihm das BEF ultimativ den Rückzug auf St.Quentin–Compiègnes befohlen; ohne Wenn und Aber.
  • Anderseits konnte er weder das Gros unbemerkt von Klucks Angriffspitzen lösen noch die beherrschenden Hügelzüge kampflos in Besitz nehmen. Imperativ gebot die Lage: Das II. Corps muss den Kampf aufnehmen und den Vormarsch der I. Armee verzögern.

Stille im Gefechtsstand

Guter Rat war teuer, die Verbindung zum HQ in St. Quentin abgebrochen. Zwei Stunden nach Mitternacht trommelte Smith-Dorrien seinen Stab und die Kommandanten seiner Divisionen zusammen. Die Unterstellten berichteten:

  • Noch immer strömen Versprengte von der Front zu ihren Verbänden zurück. Die Einheiten sammeln sich – zum Rückzug oder zum Kampf.
  • Nachschub und Flüchtlinge blockieren Strassen und Wege nach Südwesten. Der schwere Regen wäscht die unbefestigten Routen aus. Wenn schon Rückzug, dann sofort, noch in der Nacht.

Stille macht sich breit im engen Unterstand. Der Befehlshaber fragt Allenby: “Sind Sie bereit, Ihre Kavallerie dem Corps zu unterstellen?” Der Reiterchef stimmt zu. Ebenso nimmt der Befehlshaber mit der britischen 4. Division Verbindung auf, die am 25. August am Westflügel des II. Corps eingetroffen ist. Der Kommandant, General Thomas Snow, sichert Smith-Dorrien ohne Umschweife Unterstützung und Unterstellung zu.

General Thomas Snow unterstellt seine 4. Division ohne Wenn und Aber dem II. Corps.

“Very well, gentlemen, we will fight”

Noch einmal wägt Smith-Dorrien die Güter gegeneinander ab: Gehorchen, Fliehen und Untergehen? Oder den Befehl verweigern und tapfer kämpfen?

Um 2.30 Uhr fallen die Würfel. Smith-Dorrien verkündet: “Gut, meine Herren, wir werden kämpfen.” Zu Sir French entsendet er einen Stabsoffizier im Automobil zurück nach St. Quentin. Der Bote soll die Nachricht überbringen: “Das II. Corps nimmt den Kampf auf.”

Gegen 5 Uhr erreicht der Melder das HQ. General Henry Wilson, der stellvertretende Stabschef des BEF, ist entsetzt. Smith-Dorrien verweigert den Befehl! Wilson schickt seinerseits einen Boten auf den Weg – per Motorrad. Dieser weist Smith-Dorrien an, den Stabschef vom nächsten zivilen Telefon aus anzurufen. Wilson fährt Smith-Dorrien  an: “Wenn Sie kämpfen, erleben Sie ein zweites Sedan.” Er erinnert an die Schlacht vom 1./2. September 1870: Damals kesselte Feldmarschall Helmuth Moltke der Ältere bei Sedan Kaiser Napoleons Armee ein.

Wilson redet 42 Kilomter hinter der Front, Smith-Dorrien unweit der Hauptkampflinie. Der Stabschef argumentiert, die Verzahnung sei nicht derart eng, dass das II. Corps den Befehl verweigern könne; überdies greife der Gegner Haigs I., nicht Smith-Dorriens II. Corps an. So kann sich ein fähiger Stabschef wie Wilson irren. Das Lagebild vom 25./26. August zeigt Bülows II. Armee noch gut 30 Kilometer von Haig entfernt; und erst noch steht sie östlicher, vor dem Abschnitt von General Lanrezacs 5. französischer Armee.

Smith-Dorrien entgegnet: “Ich habe die besseren Argumente; es ist eh zu spät, hören Sie die Kanonen, der Kampf ist im Gang.” Wilson bricht ab: “Alles Gute, General!” – und immerhin noch: “Ihre Stimme ist die erste zuversichtliche, die ich ihn drei Tagen vernehme.”

Den “geschlagenen Feind” vernichten?

Am 26. August 1914 schlugen Smith-Dorriens II. Corps, Snows 4. Division und Allenbys Kavallerie unter schweren Opfern die Schlacht von Le Cateau. Kluck, siegessicher wie immer, hatte noch in der Nacht befohlen: “Der geschlagene Feind ist zu verfolgen und zu vernichten.”

Rot der Schlieffen-Plan, blau Frankreichs Abwehr, schwarz das BEF. Blau gestrichelt die Verstärkung, die Generalissimus Joffre vor der Marne-Schlacht nach Westen verlegte. Schlieffens Plan scheiterte an der Marne.

Alexander von Kluck befehligte Deutschlans Offensivfront ganz rechts. Der Preusse glaubte an den Plan des Strategen Graf von Schlieffen, wonach der Soldat auf dem äussersten Flügel den Kanal mit seinem rechten Ärmel streifen müsse. Derart lasse sich Frankreichs Streitmacht gesamthaft umfassen. Wie der Graf hielt Kluck wenig von “ordinären” Frontalattacken; sein Ideal war die Einkesselung, wie sie dann am 29. Augsut 1914 an der Ostfront dem Feldmarschall Hindenburg gelang – das Fanal von Tannenberg.

So zog die preussische I. Armee zu weit westwärts. Wohl liess Kluck seinen Verband in der Picardie nach Südwesten abdrehen: Zunächst einmal wollte er das BEF einschliessen und zerstören. Nur beurteilte der deutsche Nachrichtendienst schon am 25. August die Feindlage falsch. Am Morgen meldeten von der äussersten Rechten beide Corps: Wir stossen auf Franzosen, nicht Briten!

General August D’Amade.

Die Preussen waren unvermittelt auf unerwarteten Gegner geprallt:

  • auf zwei der drei nordafrikanischen Territorialdivisionen von General August D’Amade
  • und das Corps de cavalerie Sordet, benannt nach dem kühnen Reitergeneral André Sordet.

D’Amade und Sordet machten Kluck von Anfang an einen Strich durch die Rechnung: Sie bewahrten Smith-Dorrien vor der Umfassung. Der Brite schrieb nach dem Krieg: “Die Territorialtruppen banden vital wichtige Kräfte Klucks.”

Krupp-Kanonen, Lee-Enfield-Gewehre

Eigentlich hätten Klucks Infanterie und Kavallerie Smith-Dorriens Divisionen in die Knie zwingen müssen. Auch artilleristisch waren die deutschen Krupp-Kanonen den britischen Geschützen überlegen. Im Morgengrauen deckten die Batterien von fünf Divisionen die Verteidiger mit Trommelfeuer ein. Dann befahl Kluck den Durchbruch entlang der ganzen Front:

  • Auf seinem linken Flügel liess er General Otto von Garniers 4. Kavalleriedivision angreifen.
  • Im Zentrum rannte General Sixt von Arnims IV. Korps mit der 7. und 8. Division an.
  • Nach Westen drückten General Georg von der Marwitzens 2. und 9. Kavalleriedivision hart auf Smith-Dorriens linke Flanke.

Doch die Briten kämpften bis zum letzten Blutstropfen:

  • Auf dem Westflügel hielten General Thomas Snows 4. Division und Allenbys Reiter den preussischen Kavalleriedivisionen stand.
  • Im Zentrum wich General Hubert Hamiltons 3. Division keinen Meter zurück.
  • Auch wenn die Deutschen die Stadt Le Cateau einnahmen, verteidigte General Bernard Fergussons 5. Division das offene Schlüsselgelände beidseits des Ortes.

Den Briten war wenig Zeit geblieben, das Abwehrdispositiv zu organisieren. Von hastig aufgeschütteten Wällen nahmen sie die Schlacht mit ihren modernen Infanteriewaffen auf. Das britische Lee-Enfield-Mark-III-Gewehr erwies sich als so präzis, dass selbst Scharfschützen zu ihm griffen. Bis zu 20 Schuss pro Minute gaben die besten Briten mit der Repetierwaffe ab.

Das Lee-Enfield-Repetier-Gewehr, Schussfolge 20 pro Minute.

Das Lee-Enfield-Repetier-Gewehr, Schussfolge 20 pro Minute.

Zur Mittagsstunde griff Kluck zur Reserve, wieder nach preussischer Doktrin: Zuerst führte er General Georg Wichuras 5. Division ins Gefecht. Hernach setzte er als ultimo ratio sein IV. Reservekorps an. Allein die beiden Divisionen des II. Corps wankten wieder nicht.

Hernach suchte Kluck den Durchmarsch im Westen zu erzielen. Allein, Smith-Dorrien erkannte, dass der Gegner dort einen neuen Schwerpunkt bildete. Nun warf der Brite seine Reserve in die Schlacht: General Sordets Schwadronen kamen gerade noch zur rechten Zeit, um Snow und Allenby den Rücken zu stärken. Nachts hatte sich Smith-Dorrien ihre Verbände unterstellt; jetzt schlugen sie Klucks letzte, verzweifelte Attacke zurück.

Wo es Klucks Offizieren trotz Führungsfehlern der I. Armee gelang, britische Truppen taktisch zu umfassen, leisteten die Eingeschlossenen zähen Widerstand. Im Sektor der schottischen Argyll Highlanders kesselten die Preussen ein Bataillon ein. Doch die Briten verliessen sich auf ihre Lee-Enfields und zählten laut jeden Deutschen, den sie getroffen hatten. Klucks Männer riefen: “Cease fire!”, legt die Waffen nieder! – vergebens. Die Schotten kämpften bis zum letzten Mann.

Gestaffelter Rückzug

Smith-Dorrien verfolgte die Schlacht vom Gefechtsstand aus. Er erhielt seine Nachrichten von der vordersten Front – und schaute immer wieder auf die Uhr. Je härter sich der britische Widerstand versteifte, desto eher konnte er das gestaffelte Absetzen zur Hand nehmen. Es war ihm bewusst:

  • Das II. Corps musste sich gestaffelt nach Südwesten absetzen, gedeckt von seinen vordersten Frontverbänden.
  • Das Corps und die temporär Unterstellten hatte schwere Verluste erlitten – 7’800 Mann und 38 Kanonen, was damals einem ganzen Artilleriebataillon entsprach.
  • Die britische Erfahrung “Get away in the dark” galt am 26. August 1914 mehr denn je. Der skalierte Rückzug konnte nur in der Nacht erfolgen.

Das BEF, diszipliniert und straff kommandiert, beherrschte den Verzögerungskampf. Smith-Dorrien führte seine Briten nach dem Sieg von Le Cateau wie befohlen zurück. Erneut gelang dem Corps der Rückmarsch von den Preussen weitgehend unbemerkt.

Klucks Armee war erschöpft. In Tagesmärschen von 40, 50, 60 Kilometern waren die Soldaten mit schwerem Gepäck von ihrem Standort Aachen in die Picardie vorgedrungen; und wie die Briten leckten sie die Wunden der Schlacht, die elfeinhalb Stunden gedauert hatte. Auch die preussische I. Armee beklagte dem Verlust von mehreren 1’000 Mann. Kluck befahl: “Stellt die Verfolgung ein!”

Obwohl Smith-Dorrien den Kampf gegen General Frenchs Befehl gewagt hatte, rettete er die Substanz des II. Corps, der 4. Division und der Kavallerie.

Der Stab macht sich aus dem Staub

In St. Quentin suchte Smith-Dorrien seinen Vorgesetzten Sir French vergeblich. Der Stab des BEF hatte am 26. August zur Mittagstunde in Automobilen das HQ verlassen, vor den Augen dort stationierter Briten. Er verschob nach Noyon, weit von der Front entfernt – exakt, als das II. Corps im Kampf auf Leben und Tod das BEF vor Einkreisung und Vernichtung bewahrten.

Wie panikartig General French den Kopf verloren hatte, belegt das Versagen seines Stabs gegenüber einer Anfrage von General Haig, des Befehlshabers des I. Corps. Haig stand unbehelligt ostwärts Le Cateau und meldete dem BEF: “Keine Nachricht vom II. Corps. Wir hören Kanonenfeuer westwärts. Wie kann das I. Corps dem II. zu Hilfe eilen?”

Douglas Haigs Funkspruch war gut und zweckmässig – das BEF befand ihn nicht einmal einer Antwort würdig! Nun suchte Haig Smith-Dorrien direkt zu erreichen. Als er den Kommandanten des Nachbarcorps hörte, bot er ihm Unterstützung über die Abschnittsgrenze hinweg an. Aber es war zu spät, die Schlacht war geschlagen.

So sehr vertraute das BEF wüsten Tatarenmeldungen, dass es das II. Corps schlicht abschrieb. Der französische Colonel Huguet verantwortete die Verbindung des BEF zu Generalissimus Joseph Joffre, Frankreichs allgewaltigem, überlegtem Oberbefehlshaber. Huguet telegraphierte lapidar nach Paris: “Englische Armee verlor Schlacht. Sie löst sich auf.” Joffre, als der unerschütterliche Optimist, der er war, zweifelte Huguets Bulletin offen an.

Wüster Wortwechsel

Nachdem Smith-Dorrien im neuen HQ Noyon den Stab im Schlaf überrascht hatte, kam es zu einem bösen Wortgefecht mit General French. Der Befehlshaber des II. Corps teilte korrekt mit, sein Verband sei gerettet, nicht untergegangen. Sofort beschuldigte French den von der Schlacht gezeichneten Gast, er schildere die Lage falsch. French wollte schlicht nicht glauben, dass Smith-Dorrien die Schlacht gewonnen hatte.

Dann wurde French persönlich. Feldmarschall Kitchener habe Smith-Dorrien das II. Corps gegen den Willen des BEF anvertraut, und überhaupt entstamme Smith-Dorrien nicht einmal der Kavallerie. Zudem habe er das Corps nicht rechtzeitig zurückgezogen, was den Straftatbestand der Befehlsverweigerung erfülle.

Erst in seinem Bulletin nach London schlug Sir French nuanciertere Töne an, wobei er sich frech mit fremden Federn schmückte. Unter seinem Kommando sei der linke BEF-Flügel gegen die feindliche I. Armee gerettet worden. Dabei habe sich ein Kommandant – den Namen Smith-Dorrien verschwieg French – durch “seltene Kaltblütigkeit, Unerschrockenheit und Entschlossenheit” ausgezeichnet. Der Befehlshaber des Corps habe die Operation an vorderster Front selber geführt.

Schicksalsschwere Nacht

Was aber ist vom Konflikt zwischen den Generalen French und Smith-Dorrien zu halten?

  • Der Kommandant des II. Corps entschied in der schicksalsschweren Nacht zum 26. August 1914 richtig. Abgeschnitten von jeglicher Verbindung fasste er unter Zeitdruck den richtigen Entschluss: Er stellte sich den Preussen zum Kampf und gewann.
  • Nummerisch gab sein Vermögen den Ausschlag, in Not und unter Zeitdruck Verstärkung zu erlangen. Er zog Allenbys Reiter und die soeben eingetroffene 4. Division heran und bewahrte das Gros seines Verbandes vor der Vernichtung.
  • Vor allem aber nutzte er Klucks suboptimal geführte I. Armee derart gründlich ab, dass der Preusse vom Ansatz abliess, das II. Corps, ja das ganze BEF einzukesseln. Dabei hielten 40’000 Briten 55’000 Deutschen stand.
  • Auf dem Papier figurierten in den Ordre de batailles auf deutscher Seite je drei Infanterie- und Kavalleriedivisionen gegen Smith-Dorriens drei durch einen Kavallerie verstärkte Infanteriedivisionen. Allerdings rächte sich in der Schlacht Klucks Führungsfehler vom 25. August, als D’Amades und Sorbets Franzosen weit im Westen zwei starke Preussenkorps banden.
  • Smith-Dorrien rettete nicht nur sein Corps. Er bewahrte das ganze BEF vor der Umfassung. Das Expeditionskorps blieb intakt und zeichnete sich vom 6. September 1914 an in der Marne-Schlacht aus.
  • An der Marne brachten die Alliierten den Siegeszug der deutschen I.,II. und III. Armee zum Stillstand. Den entscheidenden Durchbruch schaffte das dank Smith-Dorrien erstarkte BEF. Nach Deutschlands Niederlage nur 60 Kilometer vor Paris erstarrte der Bewegungskrieg; den vier Jahre dauernden Grabenkampf musste der Okkupant verlieren.
  • Namhafte Historiker wie Jean-Rodolphe von Salis messen dem alliierten Widerstand an der Marne vorentscheidende Bedeutung für Preussens Niederlage bei.

Kluck, French, Haig, Smith-Dorrien

  • Alexander von Kluck führte seine Armee vollends in die Bredouille, als er – statt Paris westlich zu umfassen – ostwärts an der Hauptstadt vorbei stiess und die Franzosen nach Süden verfolgte. 1915 verletzte ein scharfer Granatsplitter den Befehlshaber der I. Armee schwer; nach seiner Verwundung bei Vailly-sur-Aisne schied Kluck 1916 aus dem aktiven Dienst aus.
  • Sir Horace Smith-Dorriens II. Korps bestand nach Le Cateau auch die Schlachten an der Marne, an der Aisne und in Flandern. Als die Deutschen die Briten bei Ypern mit Giftgas überzogen, stiess Smith-Dorrien wieder mit General French zusammen – diesmal unter umgekehrtem Vorzeichen. French wollte das II. Corps trotz Vergiftungen zum Ausharren zwingen, Smith-Dorrien zog seinen Verband zurück. Darauf ersetzte French den ungeliebten Untergebenen durch Sir Herbert Plumer, der gemäss French das Corps schon 1914 hätte übernehmen sollen. Smith-Dorrien beendete seine Laufbahn ehrenvoll: Er wurde im Tower von London dessen Lieutenant und später Gouverneur von Gibraltar.
  • Sir John French blieb seinem ruppigem Umgang treu, und operativ bleib sein Können “begrenzt”. Dennoch hielt er sich als BEF-Befehlshaber bis Dezember 1915. Dann ersetzte ihn Lord Kitchener durch General Haig. French übernahm in England die Heimatfront und wurde 1918 zum Lord Lieutenant of Ireland ernannt.

Marschall Foch, Feldmarschall Haig.

  • Sir Douglas Haig, bei Le Cateau Kommandant des I. Corps, übernahm Anfang 1915 die neue I. Armee, die sich in den giftigen Flandernschlachten bewähren sollte.
  • An der Spitze des BEF bot Haig am 8. August 1918 dem alliierten Oberbefehlshaber Ferdinand Foch die Stirn: Er ordnete den entscheidenden Generalangriff gegen die erschöpften Deutschen auf breiter Front an, nicht auf einen einzigen Schlüsselabschnitt begrenzt, wie es Foch befohlen hatte. Dies führte zur gegnerischen Kapitulation noch im November 1918, nicht wie in Paris erwartet 1919 und in London 1920.
  • Preussens Generalstabschef Ludendorff nannte jenen 8. August den “schwärzesten Tag” und zollte Haig Anerkennung.