Weihnachten 2020 – Hat die NZZ Recht?

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Jerusalem, heilige Stadt dreier Religionen, auch des Christentums.

Am 22. Dezember 2020 stellt die NZZ auf ihrer Frontseite lakonisch fest, das Christentum befinde sich auf dem Rückzug. Auf Seite 17 untermauert der Autor Simon Hehli die These mit statistischen Zahlen. Seinen ganzseitigen Text schreibt er im Indikativ: Simon Hehli weiss in aller Bestimmtheit genau, was er schreibt. 

Wir wollen nicht in Hehlis Fehler verfallen und auf seine Statistiken mit Gegenzahlen aufwarten. Aber die eine oder andere Frage stellt sich zu einem derart ultimativen Adventstext doch.

Alles “Anhänger einer Freikirche”?

  • Hehli leitet ein: “Ich bin Christin! Ich bin Christ! Wer heute einen solchen Satz hört, steht mit grosser Wahrscheinlichkeit der Anhängerin, dem Anhänger einer Freikirche gegenüber.”
  • “Mit grosser Wahrscheinlichkeit”! Stimmt das? Wo sind all die katholischen Christen? Wo die evangelischen Christen der Landeskirchen? “Mit grosser Wahrscheinlichkeit” vom Erdboden verschwunden? Muss man – bei aller Wertschätzung – einer Freikirche angehören, um sich zum Christentum zu bekennen?

“Bloss 26% glauben an die Auferstehung”?

  • Hehli weiss: “An die Auferstehung glauben laut einer Umfrage bloss 26% der Schweizerinnen und Schweizer.”
  • Eine Sache des Glaubens, eine zentrale Frage, die das Innerste vieler Menschen bewegt! Da misst Hehli “laut einer Umfrage” (welcher?) auf das Prozent genau. Als ob man das könnte! Wie sollen Menschen, möglichst noch am Telefon, einer Enquête ihren innersten Glauben zuverlässig offenbaren? Legt Hehli nicht einen mathematisch genauen, naturwissenschaftlich exakten Massstab an, wo Demut, Behutsamkeit und differenzierteres Denken angebracht wären?

40%? 25?%

Doch Hehli argumentiert weiter so:

  • “Zwei von fünf Menschen … gehen laut dem Bundesamt für Statistik nach wie vor davon aus, dass es einen einzigen Gott gibt.” In Anbetracht von Hehlis Freude an Prozenten wären das 40%.
  • “25 Prozent glauben stattdessen an eine wie auch immer geartete höhere Macht”. Auch wenn es vom Bundesamt kommt – sind die Begriff “Gott” und “höhere Macht” nicht mitunter deckungsgleich? Beisst sich Hehlis Katze in den Schwanz?

Hellseher Hehli  

  • “In nicht sehr ferner Zukunft wird es neben den Evangelikalen nur noch wenige Personen geben, die sich in erster Linie über ihr Christsein definieren.”
  • Da packt Hehli den Hammer aus. Woher – um Himmels Willen – weiss er das? “Neben den Evangelikalen nur noch wenige Personen”! Und all die nicht-evangelikalen Katholiken? Die Reformierten der Landeskirchen? Siehe oben – Hehlis Einstieg!
  • Und was heisst in einer ernsthaften Analyse “in nicht sehr ferner Zukunft”? 2025? 2030?
  • Dazu, wie schon einmal gesagt zu einem missratenen TV-Brexit-Beitrag, der Rat, den Dr. Fred Luchsinger, der grosse NZZ-Chef, seinen jungen Korrespondenten mit auf den Weg gab: “Sie können alles prophezeien, aber nur zu Ereignissen heute in 50 Jahren.”
  • Das wäre, in der Causa Hehli, im Jahr 2070 – doch wohl jenseits von “in nicht sehr ferner Zukunft”.

Es fehlt die Antwort auf den Islam

Es mag sein, dass die Kirchen Boden verlieren. Kirchenaustritte häufen sich. Doch entspringen sie nicht stets Glaubensfragen. Die einseitige kirchlichen Propaganda pro Konzern-Initiative, die orangen Fetzen an Pfarrhäusern, Predigten wie Politagitation trieben in beiden Konfessionen treue, bürgerliche Christen aus den Gotteshäusern und den Kirchenregistern. Das hatte mit Hehlis Prozenten rein gar nichts zu tun.

Es stimmt, dass die Kirchen zum Islam keine Antwort finden. Sie schwimmen lieber auf oft ehrenwerten, doch wohlfeilen Wellen mit – Gender, Klima, gegen Rassismus und so fort.

Hehli freilich ordnet manche, die das “christliche Abendland” in einem epischen Abwehrgefecht sähen, unter der abwertenden Rubrik ein, das sei “vor allem Rhetorik”. Und er warnt vor einem “Rückfall in eine Kreuzzugsmentalität”.

Als ob all diejenigen, denen das muslimische Vordringen Sorgen bereitet, morgen mit Helm, Rüstung und Lanze ins heilige Land zögen. Die Kreuzritter zogen als Eroberer an die Levante; was in Europa zum Islam not tut, ist – in Hehlis Diktion – Abwehr.

Und ein Letztes

Manchenorts in der Schweiz, in beiden Konfessionen, tun Pfarrerinnen und Pfarrer das, zu dem sie berufen sind: Sie predigen – ohne Kirchgänger politisch zu vergraulen – das Wort Gottes, sie helfen Menschen in Not und sie verkünden die frohe Botschaft, das Evangelium, den Kern des Christentums, gerade jetzt an Weihnachten.

Sie erregen weniger Aufsehen als die Politagitatoren auf der Kanzel. Doch sie sind es, die die Kirchen zusammenhalten.

Bethlehem, die vermeintliche Geburtskirche. Unten das Feld, wo die Krippe tatsächlich stand (so Lukas, 2, 1–20).