Warum Schottland für die NATO so schwer wiegt

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Vanguard-U-Boot aufgetaucht im Clyde (bbc).

Der Wahlerfolg der schottischen Nationalisten weckt erneut das Gespenst des gespaltenen Königreichs. Die SNP-Chefin Sturgeon forderte noch in der Wahlnacht ein zweites Referendum – mit dem Ziel, dass sich Schottland von Grossbritannien abspaltet.

Für die britischen Streitkräfte und die NATO hätte das Konsequenzen:

  • Die nukleare Schlagkraft der Briten beruht auf vier Vanguard-U-Booten, die ihren Stützpunkt sehr gut geschützt und bestens geeignet an der schottischen Westküste haben. Sie operieren vom Clyde aus, einem tiefen, gut befahrbaren Zugang ins Irische Meer. In Coulport, 14 Kilometer vom Ort Faslane entfernt, lagern auch die britischen Atomwaffen.
  • Ganz im schottischen Norden liegt der Luftwaffen-Stützpunkt Lossiemouth. Er zählt zu den bedeutenden Air Bases der Royal Air Force, wird auch von der US Air Force benutzt und verfügt im benachbarten Kinloss über den Kinloss Relief Landing Ground. 
  • Von Lossiemouth aus operieren vier RAF-Staffeln Typhoon. Vor allem dient die Air Base aus Ausgangspunkt für die Boeing P-8 Poseidon, die als Seefernaufklärungs- und U- Boot-Jagdflugzeuge einen der neuralgischen Punkte der Welt überwachen: den Nordatlantik mit dem Greenland-Island-UK-Gap (GIUK-Lücke).

 

Für die folgende Einschätzung danke ich Oberst i Gst Jürg Kürsener, dem angesehensten Marine-Fachmann im deutschsprachigen Raum mit profunder Analyse in allen strategisch-operativen Belangen.

Was ist politisch von Sturgeons Drohung zu halten? 

  • 2016, nach dem ersten, gescheiterten Schottland-Referendum machte der damalige Premier Cameron den schottischen Nationalisten unmissverständlich klar, dass die Regierung nicht gedenke, die U-Boote und die RAF-Verbände nach England zu verschieben.
  • Was jetzt von Anti-Brexit-Kreisen in ihrer Verzweiflung über den Wahlausgang verbreitet wird, dass Schottland das Vereinigte Königreich aufbreche, ist längst noch nicht Tatsache.
  • Selbst wenn Schottland das UK verlassen würde, wäre der neue Staat militärisch nicht autonom. Wenn die dannzumalige Führung die neue Lage vernünftig beurteilen müsste, käme sie zwingend zum Schluss, dass sie das Land im exponierten Norden der britischen Insel nie und nimmer autark verteidigen könnte.

Das Vanguard-Trident-U-Boot

  • Von den vier U-Booten ist stets eines einsatzbereit im Meer. Zwei trainieren im tiefen, gut befahrbaren Clyde. Eines wird in der Werft dem Unterhalt unterzogen.
  • Das Boot ist 150 Meter lang und verfügt über 16 vertikale Abschusszellen mit nuklearen Trident-Interkontinentalraketen mit der Bezeichnung UGM-133A-II-D-5/F-5LE.
  • Jede der Raketen ist mit 12 Sprengköpfen bestückt. Jedoch laufen die U-Boote jeweils mit höchstens 40 Sprengköpfen aus.
  • Für Britanniens nukleare Abschreckung ist es entscheidend, dass die Vanguard-Boote das Irische Meer unerkannt erreichen und dann irgendwo bereit sind für einen Einsatzbefehl.
  • Ihr jetziger Stützpunkt in einem Fjord an der schottischen Westküste eignet sich dafür. Die Boote unternehmen routinierte Manöver, um unentdeckt zu bleiben oder unliebsame “Gäste” rasch abzuschütteln.
  • Zur Bewaffnung ist zu ergänzen, dass die Trident-Boote auch über vier 533-mm-Torpedorohre verfügen, aus denen sie schwere Torpedos vom Typ Spearfish einsetzen.

Die überragende Bedeutung von Lossiemouth

  • Die RAF Air Base Lossiemouth (mit der Ausweichpiste Kinloss) ist für die NATO von grosser Bedeutung. Immer kühner stossen von Murmansk aus russische U-Boote in den Nordatlantik vor. Dies stellt nicht nur für Europa, sondern auch für die amerikanische Ostküste eine Bedrohung dar.
  • Die P-8 Poseidon besitzen die Fähigkeit, selbst getauchte U-Boote aufzuspüren (je nach Tauchtiefe). Russische Boote können per Langwelle mit dem Stützpunkt Murmansk kommunizieren, aber nur in kleinen Datenmengen.
  • Für grössere Datenmengen müssen sie entweder die Antenne über den Meeresspiegel heben oder dann über Bojen senden – in beiden Fällen besteht für P-8 Poseidon die Chance, das Boot zu entdecken und zu jagen.
  • Überdies hat die NATO, in der Regel vom deutschen Geilenkirchen aus, AWACS-Aufklärer über dem Nordatlantik und in Richtung der Ausfahrten von Murmansk im Einsatz. Die AWACS verstärken die P-8 und warnen diese notfalls, wenn Gefahr im Anzug ist.
  • Für die zentrale wichtige Überwachung ist Lossiemouth operativ ideal gelegen.

Was, wenn Schottland die NATO rauswürfe?

Zuerst einmal ist zu wiederholen, dass dies Stand Ende 2019 hypothetisch anmutet. Dennoch wären Grossbritannien und die Verbündeten nicht wehrlos, wenn auch vor allem geografisch benachteiligt.

  • Die Royal Navy besitzt vor allem an der Südküste ausgebaute Stützpunkte: Plymouth, Portsmouth und vor allem Devenport. Militärisch wäre eine Verlegung der vier Vanguard-Boote denkbar, auch wenn keiner der Häfen die Vorzüge vom Clyde in sich vereint. Politisch wäre namentlich in den Räumen Plymouth und Portsmouth mit Widerstand zu rechnen.
  • Die Royal Air Force operiert in England von einer ganzen Anzahl moderner Stützpunkt aus, in die sie die Lossiemouth-Verbände verlegen könnte, wenn auch unter operativem Nachteil.