Vor 75 Jahren: Der fliegende Flüchtling

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Mit einer Heinkel 111 gelang Oberleutnant Dewjatajew am 8. Februar 1945 die Flucht aus Peenemünde (ar).

Heute vor 75 Jahren gelang dem russischen Kampfpiloten Oberleutnant Michail Dewjatajew in der an waghalsigen Fluchten reichen Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein Kabinettstück.

  • Mit neun Kameraden kaperte er als Kriegsgefangener in Peenemünde eine Heinkel 111. Die Russen setzten die Maschine unter Strom, worauf dem erfahrenen Jagdflieger Dewjatajew der Start gelang.
  • Am 8. Februar 1945 steuerte er das Flugzeug in Richtung Ost-Südost. Er schüttelte den deutschen Oberleutnant Günter Hobohm ab, der ihn mit einer Ju 88 verfolgte, und erreichte sowjetisch erobertes Territorium, wo ihm die Notlandung gelang.
  • Allerdings verdächtigte der sowjetische Geheimdienst  Dewjatajew  und seine Kameraden der Spionage. Die Agenten wollten zuerst nicht glauben, dass die Flüchtlinge in Peenemünde, wo die V2-Raketen entwickelt wurden, eine Heinkel entführen konnten.
  • Ebenso zweifelten andere Piloten, dass ein Jagdflieger einen Heinkel-111-Bomber ohne deutsche Hilfe starten und steuern konnte.
  • Dewjatajew  brachte wertvolles Material aus der V2-Forschung mit, dass den russischen Raketenbauern zugute kam.

Peenemünde liegt auf Usedom ganz zuoberst an der Nordspitze. Dewjatajew floh über die Ostsee gegen Südosten.

Es folgt die ausführliche Schilderung der abenteuerlichen Flucht aus der Sammlung “Memento”.

Der fliegende Flüchtling – Flucht aus Peenemünde

Dem sowjetischen Kriegsgefangenen Michail Dewjataew (andere Schreibweise, red). gelang am 8. Februar 1945, was eigentlich unmöglich war: Auf dem scharf bewachten Areal des Raketenzentrums von Peenemünde brachte er ein Flugzeug in seine Gewalt.

Mehr als fünf Millionen sowjetische Soldaten gerieten im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft. Zu ihnen gehörte auch der 27-jährige Fliegerleutnant der Roten Armee Michail Dewjataew. Über der Ukraine hatte er aus seinem brennenden Jagdflugzeug abspringen müssen. Schwer verwundet wurde er gefangen genommen und ins KZ Sachsenhausen überstellt.

“Das erste, was ich dort sah, waren die Galgen”, erinnert sich Dewjataew. “Als wir durch das Eingangstor kamen, hingen an ihm zwei Leichen. Das hat mich schockiert, ich dachte: Wo bin ich denn hingekommen?”

Der fliegende Flüchtling.

Im Viehwaggon nach Peenemünde

Eines Morgens im November 1944 wurde er mit 500 weiteren Gefangenen zum Güterbahnhof gebracht. “Man hat uns in drei Viehwaggons gesteckt und dann bekamen wir Brot für zwei Tage. Am ersten Tag mussten wir alle in den Waggons stehen, aber dann konnten wir uns schon auf die Leichen setzen. Allein in unserem Waggon sind fast 30 Menschen umgekommen. Als wir am nächsten Morgen anhielten, sagten mir meine Kameraden, dass wir dort seien, von wo aus die V-2 startet.

Ziel des Gefangenentransports war das Raketengelände Peenemünde auf der Insel Usedom, die Luftwaffenschmiede des Dritten Reichs. Unter grösster Geheimhaltung forschten Ingenieure und Wissenschaftler unter der Leitung von Wernher von Braun hier fieberhaft an Hitlers “Wunderwaffe”. Ende 1944 war der Krieg längst verloren, doch die NS-Führung schürte die Hoffnung in so genannte Vergeltungswaffen, besonders die V-2. Weil Arbeitskräfte fehlten, ließ Himmler ein Gefangenenlager errichten.

Während Hitlers Ingenieure Hightech schufen, folterte die SS die Häftlinge im Lager. “Dort konnte man zum Krüppel gemacht werden”, so Dewjataew. “Bei der Arbeit hat man uns geschlagen, das waren ungeschriebene Gesetze. ‘Zehn Tage des Lebens’ hieß eine Strafe. Das heißt, man hat den Gefangenen zehn Tage lang morgens, mittags und abends geschlagen. Wenn er nicht von selbst starb in dieser Zeit, hat man ihn am zehnten Tag umgebracht.” I

In Dewjataew reifte ein riskanter Plan. “Ich hatte immer nur einen Gedanken: Flucht mit dem Flugzeug. Ich bin Flieger. Wie hätte ich denn sonst fliehen sollen, wenn überall Wasser ist?”

Dewjatajew (2.v.l.) mit Fliegerkameraden vor seinem Abschuss.

Heimlich die Heinkel 111 studiert

Dewjataews Kommando musste eingeschlagene Bomben freilegen und Bombentrichter der englischen Luftangriffe füllen. Die Gefangenen arbeiteten in der Nähe des Flugplatzes. Günther Hobohm, damals Oberleutnant und Pilot in Peenemünde, erinnert sich: “Da mögen pro Tag um die 100 Gefangene in Sträflingskleidung vorbeimarschiert sein. Wenn man darauf achtete, konnte man die jeden Tag sehen.”

Die Flugzeuge ließen das Herz des russischen Jagdpiloten höher schlagen. Insgeheim studierte Dewjataew an den Fliegerwracks die Technik der Maschinen. Besonders die Heinkel 111 hatte es ihm angetan. “In der Kabine einer Heinkel 111 habe ich Geräte, Schilder mit Überschriften und Anzeigen herausgerissen. Meine Kameraden versuchten je nach Sprachkenntnissen die Aufschriften zu übersetzen. Es lagen viele verschiedene Ersatzteile herum und ich konnte mir langsam alles merken. Im Kopf entwickelte sich eine Vorstellung, wie man den Motor anmachte und so.”

Nach dem Krieg trafen sich Dewjatajew (links) und sein Verfolger Hobohm in Peenemünde.

“Heute müssen wir fliehen”

Wegen einer Schlägerei mit einem Kollaborateur wurde Dewjataew Anfang 1945 zu “Zehn Tage Leben” verurteilt. Er wusste, dass ihm jetzt nur noch die Flucht das Leben retten konnte.

“Am 8. Februar wurde ich nachts wach”, erinnert sich Dejataew. “Ich sah den Mond und dachte: Hoffentlich wird das Wetter endlich besser.” Am Morgen lief er zu seinem Kameraden: “Wanja, heute müssen wir fliehen!”

“Es war ein sonniger Tag mit einer guten Fernsicht”, erinnert sich auch Oberleutnant Hobohm. “Um die Mittagszeit bekam ich einen Anruf von der Flugleitung, wer denn da auf abenteuerliche Weise mit einer unserer Maschinen gestartet sei.”

Dewjataew und neun Kameraden überwältigten einen Wachtsoldaten und erreichten eine Heinkel 111. Die Maschine war verschlossen; in ihrer Not schlugen die Häftlinge eine Luke ein. Dewjataew kletterte ins Cockpit. “Ich versuchte zu starten, aber der Motor sprang nicht an. Alle Geräte zeigten, dass in der Maschine kein Strom war. Ich dachte, mit der Energiezufuhr stimmt was nicht. Ich bin zum Kasten mit dem Akku, mache ihn auf – leer. In diesem Augenblick haben zum ersten Mal in meinem Leben meine Beine versagt – ich bin einfach hingefallen.”

Alliiertes Luftbild der “Versuchsanstalt” Peenemünde (ar).

“Starte – oder wir erstechen dich”

Da entdeckte einer seiner Kameraden einen Akkuwagen hinter dem zweiten Hangar. Eiligst rollten sie die Startbatterie heran und schlossen sie an. Endlich – die Motoren sprangen an. Dewjataew steuerte den Bomber zur Startbahn und gab Vollgas. Doch das Flugzeug hob nicht ab. Die Landeklappen waren noch ausgefahren.

In der Maschine brach Panik aus. “Meine Kameraden brüllten: ‘Die Deutschen kommen! Los! Starte!'”, so Dewjataew. “Ich wollte das Flugzeug schon anhalten, aber sie haben mich mit einem Bajonett gestoßen: ‘Starte, sonst erstechen wir dich!'”

In einer Ju 88 nahm Oberleutnant Hobohm die Verfolgung auf.

Nach dem zweiten Startversuch hob die Heinkel ab. Am Boden machte Obereutnant Hobohm seine Ju 88 startklar, um die Maschine zu verfolgen: “Man wusste nicht, wer da überhaupt drin sitzt, das kam erst viel später ‘raus. Im Hinterkopf hatte ich den Gedanken: Wenn ich die Maschine in der Luft sehe, dann schiesse ich sie ab.”

Unter russischem Beschuss

Die Verfolger konnten die Flüchtlinge nicht mehr einholen. Dewjataew steuerte die schwer beladene Heinkel in einem turbulenten Flug über die Ostsee.

Zweimal kamen deutsche Jagdflieger ihnen bedrohlich nahe. “Einer von ihnen wendete in unsere Richtung”, so Dewjataew. “Ich war erschrocken, dachte schon, er wird uns abschießen. Aber er sah, dass es eins ihrer Flugzeuge mit dem Hakenkreuz war und flog zurück zu seiner Staffel.”

Am Boden machten die Flüchtlinge deutsche Truppen auf dem Rückzug aus. Plötzlich: Flakbeschuss, die Heinkel torkelte. Die russische Flugabwehr hatte das deutsche Feindflugzeug gesichtet. Mit knapper Not konnte Dewjataew die Maschine landen: “Der Flieger bohrte sich in den weichen Grund. Wolodja Sokolow wurde durch den Aufprall bewusstlos.”

Als Verräter inhaftiert

Soldaten liefen auf den bruchgelandeten Flieger zu. Erleichtert sahen die Insassen: Es sind Russen! Doch die Freude über die geglückte Flucht wich bald der Bitterkeit. Dewjataew und seine Kameraden wurden von den eigenen Leuten festgenommen und verhört – man hielt sie für Spione. Dewjataew: “Die Gesetze lauteten: Wenn du in deutsche Gefangenschaft geraten warst, bist du ein Vaterlandsverräter und musst dafür ins Gefängnis”.

Vor allem dem Piloten glaubte man nicht: “Man hat einen Oberleutnant eingeladen und ihn gefragt, ob ein Flieger ein fremdes Flugzeug ohne Übung fliegen könne. Er sagte, nein. Dann lud man einen Generalmajor mit vielen Orden ein und fragte ihn dasselbe. Er sagte: ‘Nein, ein Jagdflieger wird nie einen schweren Bomber fliegen können.'”

“Held der Sowjetunion”

Geehrt als Held der Sowjetunion.

DDR-Offiziere empfangen den Helden von 1945.

Im Dezember 1945 – neun Monate nach Kriegsende – konnte Michail Dewjataew endlich zu seiner Familie zurückkehren. Doch als Pilot durfte er nicht wieder arbeiten. “Es gab ein ständiges Misstrauen mir gegenüber. Man wollte mir nirgendwo einen Job geben.” Vergeblich schrieb er Bittbriefe an die oberste sowjetische Führung.

Erst nach Stalins Tod wurde der “fliegende Flüchtling” rehabilitiert und 1957 mit dem höchsten Orden des Landes ausgezeichnet: “Held der Sowjetunion”.

Für seine Kameraden kam die Anerkennung freilich viel zu spät. “Ihre Lage war noch schlechter als meine”, so Dewjataew. “Sie kamen in Strafbatailllone.” Stalin schickte sie zurück an die Front; nur drei überlebten den Krieg. “Wolodja Sokolow, Nemtschenko, Kutergin und alle anderen sind umgekommen.”

Der russische Gedenkstein in Peenemünde.