Unfassbar! Russen in 5 Tagen in Warschau?

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Prägend in der polnischen Militärgeographie ist die Weichsel. Sie entspringt im Süden (Raum Krakau), wendet sich in grossem Linksbogen Warschau zu führt dann in dito Rechtsbogen zur Mündung in die Ostsee bei Danzig.

Was wir von Simulationsübungen zu halten haben, das wissen wir alle. In Kriens verfügen über einen eigenen Führungssimulator, der unsere Kader konzis und zielgerichtet weiterbildet. Nun kommt aus Polen die Meldung über einen simulierten Grossangriff der Russischen Armee. Die Nachricht, die offenbar zuerst von höchsterpolitischer Stelle unterdrückt wurde, lässt aufhorchen.

  • Es trainierte die oberste militärische Führung in der Stabsübung “ZIMA 2020”, zu deutsch: Winter 2020. Der Anlass fand zu Beginn des Jahres 2021 statt. Die Auswertung sei abgeschlossen.
  • Dem Szenarium liegt der Krieg zwischen den polnischen Streitkräften, die in der NATO zu den besten zählen, und der Russischen Armee, präziser: deren Militärbezirk West, eindeutig dem stärksten der mittlerweile fünf Militärbezirke, zugrunde.

In vier Tagen an der Weichsel

Mit 38’356’000 Einwohnern, einer Fläche von 313’000 km², einer ordentlichen Wirtschaftsleistung und einem Militärbudget von 2% BIP gilt Polen heute als Säule an der NATO-Ostfront. Als einer der wenigen Bündnisstaaten erfüllt das Land die Anforderung von 2% BIP für die Armee – im Gegensatz etwa zum Nachbarn Deutschland oder zu Frankreich.

Von Raytheon kauft Polen Patriot-Raketen.

Obwohl Polens Armee seit dem NATO-Beitritt mit amerikanischer Hilfe massiv aufgerüstet hat und ihre Truppen über einen beachtlichen Ausbildungsstand verfügen, fiel die Russen-Simulation ernüchternd aus:

  • Im Osten besetzte der Aggressor die Städte Lublin und Bialystok rasch.
  • Am vierten Tag standen die russischen Panzerspitzen an der Weichsel, Polens Schicksalsfluss, dem schon in und nach dem Ersten Weltkrieg und dann wieder 1944/45 im Zweiten Weltkrieg strategisch-operative Bedeutung zugekommen war.
  • Am fünften Tag erreichten die Russen das Ziel ihrer Operation: die Einkesselung der Hauptstadt Warschau. Der russischen Führung ging es – in der Simulation – vorrangig darum, das politische, wirtschaftliche und administrative Zentrum des Feindes in Besitz zu nehmen. Das gelang in weniger als einer Woche.

Was ist von der Simulation zu halten?

  • Das Szenarium basierte auf einem Überraschungsschlag, der so jäh kam, dass die NATO zu spät eingriff. Ob das realistisch ist? Auch wenn die russische Führung den Militärbezirk West wie den Militärbezirk Süd (Kaukasus, Krim, Ukraine) in steter Bereitschaft hält, ist ungewiss, ob die Angriffsvorbereitung eines Grossverbandes komplett zu tarnen ist. Ebenso diente der Verzicht auf NATO-Hilfe gewiss dem politischen Weckruf; aber entspricht er der Realität?
  • Unvermeidlich ist jetzt das Aufflammen der sozusagen “ewigen” Debatte über den Standort des Armee-Schwergewichts. Derzeit hat die polnische Armee ihr center of gravity im Nordosten, so wie sie 1939 das Gros ihrer Verbände gegen Nazi-Deutschland an der Westgrenze massierte – und von der Wehrmacht prompt überrannt und teils zerstört wurde. Die Simulation verleiht nun den Kräften Auftrieb, die verlangen, das Schwergewicht sei in den Raum westlich der Weichsel zu legen, so wie das die Amerikaner tun.
  • Der Standortstreit wird nicht heute oder morgen entschieden. Gewiss ist, dass die USA im Westen verharren, namentlich im Raum Bromberg. Ob sie dort tatsächlich ausser Reichweite der gefürchteten Iskander-Raketen und der taktischen Luftwaffe Russlands sind, wie jetzt zu lesen ist, bleibt offen. Von Königsberg (Kaliningrad) aus erreichen die Iskander Kopenhagen, Berlin – und Krakau.