“STRAFGERICHT” und “BARBAROSSA”

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David Lows Karikatur von 1939. Das Opfer ist Polen. Hitler “Der Abschaum der Menschheit, wenn ich nicht irre?” Stalin: “Der blutige Mörder der Arbeiterklasse, wie ich annehme?”

 

Von Dr. Peter Forster

Den Code “BARBAROSSA” kennt männiglich als Signet für den Ostkrieg der Wehrmacht. Weniger bekannt ist die Operation “STRAFGERICHT”. Unter diesem Decknamen lief Hitlers Rachefeldzug gegen Jugoslawien, das sich nach dem Putsch von 26./27. März 1941 dem grossdeutschen Machtanspruch widersetzt hatte.

“BARBAROSSA” und “STRAFGERICHT” erscheinen im Untertitel der 45. GMS-Schrift, die erneut von Oberst Hans Rudolf Fuhrer ediert und geprägt wird. Wie es sich für die Gesellschaft für militärhistorische Studienreisen gehört, versammelt Fuhrer wieder Historiker um sich, die von Militär viel verstehen – was heute nicht mehr selbstverständlich ist. Martin van Creveld, der Guru der Gurus, gestand mir einmal, er könne ein Sturmgewehr nicht von einem Regenschirm unterscheiden. Die 216 Seiten der neuen GMS-Schrift gestalten mit Fuhrer zusammen:

  • Der renommierte Wiener Geschichtsschreiber und ex-Museumsdirektor Manfried Rauchensteiner. Er nimmt sich des Unternehmens “STRAFGERICHT” an. Sein Text ist Wiener Schule erster Güte: ein Produkt hochwertiger österreichischer Militärhistoriographie, erhellend, erläuternd, originär.
  • Mit oder – freundschaftlich gemeint – gegen Hans Rudolf Fuhrer packt Matthias Uhl “BARBAROSSA” aus deutscher Sicht an. Er verneint die These, Hitler habe gegen Stalin einen Präventionskrieg geführt. Doch Fuhrer geht die Frage aus sowjetischer Sicht an und kommt zum gegenteiligen Schluss. Die beiden kontroversen Kapitel bilden den Kern der neuen Schrift; sie sind glänzend geschrieben und vorbildlich illustriert – bis zu den ausnahmslos verständlichen Lagekarten, alle am richtigen Ort.
  • Der auch politisch prominente Artillerie-Oberst Dieter Kläy streicht die “Bedeutung des Grossen Vaterländischen Kriegs in der Gegenwart Russlands” hervor. Man muss jeweils am 9. Mai liberale Russen erleben, wie sie am “Marsch des unsterblichen Regiments” die Bilder ihrer gefallenen Vorfahren durch die Städte tragen. Dieter Kläy hat vollkommen Recht, wenn er mit der Tatsache schliesst: Der tief verwurzelte Patriotismus der Russen bestärkt Präsident Putin in seinem “eigenständigen Weg”.
  • Hans Rudolf Fuhrer fasst ein zweites heisses Eisen an: den “Fall Däniker”. Der Generalstabsoberst und Kommandant der Schiessschule Walenstadt fiel 1941 mit seiner ominösen deutschfreundlichen Denkschrift in Ungnade.

22. Juni 1941: Die Wehrmacht marschiert in der UdSSR ein.

6. Dezember 1941 vor Moskau: Die Rote Armee schlägt zurück.

Präventionskrieg? Ja oder Nein?

Zur These, Stalin habe einen Präventionskrieg gegen Hitler geplant, aber der Nazi sei ihm zuvorgekommen, stützt sich Hans Rudolf Fuhrer auf eine Fülle sowjetischer Dokumente, die seit dem Untergang der UdSSR 1991 Schritt für Schritt an die Öffentlichkeit gelangen. Namentlich die Dislozierung der Panzer- und Schützendivisionen, aber auch Operationspläne schon von 1940 untermauern die Argumentation Fuhrers, der sich mit Kollegen wie dem Deutschen Bernd Schwipper in guter Gesellschaft befindet. Der Herausgeber der GMS-Schrift legt seine Sicht der Dinge militärisch detailliert, sachlich stark unterlegt dar.

Uhl hält dagegen. Seine These gründet vorrangig auf der Tatsache, dass die Wehrmacht die Rote Armee in unvorbereitetem Zustand überfiel. In der Tat fügten die Deutschen den Sowjets in der ersten Phase ihres Feldzugs schwere Verluste bei. Stalins Divisionen wurden mehrmals eingeschlossen. Hunderttausende Russen fielen den Angreifern eingekesselt in die Hand. Erst die Hexe Rasputiza, die herbstliche Schlammzeit, bremste den Vormarsch der Wehrmacht, die dann im russischen Winter bei 40° unter Null vor Moskau ihre erste Niederlage erlitt. Stalin, den Hitler am 22. Juni 1941 überrascht hatte, vertraute nun seinem stärksten General, dem 45-jährigen Georgi Schukow, der den erschöpften Deutschen frische Divisionen aus Sibirien entgegenwarf.

Die Debatte zur Prävention spaltet die Welt der Gelehrten. Hans Rudolf Fuhrer listet die Lager gewissenhaft auf. Mit einem der Professoren bin ich seit 1973 befreundet: mit dem Israeli Gabriel Gorodetzky, der in Oxford, Princeton und Tel Aviv lehrt – an letzterer Universität auch die Generale seiner Armee. Die lange Freundschaft und etliche Gespräche zu 1941 machen mich befangen.

Professor Gabriel Gorodetzky.

Gorodetzky erhielt in den 1990er-Jahren in Moskau via Lew Besymenski, Schukows Dolmetscher, exklusiven Zugang zu den heikelsten Archiven. Lange wertete er die polit-militärischen Dokumente zur Vorgeschichte und den Phase I und II des Ostkrieges aus – und gelangte sine ira et studio  zum Ergebnis: Nein, das war kein Präventivschlag, das war Hitlers von langer Hand geplanter, ideologisch verbrämter Überfall – gegen die Macht, mit welcher der Diktator noch am 23. August 1939 die vierte polnische Teilung beschlossen hatte.

UdSSR samt Roter Armee geschwächt

Professor Gorodetzkys Forschung mündete 1999 in das “Opus magnum” mit dem drastischen Titel: “Grosser Wahn”, im Original: Grand Delusion: Stalin and the German Invasion of Russia, erschienen im Verlag der Universität von Yale. Seine Thesen haben seither in der angelsächsischen Welt Gewicht. Zur Geschichte bis zum 22. Juni 1941 urteilt Gorodetzky aufgrund der im zugänglich gemachten Geheimquellen:

  • Stalin war ein realistischer, pragmatischer Machtpolitiker. Die Sowjetunion stand nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution geschwächt da. Stalin rang um “Nationalen Status”.
  • Er sah im Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939 die Chance, die europäische Machtbalance zugunsten der UdSSR zu verschieben. Von 1940 an hatte er dank Agenten Kenntnis von Hitlers Angriffsplan. Aber er vertraute darauf, den Krieg verzögern oder gar ein zweites Abkommen schliessen zu können.
  • Stalin wusste: Sein Enthauptungsschlag gegen die Führung der Roten Armee hatte Russlands Abwehr geschadet. Seines Erachtens waren die eigenen Streitkräfte für einen Angriff auf Nazi-Deutschland weder gerüstet noch ausgebildet. Die Armee war im Frühsommer 1941 schlicht unfähig, eine koordinierte Offensive oder weiträumige, mobile Operationen zu führen.
  • Um die Lücken in der Armeeführung zu schliessen, zog Stalin einen neuen Typ tüchtiger, integrer Truppen- und Generalstabsoffiziere nach. Es waren Persönlichkeiten wie die späteren Rivalen Schukow und Konew: harte Arbeiter in ihrem Fach. Dass der Generalstab Angriffspläne in alle Richtungen entwarf, auch gegen Westen, gegen die Wehrmacht, das gehörte zu seinen Pflichten.
  • Hätte der Stab das unterlassen, wäre er pflichtvergessen gewesen. Nur aus der militärischen Planung lässt sich die politische Angriffsabsicht nicht ableiten.

Verheerende Niederlagen in der Phase I

Kesselschlacht im Raum Brjansk (30. September–23. Oktober 1941).

Auch der Verlauf der ersten Ostkriegsphasen bestärkt Gorodetzky in der Auffassung, Hitler habe die Sowjetunion angegriffen und nicht umgekehrt:

  • Dokumente aus dem inneren Kreis belegen: Mit “BARBAROSSA” überrumpelte die Wehrmacht Stalin. Auch dank der gelungenen Überraschung drangen ihre Panzergruppen tief in Feindesland vor. Die rote Abwehr war weder gefestigt noch koordiniert.
  • Hätte Stalin tatsächlich die Absicht gehegt, Deutschland präventiv anzugreifen, hätte er die Rote Armee rechtzeitig aufgerüstet, besser ausgebildet und mit der Führung versehen, die hernach im Winter 1941/1942 entschlossen das Ruder übernahm.

In Russland, Grossbritannien und den USA gilt die Präventivthese weitgehend als widerlegt. Erhalten bleibt sie in Deutschland, sogar mit Wurzeln in der DDR. Generalmajor Bernd Schwipper war Divisionskommandant der NVA. Beifall zollt ihm der erfahrene Franz Uhle-Wettler, Generalleutnant der Bundeswehr.

Guisan, nicht die Anpasser

General Guisan stellte sich Nazi-Deutschland mutig entgegen. Den Obersten Däniker durchschaute er.

Zum Fall Däniker können wir uns getrost kurz fassen. Man stelle sich vor, die Schweiz wäre Däniker gefolgt und hätte sich ins Lager von Nazi-Deutschland geschlagen. Wie wäre unser Vaterland 1945, nach dem Untergang des Dritten Reichs, vor sich selber da gestanden, vor Europa, vor den USA, vor der Welt? General Guisan handelte richtig, nicht die Anpasser.

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Hans Rudolf Fuhrer, Dieter Kläy, Matthias Uhl, Manfried Rauchensteiner: 1941 Feindbild Moskau. “Strafgericht” und “Barbarossa”. Zwei Präventivkriege. GMS-Schrift 45.

  • Dem Impressum der 45. GMS-Schrift ist zu entnehmen: Vertrieb GMS-Bücherdienst, rudolf.widmer-gms.@bluewin.ch
  • Zu beziehen ist die Schrift ebenso bei: Hans Rudolf Fuhrer, Juststr. 32, 8706 Meilen, hansrfuhrer@bluewin.ch