Stehen die Russen am Rande von Kiew?

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Auf der West-Ost-Achse liegt Kiew in der Mitte. Nicht so auf der Nord-Süd-Verbindung. Die Nordlage macht die Stadt gegen Panzervorstösse aus Belorus und Russland vulnerabel.

  • Am denkwürdigen 24. Februar 2022 meldet Russland am Abend, seine Truppen hätten den Stadtrand von Kiew erreicht. Träfe dies zu, wäre es militärisch die herausragende Nachricht des Tages. Die gegnerische Hauptstadt einzukesseln oder frontal zu nehmen, gehört zu den vorrangigen Zielen des Oberbefehlshabers Putin.
  • Mit dem militärischen Ziel verbunden ist das politische: Putin begründete den Krieg mit der “Entmilitarisierung” und “Entnazifizierung” der Ukraine – Worthülsen sondergleichen! Vielmehr strebt der Kriegstreiber neben anderen Zielen vor allem die Entmachtung des prowestlichen Präsidenten Selensky an. Dieser und seine Regierung würden dann durch einen Putin-Statthalter oder eine prorussisches Marionettenkabinett ersetzt.
  • Wie das militärisch gehen soll, bleibt zu sehen. Das russische Heer greift auf mindestens zwei Achsen an. Im groben Raster lautet die Frage: Einkesselung durch Verbände auf dem Dnjepr-West und -Ostufer? Oder, wie gesagt, Stoss in die Stadt hinein? Oder eine Kombination von beidem?

Vorteile für den Angreifer

Begünstigt wird der russische Angriff auf die Kapitale durch mehrere Umstände:

  • Von Norden her ist das Gelände beidseits des mächtigen Stromes Dnjepr, des drittlängsten Flusses Europas, recht offen. Von Belorus und Russland her eröffnet sich für einen geballten Vorstoss ein günstiges Panzergelände.
  • In der zweiten Februarhälfte ist der Boden noch trocken hart. Die tiefen Nacht- und kalten Tagestemperaturen halten das offene Gelände gefroren. Die meteorologischen Tatsachen trugen zur Empfehlung des russischen Generalstabes bei, mit der Offensive nicht bis zum Frühjahr zu warten. Dann nämlich schlägt die Rasputiza zu: die gefürchtete Schlammhexe, die schon ab Oktober 1941 der deutschen Wehrmacht zu schaffen machte.

Zwei amerikanische Soldaten mit der Javelin-Panzerabwehrrakete.

  • Einen weiteren Grund für das Zuschlagen am 24. Februar erkennen russische Experten in den ausnehmend offen kommunizierten Javelin-Lieferungen nach Kiew. Die Balten und dann die Briten rühmten sich, der Ukraine die gefährliche Panzerabwehrwaffe zu liefern. In Kiew wurden aus einer C-17 Globemaster der Royal Air Force ganze Palette Javelin ausgeladen – und ausgiebig gefilmt.
  • Den Russen entgingen die Bilder nicht. Sie wissen: Die klassische fire-and-forget-Rakete reicht laut dem Hersteller Raytheon rund 2’500 Meter weit – unangenehm für Panzer. Aber: Der taktische Einsatz der Waffe bedarf gerade im Verbandsrahmen der gründlichen Ausbildung. Es mögen jetzt vereinzelt Javelins abgefeuert werden; aber für den Einsatz auf breiter Front kommen die Lieferungen zu spät.