BISS – “Hütet euch am Morgarten!”

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Morgarten, 15. November 1315. Der Überfall der Eidgenossen auf das Heer Leopolds I.

Werner Stauffacher war einer der drei Gründerväter der Schweiz. In den ersten Augusttagen 1291 besiegelte der Landammann von Schwyz mit dem Urner Walter Fürst und dem Obwaldner Arnold von Melchtal auf dem Rütli den Bund der Eidgenossen.
Aegidius Tschudi schildert in seiner Helvetischen Chronik Stauffachers schicksalshafte Begegnung mit dem Habsburger Landvogt Gessler vor seinem Haus in Steinen, einem Dorf im Kessel von Schwyz. Gessler ritt aus dem Reusstal nach Küssnacht und sah Stauffachers neues Haus. Er stellte ihn zur Rede und verbot ihm und allen Bauern, eigene Häuser zu bauen. Fortan werde er ohne sein Placet erstellte Bauten enteignen.
Erste Bundesgenossen
Als der Landammann seiner Frau, der Stauffacherin, vom Vogt berichtete, riet ihm diese zur Gegenwehr. Gemeinsam müssten sich die Talschaften von Uri, Schwyz und Unterwalden gegen den Tyrannen verbünden. An der Reuss fand Stauffacher seinen ersten Bundesgenossen, den Urner Landammann Walter Fürst. Gerade gingen in Attinghausen die Wogen hoch; Gessler liess dort Zwing Uri bauen, die Festung, von der aus er die Talleute zu unterwerfen gedachte. Als den Dritten im Bunde gewannen Fürst und Stauffacher den Landammann von Unterwalden, Arnold von Melchtal.

Die drei Eidgenossen im Bundeshaus zu Bern.

Wie es der Bundesbrief verbürgt, beschworen die Männer von Uri, Schwyz und Unterwalden ihren Bund auf dem Rütli, dem stillen Gestade am See – “geschehen im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August.” Vor der Arglist der Zeit gelobten sie einander “Beistand, Rat und Förderung mit Leib und Gut gegen alle und jeden, die ihnen Gewalt oder Unrecht an Leib oder Gut antun.” In jedem Fall hatte jede Gemeinde der andern Beistand zur Abwehr und Vergeltung von böswilligem Angriff und Unrecht zu leisten.
Heutzutage nennt man ein derartiges Bündnis Verteidigungspakt – und zwar absolut. Wird einer der Verbündeten angegriffen, kommen ihm alle anderen zu Hilfe. Es fällt schwer, in diesem Kontext nicht an die Charta des Nordatlantikpakts zu denken, die im grundlegenden Artikel 5 genau das postuliert.
Ohne dass sie das wissen konnte, beschworen Werner Stauffacher und seine Mitverschwörer auf dem abgelegenen, geschützten Rütli den Bund, dessen die Schweiz am 1. August jedes Jahres dankbar gedenkt.
Krieg steht bevor
Stauffachers zweite grosse Stunde schlug 24 Jahre nach den Rütlischwur am Morgarten. Den Habsburger Herrschern war der Freiheitsdrang der Urschweizer zutiefst zuwider. Rundweg weigerten sie sich, die alten Freiheiten der Talleute zu anerkennen, und zogen den Ring um die Eidgenossen immer enger.
Die Schwyzer entschlossen sich zur Offensive und besetzten 1313 am Zugersee den Flecken Arth  – im Wissen, dass gegen Österreich Krieg bevorstand. So liess Stauffacher sein Land befestigen. Mit doppeltem Pfahlwerk riegelten seine Schwyzer in Brunnen den Zugang vom See her ab. Am Ufer errichteten sie Wacht- und Schutztürme. Auch an der Rigi-Flanke leisteten sie ganze Arbeit: 2’500 Meter lang sicherte ihre Lezzi den Ort Arth ab. An den Grenzen zum Habsburgerland härteten sie die Abwehr an Engpässen und Einfallsachsen. Abgedeckt wurde auch die Strasse über den Sattel bei Rothenthurm. Offen blieb einzig der Weg über den Morgarten.
Auch Unterwalden härtete die Abwehr an Engpässen und Einfallsachsen. In Stansstaad tat es Arnold von Melchtal dem Stauffacher gleich: Die Talleute befestigten das Tor zum Alpnachersee dergestalt, dass es von Luzern her kein Durchkommen gab. Ebenso war Uri vom Gelände geschützt: Der Weg dem Urnersee entlang, den wir Axenstrasse nennen, liess sich taktisch gut verteidigen.
Gegner planen Zangenangriff
Im Brennpunkt verharrte Schwyz. Von 1314 an schaukelte sich der Konflikt im Marchenstreit mit dem Kloster Einsiedeln hoch. Doch längst waren die Eidgenossen gerüstet: Sie wollten und erzwangen ihre Selbstbehauptung. Für ihre Freiheit setzten sie ihr Leben ein. Habsburg angreifen? Kam nicht in Frage. Aber in der Abwehr waren die Landleute überragend stark.
Als ihr Gegner, Herzog Leopold I. von Habsburg, im Spätherbst 1315 seine Strafexpedition in die Urschweiz plante, beging er den Fehler, die Verteidiger sträflich zu unterschätzen. Siegessicher entwarf er mit seinem Spiessgesellen, dem Reichsvogt und Grafen Otto von Strassberg, den Angriffsplan. Dabei verkannte er das militärische Geschick der eidgenössischen Landammänner, allen voran Stauffachers Führungsgabe.
Mit dem Grafen Strassberg plante Leopold einen Zangenangriff:
  • Graf Otto sammelte sein Heer im Raum Meiringen. Für ihn galt es, den Brünig zu nehmen und vom Pass nach Alpnach durchzustossen. So musste es gelingen, den ungebärdigen Unterwaldnern den Meister zu zeigen. Mit 11’000 Mann war der Reichsvogt guten Mutes: Er werde, brüstete er sich, die Bauern schon niederwerfen.
  • Dem Herzog ging es um Schwyz und den Marchenzank. Der Habsburger erkannte in Stauffacher einen der Anführer der “unbotmässigen” Bauern, die er ein für allemal disziplinieren wollte. So zog er mit Rittern und Fussvolk ein mächtiges Heer zusammen. Auch er war mit 2’000 gut gerüsteten Reisigen und 7’000 Fusssoldaten den Verteidigern auf dem Pergament weit überlegen. Nur kannten die Eidgenossen ihr Gelände besser als der Adlige aus Österreichs Vorlanden; und ihr Geheimdienst funktionierte, während Leopold hochmütig, wie er war, auf die Erkundung verzichtete.
  • Zum Ausgangspunkt seines Feldzuges bestimmt Leopold die Stadt Zug.

Das Engnis am Morgartenberg

Spätherbst 1315: die Ausgangslage für Herzog Leopold I. Offen stand nur die Nebenachse dem Ägerisee entlang.

Hier lohnt sich der Blick auf die Karte. Von Zug nach Schwyz führt die Hauptachse dem Zugersee entlang über Arth, Goldau und Steinen zum Schwyzer Hauptort. Diesen Weg hatte Stauffacher abgeriegelt. Die Nebenachse über Ägeri, Morgarten und Sattel stand offen, war militärisch jedoch gefährlicher. Der Pfad führte am Ägerisee und dem südlich anschliessenden Sumpf durch eine lange Passage, die der Morgartenberg ostwärts hart einengt. Für einen Hinterhalt war die Stelle so ideal wie das Engnis am Trasimener See, an dem Hannibal 217 v. Chr. eine römische Legion aufgerieben hatte.

Den Eidgenossen kamen ihre Spione zugute, denen Leopolds Bereitstellung nicht entging. Aus dem Zugerland erhielten sie die Botschaft: “Hütet euch am Morgarten!” Das bestärkte sie in ihrer Lagebeurteilung: Die Habsburger tappten in die Falle, die sie ihnen in der Passage obligé am Morgartenberg zu stellen gedachten.

Am Abend des 14. Wintermonats sammelten sich am Sattel 1’300 Eidgenossen – entschlossen, den 9’000 Invasoren ein Blutbad zu bereiten. 700 Schwyzer empfingen 600 Urner und Unterwaldner, bewaffnet mit der Halbarte und dem Kurzschwert. Ihr Schuhwerk hatten sie mit Fusseisen befestigt. Landammann Stauffacher und Konrad Abyberg führten die Schwyzer, Freiherr Werner von Attinghausen die Urner, Heinrich von Zuben die Obwaldner und Ritter Klaus von Wisserlen die Nidwaldner. Im Morgengrauen des 15. Novembers bezogen die Eidgenossen ihr erstes gemeinsames Abwehrdispositiv:

  • Die Vorposten besetzten die Höhen bei Morgarten mit Blick gegen Norden: auf Ägeri.
  • 50 ausgewählte Krieger bezogen Stellung weit vorn an der Fisternfluh.
  • Ein stärkeres Detachement übernahm den Kamm auf der Figlerfluh.
  • Das Gros erwartete die Habsburger am höchsten Punkt des Weges. Dort bot eine Geländefalte dem Hauptharst Deckung.

“Die Blüte des Ritterstandes”

Leopolds Ritterheer kam glänzend daher – und sorglos. Unter den Lanzen seines Gefolges wiegte sich der Herzog noch immer in Sicherheit. Doch das enger werdende Gelände zog das Habsburgerheer bedrohlich in die Länge. Bald wälzte sich ein fünf Kilometer langer Bandwurm dem See entlang. Vorne ritten die Reisigen. Das Fussvolk marschierte dahinter und wähnte sich geschützt. Es war kalt, und der Pfad gefror. Fusssoldaten und Pferde glitten aus. Über dem Hinterhalt lag unheimliche Stille. Noch regten sich die Eidgenossen nicht. Sie konnten warten – bis Leopolds Kavallerie ganz in den Engpass eingetaucht war und die Spitze bei Schlatt den höchsten Punkt erreichte.

Die Hellebarde, auch Halbarte genannt, die furchtbare Waffe der Eidgenossen.

Und da geschah es!

Die Eidgenossen schlugen los. Jäh erwachte der Berg zum Leben. Von den Fluhen donnerten Felsblöcke und Baumstämme auf die langgezogene Kolonne nieder. Rosse bäumten sich auf, Ritter stürzten zu Boden, den Weg sperrten vorne und hinten die Verteidiger: den Vormarsch und den Rückzug hatten sie abgeschnitten. Österreichs stolzes Heer sass in der Falle.

Überraschung, Ortskunde, Taktik, Fusstruppe

1’500 Reisige wussten weder ein noch aus. 500 machten kehrt und ritten das eigene Fussvolk um. Die Pferde drängen die Kriegsknechte ab – in die Sümpfe und den See, wo sie elend umkamen. Unter den Eingekesselten richteten die Eidgenossen ein fürchterliches Blutbad an. In einer einzigen Stunde metzelten ihre Hellebarden und Schwerter die Eindringlinge nieder. Einzelne Reiter flohen in den Sumpf, der sie grausam verschlang. Kaum war der herbstliche Tag richtig angebrochen, lagen 2’000 Ritter und Soldaten gefallen am Weg: Der Sieg der Eidgenossen war komplett. Ein Bauernheer ohne Pferde hatte die berittene Blüte des habsburgischen Adels geschlagen – eine taktische Zäsur:

  • Es galten nicht mehr die Regeln des ritterlichen Gefechts. Den Eidgenossen ging es um die Vernichtung des Gegners, auf dass dieser nicht so rasch wieder in ihre Lande eindringe. Die Verteidiger nutzten die Überraschung perfekt. Sie klärten besser auf, sie wussten, wo und wann der Feind kam, und verharrten stumm in Deckung, bis der Moment zum Zuschlagen kam. Sie konzentrierten alle Kraft auf diesen historischen Augenblick und machten hernach mit den Adligen kurzen Prozess.
  • Unter Führung der ortskundigen Schwyzer nutzten die Eidgenossen das Gelände. Das war militärisch nicht neu. Von jeher suchten Taktiker dem Feind den Schlachtort so aufzuzwingen, dass das Terrain ihm und nicht dem Kontrahenten half. Hannibal lässt grüssen! Revolutionär war: Am Morgarten überrumpelten 1’300 Bauern ohne einen einzigen Reiter 2’000 Ritter und deren Fussvolk – exakt dort, wo der Engpass ihre numerische Minderzahl ausglich.
  • Stauffacher mied das Begegnungsgefecht auf offenem Feld. Jahrtausende lang hatte Feldherren Schlachten mit beweglicher, kampfstarker Kavallerie entschieden. Doch 1315 hinderten die Schwyzer Leopolds Ritterheer an der Entfaltung: Sie liessen den Reiterkampf nicht zu. So grosse Feldherren wie Alexander, Hannibal oder Cäsar kannten den Wert ihres Fussvolkes – aber stets in enger Abstimmung mit den Berittenen. Die Schlacht am Morgarten brachte den Sieg einer reinen Infanterie-Streitmacht: Sie leitete den Aufstieg der Fusstruppe ein.

Leopolds feige Flucht

Herzog Leopold setzte sich feige ab. Am linken Seeufer floh er über Fusspfade nach Norden. In Winterthur traf er zu Tode erschöpft ein, geschlagen, desillusioniert, ein gebrochener Mann. Und vom Brünig kam die Hiobsbotschaft: Auch Graf Otto hatte eine schwere Niederlage erlitten. Nachdem er bis Sarnen vorgedrungen war, schlugen ihn die Unterwaldner an der Sarner Aa in offener Feldschlacht, noch bevor er Alpnach erreicht hatte – geschweige den Stansstaad und den Lopper: Auch die Südwestzange hatte versagt.

Im Habsburger Machtbereich hinterliess die Grosstat der Eidgenossen Spuren. Ja die Kunde vom Überfall im Morgengrauen verbreitete sich im ganzen Abendland. Fortan galten die Eidgenossen als tüchtige, entschlossene, grausame Krieger. Aus der Not heraus schmiedeten sie ein redoutabales Heer von europäischem Ruf. In seiner Struktur war das eidgenössische Wehrwesen modern. Als erste Gemeinschaft riefen die Eidgenossen alle tauglichen Männer vom 16. Lebensjahr an unter die Waffen. Sie redeten noch nicht von allgemeiner Wehrpflicht; aber sie wandten sie an.

Für ihren jungen Bund leitete der 15. November 1315 zwei Jahrhunderte überragender militärischer Erfolge ein. Wegmarken bildeten Sempach 1386, Näfels 1388 und die Siege über den Burgunderherzog Karl den Kühnen 1476/77. Ihm raubten sie bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut und in Nancy das Blut. Erst 1515, mit der Niederlage von Marignano, fand ihr grandioser Aufstieg ein abruptes Ende. Marignano markierte den Beginn der Neutralität, der Staatsmaxime, die auch in der Gegenwart tief im Schweizervolk verwurzelt ist.

Der Bundesbrief, das singuläre Dokument

Der Bundesbrief der Eidgenossenschaft übertrifft in Prägnanz und Authentizität viele zeitgenössischen Quellen.

1968 ging in der Schweiz die lange Ära der vaterländischen Geschichtsschreibung zu Ende. Es übernahmen die linken Achtundsechziger Historiker, denen die Gründung der Eidgenossenschaft und die heroischen ersten zwei Jahrhunderte ein Greuel waren. Der Rütlischwur? nie geschehen! Morgarten? eine Legende! die Burgunderkriege? weit überhöht – alles Pathos, überholt, unbewiesen, “unhistorisch”…

Nur überlagert da Ideologie die Quellen. Den Bilderstürmern von 1968 passte die eidgenössische Urgeschichte nicht ins Konzept; denn der Schweizer Freiheitswillen zieht aus ihr Kraft und Legitimation. Der Weg von 1291 bis 1513, vom Rütli zur Eidgenossenschaft der 13 Orte, war stark vom Wehrwillen und von militärischer Stärke geprägt. Ohne den Widerstandswillen am Morgarten, bei Sempach und Näfels wäre der Bund der freien Schweizer untergegangen. Das ist der pazifistischen Linken zutiefst zuwider.

Zum Rütli besitzt die Schweiz im Bundesbrief ein einzigartig starkes Geschichtsdokument. Wenn sich die zeitgenössischen Mediävisten in den Irrungen und Wirrungen ihrer soziologisch angehauchten Narrative verstricken, stützen sie sich auf ein Quellenmaterial, das dem Bundesbrief in seiner Prägnanz und Authentizität weit unterlegen ist. Zur Schlacht am Morgarten kommt den Patrioten zusätzlich die Archäologie zu Hilfe. Namentlich die Sümpfe gaben Tausende von Funden frei, die das Schlachtgeschehen zwingend belegen.

“Ewigen Bestand”

Der Erinnerung an Werner Stauffacher tun die “modernen” Historiographen keinen Abbruch. Friedrich Schiller verewigte ihn 1804 im “Wilhelm Tell”. 1941, mitten in der Bedrohung durch Nazi-Deutschland, setzte Leopold Lindtberg dem “Landammann Stauffacher” ein filmisches Denkmal. Und im Bundeshaus zu Bern beherrschen Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal die Eingangshalle in steinerner Pracht – gemäss ihrem Schwur, ihr Bund “solle, so Gott will, dauernden Bestand haben.”

Lindtbergs Film von 1941. Rechts Heinrich Gretler als Stauffacher.

Anne-Marie Blanc als Gertrud Stauffacher.

Heinrich Gretler.