BISS – Sieben Kanonen auf einen Spatz

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Von Dr. Peter Forster, Erstabdruck in der “Weltwoche” vom 7. Oktober 2021

 

Als die Bundesanwaltschaft Alain Bersets Ex-Geliebte dingfest machte, liess der Bund  die Elitetruppe Tigris gleich zu siebt aufmarschieren. Das mutet schlicht unverhältnismässig an.

2009 warf die Weltwoche zu Tigris kritische Fragen auf. Es folgte ein publizistischer Gegenschlag: Das Bundesamt für Polizei suchte die Einsatzgruppe weiss zu waschen; und die GPK des Ständerates fand an der damals 14 Mitglieder zählenden Formation nichts Martialisches.

Dem widersprechen Insider, die wir fragten: Unterscheidet sich Tigris von all den kantonalen Eliteverbänden, von den Skorpionen, Luchsen, Leuen, Basilisken und wie sie alle heissen, die Romands GRIF, Cougar und GIGG inbegriffen?

In klassischer Kampfmontur

Ein Top-Experte hält fest: „Tigris entspricht in Selektion, Training, Rüstung und Einsatz den kantonalen Interventionseinheiten.“ Tigris legt die Latte so hoch wie Argus, Enzian, Diamant, Kristall und andere.

Die Truppe der Bundeskriminalpolizei weist einen überschaubaren Bestand auf; umso schärfer trifft sie ihre Auswahl. Elitetruppen nehmen nur erprobte Polizisten auf, die in der Regel unter 32 Jahre alt sind.

Wer sich bewirbt, muss physisch, mental, charakterlich den Elite-Anspruch erfüllen. Vor allem anderen muss er krisenfest sein, will heissen: auch unter Druck kühlen Kopf bewahren. Das wird auch von Chefs und Auftraggebern erwartet, versteht sich.

Zu Tigris sucht Bundesbern den Eindruck zu erwecken, die Gruppe sei primär für Zugriffe da: für das Festhalten oder – wie die Sprache im Fall der Berset-ex-Freundin regelt wird – für das Anhalten. 

Anderseits zirkulieren auf dem Netz Bilder, die Tigris-Gruppen in Kampfmontur zeigen – landesüblich, regelkonform. Es sind stämmige Männer mit schwarzem Helm, kurzläufigem Sturmgewehr, Schutzmaske, Kevlarweste, Kampfstiefeln.

Angriff zu siebt

Klassisch greifen sie zu siebt an. Der vordere Operator trägt den massiven Schutzschild und eine starke Lampe: auch das gemäss Lehrbuch. Ein Fahrzeug deckt den Angriff. Vergleichen wir Tigris-Bilder mit Szenen von Barrakuda oder STEP oder DARD*4! Wir erkennen: all das ist deckungsgleich – unité de doctrine, schweizweit.

Nach allen Quellen verhielt sich Bundesrat Bersets ex-Freundin bei der Festnahme korrekt. Sie wurde im Kanton Zürich von einer Polizistin und einem Polizisten angehalten, die von fünf Tigris-Elementen gedeckt wurden.

Die angehaltene Frau fuhr dann anstandslos in einem Polizeiwagen nach Bern. Tigris ging in ziviler Kleidung vor. Zivil heisst in Elite-Verbänden: Jacke oder Veston, oft anthrazit oder grau. Wer die linke Schulter anschaut, der erkennt: Unter dem Leder oder dem guten Tuch trägt der Polizist ein Holster mit Pistole – Beretta, Glock, SIG-Sauer und so fort, alles vom Feinsten.

Kenner der Polizeiszene fragen zu Recht: Musste es für das harmlose Anhalten der Berset-„Bekannten“ gleich Tigris sein? Und wenn die Zahl 14 noch stimmt, mit dem halben Bestand!

Auch zwei stationierte Polizeikräfte hätten es getan: eine Polizistin und ein Polizist. Oder das Kommando hätte eine Patrouille beauftragt, wieder mit Frau und Mann. Aber der Befehl kam von der Bundesanwaltschaft, nicht von einem kantonalen Kommando.

In Kantonen gelangen Spezialeinheiten dann zum Einsatz, wenn die Person im Waffenregister aufgeführt ist. Bersets Ex-Freundin figurierte weder im Register noch besass sie Waffen.

James Bond mitten in der Schweiz?

Mehrmals habe ich Übungen von Einsatzelementen von nahe beobachtet, in Abbruchbuden, Ortskampfdörfern, in der Terrorabwehr und im Zugriff. Stets erlebte ich kompetente Frauen und topfitte, reaktionsschnelle Männer.

Rambos findet man in den Elitegruppen so wenig wie bei den Armeegrenadieren. Der Tigris-Chef wird als ausgesucht höflicher, überlegter Vorgesetzter geschildert, der sein Handwerk von der Pike auf beherrscht.

Dies entspricht dem Bild, das ich auch von kantonalen Einsatz-Chefs gewann. In überschlagenden Lagen reagieren sie, wenn nötig, im Minutentakt. Jäh überfallen in der Tiefgarage supponierte Attentäter ein Elite-Detachement.

Die Einsatztruppe erwidert das Feuer in Sekundenbruchteilen und streckt die Angreifer nieder. Das Medic-Team eilt herbei. Mit Tourniquets leistet es Erste Hilfe, der Transport ins Spital erfolgt sofort.

James Bond mitten in der Schweiz? Nein! Elite-Einheiten handeln der Lage angemessen. Ihre Führung und Stabsarbeit gehorcht den Regeln der Armee. Die Einsatzleiter kennen und beachten die Verhältnismässigkeit. Umso mehr bestürzt es, dass der Bund im Fall der Berset-ex-Freundin mit Kanonen auf Spatzen schoss.

Bleibt die Frage der Alarmfestigkeit. In der flirrenden Welt der Spezialkräfte geniesst Tigris einen soliden Ruf. Aber oben? Bis hinauf zum Drahtzieher? Wenn die Sicherungen gegenüber einer einfachen Frau so schnell durchbrennen – was wäre, zum Beispiel, wenn der Terror in der Schweiz zuschlüge?