Shoigus Feindbild: die ballistische Rakete Tochka-U (SS-21)

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Parade in Russland vor 2019: die Tochka-U auf ihrem Trägerfahrzeug.

An der strukturierten Konferenz des russischen Sicherheitsrates warnte der Verteidigungsminister, General Shoigu, eindringlich vor den 90 9K79-Tochka-U-Raketen im Arsenal der Ukraine. In der Regel spricht Shoigu gepflegt auf strategischer Ebene. Was nur bewog, mehrmals emotional auf die Tochka-U einzugehen?

Schwer zu sagen! Die 9K79-Raketen stammen aus der Sowjetunion. Als die UdSSR Ende 1991 unterging, erhielt die Ukraine insgesamt 90 damals begehrte Tochka. Den Hauptbestand sicherte sich Russland, das die ballistische Rakete jedoch 2019 ausser Dienst stellte und durch die neuere 9K723 Iskander (NATO-Codename: SS-26 Stone) ersetzte. Seither ist die Iskander der Schrecken aller Länder, die von der Iskander-Stellung Kaliningrad aus in einem Umkreis von 500 Kilometern erreicht werden können.

Wo dann liegt der Hase im Pfeffer? Die Tochka wurde unzählige Male kawestiert. Von kaum einer anderen ballistischen Rakete sind derart viele Versionen im Umlauf. Was Shoigu so umtreibt, ist die Tatsache, dass die 90 ukrainischen Tochka nicht nur konventionell, sondern auch nuklear bestückt werden können.

Nun ist die Ukraine erklärtermassen keine Atommacht, weil sie 1994 auf Nuklearwaffen aus Sowjetbeständen verzichtete und ihre Massenvernichtungswaffen an Russland abgab – gegen Moskaus Zusicherung, man respektiere die territoriale Integrität der Ukraine; was im März 2014 nur noch Makulatur war, als Putin die Krim annektierte und die Provinzen Donezk und Luhansk besetzen liess.

Shoigu redete am 21. Februar 2022 im Kreml von nuklearen NATO-Gefechtsköpfen in Deutschland. In der Tat lagern in Büchel (Rheinland-Pfalz) 20 amerikanische Atombomben. Den Konnex zu den ukrainischen Tochka stellte Shoigu nicht her.

Was ist, was kann die Tochka-U?

Die SS-21 Scarab (so der NATO-Code) löste bei der Sowjetarmee die FROG-7-Systeme ab. Das System wurde in grossem Umfang exportiert. Neben den sowjetischen Streitkräften wurde es von elf Staaten beschafft. In der Folge kam die SS-21 bei verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen zum Einsatz. Die sowjetischen und später die russischen Streitkräfte setzten die SS-21 in Afghanistan, Tschetschenien und im Kaukasuskrieg 2008 ein. Im Bürgerkrieg in Syrien wird die SS-21 von der syrischen Armee eingesetzt.

Am 21. Februar 2020 wurden zwei OTR-21 von der syrischen Armee gegen die von der Türkei unterstützten HTS-Rebellen eingesetzt und Raketenwerfer und Haubitzen getroffen, die zuvor die syrische Armee beschossen hatten. 2014 und 2017 hat die ukrainischeArmee die Waffe gegen Ziele bei Luhansk eingesetzt. Die SS-21 kommt im Bürgerkrieg in Jemen und im Rahmen der Militärintervention im Jemen seit 2015 zum Einsatz. Im Zuge vom Krieg um Bergkarabach 2020 beschossen die Streitkräfte Armeniens die Stadt Gəncə in Aserbaidschan mit einer unbekannten Anzahl 9K79-Totschka-Raketen.

Bei den Streitkräften Russlands war die 9K79 Totschka bis Ende 2019 im Einsatz. Sie wurde durch die 9K723 Iskander (NATO-Codename: SS-26 Stone) ersetzt.

Die minimale Einsatzdistanz liegt je nach Version bei 15 bis 20 km. Die maximale Einsatzdistanz liegt je nach Version bei 70 bis 120 km.[1] Die Raketen erzielen einen Streukreisradius (CEP) von 50 bis 300 m (je nach Version und Schussdistanz).[2][3][4]

Die Raketen können mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückt werden:

  • 9N39: mit AA-60-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 10–100 kT.
  • 9N64: mit AA-86-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 5–50 kT.
  • 9N64: mit AA-92-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 100–200 kT.
  • 9N123F: 482 kg schwerer Splittergefechtskopf. Splitterwirkungskreis 80–100 m.
  • 9N123F-1: verbesserter 9N123F-Splittergefechtskopf. Splitterwirkungskreis 100–150 m.
  • 9N123FP: Splittergefechtskopf für die Raketen 9M79R. Splitterwirkungskreis 80 m.
  • 9N123K: Gefechtskopf für 50 9N24-Splitter-Bomblets (Submunition).
  • 9N123G: Gefechtskopf für 65 Bomblets mit dem chemischen Kampfstoff VX]
  • 9N123G2-1: Gefechtskopf für 65 Bomblets mit dem chemischen Kampfstoff GD.

Beim Zielanflug wird die Rakete in einer Höhe von rund 450 m auf einen Winkel von 80° zur Erdoberfläche eingeschwenkt. Der 9N123F-Splittergefechtskopf ist in einem Winkel von 10° zur Längsachse der Rakete eingebaut. Dadurch befindet sich der Gefechtskopf im Moment der Detonation in einer senkrechten Lage über dem Ziel und entfaltet eine optimale Flächenwirkung.

Der Splittergefechtskopf wird durch einen Laser-Näherungszünder in einer Höhe von 15–21 m zur Detonation gebracht und hat je nach Ausführung einen Splitterwirkungskreis von 80–150 m. Der 9N123F-Splittergefechtskopf wiegt 482 kg, hat einen Sprengstoffanteil von 162,5 kg und erzeugt 14.500 Splitter. Der 9N123K-Bomblet-Gefechtskopf öffnet sich in einer Höhe von 2.250 m und verteilt die Bomblets in einem kreisförmigen Gebiet von 20.000–30.000 m². Das 9N24-Splitter-Bomblet wiegt 7,45 kg und erzeugt 316 Splitter.