Sherman – der Panzer der Sieger

Standard

 

 

Bourg la Reine

 

Wie der russische T-34 zählt der amerikanische Sherman mit seiner charakteristischen Silhouette zu den Panzern, die im Zweiten Weltkrieg massgeblich zum alliierten Sieg über Nazi-Deutschland und Mussolinis Faschisten beitrugen. Unser Panzerkenner Hagen Seehase schildert spannend die Geschichte eines ganz bestimmten französischen Sherman in der 2eme Division Blindée. Ein Lesestoff nicht nur für Panzerkader, sondern für alle am Weltkrieg Interessierte.

 

„Bourg la Reine“

An der westlichen Stadtgrenze des Ortes Phalsbourg im Department Moselle steht als Mahnmal ein Sherman der 2. französischen Panzerdivision, der berühmten 2eme Division Blindée. Dieser Großverband wurde im II. Weltkrieg von General Philippe Leclerc de Hautecloque kommandiert. Der Sherman befindet sich genau an der Stelle, an der er am 21./22. November 1944 bei den schweren Gefechten um Phalsbourg außer Gefecht gesetzt wurde.

Der Panzer, ein Sherman M4A3, gehörte zum 3eme Peloton, 3eme Escadron des 12eme Regiment de Cuirassiers, das seit dem 11. November von Colonel Marc Rouvillois kommandiert wurde. Die 3eme Escadron war der TF Quilichini (benannt nach ihrem Kommandeur, Chef de Bataillon Robert Quilichini) zugeteilt. Diese Task Force gehörte zur Kampfgruppe Dio (Combat Command Dio, kurz CCD, benannt nach Colonel Louis Dio).

In Saverne. Sherman mit seiner charakteristischen Silhouette.

Die 2eme Division Blindée – Einmarsch in Saverne.

Die Besatzung des Fahrzeugs bestand aus dem Kommandanten Maréchal des Logis Selve, dem Fahrer Brigadier Chef Barrau, dem Bug-MG-Schützen Cuirassier Picon, dem Richtschützen Cuirassier Bigeard und dem Ladeschützen Cuirassier Bourée.

Bei seinem letzten Gefecht wurde „Bourg la Reine“ von einem Geschoss aus einer 88mm-Kanone getroffen, Brigadier Chef Barrau dabei getötet. Ein zweiter Treffer setzte den Drehmechanismus der Turmes außer Kraft, das Fahrzeug war außer Gefecht, die Besatzung bootete aus. Ein dritter Treffer setzte den Treibstoffvorrat in Brand. Das brennende Fahrzeug wurde von weiteren Geschossen getroffen.

Die Besatzung wurde von einem Sanitäts-Halftrack aufgenommen, der seinerseits von PAK-Geschossen getroffen wurde. Der Motor fing Feuer, ein Besatzungsmitglied (die Krankenschwester, die den Halftrack steuerte) wurde getötet. Die anderen Fahrzeuginsassen, Sanitäter und Verwundete, konnten sich  in Sicherheit bringen, zum Teil mit erheblichen Verbrennungen.

Von der Besatzung von „Bourg la Reine“ erlitten Selve, Bigeard und Bourée Verwundungen.

Die 2eme Division Blindée

Die 2eme Division Blindée bestand ähnlich amerikanischen Panzerdivisionen aus drei Panzerregimentern (12eme Regiment de Cuirasiers, 12eme Regiment de Chasseurs d´Afrique, 501eme Regiment de Chars de Combat), die Bataillonsstärke hatten. 

Dazu kam ein Infanterieregiment (Regiment de Marche du Tchad) mit drei Bataillonen, ein Artillerieregiment mit drei Bataillonen, Flugabwehr und Divisionstruppen (Pioniere, Logistik, Administration). Das Aufklärerregiment der Division war das 1er RMSM (1er Regiment de Marche de Spahis Marocains). Im permanent zugeordneten Panzerjägerbataillon, dem Regiment Blindé de Fusiliers Marins, diente das wohl berühmteste Mitglied der Division, der Filmschauspieler Jean Gabin. Auch bei den Panzerjägern diente der Sohn General de Gaulles, der Offiziersanwärter Philippe de Gaulle, als Zugführer 

  • Gegliedert waren französische Panzerdivisionen nach amerikanischem Vorbild in Combat Commands, die jeweils ein Panzerregiment, ein Infanteriebataillon, ein Artilleriebataillon, manchmal auch Aufklärer umfassten. Bei der 2eme Division Blindée waren die Combat Commands (oder „Groupements tactiques“ auf Französisch) – Combat Command Dio, Combat Command Warabiot, Combat Command de Langlade – nicht numeriert, sondern nach ihren Kommandeuren benannt.
  • Das zunächst (bis zum 2. 9. 1944) von Colonel Louis Warabiot kommandierte Combat Comand hieß aber „CCV“ (oder, auf Französisch „G.T.V.“). Ein viertes, zeitweilig ins Leben gerufenes Combat Command unter Colonel Remy bestand im Kern aus den Panzeraufklärern der Division.
  • Ein Panzerregiment wie das 12eme Regiment de Cuirassiers, zu dem „Bourg la Reine“ gehörte, bestand aus einer Stabskompanie, einer Kompanie mit 17 leichten Kampfpanzern vom Typ  M3-Stuart und drei Kompanien mit jeweils 17 Shermans.

Befreiung von Paris 1944

Die 2eme Division Blindée hatte eine bedeutende Rolle bei der Befreiung von Paris gespielt und war im Herbst 1944 dem von General Wade Haislip kommandierten XV. amerikanischen Korps unterstellt. Zum XV. Korps gehörten neben der französischen Panzerdivision noch zwei amerikanische Infanteriedivisionen: die 44th Infantry Division und die 79th Infantry Division. Das XV. Korps gehörte wie das VI. Korps zur Seventh Army (US) unter Generalleutnant Alexander Patch. Zusammen mit der (französischen) 1re Armée unter General Jean de Lattre de Tassigny bildete die Seventh Army (US) die 6th Allied Army Group unter dem Kommando von General Jacob Devers. 

Bourg la Reine nach dem Gefecht.

Spuren des Kampfes.

Der Auftrag von Haislips XV. Korps bestand darin, die Vogesen zu überschreiten, ins Unterelsass vorzudringen und eventuell Rheinübergänge zu sichern. Die Einnahme Straßburgs war dagegen für die 2eme Division Blindée und ihren Kommandeur General Leclerc von besonderer Bedeutung.

Er hatte 1941 bei der Eroberung der Oase Koufra, einem italienischen Saharastützpunkt, mit seinen Männern geschworen, die Trikolore auf dem Straßburger Münster zu hissen: „Jurez de ne déposer les armes que lorsque nos couleurs, nos belles couleurs, flotteront sur la cathédrale de Strasbourg.“ Der Weg nach Straßburg führte über die „Zaberner Steige“ („Col de Saverne“), einen Einschnitt zwischen den mittleren Vogesen und den Nordausläufern der Vogesen. Am Ostausgang der Zaberner Steige liegt Saverne, eine aus einer alten Römersiedlung hervorgegangene Stadt, die jahrhundertelang Residenz der Straßburger Bischöfe war. Am Westausgang liegt Phalsbourg.

Zur Verteidigung des Elsass verfügte die 19. Armee unter General der Infanterie Friedrich Wiese über neun Divisionen, nördlich des Rhein-Marne-Kanals, also genau im Bereich der Zaberner Steige schloss sich der Bereich der deutschen 1. Armee an. In der Nähe der Zaberner Steige lagen drei Volksgrenadierdivisionen: die von Generalmajor Alfred Philippi kommandierte 361. Volksgrenadierdivision (1. Armee) nördlich des Kanals und die 553. Volksgrenadierdivision und die von Generalmajor Wilhelm Bleckwenn kommandierte 708. Volksgrenadierdivision (beide 19. Armee) südlich davon.

An der Zaberner Steige

General Patch entschloss sich, Haislip für den Angriff die 45th Infantry Divsion des VI. Korps zu unterstellen.

  • Der Kommandeur des Combat Command Dio, Colonel Louis Dio, schätzte die Stärke der deutschen Verteidigung nördlich der Zaberner Steige richtig ein, und detachierte die TF Rouvillois am Morgen des 21. Novembers nach Nordosten. Am frühen Abend hatte die Task Force das Städtchen La Petite Pierre in den Vogesen eingenommen, während nordwestlich der TF Rouvillois der Aufklärungsverband des XV. Korps, die 106th Cavalry Group, sicherte.
  • Mittlerweile hatte die zweite Task Force des CCD, TF Quilichini, schwache deutsche Sicherungen bei Mittelbronn bezwungen und war rund zwei Kilometer weiter östlich auf gut verteidigte Panzersperren auf der Route Nationale 4 knapp westlich Phalsbourg gestoßen. Derweil überquerte das zur 44. US-Infanteriedivision gehörende 324th Infantry Regiment bei Sarraltroff die Saar.
  • Südlich davon hatte am Abend des 20. November die TF Massu vom Combat Command de Langlade auf kurvigen Vogesenstraßen Dabo  erreicht, wo sie auf das CCV wartete.
  • Der 553. Volksgrenadierdivision gelang es nicht, die Straße nach Dabo zu sperren. Die noch nicht von den Franzosen eingekesselten Teile zogen sich schnell zurück. Der Kommandeur, Generalmajor Hans Bruhn, sammelte 1800 Mann und rückte an amerikanischen Vorposten vorbei über Arzviller nach Phalsbourg, wo die Truppen die Verteidigung der Zaberner Steige verstärkten. Ebenfalls trafen dort die Unteroffiziersschüler der Garnison von Bitsch ein.

General Leclerc.

Leclerc im Gefecht.

Leclerc beurteilt Lage richtig

General Leclerc hatte richtig kalkuliert, dass die kleinen Straßen durch die Vogesen südlich und nördlich der Zaberner Steige nicht so stark verteidigt würden wie die Hauptroute. Bei Arzwiller beispielsweise war eine solche Lücke in der deutschen Verteidigung. TF Minjonnet kämpfte den ganzen 21. November mit versprengten deutschen Einheiten südlich von Arzwiller. TF Massu durchbrach die deutsche Verteidigung am Wolfsbergpass und brach, gefolgt vom CCV, nach Osten in die Ebene ein. Massu wendete sich nordwärts gegen Saverne, das CCV rückte weiter nach Osten Richtung Straßburg.

Während Massu in Saverne 800 Wehrmachtsoldaten gefangennehmen konnte, darunter Generalmajor Bruhn, stieß im Norden TF Rouvillois aus den Vogesen ostwärts vor. Zwischen Straßburg und den französischen Panzerspitzen gab es nun keine nennenswerte deutsche Abwehr mehr. Eine französische Task Force, die TF Minjonnet, rückte von Saverne die Zaberner Steige hoch und griff die deutsche Verteidigung im Engpass an. Die deutschen Truppen verließen Phalsbourg oder ergaben sich der 44. US-Infanteriedivision. Wenig später stießen die Amerikaner auf die von Saverne kommende 7. Kompanie des Regiment de Marche du Tchad.

Seit 1951 dient der inzwischen teilrestaurierte Sherman als Mahnmal. Er steht direkt an der Abfahrt Phalsbourg der Autobahn Paris-Strasbourg.

Nach General Leclerc ist der Kampfpanzer der französischen Armee benannt.