Seelow 3: Roter Stern über Brandenburg

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Siehe auch > Seelow 1: auf Schukows Gefechtsstand und Seelow 2: Stalinorgel, T-34, Geschütze, Granatwerfer und 1945: Schlacht um die Seelower Höhen

Seelower Höhen 16.–19. April 1945. Rot Schukows Armeen. Schwarz Wehrmacht.

Vom Brandenburger Tor führt unsere Fahrt ans Oderbruch zuerst durch das ausgedehnte Ost-Berlin – unter den Linden, durch die pompöse frühere Stalin-Allee und die flachen Vororte.

Nach der Stadtgrenze empfängt uns die Mark Brandenburg in goldener Pracht. Unsere Route mündet in die alte Reichsstrasse Nummer 1, die Preussens Herrscher im 18/19. Jahrhundert bis ins ostpreussische Königsberg anlegen liessen. Mit 1’293 Kilometern war sie längste Strasse der damaligen Grossmacht.

Alleen, so weit das Auge reicht.

Die alte Reichsstrasse Nummer 1 (rot) führte bis Königsberg.

Im Brennpunkt der Schlacht von 1945: Küstrin, das Oderbruch und die Seelower Höhen. Oben rechts erkennbar die alte Reichsstrasse 1 von Berlin in Richtung Küstrin (roter Punkt).

Als Georgi Schukow im April 1945 den Marsch auf Berlin plante, bestimmte er die Reichsstrasse als Mittelachse. Sein Entschluss war logisch – wie in der Regel alles, was der Marschall befahl. Von der Oder führte die Strasse Nummer 1, heute die B1, direkt ins deutsche Macht- und Kraftzentrum um das Brandenburger Tor.

Zehn Stoss- und Panzerarmeen

Schukow liess seine zehn Stoss- und Panzerarmeen, darunter drei Gardeformationen, rittlings der von Eichen gesäumten Alleen angreifen. Im April 1945 gerieten die Seelower Höhen zum Schlachtfeld. Der sowjetische Vormarsch hinterliess zerkarrte Äcker, zerstörte Dörfer und ausgebrannte Panzerwracks. Heutzutage vermittelt die Schönheit des herbstlichen Oktobertags einen bleibenden Eindruck von den Wäldern und fruchtbaren Feldern der Mark Brandenburg. So weit das Auge reicht, bilden über der meist schnurgeraden B1 alte Eichen Spalier.

Reichsstrasse Nummer 1.

Uns zieht es nach Osten, zur Oder, zum strategischen Flussübergang von Küstrin, heute polnisch Kostrzyn. Es bereitet Mühe, den rheinischen Kanzler Adenauer zu verstehen. Jedesmal, wenn sein Zug nach Berlin über die Elbe rollte, zog er die Gardinen, weil er die “ostelbische Wüste” verschmähte. Was für ein Fehlurteil eines grossen Mannes!

Auf seinem Gefechtsstand am Reitweiner Sporn legte Schukow Zwischenziele fest: Seelow, Müncheberg und den Berliner Stadtrand. Müncheberg, heute “Forschungsstadt”, liegt auf halbem Weg. Der Roten Armee schenkte der Knotenpunkt eine kurze Atempause vor dem Sturm auf Berlin.

Durch die Märkische Schweiz

Wir durchqueren die Märkische Schweiz und streben in leichtem Gefälle dem Oderbruch zu. Den Schweizer Gästen mutet die historisch-geografische Bezeichnung “Seelower Höhen” eigenartig an. Die sanft gewellte Landschaft hiesse bei uns eher Plateau. Amtlich heisst sie seit jeher Märkisch Oderland (MOL an den Autos).

Über das stattliche “Gasthaus Jahnsfelde an der B1” und den namensgebenden Ort Seelow erreichen wir die 1992 gebaute Stahlbrücke über die Oder. Auch der sächliche Begriff “Das Oderbruch” enttäuscht an dieser Stelle. Gewiss steigt das Gelände am Westufer an.

Der westwärts “intakte” Zugang zur zerstörten Eisenbahnbrücke.

Blick nach Norden. Polen brach die Bahnbrücke am östlichen Kopf ab und machte sie unbrauchbar.

Die neue Stahlbrücke. Der nähere Pfeiler markiert die Landesgrenze. Quer Mauerreste der Festung Küstrin.

Aber bei der alten, gegen Osten abgerissenen und an der neuen Brücke nimmt sich die teils befestigte Böschung nicht gerade als unüberwindbares Hindernis aus. Die Oder abwärts jedoch fällt das Bruch steil und für den Angreifer böse ab. Dort verlor die Rote Armee viele tausend Soldaten.

Zu Fuss nach Polen

Auf der stählernen Brücke pulsiert der Verkehr. In Richtung Polen ziehen lange Autokolonnen vorbei – mit dem Kennzeichen “B”: Viele Berliner fahren zum Einkaufen nach Küstrin. Wir lassen unseren Renault auf dem deutschen Ufer stehen und pilgern zu Fuss ins Nachbarland. Rechts grüsst die mächtige Festung Küstrin – Bollwerk und Sprungbrett zugleich.

Leutnant Hans Hermann von Katte.

Kattes Hinrichtung. Am Fenster schaut Friedrich machtlos zu: Er kann seinem Freund nicht mehr helfen.

Das Gefängnis in der Festung hat sich fest in das Gedächtnis der Deutschen eingegraben. Dort liess Friedrich Wilhelm I, der Soldatenkönig, am 6. November 1730 den Freund seines Sohnes Friedrich, den Leutnant Hans Hermann von Katte, köpfen, nachdem die beiden Fahnenflucht begangen hatten.  Der junge Friedrich musste sich die Hinrichtung aus einem Festungsfenster ansehen. Aus ihm wurde Friedrich II. der Grosse: Philosoph, Voltaire-Kenner und Begründer von Preussens Vormacht.

Angriff um 3.20 Uhr

Schukow nahm die Festung Küstrin schon am 2. Februar 1945.

Doch musste die 1. Weissrussische Front rekuperieren, bevor sie den finalen Vorstoss auf Berlin antrat. Ihr Nachschub stockte nach dem rapiden Gewaltmarsch von der Weichsel an die Oder. Doch das Vorgehen der Westalliierten in Richtung Elbe zwang Stalin Mitte April zur Attacke. Und er wollte den Reichstag am 1. Mai einnehmen.

In der Nacht zum 16. April 1945 liess Schukow Mitternacht verstreichen. Um 3.20 Uhr setzte er auf einer Frontbreite von 175 Kilometern seine Stossarmeen in Marsch, nachdem die Artillerie aus 40’000 Rohren ihr Trommelfeuer geschossen hatte, mit der 152-mm-Haubitze und der Stalinorgel BM-13-16-NM.

Am dritten Tag brach die 1. Panzergardearmee durch, am vierten besetzte sie Müncheberg. Anderthalb Wochen vor Hitlers Tod forderte die Schlacht noch einmal das Leben von mehr als 100’000 Soldaten. Seelow war in den Weltkriegen das blutigste Ringen auf deutschem Boden.

Unheimliche Sowjetruine

Bis 1994 beherbergte die Sowjetkaserne das HQ einer Panzerdivision.

Zurück am deutschen Ufer bietet uns eine riesenhafte, direkt am Wasser gelegene Ruine einen unheimlichen Anblick. Eingehagt und verwachsen zerfällt eine mächtige sowjetische Kaserne: leer, verlassen von der Roten Armee, die an der operativ wichtigen Brücke von Polen zur DDR eine Panzerdivision stationiert hatte.

Besser imstand, von Polen restauriert: Festungstor Küstrin.

Bastion der Küstriner Zitadelle.

Ein älterer Mann patrouilliert als Wächter dem Zaun entlang. Er spricht uns freundlich an. Der Waffenplatz erstrecke sich fast zwei Kilometer dem Ufer entlang, und ins Landesinnere messe er auch gut 800 Meter. Die Sowjets hätten ihre Panzer, zuerst T-34, dann T-54/55 und T-62 im Innenhof versteckt. Das Gelände sei kontaminiert. Mit einer Sanierung sei nicht zu rechnen. Zu schlimm hätten Munitionsreste und Dieselöl den Boden zerstört.

Auf der Rückfahrt weichen wir kurz von der Reichsstrasse 1 ab, um das Ausmass der Kaserne zu erkennen. In der Mitte der nördlichen Wand ragt das Hauptquartier heraus: grösser, imposanter, ein HQ eben. Über Manschnow biegen wir wieder in die B1 ein – voller Impressionen vom Brennpunkt einer Schlacht, die so kurz vor Kriegsende als eine der unsinnigsten in die Geschichte einging.

Links die Distanz der Bundesstrasse 1 nach Aachen: 778 km. Rechts der schiefe alte DDR-Grenzpfahl 555.

Die Redaktion dankt dem Reiseführer und Brandenburg-Kenner Matthias Forster für die Bilder.