Schwere Massaker-Vorwürfe

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Die Kirche von Bucha. Erkennbar Massengräber.

Die schweren Massaker-Vorwürfe der ukrainischen Regierung an die russische Armee erschüttern die Welt. Kiew wirft den Russen vor, in Bucha nordwestlich von Kiew an mehr als 400 Zivilisten ein brutales Kriegsverbrechen begangen zu haben. Der grausame Vorwurf des Genozids, des Völkermords, wird erhoben. Die Ukraine fordert: Die internationale Gemeinschaft muss das Geschehen untersuchen, die Täter sind zur Rechenschaft zu ziehen, sie gehören vor Gericht. Selensky spricht wie Biden in Warschau von “Schlachtern”.

Wie immer, wenn es um Massaker geht, gilt die Regel: “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.” Fürchterliche Fotos, herzzerreissende Videos gehen um die Welt.

Was immer in Bucha geschah, brachte der Krieg unsägliches Leid über die Einwohner der Stadt, die vor der Flucht 36’900 Einwohner gezählt hatte. Im 20. Jahrhundert führten das schwere Kriegsverbrechen vom 11. bis zum 19. Juli 1995 in Srebrenica, das Brotschlangen-Massaker vom 27. Mai 1992 in Sarajevo und der Auftritt der “Krankenschwester Nayirah” vom 10. Oktober 1990 vor dem Senat in Washington jeweils zu entscheidenden politischen Beschlüssen: 2 x zum militärischen Eingreifen der Weltmacht USA, 1 x zum UNO-Embargo, das Serbien hart ankam.

Es folgt zu den drei Ereignissen und ihren politischen Konsequenzen je eine kurze Schilderung. Es ist sehr wohl denkbar, dass russische Truppen das Bucha-Massaker begingen und Kiew die Schuld der Invasoren beweist. In jedem Fall geht Bucha in die Militärgeschichte und in die makabre Chronik von Kriegsverbrechen ein.

 

1995: Der Genozid von Srebrenica

  • Das Massaker von Srebrenica war ein Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg (1992–1995). UNO-Gerichte klassifizierten es gemäss der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes als Genozid. Das Massaker zog sich über mehrere Tage hin – vom 11. bis zum 19. Juli 1995 – und verteilte sich auf mehrere Tatorte in der Nähe von Srebrenica. Mehr als 8000 Bosniaken – fast ausschliesslich Männer und Knaben zwischen 13 und 78 Jahren – wurden ermordet.
  • Das Verbrechen wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska verübt. Die Täter vergruben Tausende Leichen in Massengräbern. Mehrfache Umbettungen sollten die Taten verschleiern. Die Rolle der niederländischen Blauhelm-Soldaten ihres Kommandanten Thom Karremans, der nicht entschieden einschritt, um die Morde zu verhindern, ist bis heute umstritten. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Unterzeichnung des Dayton-Abkommens.

  • In der Folge beschloss der amerikanische Präsident Bill Clinton das bewaffnete Eingreifen der USA. Mit den Amerikanern an der Spitze befriedete die Interventionstruppe IFOR Bosnien militärisch. Politisch beendete das Abkommen von Dayton nach dreieinhalb Jahren den BosnienkriegDer Friedensvertrag wurde am 21. November 1995 in der Wright-Patterson Air Force Base bei Dayton (Ohio) paraphiert und am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichnet. Die Unterzeichner waren der serbische Präsident Slobodan Milošević, der kroatische Präsident Franjo Tuđman und der Vorsitzende im bosnischen Präsidium Alija Izetbegović.

1992: Das Brotschlangen-Massaker von Sarajevo

Am 27. Mai 1992, in der vierten Woche der Belagerung von Sarajevo, zerrissen um 13.55 Uhr unweit der Bascarsija, der türkischen Altstadt, mehrere Granaten eine Gruppe von Menschen, die vor einer Bäckerei für Brot angestanden waren. Siebzehn Beschossene kamen um. Das bosnische Fernsehen verbreitete sofort entsetzliche Bilder. Jedermann wusste auf Anhieb, dass es serbische Geschosse waren. Nur drei Tage nach dem Brotschlangen-Massaker verhängte die UNO ihr Embargo gegen Serbien, welches das Land für Jahre hart traf.

In Sarajevo regten sich früh Zweifel an der serbischen Urheberschaft. Laut dem kanadischen General Lewis MacKenzie, dem Kommandanten der Unprofor-Truppe, schlossen die in der Nähe stationierten Blauhelm-Soldaten einen serbischen Feuerschlag aus. MacKenzie nahm auch Anstoss an der Tatsache, dass das staatliche Fernsehen schon bereit stand, bevor die Granaten explodierten. Die Ferhadijastrasse wurde kurz vor dem Beschuss abgeriegelt. Nachdem sich die Schlange gebildet hatte, zogen in einer Seitengasse Kameramänner auf. Nach den Detonationen stürmten sie vor die Bäckerei, um das Geschehen zu filmen.

27. Mai 1992, Sarajevo: Aufgrund der Einschläge auf der Strasse wurde nachgewiesen, dass die Geschosse aus Osten kamen, wo sich einzig bosniakische Artillerie befand.

Artillerieoffiziere der Unprofor nahmen einen Augenschein. Der Eingang zu Bäckerei liegt in einer tiefen Strassenschucht, die für Artillerie- oder Mörsergranaten nur entlang einer einzigen Häuserzeile offen ist – in Richtung der bosnischen, nicht der serbischen Stellungen. Ballistisch erweis es sich als unmöglich, dass die Geschosse von Serben kamen. Die Flugbahnen und die Einschläge – später “Artillerie-Rosen” genannt – liessen nur den Schluss zu: Die todbringenden Granaten wurden aus bosnischen Rohren abgefeuert. Alle Toten waren Serben, denen die bosnischen Behörden jeden Tag um 14 Uhr Brot verteilen liessen.

1990: Das “Brutkasten-Massaker” von Kuwait

Am 10. Oktober 1990 sagte in Washington die 15-jährige Nayirah vor dem Senat aus: “Als ich in Kuwait im Spital arbeitete, sah ich, wie irakische Soldaten bewaffnet ins Krankenhaus eindrangen. Sie nahmen Babys aus den Brutkästen, nahmen die Brutkästen mit und liessen die Babys auf dem kalten Fussboden zurück, wo sie starben.” Der Senat gab dem Präsidenten George Bush freie Hand zum Losschlagen gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein, der das Emirat Kuwait in krassem Bruch des Völkerrechts militärisch besetzt hatte.

Der Entscheid fiel mit 52 Ja zu 47 Nein knapp aus. Sechs Senatoren bekannten, das Schicksal der frühgeborenen Babys habe ihre Stimmabgabe nachhaltig geprägt.

Nayirah al-Sabah vor dem Senat in Washington.

Erst nach dem Senatsbeschluss stellte sich heraus: Nariyah hiess mit Nachnamen al-Sabah und war in Tat und Wahrheit die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Weder war sie Krankenschwester noch hielt sie sich 1990 in Kuwait auf. Einer ihrer Begleiter, der “Arzt Issah Ibrahim”, war der Zahnarzt Ibrahim Bahbahani, und fünf der sieben “Augenzeugen” trugen falsche Namen. So sehr Iraker Kuwait geplündert hatten – das “Brutkasten-Massaker” war eine freie Erfindung der New Yorker Agentur Hill & Knowlton.