Schwarzmeer: der gefährliche Kräfteansatz

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Das Kilo-U-Boot „Rostov-am-Don“ zurück im Schwarzen Meer.

Siehe auch > Russland schliesst “Einkesselung” ab

In Anbetracht der nach wie vor bedrohlichen Lage um die Ukraine untersucht der deutsche Militärdienst ESUT das Dispositiv der russischen Schwarzmeerflotte.

Wenngleich die Übungen der russischen Flotte in getrennten Seegebieten ablaufen, sind sie vernetzt. Eine Task Group aus drei Einheiten der russischen Pazifikflotte unter der Führung des Lenkwaffenkreuzers der Slava-Klasse „Varyag“ befindet sich zurzeit im östlichen Mittelmeer. Sie könnte – wie die Task Group der Nordflotte um die „Marschall Ustinow“ – ins Schwarze Meer laufen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die „Moskva“ mit einer unbekannten Anzahl von Escorts das Schwarze Meer verlassen würde.

Somit träfen die drei Kreuzer, wenn nicht im Schwarzen Meer, so doch in seiner unmittelbaren Nähe zusammen. Dies ist eine hohe Konzentration von Schiffen, die gerade angesichts der Spannungen um die Ukraine Anlass zu Sorgen gibt.

Zwischenzeitlich hat die russische Marine Übungsgebiete zum Teil als Schiessgebiete ausgewiesen. Damit einher ging die Empfehlung an den zivilen Schiff- und Luftverkehr, diese Bereiche zu meiden. Die Übungsgebiete wurden am 13. Februar 2022, 21.00 Uhr UTC, eingerichtet und sollten am 19. Februar 2022, 21.00 Uhr UTC, enden – einen Tag vor dem Abschluss der Olympischen Spiele in Peking.

Die strategische Strasse von Kertsch

Eines der Sperrgebiete erstreckt sich über die nördliche Einfahrt zur Strasse von Kertsch, wodurch ukrainische Häfen am Asowschen Meer für die Dauer der Übung von allen seewärtigen Zugängen abgeschnitten werden. Dazu gehören die ukrainischen Häfen Mariupol, Berdjansk und Henitschesk. Zwei weitere Übungsgebiete verlaufen sowohl westlich als auch südwestlich der russisch besetzten Halbinsel Krim. Die Zufahrt zu Odessa, Mykolaiw und Cherson ist aber gewährleistet.

Für Russland von Gewicht: Transnistrien, Odessa, die Krimmit dem beherrschen Stützpunkt Sewastopol, die Strasse von Kertsch, der zweite Hafen Noworossisk.

Die Einrichtung von derartigen Übungsgebieten ist international üblich. Angesichts der beabsichtigten Übungstätigkeiten zur See und in der Luft ist dies eine Hilfe für die kommerzielle Schifffahrt in der Straße von Kertsch und im Asowschen Meer. Dennoch: Zeitpunkt, Raum und Umfang der Übungen, die international nicht angemeldet waren, muss verwundern.

Die russische Schwarzmeerflotte wurde seit der Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 mit neuen U-Booten, Fregatten und Kampfflugzeugen aufgewertet. Nach Informationen der Fachpublikation Jane’s gehören zum “Fuhrpark” neben dem Lenkwaffenkreuzer „Moskva“ drei moderne Fregatten (Admiral Grigorovich-Klasse), sechs U-Boote (Kilo-Klasse) sowie kleinere Einheiten wie Korvetten der Klassen Steregushchiy (eine) und Buyan-M (vier).

Zu den amphibischen Fähigkeiten zählen sechs ältere Landungsschiffe vom Typ Alligator und Ropucha I, eine Ropucha-II-Klasse aus dem Jahr 1990 sowie kleinere amphibische Einheiten. Hinzu kommen ältere und moderne Minenabwehr- und kleinere U-Jagdeinheiten. Die Überwassereinheiten wie auch die U-Boote verfügen über Marschflugkörper vom Typ Kalibr. Mit seiner Reichweite, die nach US-Informationen zwischen 1.500 und 2.500 Kilometern liegen soll, sowie seiner möglichen nuklearen Bewaffnung kann dieser Marschflugkörper strategisch wirken.

Zusammengenommen verfügt die Schwarzmeerflotte über etwa 50 Überwassereinheiten mit Offensivpotenzial. Hinzu kommen rund ein Dutzend Unterstützungseinheiten, darunter fünf Versorgungsschiffe. Westliche Beobachter gehen von einem Klarstand von unter 50 Prozent aus. Damit ist aktuell von rund 25 verfügbaren Einheiten auszugehen.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Krise muss die Kaspische Flottille mitbetrachtet werden. Ihre drei Korvetten der Buyan-M-Klasse verfügen über je acht Kalibr-Marschflugkörper.

Am 10. Februar wurde weiter bekannt gegeben, dass fünf Landungsschiffen der Ropucha-Klasse und die „Pyotr Morgunov“, ein modernes Landungsschiff der Ivan-Gren-Klasse, in Sewastopol eingelaufen seien. Drei der Ropuchas stammen aus der Baltischen Flotte, die drei anderen ‚Amphibien‘ wurden von der Nordflotte abgezogen. Sie sind seit dem 15. Januar unterwegs.

Die 6.000-Tonnen-Schiffe der Ivan-Gren-Klasse können 380 Marineinfanteristen mit 36 Schützenpanzern oder 13 Kampfpanzern und zwei Bordhubschrauber (Ka-29 oder Ka-52K) aufnehmen. Die kleineren ‚Ropuchas‘ sind imstande, 340 Mann mit drei Kampfpanzern oder 12 Schützenpanzer zu transportieren.

Die Bewegung dieser Landungsfahrzeuge ist die bisher einzige Beobachtung einer russischen Kräftezuführung ins Schwarze Meer. Es kann angesichts der vorliegenden Informationen davon ausgegangen werden, dass die aus der Ostsee und dem Nordmeer eingetroffenen Marineeinheiten die bestehenden Fähigkeiten der Schwarzmeerflotte erweitern.

Bei den Annahmen für den Klarstand der Einheiten und der ‚normalen‘ Abstellung eines Landungsschiffes in den syrischen Hafen Tartus sollten nun rund zehn einsatzklare grosse amphibische Einheiten zur Verfügung stehen. Gemeinsam mit den in der Schwarzmeerflotte vorhandenen amphibischen Fähigkeiten (1-2 einsatzbereite Schiffe der Alligator-Klasse, 3-4 der Ropucha-Klasse) könnten über 4.100 Mann, mehr als 180 Schützenpanzer und/oder mehr als 100 Kampfpanzer verbracht werden.

Weiter stehen in der Region vier Brigaden und drei Regimenter der Marineinfanterie und der Küstenverteidigungsorganisation, die der Schwarzmeerflotte unterstehen. Sie sind mit Flugkörpersystemen zur Schiffsbekämpfung ausgestattet, darunter die Systeme Bastion und Oniks mit Reichweiten zwischen 300 bis zu 800 Kilometern. 2022 soll ein eigenständiges Bataillon mit dem Iskander-System hinzukommen.

Einige der Systeme sind auf der Krim installiert, andere mobil. Die Schwarzmeerflotte führt darüber hinaus zwei Luftlandedivisionen sowie eine Division Marineflieger mit Kampfflugzeugen vom Typ SU-30 und SU-24. Mittelbar kommen drei Divisionen von Luftverteidigungskräften, die der Luftwaffe unterstehen (Hauptquartier Rostow am Don) dazu.

Schleichende Zuspitzung

Am Morgen des 12. Februar 2022 liefen nach Angaben des Südlichen Militärbezirks Kriegsschiffe aus den Stützpunkten Sewastopol und Novorossiysk aus und nahmen Übungstätigkeiten auf. Als Zweck der Übung wird der Schutz „der Meeresküste der Krim, der Stützpunkte sowie der Objekte des Wirtschaftssektors des Landes, der maritimen Kommunikation und der Bereiche der maritimen Wirtschaftstätigkeit“ angegeben.

„Mehr als 30 Kriegsschiffe verschiedener Klassen aus dem Schwarzen Meer und anderen Flotten“ seien beteiligt. Aus anderen Veröffentlichungen geht hervor, dass die Gruppe der sechs Landungsschiffe von der Baltischen und der Nordflotte bis einschliesslich Sonntag, 13. Februar, in Sewastopol verbleiben.

Am Morgen des 13. Februar 2022 wurde beobachtet, dass das Kilo-U-Bootes „Rostov-am-Don“ den Bosporus passiert hat. Dieses Boot wurde aus dem Mittelmeer zurückverlegt – in die Schwarzmerregion.

Szenarien versus Machtdemonstration

Bisherige Übungsanlagen der Schwarzmeerflotte sahen nach einer ausgedehnten Minensuch- und -räumoperation eine Landung von Einheiten der Marineinfanterie (z.B. an der Küste der Halbinsel Taman  östlich von Kertsch) vor. Im weiteren Verlauf folgten Einsatzübungen der landstationierten Flugkörper- und Artilleriesysteme gegen Seeziele sowie der Beschuss von Landzielen mit Artillerie und Flugkörpern von See.

In der aktuellen Krise könnte ein Invasionsszenario ähnlich ablaufen. Nach einem Küstenbeschuss wäre eine konzentrierte amphibische Landung oder eine punktuelle Schwerpunktbildung denkbar. Einige, insbesondere ukrainische Analysten, sehen in Odessa ein mögliches Ziel. Die Häfen in der Region Odessa wickeln drei Viertel der ukrainischen See-Exporte ab.

Folgt man den Einlassungen des Kreml, dass kein Einmarsch in die Ukraine erfolgen werde, so lägen immer noch Operationen zur “Befestigung” des Donbass im Rahmen des Möglichen. Insofern könnten sich Landungsoperationen auf das Gebiet um Jalta und Mariupol konzentrieren. Auch eine Seeblockade läge im Bereich des Möglichen. Ziel wäre dann womöglich die wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Situation der Ukraine weiter zu destabilisieren.

NATO-Manöver irritierte Russland

Die Zusammenführung von zwei oder drei russischen Kreuzergruppen im Mittelmeer kann auch als Reaktion auf die amerikanische Dislozierung verstanden werden. Drei westliche Trägerverbände (der US Navy, der Marinen Frankreichs und Italiens) übten in der ersten Februarwoche gemeinsam im Mittelmeer. Die Übung unter dem Titel “Neptune Strike 22” erregte im Kreml Irritationen. Die russische Führung sah in ihr eine Reaktion auf die Krise um die Ukraine. Dem widersprachen sowohl das Pentagon als auch die NATO mit dem Hinweis, die Planungen für die Übungen seien bereits 2020 aufgenommen worden.