BISS – Säbelrasseln – aber Einmarsch?

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Jahr für Jahr am 9. Mai: Russlands Machtdemonstration auf dem Roten Platz in Moskau.

In den letzten 48 Stunden verstärkten die USA ihre Warnungen vor einem russischen Einmarsch in die Ukraine:

  • Generalstabschef Mark Milley konferierte mit General Valeri Zaluzhni, dem Befehlshaber der ukrainischen Armee. Anschliessend sprach Milley von “grosser Sorge” über Russlands Aufmarsch.
  • Aussenminister Anthony Blinken rief Russland auf, “2014 nicht zu wiederholen.” Damit sprach er die “stille” Invasion der Krim in der Nacht zum 1. März 2014 an, als russische Spezialkräfte die Krim-Halbinsel besetzten, ohne einen einzigen scharfen Schuss abzugeben.
  • Avril Haines, als DNI-Chefin Amerikas oberste Geheimdienst-Instanz, warnte die NATO-Verbündeten vor der russischen Armee.
  • William Burns, der Direktor der CIA, moniert die Wiederholung des russischen Säbelrasselns. Schon im April 2021 befahl in Moskau die Armeeführung die Massierung von 100’000 Mann an der ukrainischen Grenze und im Hinterland.

Sind die Warnungen berechtigt?

Was die nahe Zukunft bringt, das wissen all diejenigen besser, die das Gras wachsen hören. Russische Quellen geben zu bedenken:

  • Ja, zwischen der ukrainischen und der weissrussischen Grenze hat der Generalstab rund 90’000 Mann massiert. Nicht alle stehen direkt der Ukraine gegenüber. Es gibt auch Verbände, die etwa gleich weit von der Ukraine und Belorus entfernt sind.
  • Zu den 90’000 zählen auch Truppen, die im Standard-Dispositiv ohnehin schon dort waren. Aber sie wurden namhaft verstärkt, wie schon im Frühjahr 2021.
  • Luftaufnahmen zeigen Kampf- und Schützenpanzer, Mot-Infantrietruppen, Artillerie, Genie, Übermittlung. Nur bilden deren Waffen und Geräte den Kern eines jeden Landheeres, gerade auch der russischen Bodenarmee. Insofern sind die amerikanischen Warnungen ernst zu nehmen; doch ist der Grat der Spekulationen schmal (Hysterie?).

Was ist das Motiv?

  • Gelinde gesagt ungelegen kommt dem Präsidenten Putin, dass die deutsche Bundesnetzagentur die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 um Monate verzögert. Die Spitzfindigkeit, dass Nord Stream die Firma in zwei Gesellschaften aufteilen muss, wird als Schikane bezeichnet. Nord Stream 2 schwächt die Position der Ukraine, weil das Erdgas direkt von Russland nach Deutschland fliesst. Russen fragen: Soll das der Grund für einen Einmarsch sein?
  • Schwerer wiegt nach russischen Aussagen der Einsatz von türkischen Bayraktar-Kampfdrohnen gegen prorussische Separatisten im Donbass. Schon im Karabachkrieg 2020 setzte Aserbeidschan den Armeniern mit Bayraktar-Raketen hart zu. Es ist denkbar, dass nach russischer Doktrin die Ukraine mit den Drohnenangriffen eine rote Linie überschritt. Aber auch da wird gefragt, ob das schon eine Invasion rechtfertige.

Wo bleibt die Überraschung?

In der sowjetisch-russischen Tradition spielt die Überraschung eine zentrale Rolle:

  • Im November 1942 liess Georgi Schukow die Zangendivisionen um Stalingrad gut getarnt aufmarschieren. Ehe es sich die deutsche 6. Armee versah, war sie im Kessel eingeschlossen, in dem sie zugrunde ging.
  • Im August 2008 rasselte der Georgier Shalikashvili mächtig mit dem Säbel. Naiv griff er in Südossetien an. Er machte die Rechnung ohne den Wirt. Russlands Armee stand bereit und gewann den Krieg in fünf Tagen.
  • Ende Februar 2014 infiltrierte Generalstabschef Valeri Gerassimow seine Sonderkräfte so geschickt auf der Krim, dass daraus die erste erfolgreiche Anwendung seiner Doktrin wurde; Experten sprechen seither vom “hybriden” Krieg, mit der Überraschung als Grundelement.

Demgegenüber, argumentieren Russen, fehlt 2021 den Massierungen der 100’000 und der 90’000 jegliches Überraschungsmoment. Wer die Ukraine jäh überrumpeln will, der rassle nicht Wochen lang mit dem Säbel.

Konsequenz: Politik und Strategie vermengen sich, schwer zu durchschauen, Vorsicht mit übereilten Prognosen!