Russlands Aufmarsch

Standard

 

2015, an der Donezk-Front: Ukrainische Panzer, hinten OSZE-Beobachter.

  • Russland verlegt Truppen aus dem Militärbezirk Zentrum in den Militärbezirk Süd. In Europa herrscht helle Aufregung. “Säbelrasseln”, “Kriegsdrohung”, “Aufmarsch zur Besetzung der Ukraine.”
  • Was ist dran? De quoi s’agit-il?

NATO-Beitritt der Ukraine?

Wenn nun der ukrainische Präsident, der Schauspieler Selenski, das Heil in einem NATO-Beitritt seines Landes sucht, dann ist das die “Umkehr aller Dinge”.

Der russischen Armee geht es – gerade umgekehrt – darum, den NATO-Beitritt der Ukraine zu verhindern. In den letzten zwanzig Jahren führte und führt sie fünf grössere Kriege. Drei davon waren direkt gegen den NATO-Beitritt der angegriffenen Staaten gerichtet:

  • Tschetschenien: intern, Niederschlagung des jihadistischen Aufstandes.
  • Transnistrien: Besetzung des Territoriums östlich des Dnjestr > Verhinderung des NATO-Beitritts von Moldawien.

Der Dnjestr teilt Moldawien. Das Territorium östlich des Flusses ist russisch besetzt.

Links das steile Westufer des Dnjestr. Rechts das russische besetzte Ostufer.

  • Georgien: Ausgelöst durch Tiflis, Besetzung von Südossetien und Abchasien in fünf Tagen > Verhinderung des NATO-Beitritts von Georgien.
  • Krim/Ostukraine: Lautlose Inbesitznahme der Krim-Halbinsel, Besetzung der Bezirke Luhansk und Donezk im Verbund mit “Rebellen” > Annexion der Krim und Verhinderung des NATO-Beitritts der Ukraine.
  • Syrien: Sicherung der Machtposition an der Levante.

Das Trauma der NATO-Osterweiterung

Von 1989–1991 brach das Sowjetimperium in Mittelosteuropa zusammen. Der Warschau-Pakt und der Ostblock gingen unter. In der Folge konnte Russland unter Präsident Jelzin der gewaltigen NATO-Osterweiterung nicht Einhalt gebieten. Die heutige russische Führung betrachtet den Vormarsch der NATO als “grösste geopolitische Katastrophe” (Zitat Putin).

Blau NATO. Grün Ukraine, Georgien.

In Russland hält sich hartnäckig die Auffassung, der deutsche Kanzler Kohl habe dem Präsidenten Gorbatschow versprochen: Wenn die russische Armee das Gebiet der DDR räumt, dann bleibt das Territorium des Ostblocks neutral. Dafür gibt es keinen schriftlichen Beleg.

Umso härter entschlossen ist die gegenwärtige russische Führung unter Präsident Putin, den Beitritt weiterer Staaten zur NATO zu verhindern. Der grosse Preis ist die Ukraine mit ihren ursprünglich 603’000 km2 Fläche und ihren noch 41’550’000 Einwohnern.

Bis hierher und nicht weiter

Die Verschärfung der Lage erklärt sich aus der Machtübernahme des Präsidenten Biden und dessen Annäherung an die Ukraine, mit der sein Sohn eng verbunden ist. Die Verlegung der Truppen aus dem zentralen Militärbezirk ins Vorland der Ukraine soll ein Signal nach Washington senden: Bis hierher und nicht weiter!

Seit 2017 umfasst Russland fünf Militärbezirke: die vier alten “Fronten” und neu den Militärbezirk Nord:

  • Nord: Nordwestrussland, Arktis jenseits des Polarkreises, Tschuchotka; Kern des Militärbezirks ist die Nordflotte; Hauptquartier Seweromorsk
  • West: West- und Zentralrussland, Baltikum, auch die Baltische Flotte; Hauptquartier Moskau.

Russlands fünf Militärbezirke. Die derzeitige Truppenverlegung verläuft vom Zentrum (grün) nach Süd (braun).

  • Süd: Südrussland und Nordkaukasus, dazu die Krim, außerdem die Schwarzmeerflotte und Kaspische Flottille; Hauptquartier Rostow am Don.
  • Zentrum: Wolga-Ural und Westsibirien (westlicher Teil bis zum Baikalsee); Hauptquartier Jekaterinburg.
  • Ost: Ferner Osten und Sibirien (östlicher Teil) sowie die Pazifikflotte; Hauptquartier Chabarowsk.

Schwergewicht Heer

Geführt wird jeder Militärbezirk von einem Strategischen Kommando. Die derzeitige Verlegung von schweren Waffen (Panzer, mechanisierte Infanterie, Artillerie) mit den entsprechenden Führungs-, Übermittlungs- und Logistik-Formationen trägt strategischen Charakter. Dies entspricht der Bedeutung, welche die oberste Führung der Verhinderung des NATO-Beitritts der Ukraine beimisst.

Mit Ausnahme der Militärbezirks Nord liegt das Schwergewicht der Strategischen Befehlsbereiche auf dem Heer. Auch die jetzige Operation ist vom Heer getrieben, umfasst aber auch Luftwaffen- und Marine-Formationen; insbesondere, was die Verstärkung der Präsenz auf der Krim-Halbinsel betrifft.

Rostow am Don, die Stadt von strategischer Bedeutung.

Massiv profitiert der Befehlshaber Süd ins Rostow am Don von der neuen Schwerpunktbildung. Rostow ist seit jeher das Tor zum Kaukasus und beherrscht die Don-Mündung in das Meer von Asow. Das HQ Süd liegt nur 100 Kilometer von der Ukraine entfernt. Woronesch dagegen, wo ein neu aufgebautes Zeltlager viel Aufregung entfacht, ist von der ukrainischen Ostgrenze 250 Kilometer entfernt.

Gibt es Krieg?

Im Nahen Osten weiss jeder Beobachter: “Niemand ist Prophet im Orient.” Noch mehr gilt das derzeit für Russland; auch dort machen nur Scharlatane Prognosen. Nur soviel lässt sich Mitte April 2021 festhalten:

  • Es findet eine bemerkenswerte Truppenverschiebung von Zentrum nach Süd statt – an die Front zur Ukraine. Ob das schon Kriegsgefahr bedeutet, kann nur die Zukunft weisen – in der gegenwärtigen politischen Lage nicht unbedingt.
  • Einzig, wenn die NATO und Kiew wirklich ernsthafte Anstalten zum Beitritt der Ukraine träfen, wüchse die Kriegsgefahr.
  • Nur stellt sich auch dann die Frage, wer wirklich Interesse an einem Dritten Weltkrieg hat. Zudem ist die NATO nach wie vor dem Prinzip der Einstimmigkeit unterworfen. Mitglieder sind auch Griechenland und Ungarn; beide müssten dem Ukraine-Beitritt zustimmen.