Russland bestraft zwölf eigene Offiziere

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Gegen Kommandanten, die Wehrpflichtige in den Krieg befahlen

  • Russland verfolgt ein Dutzend Armeeoffiziere strafrechtlich, weil diese mehrere 100 Wehrpflichtige in den Krieg gegen die Ukraine befahlen. Das gab der Militärstaatsanwalt Arthur Jegiew am 7. Juni 2022 in Moskau bekannt. Er machte die Äusserung vor dem Oberhaus der Duma, im russischen Parlament gegenüber der Kremlmauer.
  • Vom ersten Kriegstag an hatte Präsident Putin bestritten, dass Russland Wehrpflichtige einsetze. Das sind 18-, 19-jährige Männer, die vom zum obligatorischen Dienst in der Armee eingezogen werden. Putin hatte stets behauptet, nur Berufskader und -soldaten nähmen am Krieg teil. Das Verteidigungsministerium räumt jedoch ein, dass mehrere 100 von ihnen ” irrtümlich in den Kampf geschickt wurden.”
  • Der Fehler, so es denn einer war, muss im Militärbezirk West mit HQ St. Petersburg geschehen sein. Laut Arthur Jegiew befahl der Militärbezirk rund 600 Wehrpflichtige in die Schlacht um Kiew, an der mehrere Armeen aus Westrussland beteiligt waren. Der Fehler sei, so Jegiew, entdeckt worden, worauf die Führung des Militärbezirks die Wehrpflichtigen zurückgezogen habe.
  • Jegiew droht den verantwortlichen Kommandanten harte Strafen an: “Die Offiziere, die dies angeordnet oder zugelassen haben, werden einem Disziplinarstrafverfahren unterzogen, bei dem ihnen auch die Entlassung droht.”

Aufschlussreich – und rätselhaft

Das Duma-Votum des Staatsanwaltes Jegiew ist aufschlussreich und rätselhaft zugleich.

  • Seine Aussagen geben ein kniffliges Rätsel auf. Als sich im März die russische Niederlage vor Kiew abzeichnete, standen im Westen, namentlich in den USA und Grossbritannien, ex-Generale in Einerkolonne an und verkündeten: “Die Russen verlieren die Schlacht, weil ihre noch nicht 20-jährigen Wehrpflichtigen den Sinn des Angriffs nicht einsehen.” Oder: “Die zu kurz geschulten Wehrpflichtsoldaten halten den Anforderungen der Schlacht nicht stand.”
  • Doch bis in den April hinein herrschte unter den Generalen Konsens: Ein beträchtlicher Teil der geschlagenen Feldarmeen setzte und setzt sich aus Wehrpflichtigen zusammen. Putin widersprach mehrmals öffentlich. In seinen Frontverbänden kämpfe nur Berufsmilitär.
  • Aufschlussreich ist Staatsanwalt Jegiews Votum, weil es vollkommen auf Putins Linie liegt. Nun ist hinlänglich bekannt, dass in Russland die Montesquieu’sche Gewaltenteilung nicht funktioniert, schon gar nicht im Armeestrafrecht. Dennoch stellt sich die Frage: Hatten all die Gelehrten Unrecht, als sie in ihren langen Fehlerkatalogen die Wehrpflichtigen “schuldig sprachen”?

Phase 2: Konzentration auf Kontraktiniki

Unbestritten ist: Mit Beginn der zweiten Kriegsphase am 18. April 2022 konzentriert sich die russische Führung im ganzen Frontbogen aufs Berufsmilitär. Bei den Soldaten verpflichtet sie laufend Kontraktiniki: vornehmlich junge Männer, denen sie gut dotierte, längerfristige Verträge anbietet. Die Rekrutierung der Kontraktiniki erfolgt weniger in den Metropolen Moskau und St. Petersburg als in ärmeren Regionen wie im Kaukasus oder jenseits des Urals.

Dennoch ist beachtenswert: Der Einsatz von rund 600 Wehrpflichtigen kommt im Oberhaus des Parlaments zur Sprache; und der Staatsanwalt zieht Offiziere, die gegen Putins Aussage handelten, zur Rechenschaft.

Affaire à suivre …