Polnischer Oberst an der Donbassfront?

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Um den polnischen Obersten Dariusz Majchrzak spinnt “Southfront” eine eigenartige Geschichte, zu der neutrale Bestätigungen fehlen.

Der dem russischen Armeegeheimdienst GRU nahestehende Internetdienst “Southfront” wartet am 7. Juni 2022 mit einer eigenartigen Geschichte zum polnischen Obersten Dariusz Majchrzak auf.

  • In der Schlacht um Sewerodonezk seien die vorrückenden Russen auf Dokumente gestossen, die Ukrainer in aufgegebenen Stellungen liegen gelassen hätten. Das folgende Papier belege, dass Oberst Majchrzak an vorderster Front mit Ukrainern gekämpft habe.

Foto “Southfront”.

  • Es handle sich eindeutig um den Personalausweis von Dariusz Tomasz Majchrzak, wohnhaft in 37’460 Stalowa Wola an der Podlesnastrasse 16. Das beweise den Kriegseinsatz eines NATO-Offiziers im Rang eines Obersten. Der Ausweis sei in der Nähe des Asot-Chemiewerks gefunden worden. In einer weiteren, recht zweifelhaften Aufnahme geht es um den Wagen des Obersten, einen KIA Sorento.

Foto “Southfront”.

  • Majchrzaks Automobil sei in einem Fahrzeugpark gestanden, den die Ukrainer aufgegeben hätten. Der polnische Fahrzeugausweis biete einen weiteren Beweis, dass sich Oberst Majchrzak in Sewerodonezk aufhalte.
  • Zu Majchrzaks Verbleib spekuliert “Southfront”: Es sei denkbar, dass er gefallen sei; darauf deuteten die zurückgelassenen Papiere und der abgestellte Wagen hin. Möglich sei aber auch, dass sich Majchrzak im Asot-Chemiewerk verschanzt habe, in das sich neben den Verteidigern nach Firmenangaben auch 800 Zivilisten zurückzogen.

Russische Angaben zu Majchrzak

  • Oberst Majchrzak sei Vizerektor der polnischen Universität für Kriegsstudien. Er habe an der Offiziersakademie in Wroclaw (Breslau) studiert und dann in der 11. Panzerkavallerie-Division gedient.
  • Wiederholt habe er auf nationaler und internationaler Stufe grosse Manöver entworfen und geleitet. 2005 habe er in Irak im polnischen Kontingent eine führende Position eingenommen. In seiner wissenschaftlichen Arbeit forsche er zu den Themen “Moderne Bedrohungen” und “Krisenmanagement”, vornehmlich in Polen und der EU.

Was ist von der “Southfront”-Geschichte zu halten?

  • Sie enthält alle Ingredienzien der modernen “Strategischen Kommunikation”, im Klartext: der Kriegspropaganda. Aufgrund zweier Dokumente, die echt oder auch gefälscht sein können, soll der Welt vor Augen geführt werden: In der derzeit bedeutendsten Schlacht mischt auf ukrainischer Seite ein kundiger NATO-Oberst mit, “naheliegend” ein Pole. Wenn die von neutraler Stelle nicht bestätigte Geschichte verfängt, landet die russische Propaganda einen Treffer.
  • Seltsam mutet die Story zu Majchrzaks Wagen an. Beim KIA Sorento handelt es sich um einen bulligen, geländegängigen SUV. Das folgende Bild hat nichts mit Oberst Majchrzak zu tun, sondern zeigt das aktuelle Modell des südkoreanischen Automobils.

Foto KIA.

  • Die Geschichte mit dem KIA mutet fast zu plump an, um wahr zu sein. Da begibt sich ein polnischer Oberst, seines Zeichens Vizerektor einer Universität, in seinem SUV an die vorderste Kriegsfront, stellt den Wagen in einem Fahrzeugpark ab und lässt diesen stehen, samt Papieren. Fuhr er über Bachmut nach Lysychansk, wo er den Wagen sicherer hätte abstellen können? Und wie überquerte er mit seinem Gefährt den letzten noch offenen, prekären Übergang über den Siwersky Donezk? Also reist er im eigenen Auto sozusagen “privat” an die zurzeit gefährlichste Front?
  • Überdies deutet seine Laufbahn, sehen wir vom Irak-Engagement ab, wenig auf einen Truppenoffizier hin, der an vorderster Front kämpft, ja Truppen befehligt. Seine Karriere und jetzige Tätigkeit verrät eher den Forscher, den Militärgelehrten an einer angesehenen Universität. Das wäre, so er denn in Sewerodonezk war/ist, eher mit einem Beratereinsatz vereinbar.

NATO-Berater in der Ukraine

Das ist ein Thema, das Historiker wohl erst nach dem Krieg aufarbeiten. Seit dem letzten Winter halten sich hartnäckig Berichte, wonach in Kiew NATO-Offiziere den ukrainischen Generalstab berieten. Vom Bündnis oder der Ukraine liegen selbstverständlich keinerlei Bestätigungen vor. Nach der Versenkung des Lenkwaffenkreuzers “Moskwa” prahlten in Washington einschlägige “gut informierte Quellen” damit, die CIA habe den Ukrainern die Koordinaten des Flaggschiffs geliefert. Präsident Biden stopfte die Löcher dann persönlich. Dennoch wird eines Tages Licht auch in dieses Dunkel kommen.