Parade Rätsel 1: Der grosse Abwesende

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General Gerassimow. Nur er und der Minister Shoigu tragen den Stern.

Die “Siegesparade” vom 9. Mai 2022 auf dem Roten Platz gibt Rätsel auf. Warum hatte Putin bei angenehmen Moskauer Frühling mit eine Decke über den Beinen? Ist sein Gesicht aufgeschwollen? Oder trug es “nur” die Zeichen von 75 Tagen missratenem Feldzug? Und wieso sagte er 15 Minuten vor dem Start die alljährliche Flugschau ab?

Vor allem aber: Weshalb wurde der Minister-General Shoigu mit allen Ehren empfangen und von Putin als das behandelt, was er ist: ein langjähriger, vertrauter Freund; während der Generalstabschef Gerassimow – einfach fehlte.

Mit dem Falschmeldung, der Panzergeneral sei an der Front verwundet worden, heizte seine Absenz die Gerüchteküche neu an:

  • Es stimme halt doch, dass der ukrainische Raketenangriff am 30. April 2022 in Izjum auch den Generalstabschef verwundet habe; im Schulhaus Nr. 12 hätten die Geschosse auch Gerassimow so schwer verletzt, dass er der Parade fernbleiben musste. Die Geschichte vom rechtzeitigen Wegflug sei frei erfunden.
  • Oder: Der Feldzug verlaufe so schleppend, dass Russlands oberster Soldat im Kreml in Ungnade gefallen sei. Bis Ende April 2022 habe er Putins volles Vertrauen besessen – nach all den Erfolgen mit der Gerassimow-Doktrin, der Krim-Besetzung und im Syrienkrieg. Jetzt aber habe die Niederlage vor Kiew und der mühsame Vormarsch an der Donbassfront das Verhältnis zwischen Präsident und Generalstabschef erodiert: Putin habe den militärischen Sündenbock nicht mehr auf der Ehrentribüne geduldet.
  • Oder: Im Krieg gehöre der Chef des Generalstabs und der Armee nicht in Galauniform auf ein Podest. Er verantworte am Ufer des Moskwa von Tag zu Tag die Operationen, er arbeite im Kampfanzug, er inspiziere die Fronten, er sei derart ausgelastet, dass er nicht noch Paraden abnehmen könne; abgesehen davon, dass nach Shoigus Meldung ohnehin der Präsident als Oberbefehlshaber der Streitkräfte den Vorbeimarsch abnahm, wenn auch sitzend.

Von den drei Deutungen können wir die erste verwerfen. Die rund 30 ukrainischen Raketen töteten etliche Stabsoffiziere in den Izjum-HQ und einen General, den EKF-Chef des fernen Militärbezirks West, von dem sich männiglich fragt, was er an der Donbassfront zu suchen hatte. Doch Gerassimows Abflug ist vielfach verbürgt; nicht einmal Kiew erhebt Anspruch, den obersten militärischen Gegner getroffen und verletzt zu haben.

Wahrscheinlicher ist ein Amalgam aus den Interpretationen 2 und 3. Shoigu und die Veteranen marschierten auf dem Roten Platz in Gala mit allen Orden und Ehrenspangen auf. Auch am 75. Kampftag fielen in beiden Kriegsparteien Soldaten. Wie wirkte da Gerassimow an der Kremlmauer? Und dass er in sein Hauptquartier oder an die Front gehört, versteht sich von selbst.

66-jährig, nicht zu beneiden

Wie dem auch sei, um seinen Auftrag, seine Stellung, seine Verantwortung ist General Gerassimow nicht zu beneiden. Nach einer geradlinigen Laufbahn mit einem Jahrzehnt Erfolg als Generalstabschef muss er den von Anfang an fehlerhaft geplanten Feldzug doch noch zu einem einigermassen passablen Ende führen. Er sollte territorial Eroberungen vorweisen, die seinen Chefs, Shoigu und Putin, das Gesicht wahren – namentlich an der Südfront und im Donbass,

Nur Scharlatane kennen den Verlauf des Kriegs. Aber alle wissen: An der Spitze der russischen Streitkräfte kämpft ein 66-Jähriger um seine Reputation, um den Erfolg seiner Armee, um seine Stellung bei den Kriegstreibern ganz oben.

Shoigu (rechts) fährt vor. Links der Kommandant der Paradetruppe.

Nach der Parade: Putin und Shoigu.

Wo war Putins Generalstabschef am «Tag des Sieges»?

Der russische «Tag des Sieges» brachte wenige Überraschungen. Auffällig war jedoch, dass einer der wichtigsten militärischen Befehlshaber fehlte: Waleri Gerassimow, der angeblich im Donbass verwundet wurde.

von
Reto Bollmann

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Waleri Gerassimow ist der Chef des Generalstabs der Streitkräfte Russlands.

Waleri Gerassimow ist der Chef des Generalstabs der Streitkräfte Russlands.

imago images/SNA

Zusammen mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu (vorne) ist er der wichtigste militärische Entscheidungsträger.

Zusammen mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu (vorne) ist er der wichtigste militärische Entscheidungsträger.

imago images/SNA

Doch bei den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» am 9. Mai glänzte Gerassimow durch Abwesenheit.

Doch bei den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» am 9. Mai glänzte Gerassimow durch Abwesenheit.

REUTERS

Keine Generalmobilmachung, keine Umbenennung von der «militärischen Spezialoperation» zum Krieg: Der russische «Tag des Sieges» am 9. Mai brachte entgegen vielen Erwartungenkeine grossen Ankündigungen. So brachte der Blick auf die Teilnehmerliste eine der wenigen Überraschungen. Denn wie die BBC und verschiedene Experten und Expertinnen auf Twitter berichteten, fehlte der Chef des Generalstabs der Streitkräfte Russlands, Waleri Gerassimow. Angesichts seiner wichtigen Stellung und der militärischen Ausrichtung der Feierlichkeiten ist dies bemerkenswert.

Laut mehreren Medienberichten wurde Gerassimow verwundet und musste aus einem Kriegsgebiet in Izyum in der ukrainischen Region Charkiw evakuiert werden, als er Ende April die Frontlinien in der östlichen Region Donbass besuchte. Weder russische noch US-amerikanische Quellen haben diese Berichte jedoch bestätigt, wie «Newsweek» berichtet. Aber natürlich befeuert nun die Abwesenheit Gerassimows diese Gerüchte erneut.

Auch die «New York Times» berichtete am 1. Mai unter Berufung auf einen hochrangigen ukrainischen Beamten und zwei anonyme US-Beamte, der hochrangige General sei in den Donbass gereist, um Probleme an der russischen Front zu lösen.

Bei einem Ereignis wie dem «Tag des Sieges» würde Gerassimow als hochrangige militärische Persönlichkeit normalerweise in der Nähe des russischen Präsidenten Wladimir Putin stehen. Er gilt als einer der drei Personen, die zusammen mit Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu den Einmarsch in die Ukraine geplant haben. Ausserdem hat Gerassimow neben Putin und Schoigu Zugriff auf einen der insgesamt drei Atomkoffer.