Panzerbuch: Kampfpanzer, viel zu früh totgesagt

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Israelische Panzergrenadiere setzen zur Überquerung des Suezkanals an. In der neuen Taktik hatten sie an Gewicht gewonnen (Kampf der verbundenen Waffen).

Der folgende Text stammt aus dem neuen Panzerbuch, das Marc Lenzin im Motorbuchverlag herausgibt und beim ihm zum Vorzugspreis von Fr. 25.- bestellt werden kann > www.marclenzin.ch  

Autor: Dr. Peter Forster. Der Text entstand im Yom-Kippur-Krieg vom 6.–24. Oktober 1973, über den der Autor als Korrespondent der “Neuen Zürcher Zeitung” von beiden Fronten berichtete (ab 7. Oktober).

DIE LEHNSTUHLGENERALE TÄUSCHTEN SICH

Im Yom-Kippur-Krieg von 1973 verlor Israels 162. Division am 8. Oktober im Geschosshagel ägyptischer AT-3-Sagger die Hälfte ihrer Centurion und M-60. Im Norden rieben syrische RPG-7- und Sagger-Trupps zwei Panzerbrigaden auf. Prompt läutete die Weltpresse eine neue Aera ein: Sie schrieb den Kampfpanzer von einem Tag auf den anderen ab. Doch die Lehnstuhlgenerale täuschten sich: Israel stellte sofort auf den Kampf der verbundenen Waffen um – und gewann den Krieg.

Nachdem fünf ägyptische Mech-Inf-Divisionen den Suezkanal überquert hatten, suchte im Sinai die israelische 14. Panzerbrigade von Oberst Amnon Reshef von der Artilleriestrasse an den Kanal zu rasen.

AT-3 SAGGER UND RPG-7

Reshef will die 30 Kilometer in 20 Minuten bewältigt haben, was 90 km/h ergäbe. Andere Quellen nennen 30 Minuten = 60 km/h. Dritte nehmen an, dass Reshefs Panzer, so sie denn durchkamen, um die 25 Minuten brauchten.

In Tat und Wahrheit blieben die meisten Centurions im AT-3- und RPG-7-Feuer liegen. Erstmals in der damals 57-jährigen Panzergeschichte Kampfpanzer kam die Gefahr nicht so sehr von gegnerischen Panzern oder Panzerabwehrkanonen, sondern von Hunderten Infanterietrupps. Zuvor schon hatten mehrere Armeen Bazookas eingesetzt, aber nie in der Dichte und tödlichen Wirkung wie jetzt die Sagger und RPG.

VON DER ETAPPE ZUR FRONT

Der ägyptische Generalstab hatte die Mech-Inf-Divisionen 2, 7, 16, 18 und 19 mit immens starken Raketen- und Panzerfaust-Beständen ausgestattet. General Saad el-Shazli, der Befehlshaber, hatte befohlen, dass Etappenverbände den Fronttruppen sowjetischen Waffen zuführten:

  • Alle fünf Infanteriedivisionen bekamen je 72 Sagger-Startlafetten und 535 RPG-7-Geschosse.
  • Zusätzlich verfügte jede Division über 57 Panzerabwehrkanonen und 90 rückstossfreie PAK.
  • Das ergab pro Division 754 Panzerabwehrwaffen – plus die Kampfpanzer T-55 und T-62, die jede Division organisch besass.

AUFRECHT IN DER LUKE

Wie in den Feldzügen von 1956 und 1967 führten die israelischen Panzerkommandanten den Kampf aufrecht in der Luke. So überblickten sie das Gefechtsfeld.  

Doch jetzt fielen sie reihenweise. Erst als sie sich – ungewohnt – zu ducken begannen, verloren ihre Brigaden nicht mehr so viele Chefs wie Reshefs Verband. Nachdem Israel gut sechs Jahre zuvor, am 8. Juni 1967, das Ostufer des Suezkanals in Besitz genommen hatte, verzichtete das Südkommando darauf, den östlichen Damm zu erhöhen und zu befestigen. Das sollte sich jetzt rächen.

Israels Schlachtross, der Centurion. Am Anfang schwer unter Beschuss der Sagger und RPG-7. Dann aber Sieger mit der neuen Taktik.

Von Port Said bis Suez besetzte Ägypten den Damm mit Sagger-Trupps. Die Angreifer sahen rund 4000 Meter in die Tiefe der Sinaihalbinsel, was ihrer maximalen Wirkungsdistanz entsprach. Vorgestaffelt lauerten hinter Dünen eingegraben und gedeckt RPG-7-Schützen.

Die ersten drei Kampftage verliehen dem Panzerkampf eine neue Dimension. Die beiden letzten grossen Panzerschlachten hatten 1943 im Kurskbogen und 1944 beim alliierten Ausbruch aus der Normandie getobt. Nie wieder seither waren derart viele Kampf- und Schützenpanzer aufeinandergeprallt wie jetzt im Oktoberkrieg.

KRIEG WIE IM ZEITRAFFER

Nie zuvor und nie wieder danach – auch nicht in Irak und Kuwait – erreichte der Panzerkampf die Intensität der Suez- und Golanschlachten:

  • Nehmen wir nur Ägypten, Syrien und Irak, führten die Araber gut 3400 Panzer in den Krieg; hinzu kamen im Norden Jordanien, Marokko und Kuwait.
  • Israel stellte dem Zangenangriff sechs schwere Panzerdivisionen entgegen. • Die dramatischen Gefechte spielten sich über alle Distanzen vom Nahkampf bis zu 4000 Metern in nur 18 Tagen wie im Zeitraffer ab.
  • Mitten im Krieg schlug das Pendel jäh zugunsten Israels aus.
  • Derart viele neue tödliche Waffen waren nie zuvor in derart kurzer Zeit auf derart engem Raum in einem Panzerkrieg zum Einsatz gelangt.

EIN ZIEL — MEHRERE TRUPPS

So jäh der Sagger-Hagel die israelischen Panzerkommandanten überrascht hatte, so rasch berechneten sie dann bald die Flugzeit der Raketen – im Schnitt etwa zehn bis zwölf Sekunden, manchmal auch weniger, gelegentlich auch mehr. Nachdem sie den ersten Schreck verarbeitet hatten, suchten die jungen Israeli den Geschossen durch Tempo und geschickte Manöver auszuweichen.

Das wiederum zwang die Araber, die Sagger gebündelt abzuschiessen. Nun kamen die tödlichen Sowjetraketen in Schwärmen daher. Wenn mehrere Trupps gleichzeitig auf einen Panzer zielten, entstand der gefürchtete Geschosshagel – und es gab kein Entrinnen!

NÄCHTLICHE RAPPORTE – HINTER DÜNEN

In der ersten Kriegsnacht versammelten Israels Operationsoffiziere auf Stufe Bataillon und Brigade die Panzerchefs zu Rapporten, die bei notdürftigem Licht hinter Dünen und Anhöhen stattfanden. Die israelischen Panzerkommandanten mussten ihr Gefechtsverhalten sofort umstellen, sollte ihre Truppe überleben. Die neue Botschaft lautete:

  • «Sagger fliegen langsam. Das ist eure Chance.»
  • «Der Gegner muss das Geschoss bis zum Schluss ins Ziel steuern. Er muss das rote Licht am Schwanz der Rakete im Auge behalten. Er ist verwundbar.» • «Der erste von euch, der das Geschoss sieht, warnt sofort alle anderen.»
  • «Meidet Dünen! Dort hocken in Löchern die Panzerfaustschützen. Die RPG-7 wirkt auf kurze Distanz»
  • «Bewegt euch, wirbelt Sand auf, das tarnt euch.»

TARNUNG UND TÄUSCHUNG

Der arabischen Führung waren am 5./6. Oktober 1973 Täuschung, Tarnung und Überraschung optimal gelungen.

  • 1956 im Sinaifeldzug und 1967 im Sechstagekrieg besiegte das israelische Heer den arabischen Gegner mit «artreinen» Kampfpanzer-Vorstössen in die Tiefe des Raums. •
  • Vom 6.–8. Oktober 1973 fügten Syriens Mech-Inf-Div 5, 7 und 9 den Israeli mit den neuen Sagger und RPG schwere Verluste bei.
  • Die Pz Div 1 und 3 führten rund 400 neue Sowjetpanzer T-62 mit der 115-mm-Glattrohrkanone ins Gefecht.
  • Die ägyptischen Mech-Inf-Verbände und die Pz Div am Suezkanal setzten dasselbe lethale Arsenal ein. Im Sinai berichtete ein israelischer Panzermajor über den Nachtkrieg.

AM FAHRENDEN ZUG

Dann aber gelang dem israelischen General Tal mitten im Krieg eine spektakuläre Anpassung der Taktik – sozusagen das Wechseln der Räder am fahrenden Zug:

  • Schon am 9. Oktober rückte Israel von reinen Kampfpanzer-Operationen ab.
  • Die Führung verband den Tank-Einsatz mit dem Kampf der Panzergrenadiere, der Infanterie, der Artillerie, der Genie und der Spezialtruppen.

Israelische 175-mm-Kanone. General Tal setzte die Artillerie intensiv ein im Kampf der verbundenen Waffen.

  • Bis zur Zerstörung der SAM-Stellungen hielt die Luftwaffe ihre A-4 Skyhawk und F-4 Phantom zurück, um weitere Verluste zu vermeiden.
  • Erst als Bodentruppen die arabischen SAM-2, -3 und -6 zerstört hatten, spielten die israelischen Piloten ihre Überlegenheit zugunsten der verbunden kämpfenden Bodenverbände aus.
  • Mit dem close air support brachten die Israeli, obwohl nummerisch unterlegen, ihre mobile Kriegskunst endlich zur Geltung. Auch Marine- Geschütze unterstützten die Heerestruppen.
  • Das Ringen des israelischen Panzerkorps mit den RPG-7 spielte sich auf kurze Distanzen ab. Presseoffiziere berichteten damals auf dem Golan und am Suezkanal von der RPG-Visierreichweite 500 m und der effektiven Maximalreichweite 350 m.
  • Für die israelischen Panzersoldaten tückisch war die Taktik, dass die RPG-Schützen aus Löchern und Deckungen auftauchten und sofort angriffen.

DURCH 300 MILLIMETER PANZERSTAHL

In Kuneitra berichtete ein israelischer Panzeroffizier, die Hohlladung durchdringe bis zu 300 mm Panzerstahl. Die Kadenz bezifferte er minimal auf vier Schuss/Minute, maximal auf sechs. Das Rohrkaliber beträgt 40 mm, dasjenige der Granate 85 mm. Mit dem optischen Visier wiegt die Waffe 6,3 Kilogramm, das Geschoss ist 2 Kilo schwer.

Die Israeli gestanden der sowjetischen RPG-7 zu, sie sei eine einfache, robuste, zuverlässige Waffe. Das Degtjarjow-Werk produzierte über 100000 Panzerfäuste. Am Suezkanal schossen Saggerschützen Panzer auf Distanzen von 500–4000 Metern ab. Die israelischen Panzer dagegen trafen maximal auf 2500 Meter.

Von 2500–4000 Meter war Israel unterlegen. Erst als Elazar und sein Stellvertreter Tal anordneten, die Saggertruppe sei mit weitreichendem Feuer zu zerschlagen, schwang das Pendel für Israel aus.

Vom Golan und von den Sinai-Schlachten um die Chinesische Farm und Missouri sind Panzergefechte verbürgt, die auf kürzeste Distanz ausgetragen wurden, auch nachts. Freund von Feind zu unterscheiden, fiel an der verzahnten Front beiden Parteien schwer. Auf dem Golan führte Oberstlt Avigdor Kalahani das 77. Pz Bat. Er schilderte nach der Abwehrschlacht Panzergefechte auf extrem kurze Distanz – auf wenige Meter. Das 77. Bataillon verlor in zwei Tagen drei Viertel der Männer und Tanks.

GEMÄSS SOWJETDOKTRIN

Starr operierten die Araber:

  • Die ägyptischen Heerestruppen überwanden den Suezkanal nach sowjetischem Vorbild – mit der Genie und der Infanterie in erster Staffel und den Kampfpanzern in zweiter.
  • Am 14. Oktober griffen im Sinai ägyptischen Panzerdivisionen die Pässe Gidi und Mitla an. Sie verliessen den SAM-Schutzschild und versuchten starr vorzurücken.
  • General Kalman Magens 252. Panzerdivision hatte die Attacke erwartet und zerstörte die angreifenden Grossverbände: Für Ägypten war der Krieg an der Südfront so gut wie verloren.

NUR 9° ROHRELEVATION

Die sowjetischen Panzer waren für den Einsatz in der Ebene konstruiert. Die T-54/55 und T-62 hatten niedrige Silhouetten: aber sie konnten ihre Kanonen nur um 9° nach oben und unten heben/senken.

Die israelischen Centurion und Patton senkten ihre Kanonen tiefer. So konnten die Israeli von den Anhöhen hinunterschiessen. Die Araber konnten das Feuer nicht erwidern, weil sie unten standen und ihnen die Rohrelevation ihrer Panzer das Hinaufschiessen verunmöglichte.

ISRAEL BAUT DEN MERKAWA

Die Panzerschlacht vom 14. Oktober wurde sogleich als das grösster Aufeinanderprallen gepanzerter Kräfte seit dem Zweiten Weltkrieg klassifiziert. In den Schlagzeilen feierte der Kampfpanzer Auferstehung; vorbei war das Gerede vom Ende der Tanks.

Alle massgeblichen Nationen zogen ihre Lehren aus der rasanten Intensität und den extremen Verlusten des Oktoberkriegs. Dem Panzerbauer Israel Tal gelang 1974 mit dem Merkawa ein grosser Wurf. Er verband die Kampfkraft des Tanks mit der Idee, der Merkawa führe im Heck acht Panzergrenadiere mit: die direkte Konsequenz der brutalen Verluste.

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