Nochmals die Nordpassage: Zwei kritische Stimmen

Standard

 

Rotterdam-Yokohama. Rot die Nordpassage. Blau die Suezroute.

Zu den Beiträgen über Nordnorwegen und die Nordostpassage zum Pazifik sind zwei kritische Stimmen eingegangen.

Unser angesehener Marine-Korrespondent und -Experte Oberst i Gst Jürg Kürsener relativiert:

“Die sogenannt eisfreie Nordpassage ist trotz Klimawandel noch lange nicht operationell, auch wenn das zeitlich bzw km-mässig attraktiv klingt. Einmal würde sie vorerst ohnehin nur für die Sommermonate gelten und zweitens wären in einer ersten Phase bloss Handelsschiffe mit verstärktem Rumpf (wegen allfälligen Eisbegegnungen) zugelassen. Alles ist relativ….”

Dazu ist zu ergänzen, dass die damals stark beachtete Verlegung einer ganzen russischen Kampfbrigade von Murmansk an den Pazifik in den “WOSTOK-2018”-Manöver unter klimatisch günstigen Bedingungen im warmen Sommer stattfand.

Siehe auch > Norwegen schützt Island mit F-35 und Arktis – China mischt mit

Passagen der Jahre 2006–2015. Blau die Hauptroute, rot direkte Wege im Sommer.

Per Mail zitiert Karl Bischofberger aus der umfassend dokumentierten Basler Dissertation von Dr. Patrick Leypoldt die geografischen Grundlagen: 

“Der Name Nordostpassage ist eine übergeordnete und historische Bezeichnung für den Seeweg zwischen Europa (Atlantik) und dem Fernen Osten (Pazifik) entlang der russischen Nordmeerküste. Im englischen entspricht die Bezeichnung Nordostpassage der Northeast Passage oder kurz NEP. Die Nordostpassage besitzt eigentlich keinen klar definierten geographischen Anfangs- und Endpunkt.

Von der Distanz her stellt die Nordostpassage die kürzeste Schifffahrtsverbindung zwischen den europäischen Häfen der Nordrange und den ostasiatischen Häfen dar. Die Route führt von den Häfen der Nordrange entlang der norwegischen Küste über das Nordkap in die Barentssee (Murmansk). Folgt man dem Routenverlauf weiter östlich, führt die Route entlang der sibirischen Küsten bis zur Beringstrasse, von wo Hafenstandorte in Ostasien, Südostasien oder auch an der Westküste Nordamerikas zu erreichen sind.

Der Nördliche Seeweg oder auch der Arktische Seeweg ist ein Teil der Nordost- passage, sozusagen im arktischen Kerngebiet der Route. Im englischen Sprach- raum wird der Nördliche Seeweg als Northern Sea Route bezeichnet.Der Be- griff wurde aus dem russischen Sprachgebrauch abgeleitet, abgekürzt wird er mit NSR (Northern Sea Route).

Satelittenbild. Blau Eis. Gelb die Nordpassage. Grau Land. Punktiert die Amundsenpassage.

Der Nördliche Seeweg beginnt im Westen, je nach Quelle, in der Barentssee auf der Höhe des russischen Hafens Murmansk, oder erst ab der Insel Nowaja Semlja. Sie führt dann über die Karasee in die Laptewsee und weiter in die Ostsibirische See. Nach der Durchquerung der Tschuktschensee gelangt man zur Beringstrasse (Provideniya), wo der Nördliche Seeweg offiziell endet.

Die Route der Nordostpassage beginnt in Europa an einem Nordseehafen und führt entlang der norwegischen Küste, an Murmansk vorbei durch die Nebenmeer des Nordpolarmeeres in den Pazifik. Von dort können Häfen in Japan (z.B. Yokohama), Südkorea oder auch China angelaufen werden.

Die Route des Nördlichen Seewegse beginnt im Westen je nach Definition entwe- der im russischen Nordmeerhafen Murmansk oder an der Inselgruppe Nowaja Semlja. Die Route führt weiter durch die Nebenmeere des Nordpolarmeeres bis zum russischen Hafen Provideniya an der Beringsstrasse.

In der Literatur wird die Arktis in erster Linie als ein von Kontinenten eingerahm- tes Meer verstanden. Das Zentrum der Arktis bildet das Nordpolarmeer mit 14.8 Mio. km2, die nördlichen Teile der angrenzenden Kontinente (Nordamerika, Europa und Asien) weden jedoch auch zur Arktis hinzugezählt.

Die Nebenmeere des Nordpolarmeers im Einzugsgebiet der Nordostpassage sind die Barentssee, das Weisse Meer, die Karasee, die Laptewsee, die Ostsibirische See, die Tschuktschensee und die Nordberingsee.

Die Route über die Nordostpassage hat je nach Wahl des Start- und Zielhafens unterschiedliche Längen. Im Allgemeinen wird in der Literatur vom Beispiel Hamburg-Yokohama gesprochen, bei dem die Entfernung über die Nordostpassage in der Regel mit 6‘000 bis 7‘000 nm  angegeben wird. Die Distanz der Vergleichsroute über den Suezkanal beträgt rund 11‘000 nm.

Seewege der Welt. Rechts oben die Nordostpassage.

Die daraus abgeleiteten Strecken- oder Fahrtzeitersparnisse werden mit 40% bis 50% oder gar 60% angegeben. Es sollte dabei berücksichtigt werden, dass Hamburg der östlichste Nordrangehafen und Yokohama der am nördlichsten liegende ost- asiatische Hafen ist. Kurz, die oftmals angegebene Streckenlänge stellt die theore- tisch kürzeste Verbindung zwischen Europa und Asien dar.

Die Angaben sind daher keinesfalls falsch, nur berücksichtigen sie vielleicht nicht vollumfänglich den Sachverhalt. Bei der Betrachtung der Streckenlänge der Nord- ostpassage sollte berücksichtigt werden, dass es aufgrund der grossen Dichte der Häfen entlang der Nordrange für Nutzer der Nordostpassage weniger entscheidend ist, welcher Hafen an der Nordseeküste der Ausgangshafen ist, sondern welcher Zielhafen angelaufen werden soll.

Yokohama und Tokio sind zwar Häfen, die in einer relativ kurzen Entfernung zum östlichen Eingang der Nordostpassage liegen, nur stellt sich hier die Frage, ob diese Häfen aus heutiger Sicht die treffende Hafenwahl sind (Hamburg–Yokohama 7‘233 nm). Mit Blick auf das zur See transportierte Aufkommen und auf die Rangfolge der grössten Häfen der Welt, schnell deutlich, dass Hamburg für Europa eine gute Hafenwahl darstellt, in Asien jedoch vielmehr Häfen wie Shanghai (Hamburg – Shanghai 8‘024 nm) oder Hong Kong (Hamburg – Hong Kong 8‘739 nm) die relevanten Zielhäfen sind.

Der Nördliche Seeweg (Arktischer Seeweg), das arktische Kernstück der Nordostpassage, wird in der Regel als Seewegsabschnitt zwischen der Barentssee im Westen und der Beringstrasse im Osten definiert und ist gleichzeitig die längste durch Eis führende Schifffahrtsstrasse der Welt. Je nach Quelle wird hier der westliche Ausgangspunkt mit dem russischen Nordmeerhafen Murmansk oder der Insel Nowaja Semlja definiert. Die gesamte Länge des Seewegs wird zwischen 2‘700 und 3‘500 nm angegeben.

Gut erkennbar in der Mitte der Nordpol und das Arktische Packeis.

Oftmals wird der Nördliche Seeweg in drei Teilstücke untergliedert, den westli- chen Abschnitt von Murmansk bis zum Mündungsgebiet des Jenissei, den mittle- ren Abschnitt mit der Kara- und der Laptewsee und den östlichen Abschnitt mit der Wrangelinsel sowie der Ostsibirischen See.

Der Nördliche Seeweg kann auf unterschiedlichen Routen befahren werden, meist wird aber von drei bis vier verschiedenen Varianten gesprochen. Die vier gängigsten Routenvarianten:

  • Coastal Route
  • Mid Route
  • Transit Route
  • Over-the-Pole Route

Die Coastal Route ist die traditionellste und gleichzeitig auch die längste aller Varianten und führt in relativer Nähe entlang der sibirischen Nordküste.

Die Mid Route beginnt in Murmansk, verläuft nördlich von Nowaja Semlja entlang zum Hafen von Dikson und führt weiter entlang der Neusibirischen Inseln nach Pevek.

Die Transit Route beginnt ebenfalls in Murmansk und verläuft über die Nordspitze von Nowaja Semlja (Kap Mauritius), passiert aber dann das Kap Arktitscheski (Nordspitze von Sewernaja Semlja). Weiter führt die Routenvariante nördlich entlang der Neusibirischen Inseln durch die Meerenge von Longa bis sie an- schliessend in die Beringsee mündet.

Die vierte Route, die Over-the-Pole-Route, ist mit Abstand die kürzeste (700 nm kürzer als die Coastal Route) und führt, wie der Name schon sagt, von Murmansk direkt über den Nordpol in die Beringsee.”

Die Redaktion dankt Herrn Bischofberger für den Hinweis auf Dr. Patrick Leypoldts akribisch geschriebene Doktorarbeit: Die Nordostpassage als Alternative zu den bestehenden Seeverkehrsrouten zwischen Europa und Asien. Potenziale bis zum Jahr 2050. Basel 2009.