Napoleons Adjutant General Rapp

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Borodino, 7. September 1812: Rapp wird zum 22. Mal verwundet (Bild Albrecht Adam).

In der Würdigung von Napoleons Schlacht bei Borodino 1812 wird auch General Jean Rapp geschildert, der in Russland zum 22. Mal verwundet wurde.

Der Korrespondent Hagen Seehase schreibt: “Ich habe gerade den beeindruckenden Artikel über Borodino gelesen und konnte einfach nicht umhin, Ihnen etwas zu senden, das in eine ähnliche Richtung geht. Nach Napoleons Niederlage bei Waterloo brachte nämlich sein ehemaliger Adjutand Rapp (der übrigens im gleichen Jahr starb wie Napoleon) einen Sieg über alliierte Streitkräfte zuwege, den aber heute keiner mehr kennt.”

General Jean Rapp.

Das Heimspiel von La Souffel: Frankreichs letzter Sieg 1815

Auf einer Nebenbühne der Weltgeschichte gelang einem früheren Adjutanten Napoleons gerade das, was seinem Mentor, Vorbild und Kaiser verwehrt blieb: ein Sieg über numerisch überlegene alliierte Truppen. Dieser Sieg von General Jean Rapp, der aus dem oberelsässischen Colmar stammte, blieb letztlich politisch bedeutungslos, zeigte aber, was die napoleonischen Soldaten unter geschickter Führung zu leisten imstande waren – auch noch 1815.

Als Napoleon nach seiner Rückkehr aus dem Exil auf Elba die Macht in Frankreich an sich reissen konnte, traf er die strategische Entscheidung, schnell gegen die bedrohlichste alliierte Kräftekonzentration vorzugehen: die Truppen von Wellington und Blücher in Belgien. Er wartete nicht den weiteren Wiederaufbau der französischen Streitkräfte ab, sondern konzentrierte seine besten Kräfte in der Nordarmee unter seinem persönlichen Kommando: 128’000 Mann, die fast alle Veteranen früherer Feldzüge waren. 

Linientruppen und Nationalgarden

In Frankreich verblieben einige zehntausend Mann an Linientruppen und Nationalgarden, die auf viele grössere und kleinere Garnisonen und Depots verstreut waren.

Die bedeutendste Reserve unterstand Marschall Nicholas Davout. Er hatte in seiner Dreifachfunktion als Kriegsminister, Kommandant der Nationalgarde und Gouverneur von Paris 20’000 Mann unter seinem direkten Kommando. Demgegenüber nahmen sich die schönfärberisch „Armeen“ genannten Verbände, die an den Grenzen Frankreichs den Anmarsch der Alliierten beobachten, verzögern und abwehren sollten, relativ bescheiden aus. Tatsächlich hatten diese Armeen eher Korpsstärke, manchmal nicht einmal das.

  • So sollte General Lamarque mit der Armée de l´Ouest (10’000 Mann) in der Vendée einen Aufstand bourbonisch gesinnter Insurgenten niederschlagen.
  • General Lecourbe deckte mit der Armée du Jura (8’400 Mann) die Burgundische Pforte und die Schweizer Grenze.
  • Zur Sicherung der Pyrenäenpässe waren zwei Formationen abgestellt: die 6’800 Mann starke Armée des Pyrenees Occidentales unter General Clausel und die 7600 Mann starke Armée des Pyrenees Orientales unter General Decaen.
  • Marschall Brune stand mit der 5’500 Mann starken Armée du Var an der Riviera.
  • Marschall Suchet sollte die Alpenpässe sichern und einem erwarteten Angriff der Alliierten auf Lyon begegnen. Dafür stand ihm die 23’500 Mann starke Armée des Alpes zur Verfügung.
  • Grösste Bedrohung (abgesehen von den Briten und Preussen) war die aus Truppen des österreichischen Kaisers und der süddeutschen Fürsten gebildete Armee des Fürsten Schwarzenberg, die über 200’000 Mann zählte. Ihren Vorstoss über den Rhein sollte die im Elsaß stehende Armée du Rhin aufhalten (und gleichzeitig noch die wichtige Waffenfabrikationsstätte Klingenthal sichern). Sie zählte zwischen 23’000 und 24’000 Mann und wurde von verdienten Kommandanten geführt, an deren Spitze Jean Rapp stand.

Jean Rapp, geboren in Colmar

Denkmal in Colmar.

Der war am 27. April 1771 als Sohn eines Colmarer Stadtdieners geboren und hatte eine beeindruckende militärische Karriere hinter sich. Vielfach verwundet – in Warschau wollte man ihm 1806 den durch eine Kugel schwer blessierten Arm amputieren, Rapp lehnte das aber ab – hatte er auch eine Zeitlang als Aide-de-camp Napoleons gedient. 

Mit dem vollen Vertrauen Napoleons, Ortskenntnis und noch beiden Armen machte er sich an seinen Auftrag. Die Reorganisation der Nationalgarde im Elsass war einem Verwandten Rapps aus Colmar, dem General Jean-Jacques Kessel, übertragen worden. 

Einer von Rapps unterstellten Generäle war der 1769 im lothringischen Phalsbourg (Pfalzburg) geborene Henri Rottembourg, der sich vom einfachen Soldaten bis zum General empordiente. Er diente einige Jahre in der kaiserlichen Garde, wurde in die Légion d’honneur aufgenommen und wurde 1811 Brigadegeneral – er war  der erste französische General jüdischen Glaubens.

Rapp hielt es nicht in der Festungsstadt Strassburg, er marschierte nach Norden, Es gelang ihm, Kontakt mit der französischen Festung Landau herzustellen, die von General de Brigade Michael Geither (einem Pfälzer)  umsichtig verteidigt wurde. Bei einem Gefecht nahm Chef d´Escadron Wilhelm von Türckheim (Sohn eines Elsässer Adligen und der früheren Verlobten Goethes, Lili Schönemann) den bayrischen Vorposten bei Godramstein gefangen. Rapp durchzog die Gegend um Weißenburg, als Befehle seines soeben bei Waterloo geschlagenen Kaisers eintrafen. 

Napoleon beorderte Rapp, schnellstens mit seinen Truppen auf Paris zu marschieren, allerdings konnten die Alliierten zwischenzeitlich Nancy besetzen und so Rapp den Marschweg abschneiden, der mit seinen Truppen in Strassburg und Umgebung blieb. 

Untätig war er deshalb nicht, Vorstösse bis zur Lauter und darüber hinaus wurden unternommen, allerdings führte Rapp diese Manöver nur mit der Kavallerie (eine leichte Kavalleriedivision unter Comte Christophe Antoine Merlin) und den drei Liniendivisionen unter seinem Kommando aus, die ausschliesslich aus Elsässern gebildete Division der Nationalgarde (sechs Bataillone mit insgesamt 3’000 Mann unter dem Elsässer General Sigismond de Berckheim) blieb als Bedeckung von Colmar im Oberelsass. Die Franzosen lieferten den Alliierten mehrere Rückzugsgefechte im nördlichen Unterelsass, Rapp bezog eine Stellung bei Brumath, die er aber aufgab. Er rückte näher an Straßburg heran.

Napoleonische Linieninfanterie, nachgestellt.

Für den Ablauf der Kämpfe beim namensgebenden Flüsschen La Souffel gibt es eine Primärquelle: die nur wenige Jahre danach (1823) erschienenen Memoiren von General Rapp. Stellenweise mit Vorsicht zu genießen, beschreiben sie aber wie Rapp gegen überlegene Feindkräfte durch Schwerpunktbildung und gezielten Einsatz der Reserven zum Erfolg kommen konnte, ganz im Sinne und nach der Manier seines kaiserlichen Mentors. 

Seinen drei Divisionen gegenüber standen am 28. Juni 1815 die drei Divisionen des Württemberger Korps (eine aus Württemberg, eine aus Österreich, eine aus Hessen-Darmstadt), die vom Kronprinzen Württembergs, Prinz Friedrich Wilhelm Karl,  kommandiert wurden. Die Kopfstärke der alliierten Divisionen war erheblich höher, auch waren sie stärker mit Artillerie versehen. Rapp stand mit rund 20’000 Mann rund 40’000 alliierten Soldaten gegenüber.

  • Rapp stellte seine 15. Division (General de Division Henri Rottembourg) so auf, dass ihre rechte Flanke sich an den Fluss Ill anlehnte, das Zentrum Hoenheim deckte und die linke Flanke bei Souffelweyersheim stand.
  • Es schloss sich westlich die 16. Division (General de Division Joseph Jean-Baptiste Albert) bei Lampertheim, Mundolsheim und Hausbergen an.
  • Von Molsheim rückte in Kolonnen die 17. Division (General de Division Charles Grandjean) an, mit dabei waren zwei Regimenter Kavallerie.
  • Zwei weitere Kavallerieregimenter standen als Reserve (bei Bischheim) hinter der 15. Division. 

Die Schlacht begann mit Attacken der Alliierten gegen Lampertheim, das von einem Bataillon des franz. 10. leichten Regiments gehalten wurde. Gegen erdrückende feindliche Übermacht musste sich das Bataillon zurückziehen und ging bis Mundolsheim zurück.

Die Schlacht von La Souffel 1815.

An der Spitze der Attacke

Die Alliierten gingen von Norden (die Strasse von Brumath entlang) und von Nordosten (die Straße von Bischwiller entlang) vor, das operative Ziel war es, die 15. und die 16. Division voneinander zu trennen um die weiter westlich stehende 16. Division dann aufzureiben. Der Angriff des 32. Linienregiments verschaffte der Armee Rapps etwas Luft, General Rottemboug konnte seinen linken Flügel zurücknehmen. Als dann das franz. 36. Linienregiment von Souffelweyersheim abrückte, um das bedrängte 10. leichte Regiment zu unterstützen, drangen österreichische Truppen in das Dorf ein. 

In den wechselhaften Manövern rund um Souffelweyersheim bot die österreichische Division eine ungesicherte Flanke, das war die Gelegenheit, auf die Rapp gewartet hatte. Er befahl seiner Kavalleriereserve, dem 11. Dragonerregiment und dem 7. Chasseur-a-cheval-Regiment den Angriff.

Er selbst ritt die Attacke an der Spitze mit. Die alliierte Kavallerie wurde geworfen, der nachfolgende Kolonnenstoss des 32. franz. Linienregiments brachte die Front der Alliierten ins Wanken, die sich zurückzogen. Die Verluste der Franzosen beliefen sich auf 510 Tote und rund 2500 Verwundete (nach einer anderen Quelle nur auf rund 750 Mann), bei den Alliierten soll es Verluste von insgesamt 2100 Toten und Verwundeten gegeben haben.

Gnade vor Recht

Ausnutzen konnte Rapp seinen taktischen Erfolg nicht, die Württemberger verbrannten als Repressalie Souffelweyersheim, dessen Einwohnern vorgeworfen wurde, sie hätten die alliierten Soldaten beschossen. Der Kronprinz (ab 1816 als Wilhelm I. zweiter König Württembergs) liess den Bürgermeister Souffelweyersheims, George Schaeffer, nebst 17 weiteren Bürgern arretieren und unter demselben Vorwurf zum Tode durch Füsilieren verurteilen. Er liess aber davon ab, als der evangelische Pfarrer von Vendenheim, Pastor Philipp Friedrich Dannenberger, um Gnade für seine katholischen Landsleute bat. 

Das Württemberger Korps zog ab, um durch das badisch-österreichische Korps unter dem Kommando von Fürst Friedrich Franz Xaver von Hohenzollern-Hechingen abgelöst zu werden. Am 24. Juli schloss Rapp mit Fürst Hohenzollern einen Waffenstillstand, nachdem Nachrichten von der Besetzung der Hauptstadt Paris durch preußische Truppen eintrafen.  Am 1. Oktober 1815 zogen die letzten Soldaten Napoleons aus Straßburg ab.

In die Gunst des Bourbonenherrschers Louis XVIII war auch Rapp bald wieder aufgenommen, der Deputierter des Oberelsass wurde und zeitweise das Hofamt eines Kammerherren und „Maître de la Garde-robe“ bekleidete.

Rapp starb am 8. November 1821 im badischen Rheinweiler an Magenkrebs, im gleichen Jahr wie sein Mentor und Gönner Napoleon Bonaparte, dessen Todesursache höchstwahrscheinlich auch diese tückische Krankheit war.