Nagasaki, 9. August 1945, 11.02 Uhr

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9. August 1945, 11.02 Uhr, Nagasaki, die Explosion der Plutoniumbombe Fat Man.

Am 9. August 2020 jährt sich zum 75. Mal der Abwurf der zweiten Atombombe auf Japan. Der Angriff der amerikanischen B-29 Superfortress Bockscar auf die Mitsubishi-Stadt Nagasaki ist noch umstrittener als die Zerstörung von Hiroshima am 6. August 1945.

  • War es nötig, dass die USA über eine zweite Stadt Tod, Verderben, Verwüstung und unsägliches Leid brachten, nachdem schon die erste Bombe über Hiroshima ihre entsetzliche Zerstörungskraft demonstriert hatte?
  • Und warum löschte Major Charles Sweeney ausgerechnet Nagasaki aus? Die Stadt mit starker christlicher Bevölkerung? Der Ort, der Japan Jahrhunderte lang als einziges Tor zur Aussenwelt gedient hatte (über den portugiesischen, dann holländischen Stützpunkt Dejima unten am Hafen).
  • Wollten General Groves, der Chef des “MANHATTAN”-Projekts, nach der Uranbombe von Hiroshima einfach auch noch die stärkere Plutoniumbombe Fat Man erproben?

Punktiert die Route von Tinian über Kokura, Nagasaki, Okinawa zurück nach Tinian.

Das Patt unter den “Grossen Sechs”

Erneut stehen sich die pazifistische Verurteilung der USA und die rationale Begründung durch den Präsidenten Truman diametral gegenüber. Der Schlüssel zur furchtbaren Abfolge der Ereignisse liegt in den beiden Tagen vom 7./8. August 1945.

  • Am 6. August hatte der kaiserliche Generalstab bereits eine Viertelstunde nach der Detonation über Hiroshima Kenntnis von der grausamen Verwüstung der Stadt. Das Militär behielt die Schreckensbotschaft jedoch für sich. Die Offiziere liessen die politische Führung im Dunkel tappen.
  • Die “Grossen Sechs”, die unter dem Kaiser Hirohito Japans Schicksal bestimmten, waren elend zerstritten. Die drei Moderaten Suzuki, Togo und Yonai sahen ein: Dem Kaiserreich blieb nur die Kapitulation. Aber die Hardliner Anami, Umezu und Toyoda redeten dem Krieg bis zum letzten Blutstropfen das Wort – in der Tradition der Samurai und mit der Unterstützung der fanatischen Offizierskaste der imperialen Armee.
  • Entscheidend zwischen den beiden Bomben: Die Hardliner beherrschten die Streitkräfte; gegen ihren Willen verweigerte der Kaiser die Kapitulation.

Stalins Einmarsch in die Mandschurei

Dazu liess der sowjetische Diktator Stalin am 8. August seine Streitkräfte in die japanisch besetzte Mandschurei einmarschieren. Der imperiale Generalstab hatte 20 Divisionen vom asiatischen Festland zum Schutz des japanischen Kernlandes auf die vier Hauptinseln zurückgezogen.  Rote Armee brach tief in japanische beherrschtes Territorium ein.

Stalin hatte nach dem siegreichen Marsch auf Berlin 1’500’000 Mann von Europa nach Asien verlegt. Er konnte warten, bis ihm Japan weidwund zu Füssen lag. Doch stärkte der rote Einfall unter den “Grossen Sechs” die Falken. In Anbetracht von Stalins Griff auf die Kurillen und Sachalin verwarfen sie die Kapitulation noch kategorischer.

B-29 Superfortress Bockscar.

Operation “CENTERBOARD”

Erneut schlug Japan die Unterwerfung aus. Am 9. August startete wieder auf der Pazifikinsel Tinian Major Sweeney mit seiner Bombercrew von zwölf Mann zur tödlichen Operation “CENTERBOARD”. Als Ziele waren nach der Zerstörung von Hiroshima noch offen: Niigata auf Honschu, Kokura und Nagasaki auf Kyushu.

Nagasaki war ursprünglich nicht auf der Liste der Ziele, wurde aber als Ersatz für die alte Kaiserstadt Kyōto hinzugefügt. Auf Anordnung von Kriegsminister Henry Stimson, der Kyōto einst besucht hatte und um dessen Bedeutung als kulturelles Zentrum Japans wusste, war die Stadt aus der Liste der Ziele gestrichen worden.

Nagasaki hatte damals 260’000 Einwohner und war der Standort des Mitsubishi-Rüstungskonzerns, der dort Werften betrieb, in denen etwa 20’000 koreanische Zwangsarbeiter  Kreuzer und Torpedoboote für die Kaiserlich-Japanische Marine bauten und reparierten. Dort wurden auch die Torpedos gebaut, mit denen Japan die Amerikaner auf Pearl Harbor angegriffen hatte. Die Stadt gehörte damit zu den möglichen Angriffszielen der US Luftwaffe. In Nagasaki waren nur wenige japanische Soldaten stationiert.

Auf Tinian trafen zügig die Komponenten für  Kernwaffen ein. Die Beteiligten standen unter dem Eindruck der Versenkung der USS Indianapolis am 30. Juli 1945. Dieser schwere Kreuzer war nach der Ablieferung von acht Bombenkörpern für die Hiroshimabombe in Tinian auf der Weiterfahrt nach Guam von zwei Torpedos des japanischen U-Boots I-58 getroffen worden und in wenigen Minuten gesunken.

Von Utah nach Tinian

Es war der letzte Verlust eines US Kriegsschiffes im Pazifikkrieg. Von den knapp 1’200 Mann Besatzung konnten nur 318 gerettet werden. Drei Bombenkörper des Fat-Man-Typs und das Kernmaterial für die Bombe wurden deshalb von der 509th Composite Group auf dem Luftweg aus Utah nach Tinian gebracht. Die Plutoniumbombe Fat Man mit einer Sprengkraft von 22’000 Tonnen TNT wurde in Eile und unter Auslassung wichtiger Kontrolltests zusammengebaut.

Die Plutoniumbombe Fat Man.

Die Generäle auf Tinian beschlossen den Abwurf der zweiten Bombe am 8. August selbst. Als Befehlsgrundlage galt ihnen die Order des Präsidenten vom 24. Juli, wonach die Spezialbomben nach dem 3. August einsatzbereit sein und nacheinander abgeworfen werden sollten. Eine weitere Anordnung holten sie nicht ein.

Sie zogen das für den 11. August angesetzte Abwurfdatum zwei Tage vor, da schlechtes Wetter vorhergesagt war. Nachts gegen 2 Uhr am 9. August 1945 startete der 25-jährige Pilot Sweeney den Bomber Bockscar mit  zwei Begleitflugzeugen. Sein Ziel war Kokura, eine Stadt mit noch mehr Rüstungsindustrie als Nagasaki.

Bei der Ankunft lag Kokura unter einer dichten Wolkendecke; bei drei Anflügen war die Sicht stark behindert, sodass Sweeney den Angriff abbrach. Er durfte die Bombe nur nach Sicht abwerfen, da er die Rüstungsbetriebe treffen sollte. Da dies nicht möglich war und das Flugbenzin zur Neige ging, flog er das Ausweichziel Nagasaki an.

Ursprünglich war ein Direktangriff auf die Schiffswerften geplant. Da in Nagasaki aber ebenfalls schlechte Sichtverhältnisse herrschten, konnte kein exakter Zielabwurf durchgeführt werden. Der Pilot hätte den Angriff unter solchen Umständen abbrechen müssen, entschied sich jedoch für einen Radaranflug. Nur ohne die schwere Bombe an Bord konnte man gerade noch Okinawa für eine Notlandung erreichen.

Die Explosion um 11.02 Uhr.

Explosion 470 Meter über Boden

Die Bombe wurde um 11.02 Uhr Ortszeit etwa drei Kilometer nordwestlich des geplanten Zielpunkts bei 32° 46′ 25,6″ N, 129° 51′ 48,1″ O über dicht bewohntem Gebiet abgeworfen. Sie sollte eigentlich den Mitsubishi-Konzern treffen, verfehlte ihr Ziel aber um mehr als zwei Kilometer. Sie zerstörte fast das halbe Stadtgebiet.

Die Explosion in etwa 470 Metern Höhe über dem Boden vernichtete im Umkreis von einem Kilometer 80% aller Gebäude – zumeist Holzhäuser – und liess nur wenige Überlebende zurück. Sie explodierte in einem Tal, sodass die umliegenden Berge die Auswirkungen auf die Umgebung der Stadt dämpften. Die Bombe setzte über eine Entfernung von vier Kilometern Objekte in Brand. Der Atompilz erhob sich 18 Kilometer in die Atmosphäre.

Etwa 30% der Bevölkerung wohnten 2’000 Meter oder weniger vom Bodennullpunkt entfernt. In der Innenstadt starben sofort etwa 22’000 Menschen; weitere 39’000 starben innerhalb der nächsten vier Monate.[Andere schätzen 70’000 bis 80’000 Tote.

Der Tenno kapituliert 

Die Nachricht von der Zerstörung Nagasakis löste bei Japans Regierung Bestürzung aus. Man fürchtete, die Vereinigten Staaten würden eine dritte Bombe auf Tokio werfen.

Nach zwölfstündiger ergebnisloser Beratung des Kriegskabinetts, bei der sich die Positionen des Aussenministers und der Militärs unversöhnlich gegenüberstanden, bat Premierminister Suzuki Kantarō, der bis dahin nicht in die Debatte eingegriffen hatte, den Tennō am 10. August 1945 um seine Entscheidung. Hirohito sprach erstmals ein Machtwort und entschied um 2 Uhr morgens, die Kapitulation sei anzunehmen. Mit dem Zusatz, man verstehe diese so, dass der Tennō seine souveränen Rechte behalten könne, wurde dieser Beschluss den Alliierten übermittelt.

Die Vereinigten Staaten erklärten daraufhin, man werde die Autorität des Tennōs dem alliierten Besatzungskommando unterstellen, sobald die Kapitulation erklärt sei. Die japanische Erklärung wurde also nicht als solche gewertet. Dies wurde in Japan am 12. August bekannt. Die japanischen Generäle riefen daraufhin ihre Soldaten zum millionenfachen Selbstmord auf, um die Invasoren „ins Meer zu treiben“.

Am 14. August wollte Hirohito sich ans Volk wenden, um die Nation zu retten und den Japanern weiteres Leid zu ersparen. Er selbst werde seine Untertanen um Verständnis dafür bitten. Um zu verhindern, dass dessen Rede im Rundfunk ausgestrahlt werden konnte, versuchten jüngere Offiziere einen Staatsstreich. Nachdem der Kommandant Tokios, General Tanaka, sie mit einer langen Rede besänftigt hatte, begingen er und die Anführer der Revolte Seppuku, den traditionellen Suizid.

Der letzte Luftangriff

Am 15. August 1945 fand der letzte Luftangriff der Vereinigten Staaten statt; er galt den Städten Kumagaya (Präfektur Saitama) und Isesaki (Präfektur Gunma). Um 16 Uhr wurde Hirohitos Rede gesendet (Gyokuon-hōsō). Die auf Plätzen versammelten Japaner, die seine Stimme nie zuvor vernommen hatten, erfuhren, wie es um Japan stehe.

Der Rede folgten zahlreiche Selbsttötungen. Am nächsten Tag erging an alle Truppen der kaiserliche Befehl, die Kampfhandlungen einzustellen. Am 30. August traf die alliierte Pazifikflotte in der Bucht von Tokio ein.

Auf dem Schlachtschiff USS Missouri: Unterzeichung der Kapitulation.

Am 2. September unterzeichneten der neue Außenminister Shigemitsu Mamoru und Generalstabschef Umezu Yoshijirō für Japan, General Douglas MacArthur für die Alliierten auf dem Schlachtschiff USS Missouri die Kapitulationsurkunde. MacArthur hielt eine Rede, die Sieger und Besiegte aufforderte, gemeinsam eine der Menschenwürde verpflichtete Welt aufzubauen.

Am 9. September 1945 kapitulierte schließlich auch die japanische China-Armee mit etwa einer Million Mann in Nanjing gegenüber den Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek. Die japanischen Streitkräfte in Südost-Asien kapitulierten erst am 12. September 1945 in Singapur gegenüber den alliierten Streitkräften unter Lord Louis Mountbatten. Damit war der Zweite Weltkrieg beendet.

Zur Erprobung der Plutoniumbombe?

Der Vorwurf, die USA hätten Nagasaki zerstört, um die Plutonuimbombe zu erproben, zielt wohl zu kurz. Es wäre nach dieser These um den Vergleich der Uranbombe auf Hiroshima mit der Nagasaki-Bombe gegangen. Doch entsprach die Topografie der Bucht von Nagasaki mit dem engen anschliessenden Tal überhaupt nicht der ausgedehnten Ebene von Hiroshima. Für den Vergleich hätten die “MANHATTAN”-Chefs eine Stadt im flachenLand bestimmen müssen.