Montgomery gegen Rommel

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  • 184 Seiten, 230 Abbildungen
  • Format: 230 x 265 mm, gebunden, ISBN 978-3-613-04274-2
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Westen: Schwarz die Achsentruppen, Zentrum und Osten Blau Briten und Alliierte.

Die Schlacht von el-Alamein 1942

Rommel hatte im Sommer 1942 die Briten tief nach Ägypten hinein vor
sich hergetrieben. Hitler fabulierte schon von einer Zangenoffensive
auf das britische Empire: Rommel sollte an den Suezkanal durchstossen,
und vom Sinai her würde die Wehrmacht die Zange schliessen.

GEGEN DEN WÜSTENFUCHS
Churchill erkannte die Gefahr, die der Schlagader seines Reiches drohte.
Er ernannte Bernard Montgomery zum Kommandanten der 8. Armee:
Der zähe, listenreiche Montgomery – Monty –sollte dem Wüstenfuchs
Rommel Paroli bieten.
Als die Afrika-Armee el-Alamein, 100 Kilometer vor Alexandria, in Besitz
nahm, befand sich die Wehrmacht auf der Höhe ihres Ruhmes. Im
Westen stand sie am Atlantik, im Norden in Narvik, an der Wolga in
Stalingrad und im Kaukasus am Terek, am Fluss zum Kaspischen Meer.

Rommel (rechts) mit Stab.

DER NACHSCHUB STOCKT
Doch in Russland und Nordafrika überdehnte Hitler die Fronten. Rommel
litt unter dem stockenden Nachschub und begab sich zur Pflege
nach Deutschland. Die Royal Air Force versenkte im Mittelmeer gegnerische
Tanker. Mehrmals musste das Afrikakorps Vorst.sse abbrechen,
weil den Panzern der Treibstoff ausgegangen war,
Zudem litten die Deutschen unter mangelhafter Verpflegung. Als Montgomery
bei al-Alamein die letzte Sperre aufgebaut hatte und Rommels
Attacken aufliefen, erlitten die Deutschen und die verbündeten Italiener
Verluste. Zur Entscheidungsschlacht traten sie reduziert an.
General Harold Alexander, der britische Befehlshaber Nahost, st.rkte
die 8. Armee. Er führte ihr Truppen und Panzer zu. Montgomerys Streitmacht
trat zum grossen Show-down aufgefüllt an.

Bernard Montgomery.

8. ARMEE UMFASST DREI CORPS
In November gliederte Montgomery die 8. Armee in drei Corps. Zum
Detail übernehmen wir Churchills ordre de bataille:
• In der Rückhand behielt Monty im Osten das X. Panzercorps (Lumsden)
mit den Pz Div 1 und 10.
• An der Küste hielt das XXX. Corps (Leese) die Front mit Australiens 9.,
Neuseelands 2. Div und der 51. Div.
• Gegen Süden behauptete das XIII. Corps (Horrocks) die Front: Südafrikas
1. Div, Indiens 4. Div, die griechische Brigade, die 50. Div, die
44. Div und Frankreichs Brigade.
• In der Hinterhand, im Osten, behielt Horrocks die 7. Panzerdivision.

ROMMELS DEUTSCHE TRUPPEN
Rommels Stellvertreter war General Stumme, ein treuer Verwalter.
Er befehligte an Armeetruppen die beiden Leichten Afrika Divisionen 90 (General Strecker) und 164 (General Lungershausen) plus die Fallschirmbrigade, die den Namen ihres Kommandanten, des Generals Ramcke, trug.
Das Afrikakorps stand unter dem Befehl von Ritter von Thoma. Es bestand
aus den Pz Div 15 und 21, die je umfassten:
• ein Panzerregiment,
• ein Panzergrenadierregiment,
• ein Artillerieregiment,
• ein Panzerabwehrbataillon,
• ein Geniebataillon.

ITALIENS AFRIKA-ARMEE
Nominell führte Marschall Ettore Bastico Italiens Afrika-Armee. Er behielt
zwei Verbände unter seinem direkten Kommando: die 16. Motorisierte
Division Pistoia und die 136. Inf Div Giovani Fascisti, genannt
auch Mussolinis Jungen. Auf dem Papier befehligte Bastico zudem
drei Korps:
• Das XX. Motorisierte Korps (de Stephanis) mit der 132. Pz Div Ariete
(Arena); der 133. Pz Div Littorio (Bitossi); der 101. Mot Div Trieste (La
Ferla).
• Das XXI. Korps (Navarini) mit der 102. Mot Div Trento (Masina) und
der 25. Inf Div Bologna (Gloria).
• Das X. Korps (Nebba): 185. Fsch Div Folgore (Frattini); Inf Div 27 Brescia
(Brunetti) und 17 Pavia (Scattaglia).

KORSETTSTANGEN
Rein nummerisch führte Rommel vier Divisionen ins Gefecht, Bastico
zehn. Aber in der Sahara war Division nicht gleich Division. Mussolinis
Jungen bestanden gerade einmal aus zwei Bataillonen, so tapfer sich
die jungen Faschisten auch schlugen – wie auch die Schwarzhemden
der Division Folgore furchtlos kämpften.
Rommel jedenfalls traute den Verbündeten nie ganz. Er zog ihnen Korsettstangen
ein. Zwischen Basticos Regimentern placierte er deutsche
Bataillone, die den langen Frontabschnitt der italienischen Korps stabilisieren sollten. Wie sich in der Schlacht herausstellte, half diese Massnahme bei der Infanterie wenig.
Rommels Geheimdienst lieferte am 23. Oktober 1942 ein diffuses Lagebild.
Oberst Büchting, der Nachrichtenchef, sagte wohl den Zeitpunkt
der feindlichen Offensive richtig voraus: in den ersten Abendstunden,
noch vor Mitternacht.

Notdürftig eingegraben.

FALSCHE PROGNOSE
Aber er irrte sich in der Stossrichtung. Büchting erwartete den Angriff an
der ganzen Front und legte Stumme nahe, seine Divisionen von der
Küste bis zur Kantarasenke gleichmässig zu verteilen.
Der Aufmarsch Montgomerys führte zum Schluss, die 8. Armee werde
auf mehreren Achsen frontal angreifen:
• Im Norden zwischen der Küste und dem Ruweisatrücken.
• Durch die Lücke zwischen Ruweisat und der Munassibsenke.
• In einer weiteren Lücke zwischen Munassib und dem Himeimatrücken.
• Zwischen Himeimat und der unwegsamen, ungangbaren Kantarasenke.

OPERATION «LIGHTFOOT»
Bernard Montgomery begann die Operation LIGHTFOOT mit einem
gewaltigen Artillerieschlag. Von 20.40 bis 21 Uhr legten mehr als 1000
Rohre die gegnerische Artillerie in Schutt und Asche. Obwohl die Deutschen
starke Batterien mitgeführt hatten, fiel fortan das Konterbatteriefeuer
schwach aus.
Dann verlegte Montgomery die Feuerwalze auf die gegnerische Infanterie.
• Von 21.25 Uhr an ging ein Trommelfeuer aus gut 500 Rohren über der
italienischen Südfront nieder.
• Um 21.40 Uhr nahmen nochmals rund 500 Geschütze den Feuerkampf
gegen Stummes im Norden eingegrabene Divisionen auf.
• Volle fünfeinhalb Stunden lagen Deutsche und Italiener unter Feuer.

HAUPTSTOSS IM NORDEN
Den eigentlichen Durchbruch suchte Montgomery im Norden, wo er
geballte Kr.fte ansetzte Er strafte den deutschen Geheimdienst Lügen
und konzentrierte seinen Hauptstoss auf die Front zwischen dem Meer
und Ruweisat.
• Das erkl.rte Ziel war es, den Feind zu zerschlagen und ihm jegliche
Offensivkraft zu nehmen.
• Sollte der Gegner gegen Westen ausbrechen, hiess es die Verfolgung
aufnehmen, den Feind einkreisen und auf der Flucht zerst.ren.
• Von Ruweisat aus führte die indische 4. Division zur T.uschung Ablenkungsangriffe.
Die südafrikanische 1. Division hielt ihren Frontvorsprung.
• Südlich von Munassib griffen die 7. Pz Div und die 44. Div an, doch
nicht mit der Masse und Intensit.t der Verb.nde im Norden. Sie banden
die Panzerdivisionen 21 und Ariete, die den Deutschen am ersten
Schlachttag an der Hauptfront nicht zu Hilfe eilten.

DEN GEGNER VERNICHTEN
Montgomery hatte seiner Truppe eingeprägt: Diese Schlacht wird zum
Wendepunkt des Krieges. Entscheiden werden unser Siegeswille und
die Moral. Es gibt keine Kleintaktik, es geht darum, den Gegner zu vernichten.
Die Deutschen sind gute Soldaten. Es gibt nur einen Weg, sie
zu schlagen – wir töten sie im Gefecht.
Derart motiviert, schlugen die Briten, Australier und Neuseeländer Breschen
in die Minenfelder. Sie zerschlugen Rommels Befestigungen im
Norden und öffneten dem X. Panzercorps Korridore. General Leese, der
Kommandant des XXX. Corps, meldete: Passagen mehrere Kilometer
breit offen.

GENERAL STUMME GEFALLEN
Das war für General Lumsden, den Chef des X. Korps, das Zeichen zum
Zuschlagen: Er liess die 1. und die 10. Panzerdivision von
der Leine. Deren amerikanischen Grant- und Sherman-Panzer rissen noch mehr
Lücken in Rommels Abwehrdispositiv. Fürwahr: Montgomery nutzte die
Vollmondnacht zum 24. Oktober voll und ganz!
In der kurzen Dämmerung erkannte General Stumme das Ausmass des
feindlichen Einbruchs. Verzweifelt eilte er mit seinem Nachrichtenoffizier,
Oberst Büchting, an die Front – todesmutig ohne Eskorte und ohne
Funkwagen. Stumme und Büchting fielen; der eine brach tot zusammen,
den anderen traf ein Kopfschuss.
In höchster Not übernahm der Stabschef, Siegfried Westphal, das Kommando;
und nur für Stunden sprang dann General Ritter von Thoma ein.

ROMMEL EILT ZURÜCK
Die Hiobsbotschaften erreichten Hitler. Der Diktator befahl Rommel, sofort
nach Afrika zurückzukehren. Der Feldmarschall flog über Rom nach
Afrika, übernahm das Kommando am 25. Oktober aber erst am Abend
wieder – zu spät.
Der Feldherr stellte rasch fest: Montgomery suchte die Entscheidung,
den Durchbruch in die Cyrenaika, im Nordabschnitt. Noch hielten dort
namentlich die Deutschen starke Widerstandsnester.
Montgomery rief die Corps- und Divisionschefs nachts zu einer neuen
Befehlsausgabe zusammen. Als Hindernis identifizierte er den Kidneyrücken,
hinter dem die 15. Panzerdivision mit Panzern der Typen III und
IV lauerte. Der Chef der 8. Armee, unermüdlich wie gewohnt, befahl:
• den Pz Div 1 und 10, in erster Priorität Kidney zu nehmen;
• dem XIII. Korps, in zweiter Priorität die Attacken einzudämmen und
somit die 7. Division zu schonen, um sie für die Entscheidung intakt
zu halten;
• der Royal Air Force, die Verteidiger der Achsenstaaten niederzumachen.

Britischer Angriff.

FRONTAL IM ALTEN STIL
Bis zum tobte die Schlacht um Kidney. Rommel hatte die 21. Panzerdivision,
auch sie mit Tanks vom Typ III und IV, nach vorne gezogen. Seine
beiden stärksten Grossverbände waren noch imstande, Gegenangriffe
zu führen.
General Alexander sandte Churchill ein Telegramm: Am 27. Oktober
griff der Gegner fünfmal in altem Stil an – frontal mit allen noch intakten
Panzern. Wir leisteten erbitterten Widerstand und behaupteten Kidney.
Der Feind erlitt schwere Verluste, unsere Panzer litten nur wenig.

GEWALTSAME AUFKLÄRUNG
Am 28. Oktober liess Rommel am Morgen nochmals gewaltsam aufklären.
Er suchte Schwachstellen und die genauen Standorte der gegnerischen
Panzerabwehr. Gegen Abend bezogen die 15., die 21. und die
Ariete-Panzerdivision zum letzten Mal ihre Angriffsgrundstellung mit
geballer Kraft.
Rommel wollte die im Westen untergehende Sonne nutzen: Sie sollte
den Gegner blenden. Doch dazu kam es nicht mehr: Die Bomber der
britisch-amerikanischen Desert Air Force flogen einen zweieinhalbstündigen
Gewaltseinsatz gegen die Feindpanzer. Im Erdkampf luden sie
über 80 Tonnen Bomben über der Streitmacht der Achsenmächte ab.

OPERATION «SUPERCHARGE»
Von den Bodentruppen hob Churchill die australische 9. Division hervor,
die mit ihrem grandiosen, unter ständigem heftigem Beschuss errungenen
Durchbruch die ganze Schlacht zu Gunsten des Empire gewendet
habe.
Vor der abschliessenden Operation SUPERCHARGE zog Montgomery
die Befehlshaber der Grossen Verbände erneut zu einem Rapport zusammen.
Er trug dem Zustand seiner Divisionen und Brigaden Rechnung,
als er den Befehl erliess:
• Den finalen Durchbruch entlang der Küste erzielen Neuseelands 2. Division,
die Infanteriebrigaden 151 und 152 und die 9. Panzerbrigade.
• Die 7. Panzerdivision, die 51. Infanteriedivision und eine Brigade der 44.
Division bilden einen starken Eingreifverband in Montgomerys Hand.
• Die 1. Panzerdivision, die auf Kidney die Bürde getragen hatte, wird aus
der Front gezogen, um vorerst entlastet und aufgefrischt zu werden.
• SUPERCHARGE setzt am 2. November um 1 Uhr mit dem Trommelfeuer
von 300 Kanonen ein.

DETAILLIERTER MINENPLAN
Die Australier nahmen zwei deutsche Offiziere gefangen, die den Verlegeplan
des riesigen Minenfeldes zwischen Meer und Kantara auf sich trugen. Von da an kannten die Alliierten die Gefahren und Schwachstellen des Hindernisses im Detail.
Das Versagen des deutschen Nachschubs schwächte Rommel. Er kündigte
dem Oberkommando der Wehrmacht an, er werde die Schlacht
ohne Treibstoff und Munition abbrechen. Seinen Bataillonen fiel es immer
schwerer, ihre Beweglichkeit im Bewegungsgefecht auszuspielen.
Die Operation SUPERCHARGE geriet Montgomery zur Zermürbungsschlacht,
die er in Anbetracht seiner nummerischen Stärke gewann. In
der Nacht zum 3. November ordnete Rommel den Rückzug auf den Ort
Fuka an, gut 100 Kilometer westlich von el-Alamein auf halbem Weg
zum Stützpunkt Marsa Matruh.

MIT GEZOGENER WAFFE
Im Lager der Achse kam es zu wüstem Streit um die wenigen noch
intakten Lastwagen. Deutsche zwangen Italiener mit blanker Waffe,
Fahrzeuge herauszurücken.
Die Infanteristen der Divisionen Trieste bis Pavia gingen in Gefangenschaft:
Rund 30’000 Italiener und viel wertvolle Beute fielen der 8. Armee
in die Hand. Gegen Mittag befahl Hitler Rommel, den deutschen
Rückzug abzublasen: Ihrer Truppe können Sie keinen anderen Weg
zeigen als den zum Siege oder zum Tode.
Das war der Bruch zwischen dem Diktator und seinem Lieblingsgeneral.
Rommel verstand den irren Befehl des Wahnsinnigen nicht. Dennoch
hielt er, gegen seinen milit.rischen Instinkt, den deutschen Rückzug an.
Die weitgehend immobilen Italiener liess er gewähren.

Neuseeländer nimmt Deutsche gefangen.

STOSS DURCH DIE LÜCKE
Horrocks XIII. Corps stiess durch die so entstandene Lücke zügig vor.
Lumsdens X. Corps k.mpfte die Küstenachse frei. General Ritter von
Thoma ergab sich mit neun italienischen Generalen den 10th Hussars.
Rommels Resttruppe stand kurz vor der Einschliessung, als am 6. November
heftiger, schwerer Regen einsetzte. Über Fuka rettete sich Rommel
nach Marsa Matruh und über die libysche Grenze. Nun trieb Montgomery
die Deutschen vor sich her; aber ganz kreiste er sie nicht ein.
Am 13. November fiel Tobruk, am 20. Benghazi, der Hauptort der Kyrenaika.
Tripoli, die Kapitale des Landes, wurde am 23. Januar 1943
erobert. Für die 1770 Kilometer der libyschen Küsten hatte Montgomery
gegen Rommels geordneten Rückzug gut zwei Monate gebraucht.
Am 7. Mai 1943 kapitulierte die Afrika-Armee mit 275’000 Mann in
Tunis. Churchill verglich el-Alamein mit der Schlacht von Cambrai im
November 1917: Wer immer der StÄrkere war, musste den Durchbruch
frontal erzwingen.
In dieser Hinsicht seien die Briten am gleichen Punkt gestanden wie in
den Schlachten an der Westfront 1917/18: mit kurzen Verbindungen für
den Angreifer, der massierten Artillerie, dem Trommelfeuer und dem
Einbruch der Panzer.
Dem Feldherrn Montgomery und dessen Chef Alexander stellt Churchill
ein gutes Zeugnis aus. Montgomery sei ein Artilleur par excellence.
Wie Napoleon wisse er: Kanonen bringen Soldaten um.

ROMMEL VOR MONTGOMERY?
Schlechter kommt Montgomery bei Antony Beever weg: Der Sieg von
el-Alamein war kein Geniestreich. Der Entscheid, den stärksten Abschnitt
der Front anzugreifen, muss als fragwürdig bewertet werden.
Freundlicher urteilt Liddell Hart. Er attestiert Montgomery kluge Entscheide,
Beweglichkeit und die Kraft, eine geschlagene Armee wieder
aufzurichten.
In den Olymp der grossen Panzergenerale in Fort Knox schaffte es jedoch
der Verlierer: Erwin Rommel. Montgomery bleibt dort, wie Guderian,
Sharon und Dayan, aussen vor.

Dr. Peter Forster