Montecassino – 1944 und 2019

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Von Dr. iur. Hans Bollmann, Rechtsanwalt und Militärhistoriker, Zürich

“Sentieri nella storia”, geschichtsträchtige Wege, gibt es in Italien viele. Nicht nur mittelalterliche wie die Via Francigena, auch neuere, beispielsweise solche zur Geschichte des 2. Weltkrieges. Wir folgen einigen im Januar 2019 bei eher garstigem Wetter, ganz wie damals vor 75 Jahren. Wir wollen eine Zeitreise unternehmen zu einem Geburtstag und zu entscheidenden geschichtlichen Daten, insbesondere der Cassino Schlachten vor 75 Jahren, welche zweifellos zu den härtesten des 2. Weltkrieges gehörten, auch wegen den Umweltbedingungen: Gebirge, Regen, Schnee, Schlamm.

Beim Verlassen der Flughafenhalle in Neapel geht zur Angewöhnung gleich ein Platzregen nieder. Nichts von “sole mio”! Natürlich kann er uns nicht irritieren. Auch der Garagist nicht, bei dem wir unser Mietauto parkieren wollen und der sich im Preis um den Faktor 1,5 zu seinen Gunsten verrechnet. Jeder kann sich mal irren, meint er entwaffnend.

Neapel spielte im deutschen Afrikafeldzug eine wichtige Rolle. V.a. der Hafen wurde deshalb von den Alliierten immer wieder bombardiert, bis sie ihn im Vorstoss von Süden am 1. Oktober 1943 einnahmen und nach Wiederherstellung selber nutzten. Auch die schöne Oper San Carlo war durch Bomben zerstört worden. Doch beim abendlichen Besuch sehen wir an einer Wand eine Inschrift, aus der wir schliessen, dass die Oper ihren Betrieb schon im Mai 1944 wieder aufgenommen hatte. Heute gehorchen deutsche wie ehemals gegnerische Truppen auf Befehle des gleichen Joint Force Command in Neapel.

Anderntags, am Sonntag, 20.1.2019, starten wir nordwärts, wie damals vor gut 75 Jahren die Alliierten und auch die Deutschen, letztere aber rückwärts kämpfend. Das strategische Ziel der Alliierten war hier 1943 gemäss Direktive ihrer Combined Chiefs of Staff (CCS), Italien aus dem Krieg zu zwingen (“knock her out of the war”) und in Italien möglichst viele deutsche Verbände zu binden. Die nicht sehr klare Direktive widerspiegelte die damalige umstrittene alliierte Strategie. Klar war nur, dass Rom das nächste Ziel sein würde. Churchill, der anders als die Amerikaner für den Italienfeldzug eintrat, rechnete mit dem Einmarsch in Rom noch vor Ende Jahr. Neben den Vorbereitungen für die Landung in der Normandie war der italienische Feldzug jedoch zweite Priorität. “A great holding attack” im Sinne eines Ablenkungsmanövers hätte er zu führen, meinte der alliierte Kommandant des Feldzuges, General Harold Alexander. Er kommandierte zu diesem Zweck zwei in der 15th Army Group zusammengefasste, aber anfänglich getrennt operierende Armeen: die 5th US (Clark) und die British 8th Army (Montgomery, später Leese), westlich respektive östlich des Appenins. Vor drei Jahren noch hatte Alexander im BEF eine Division geführt und Dünkirchen als einer der allerletzten verlassen. Seither hat er Karriere gemacht, als Churchills bevorzugter General.

Sein deutscher Gegenspieler, Feldmarschall Albert Kesselring, wollte die Alliierten nicht mehr viel weiter vorstossen lassen, sondern sie noch deutlich südlich von Rom zum Stehen bringen, auf einer Linie zwischen dem Tyrrhenischen Meer bei Gaeta und dem Adriatischen bei Ortona. Diese Linie, die sogenannte Gustav Linie, sollte zu diesem Zweck befestigt, verdrahtet und vermint und mit weiteren Hindernissen (z.B. Überschwemmungen) versehen, aber auch mit logistischen Vorkehren verstärkt werden. Das benötigte allerdings Zeit. Ein abgestimmter Verzögerungskampf sollte diese Zeit schaffen.

Unter Kesselring befehligte Generaloberst Heinrich von Vietinghoff (zeitweilig auch General Lemelsen) die 10. Armee. Mit dieser musste er (u.a.) westlich des Appenin die V(iktor)-Linie entlang des Flusses Volturno bis zu dem (für uns) bedeutsamen Datum des 15.10.43 halten. Danach durfte Vietinghoff seine Armee vom Volturno zur Bernhard Linie (auch Bernhardt, Reinhard und von den Alliierten “Winter Line” genannt) am oberen Volturno (mit Venafro) zurücknehmen. Diese Linie sicherte den weiteren Bau der Gustav Linie im westlichen Teil.

Die US 5th Army benötigte im Oktober 44 für die 35 km von Neapel an den Volturno acht Tage (gegen die Deutschen und gegen schlechtes Wetter)! Wir rechnen mit zwei Stunden ruhiger Fahrt, inklusive beabsichtigtes Studium des Abwehrkampfes der Panzeraufklärungsabteilung (PzAA) 103 vom 3.10.43 bei Mugnano (heute ein Teil von Neapel). In 3/4 Stunden sind wir dort, aber das geplante Studium ist wegen der dichten Überbauung nicht mehr möglich. Da sind wir 75 Jahre zu spät. Also fahren wir gleich weiter nach Santa Maria Capua Vetere zum grossen römischen “anfiteatro” und, nach Besichtigung auch des schönen, kleinen Museums daneben, nochmals weiter durch die Ebene zur Basilica Sant’ Angelo in Formis mit ihren wunderschönen romanischen Fresken. Ursprünglich war die Kirche ein der Diana Tifatina gewidmerter Tempel gewesen, benannt nach dem 600 m hohen Monte Tifata, an dessen Abhang die Kirche steht und der die Ebene und die Übergänge über den Volturno dominiert. In der Ebene liegt die westliche italienische Nord-Süd Achse, heute mit der Autostrada del Sole und der Hochgeschwindigkeitseisenbahn, damals mit der Via Appia und der Via Casilina. Irgendwo in dieser Ebene muss man den Volturno queren. Auch Hannibal musste dies, während des 2. Punischen Krieges. 1860 kämpften hier Schweizer Söldner unter dem neapolitanischen General mit dem schönen Namen Giosuè Ritucci Lambertini di Santanastasia für das damals bourbonische Königreich beider Sizilien und gegen Garibaldi, der mit seinem “Zug der Tausend” respektive seinen nunmehr schon über 40’000 “Rothemden”, die Bourbonen aus Italien vertreiben wollte. Nach einem Anfangserfolg mussten die Schweizer Söldner aber eine Niederlage einstecken und sich zurückziehen. Immer wieder gab es Kämpfe in diesem Raum, so auch im Oktober 1943. Damals befehligte hier General Mark Clark seine 5th Army, umfassend das US VI Corps (rechts) und das Brit X Corps (links, bis zum Tyrrhenischen Meer). Mit ihr musste er nach Norden vorstossen, die “Höhen” bis Venafro nehmen und eine Linie bis nach Isernia. Diese Linie ist rund 40 bis 65 km vom Volturno entfernt. Die Ebene, in der die Alliierten im Vorstoss ihre Panzer entfalten konnten, ist rechts durch den Monte Tifata und links durch noch höhere begrenzt. Was dazwischen liegt, bezeichneten die Alliierten als die Triflisco Lücke (“Triflisco Gap”). Triflisco ist der Ort gleich auf der anderen Seite des Volturno.

Bei der Basilica Sant’Angelo in Formis sind wir im Raum des US VI Corps (Lucas). Es bestand aus drei Divisionen, denen drei Vorstossachsen zur Verfügung standen. Wir sind im ehemaligen, knapp ein Dutzend Kilometer breiten Abschnitt der 3rd Div (Truscott) am Volturno. Vermutlich ist unsere Basilica das “old monastery”, das General Truscott in seinen Memoiren als seinen Gefechtsstand nennt. Als Achse wurde ihm nicht die Ebene (britischer Abschnitt), sondern eine schlechte Strasse durch die Berge über Liberi nach Dragoni zugewiesen. Rechts von ihm die 34th (“Red Bull”) Div (Ryder), die am östlichen Fuss der Berge, aber noch westlich des Volturno, vorstossen sollte, auch bis Dragoni. Die 45th Div (Middleton) hatte östlich des Volturno als Flankensicherung vorzustossen. Wir wollen von Triflisco nordwärts in den Volturnobogen fahren und dem Vorstoss der 3rd Division im Raum Triflisco – Caiazzo (Hauptstoss des VI Corps von Lucas) folgen. Links, westlich der Strada Statale 6, der ehemaligen Via Casilina und heutigen A1 oder E45, stossen die Briten unter McCreery.

Was angesichts des Geländes nicht erstaunt ist die Tatsache, dass die Deutschen in ihrem hinhaltenden Kampf mit relativ wenig Kräften den Vorstoss der Alliierten stark verzögern konnten. Das Gelände bevorzugte den Verteidiger gegenüber einem Angreifer, der sich gar nicht entfalten und somit seine zahlenmässige Überlegenheit und auch seine Motorisierung nicht ausspielen konnte. Die deutschen Verteidiger mussten allerdings flexibel reagieren können, einmal da und einmal dort mit Schwergewicht sperren. Dieses Erfordernis sowie die sinkenden Bestände führten oftmals zur Bildung von selbständigen Kampfgruppen (KG). Hier in unserem Raum verteidigte die KG Möller aus der nach Stalingrad wieder neu aufgestellten 3. Panzergrenadierdivision (3. PGD), mit der Panzerabteilung der Division (PzAbt 103). Dank eines erfolgreichen Ablenkungsmanövers kam das 7th Rgt in der Division von Truscott damals gut über den Volturno und konnte es rasch den Westteil des Berges auf der gegenüberliegenden Seite einnehmen, um dann von dort, von Panzern und Panzerjägern unterstützt, mit einem Bataillon am 14.10.43 gegen das Bergdorf Liberi vorzustossen. Dieses sollte noch vor Nachteinbruch genommen werden. Erneut staunen wir angesichts des bergigen Geländes ob dieser rein schon physischen Anforderungen. “Kupiertes Gelände” ist einfacher. Hier ging es vor allem aufwärts. Kein Wunder, dass das 3rd Bat dann bei einem Weiler von Sicherungen der 3. PGD gestoppt werden konnte. Gegen Mitternacht wurde noch ein zweites Bataillon angesetzt. Doch als der 15.10.43 graute lag auch dieses fest. Gegen 0830 trat auch noch das dritte Bataillon zur östlichen Umfassung an. Von beiden Seiten umfasst wichen die schwachen deutschen Kräfte am Mittag des 15.10.43 aus dem Raum Cisterna zurück. Das 3/7 konnte den Weiler um 1500 kampflos besetzen. Es wurde zur Divisionsreserve – nur um als solche um 0330 des 16.10.43 wieder eingesetzt und von einem mit Artillerie- und MwFeuer verstärkten deutschen Gegenangriff in Zugstärke wieder zurückgeworfen zu werden. Trotz dieser Kämpfe verlegte General L. Truscott am 16.10.43 seinen KP von den königlichen Gärten in Caserta hierhin an die Strasse nach Liberi. Führung von vorn! Ein neuer Angriff des 7th Rgt am Morgen des 17.10.43 stiess nicht mehr auf Widerstand; die Deutschen hatten am Abend des 16.10.43 ihre Stellungen planmässig geräumt. 1400 sind auch wir in Liberi, 6 km südlich des nächsten Volturno Übergangs. Liberi ist ein Bergdorf an einer kleinen Passstrasse, ohne Menschen. Wir entscheiden uns um, wollen nicht weiter vorstossen, sondern wieder zurück, wenn auch auf einer anderen “Achse” – auf noch abenteuerlicherem (schmalem Berg) – Weg. 1500 sind wir wieder am Volturno, diesmal bei Caiazzo mit seiner langobardisch-normannischen Burg erhöht über dem Fluss. Hier hatte Ryder’s 34th Div, die zwischen der 3rd und der 45th im Volturnobogen lag, den Fluss zu queren. Dies gelang am 13.10.43 zwar relativ leicht, aber Caiazzo wurde von den Deutschen behauptet. Das glauben wir angesichts der dominierenden Höhenlage von Caiazzo gerne.

Wo die Strasse von Benevento von Osten her in unseren Raum führt und der Fluss Calore in den Volturno fliesst, dominiert unübersehbar der Monte Acero. Hier hielt die KG Haeckel, bestehend aus dem Kdt des GrenRgt 8 (3. PGD), mit dem Gros seines Rgt, sowie der PzAA der Division (deren Spuren wir in Neapel nicht mehr hatten finden können). Letztere hielt den Berg gegen Angriffe der 45th InfDiv. Wie kam die PzAA dort hinauf? Nach sechs abgewehrten Angriffen der 45th InfDiv wich die KG am Abend des 15.10.43 planmässig zurück. Aber nur 4 km bis zum vorgeschobenen GefStand der Division. Hier stellte sie sich wieder zum Kampf. Mit Unterstützung durch Raketenwerfer konnte die KG die Amerikaner sogar wieder etwas zurückwerfen. So ging der einmonatige Verzögerungskampf bis zur Winter Linie.

Vom Raum der 3. PGD kommen wir in den ehemaligen Raum der 26. Panzerdivision (PD). Stark angeschlagen, mit Abschnittsbreiten von 8 km pro Bat mit je noch etwa 200 Mann, hatte sie von Benevento her vor der US 45th InfDiv zurückgehen müssen. Die Berge zwangen die 26. PD zur Aufteilung. Auf dem weiteren Rückzug wurde für den westlichen Teil eine KG Viebig gebildet, geführt von Oberst Wilhelm Viebig, Kdt des ArtRgt der Division. Er machte seine Sache gut und wurde später Kdt einer Infanteriedivision. Einen ganzen Monat dauerte der hinhaltende Kampf der 26. PD bis die “Masse” der Div dann Stellungen in der Bernhard Linie bei Venafro beziehen konnte. Allerdings fehlten dort grosse Teile, abdetachiert als Reserven u.ä.. Erst am 13. November 1943 konnte die nachstossende US 45th Div den Raum Venafro einnehmen. Auch wir stossen von der Calore Stellung nach Venafro vor, allerdings schneller (als vier Wochen), nämlich in einer guten Stunde.

Es ist dunkel und regnet leicht, als wir 1730 in Venafro ankommen. Wo ist die “Dimora del Prete”, wo wir unterkommen sollen?! Das Navi weist in eine ganz enge Gasse, in die wir nicht fahren wollen. Der “Upgrade” des Autovermieters zu einem grösseren und eben auch breiteren Auto hat seine Tücken, wenn die Strässchen immer enger werden. Mit Glück und Mühe können wir gerade noch wenden! Wir parkieren irgendwo und suchen zu Fuss. Plötzlich stehen wir vor einer offenen Haustüre und jemand spricht uns an. Wir stehen eher zufällig vor dem Museo Winterline und dem Dottore Bucci, mit dem wir uns verabredet haben. Der jugendliche Dottore führt uns in dem kleinen, feinen Museum herum, das er vor einigen Jahren mitgegründet hat. Es ist der schon erwähnten Winter Line gewidmet, die damals, 1943, durch Venafro verlief. Dabei war es gar nicht die Absicht der Alliierten gewesen, hier gewissermassen zu überwintern. Vielmehr wollten sie noch vor Jahresende in Rom einmarschieren. Aber im Dezember 1943 hatten sie die Winter Line noch nicht durchstossen und bis Rom sind es von hier noch 150 km. Churchill, ungeduldig wie meist und mit einem Hang zu “daring operations” auf allen Stufen, wollte deshalb, dass man eine amphibische Operation zur Umgehung der deutschen Verteidigungslinie nicht nur prüfe, sondern plante. Churchill hatte sich damals durchgesetzt, aber den erwarteten Erfolg brachte die “Operation Shingle” (bei Anzio) nicht.

Montag, 21.1.19: Trübes, eher regnerisches Wetter und kalt, auch im Haus. Aber ein wunderbares, stilvolles Frühstück ist pünktlich um 0830 in dem angezeigten, nobel ausgestatteten Zimmer bereit. Wir essen etwas ungewohnt Panettone mit verschiedenen selber gemachten Konfitüren zum Frühstück. Dazu Kaffee “tipo Americano” (man könnte auch Svizzero sagen – mit warmer Milch). Nicht besonders originell, aber er gibt warm. Durch die Fensterscheibe sehen wir eine nebelverhangene Bergflanke. Da werden wir kaum hinauf können. Wie steht es doch auf dem Programm: Un itinerario escursionistico ricco di motivi d’interesse consente oggi di … risalire per una mulattiera a mezza costa le pendici del Monte Sambucaro fino al panoramico colle della chiesetta di Sant’Eustachio. Bis hierher sollten wir eigentlich auf jeden Fall kommen. Was der deutsche Artilleriebeobachter damals erklomm, sollte auch für den ehemaligen Schweizer “Skdt” machbar sein. Mehr noch, wir möchten die pendici nicht nur a mezza costa bewältigen! Werden sehen.

Es ist ca. 1000 als wir mit dem Auto starten und zuerst mal versuchen, aus den Häusern herauszufinden, was motorisiert gar nicht so einfach ist. Wir verlieren etwas Zeit; dafür können wir uns im Auto weiter aufwärmen! Durch die Olivenhaine, für die Venafro schon in der Antike berühmt war, auf der Provinzstrasse 9 zu den Häusern von Ceppagna. Könnten wir auch von hier zum Gipfel des Sammucro (1205) aufsteigen? Lt Rufus Cleghorn hatte es jedenfalls geschafft. Am 7.12.43 um 1700 hatte er den Befehl erhalten, mit den 250 Mann der von ihm geführten A company, 1st Bat, 143rd Infantry Rgt (US 36th Infantry Division), bis spätestens 0800 am andern Morgen die Höhe 1205 einzunehmen. Das waren 900 m Aufstieg durch Nacht und Nebel. 0600 waren sie oben! Die deutschen Panzergrenadiere auf dem Berg – auch sie nicht im Gebirgsdienst ausgebildet und auch nicht dafür ausgerüstet – mussten sich nach heftigen Kämpfen und Gegenangriffen schliesslich auf die tiefere Kuppe 950 zurückziehen.

Der Aufstieg sieht von unten noch gut aus, jedoch vermutlich nur, weil man den Gipfel im Nebel nicht sieht. Ohne Weg ist bei diesem Wetter an eine Besteigung durch uns nicht zu denken. Auch an die andere Variante nicht, diejenige der US Rangers, welche rechts von Cleghorn aufstiegen und nach tagelangen Kämpfen die Höhe 950 einnehmen konnten. Das waren die Rangers, die hier bei Venafro als Vorhut über den Volturno kamen, um eben die Strasse zu sperren, auf der wir nun weiter zum berühmten ehemaligen (heute musealen!) San Pietro Infine fahren. Der Ort liegt an der Hauptachse Richtung Rom, an der SS 6, der Via Casilina, der alten Hauptstrasse von Capua nach Rom – noch 13 km vor Cassino. San Pietro Infine hatte damals 1500 Einwohner, wovon sich ca. 800 der Evakuation entzogen und in den Häusern, v.a. in den Kellern verblieben, als die Amerikaner angriffen. Der Ort musste gemäss Hitlers Micromanagement gehalten werden und wurde von einem Bat der 29. PGD (II/15) verteidigt. Bat Kdt war der 23-jährige Hptm Helmut Meitzel, ein ganz “harter Bursche”, mehrfach verwundet, später Ritterkreuzträger, nach dem Krieg in der Bundeswehr. San Pietro Infine versank in Schutt und Asche. Die angreifende US 36th Division (Walker) erlitt 1200 Verluste. Der berühmte Regisseur John Huston hat dem harten Kampf um den Ort ein Denkmal gesetzt mit dem Film “The Battle of San Pietro”. Doch der Ort ist heute selber ein Denkmal: Die (gesicherten) Ruinen des Dörfchens bilden ein Freiluftmuseum, das v.a. menschenleer wie heute besonders eindrücklich ist. Wir steigen zur Kirche auf. Wo eine Wand der Kirche herausgeschossen worden war und fehlt und zum Andenken fehlen bleibt, verschliesst jetzt im Januar ein grosses Plastiktuch das Loch gegen Schnee und Regen. Wir steigen wieder ins Auto und fahren auf einer kleinen Strasse im Bogen hoch und um San Pietro Infine herum bis zu einem Platz, wo wir parkieren können und wo die “sterrata” ohnehin mal aufhört. Più avanti ci si trova all’incrocio di numerosi sentieri. Qui si sceglie il sentiero che sale a sinistra, seguendo le indicazioni della tabella in legno per Sant’Eustachio. So hiess es im Internet. Aber da ist nix Holztafel. Wir starten 1130 zu Fuss, Eingebung und Wegen und Pfaden folgend, manchmal auch einfach durchs Gelände und durch einen Drahtzaun, immer aufwärts in Richtung des Bergbuckels, wo wir Sant’Eustachio vermuten. Schaffen es aber nicht und sind nach zwei Versuchen um 1315 wieder im trockenen, von Regen und Nebel umhüllten Auto. Schade, haben also viel weniger geschafft als geplant, nicht einmal die Ruinen von Sant’Eustachio, geschweige denn die Erinnerungstafel der First Special Service Force US/CA, einer ganz neu aufgestellten Elitetruppe, welche sich hier in der Winter Line (Bernhard Linie) erstmals bewähren konnte.

Wir sind jetzt reif für eine kleine Mahlzeit. Fahren also weiter, zur “Todeskurve”, wie sie die Deutschen damals nannten, wegen der US Artillerie, die sich auf sie eingeschossen hatte. Doch uns glücklichen Eidgenossen droht hier keine Gefahr, sondern wir werden trotz der für unsere Begriffe schon späten Mittagsstunde sehr freundlich und gut verköstigt. So gestärkt überlegen wir, was wir nun am Nachmittag machen, nachdem das mit dem Sammucro (oder was immer dessen korrekte Schreibweise ist) nicht geklappt hat.

Wir sind beim berühmten Mignano Gap und ein Besuch des Monte Lungo wäre zeitlich gerade noch richtig. Nachdem am 13.10.43 Italien Deutschland den Krieg erklärt hatte waren italienische Truppen hier am Monte Lungo erstmals eingesetzt worden. Sie wollten sich bewähren, wurden jedoch schlecht geführt und regelrecht “verheizt“. Am 16.12.43 konnte der Berg, eher ein Hügel, dann (endlich!) eingenommen werden – worauf die 29. PGD San Pietro Infine aufgab. Beim Monte Lungo soll es einen “historischen” Fusspfad haben. Also dorthin! Wir fahren, immer im Regen, hinauf zum Santuario und wieder hinunter. Starten zu Fuss erwartungsvoll auf dem “sentiero storico”. Doch der bietet nichts ausser, was wir schätzen, etwas Bewegung. “Man” versucht ganz offensichtlich mit dem “Sentiero”, den Monte Lungo zu verklären und von dem italienischen Misserfolg dort abzulenken. Ein untauglicher Versuch. Aber eine Gelegenheit, über sinnlose und sinnvolle Opfer nachzudenken. Wo ist die Grenze und weshalb?

Wir fahren zurück nach Venafro und stellen im Zimmer die Heizung auf 25° C und den Ventilator auf “Turbo”.

Dienstag, 22.1.19: Es regnet draussen in Strömen. Drinnen ist es kalt. Nicht einmal der Morgenkaffee gibt warm. Wir bekommen zum Abschied noch eine Hausführung durch die Signora, bevor wir 1015 den Koffer durch die regennassen Gassen zum Auto rollen. An die geplante Besteigung, diesmal des Monte Pantano, ist erneut kaum zu denken. Aber wir werden sehen.

Wir fahren auf dem sogenannten Balkon, einer Geländeterrasse, nach Pozzilli und hinauf in die Berge (ja, Berge!) nach Filignano (692 m – derweil Venafro nur auf gut 200 m Höhe liegt, obwohl es uns schon recht gebirgig vorkam). Von hier stammte Mario Lanza, heisst es gross auf der Ortstafel. Sie macht einen Filignano fast liebenswürdig, wenn man bedenkt, dass der seinerzeit berühmte Opernsänger und Filmstar Mario Lanza doch schon seit 1959 tot ist und dass nicht er aus Filignano stammt, sondern sein Vater, der dann mal nach Philadelphia emigrierte, wo Mario Lanza – dank ius soli als US Bürger – zur Welt kam.

Von Filignano verliefen im November / Dezember 1943 die beiden flankierenden alliierten Angriffsachsen durch die Winter Line (Bernhard Linie), östlich des Hauptstosses bei San Pietro Infine. Wir versuchen die Achse ganz rechts (östlich), im Gebiet Le Mainarde. Die markanten Höhen, welche die Franzosen nehmen mussten, sehen wir leider nicht – alles in den Regenwolken. Oben liegt Schnee. So muss es William Gentry von der A Company, 85th Engineers, erlebt haben, als er im Schützenloch ein unbeholfenes, aber gerade deshalb ausdruckstarkes Gedichtlein schrieb:

Where ancient trees grow row on row. The surrounding mountains capped with snow.
How many died there? We’ll never know.

They traded the enemy shell for shell and took the place where comrades fell
amidst the whistling bursting hell.

How many died there? We’ll never know.

They are all brave, both old and young. All are heroes, some unsung.
They gave their lives without regret. These men, these men, we’ll never forget.

Da wir den Monte Pantano (1117) von hinten, von Cerasuolo aus, besteigen wollen, fahren wir an ihm vorbei, dem Rio Chiaro entlang durch eine regelrechte Schlucht. Klar, dass dieses Engnis nur zusammen mit dem Berg zu nehmen war. Am 29.11.43 hatten die Amerikaner hier mit ihrem Angriff begonnen. Der berühmte Fotograf Robert Capa begleitete die angreifende US 34th Division. Die 34th Division schaffte es aber nicht. Die Deutschen hielten den Berg, zuerst mit einem Rgt der 305. Infanteriedivision (ID), dann mit Teilen der 5. GebDiv – eben von Russland angekommen! Aber auch die anstürmenden Alliierten mussten dann mal abgelöst werden, die US 34th InfDiv durch die 2. Marokkanische Div (2ème DIM) unter General André Dody. Ihnen mussten die Deutschen weichen: In der Nacht vom 16. auf den 17.12.43 wurde der Monte Pantano von den Deutschen aufgegeben. Die marokkanischen Truppen fanden das Dorf hinter dem Berg, Cerasuolo, geräumt. 10 Offiziere und 432 Uof und Soldaten haben die Deutschen allein am Monte Pantano verloren. Die alliierten Verluste waren noch höher. Die Amerikaner müssen beeindruckt gewesen sein ob des Schwungs der Nordafrikaner. Wir hören allerdings auch noch auf dieser Reise nach 75 Jahren von dem andern unkontrollierten Schwung der hervorragenden nordafrikanischen Kolonialtruppen, dem Schwung nach dem Kampfeinsatz, der Bevölkerung gegenüber, insbesondere der weiblichen.

Ca 500 m wäre der Aufstieg von Cerasuolo aus, aber auch heute wird es nichts mit der Bergbesteigung. Schlimmer noch: Auch auf der Strasse können wir nicht weiter, angesichts des Schneepfluges, des leichten Schnees auf der Strasse, der Temperatur, die gegen 0° C sinkt, und der nicht sehr vertrauenerweckenden Pneus unseres Mietwagens. Von der generellen Schneekettenpflicht gar nicht zu reden. Die Strasse wäre noch etwas angestiegen und eine Abwärtsfahrt auf vereister Strasse durften wir auf keinen Fall riskieren. Wir wenden und fahren zurück. Beim Zurückfahren sehen wir eine “Stele” im Andenken an die gefallenen französischen Kolonialtruppen. Beerdigt sind sie heute in einem teils muslimischen Militärfriedhof ausserhalb von Venafro. Noch bevor wir diesen wieder erreichen, entschliessen wir uns ganz spontan für die andere flankierende Achse, diejenige der US 45th Division. Sie muss doch einfacher zu bewältigen sein, meinen wir. Also rechts weg!

Nach ihrem Vorstoss dem Volturno entlang und dann über diesen hatte die US 45th Division sich hier im deutschen Vorgelände eine Ausgangsstellung erkämpft, von wo aus tägliche Spähtrupps das unübersichtliche, bergige Gelände weiter erkundeten. Höhe 769 war die beherrschende Höhe der Deutschen hier, vor der Höhe 855 und La Posta (Höhe 970). Die Deutschen verteidigten hier mit sich gegenseitig unterstützenden MGs und MwFeuer aus Hinterhangstellungen. Hier musste die 45th Division durch, um auf einer Bergstrasse in allgemeiner Richtung Cassino vorzustossen. Auch wir wollen hier durch. Auf dieser Strasse war im November 43 auch noch die deutsche 26. Panzerdivision (PD) für drei Wochen eingesetzt (eingeschoben) gewesen. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Panzergelände ist es hier nie und nimmer. Aber die Deutschen mussten einsetzen, was sie gerade hatten. Wir erinnern uns an K. Baden in Berlin, der in einem Panzergrenadierbataillon der 26. PD gedient und von den Kämpfen in diesem Gelände berichtet hatte. 46 Gefallene, 164 Verwundete und 58 Vermisste und 16 Kranke hätte sein Rgt an Verlusten gehabt in den 2 ½ Wochen des Einsatzes hier. Dafür hätte es 11 EK I und 50 EK II gegeben – kein Trost für die Gefallenen, aber ein Indiz für die Härte der Kämpfe. Wir glauben gerne, dass die Panzergrenadiere erleichtert waren, als am 22.11.43 ein Vorkommando der 44. ID eintraf und sie abgelöst wurden. Auch die US 45th Div wurde später von einer französischen Kolonialdivision abgelöst, von der 3ème DIA (“A” für Algérienne).

Sehr viele Kilometer fahren wir völlig allein, immer etwas aufwärts, noch ohne Schnee. Hoffentlich bleibt es so. Nach Acquafondata, schon in Lazio, ein Hinweis, dass jetzt (erst jetzt?!) eine Gebirgsstrasse komme und man vorsichtig fahren müsse. Es beginnt nochmals leicht zu steigen. Wieder sinkt die Temperatur auf 2° C und es beginnt zu schneien. Was tun? Unsere Strassenkarte gibt nichts her bezüglich der Höhen im weiteren Strassenverlauf. Die kurvenreiche (!) Strasse könnte gut auch noch weiter ansteigen. Aber selbst wenn sie bald hinunter und in schneefreie Lagen führt, könnte sie anschliessend wieder ansteigen und wir könnten plötzlich in einem abgelegenen Abruzzental in der Falle stecken. Das wollen wir auf keinen Fall. Also erneut kehrt! Eine Weile bleibt es auch auf der Retourfahrt noch sehr spannend und sieht es weiter nach Temperatursturz und Schnee aus. Dann erreichen wir tiefere und sichere Lagen. 1400 sind wir wieder im alten San Pietro Infine auf dem Parkplatz, wo wir in der relativen Geborgenheit des Autos in weiser Voraussicht aufgesparte Verpflegungsreste verspeisen.

Dann “Vorstoss” auf der Hauptachse nach Cassino zum Bezug der Unterkunft in der Nähe der ehemaligen, damals hart umkämpften, italienischen Kasernen. Bald wieder hinaus und noch nach Caira (wo sich auch ein grosser deutscher Soldatenfriedhof befindet) zur Vorrekognoszierung der einstigen “Cavendish Road”, teilweise zu Fuss. Ziemlich zielsicher finden wir aus dem Gedächtnis am Ende der Via Monacato das rote Haus wieder mit dem Schild “Studio Legale” und den wütenden Hunden (eines bissigen Anwalts?).

Mittwoch, 23.1.19: Von denen, die heute auf der Autostrada del Sole oder im italienischen Schnellzug “Freccia Rossa” am Monte Cassino klimatisiert vorbeisausen und durch ein Fenster auf einem markanten Berg das 529 von Benedikt von Nursia gegründete Kloster Montecassino erblicken, wissen vermutlich die wenigstens, dass sie einen Berg sehen, der vor 75 Jahren während fünf langen Monaten ungeheuer hart umkämpft war. Wer es weiss, wird trotzdem, wenn er vor dem Berg steht, fast ungläubig hinaufschauen, auch auf den teilweise fast senkrecht abfallenden “Burghügel” (Rocca Janula) und sich fragen, wie man hier hinauf hat angreifen können, gegen einen kampferprobten Gegner in vorbereiteten Stellungen!?

Man versteht sofort, dass die ersten Angriffe im Januar 1944 nicht frontal, sondern umfassend und gewissermassen von hinten her erfolgten. Es waren die beiden flankierenden Vorstossachsen von gestern, welche die französischen Kolonialtruppen schliesslich in den Raum Cassino und in die rechte Flanke des Klosterbergs geführt hatten. Zusammen mit der uns auch schon bestens bekannten US 34th Division kämpften sie sich durch das bergige Gelände von hinten an das Kloster heran. Aber es war ein Berg zuviel und sie schafften es nicht. Verstärken konnte oder wollte General Mark Clark das französische Korps nicht – sehr zur Enttäuschung von dessen General Juin. So ging die erste Schlacht ohne Einnahme des Klosterbergs aus und weitere Schlachten folgten bis zum Durchbruch Mitte Mai (den dann doch die französischen Truppen bewirken werden).

Ja, das massive, festungsartige Kloster Montecassino wirkt ungeheuer dominant, fast bedrohlich, selbst vom Hotelzimmer aus gesehen. Umso bedrohlicher muss es auf die angreifenden Alliierten gewirkt haben. Zeitzeugen berichteten von dem unheimlichen Gefühl, von dort oben ständig beobachtet zu werden. Dieses Gefühl war mit ein Grund, weshalb die Alliierten das Kloster am 15.2.44 mit einem noch nie dagewesenen konzentrierten Luftangriff vollständig zerstörten. Böse Ironie des Schicksals: Jetzt wurden die übriggebliebenen Klostermauern erst recht Teil des deutschen Verteidigungsdispositivs. Vorher hatten die deutschen Verteidiger das Kloster als Kulturgut respektiert und nicht betreten, sondern einen Abstand von etwa 300 m eingehalten und die beweglichen Kunstschätze vorher zur Sicherheit nach Rom transportiert. Nun konnten die Deutschen sich in den dicken Mauerruinen einrichten und dies umso einfacher, als die Bombardierung nicht mit einem gleichzeitigen Angriff auf dem Boden koordiniert war.

“Hinter”, nördlich des Klosters, hatte das Genie Bat der 4th Indian Division (eine kampferprobte Division, welche die 34th US Div abgelöst hatte) einen Weg zuerst für Maultiere ausgebaut, dann für Jeeps befahrbar gemacht und “Cavendish Road” getauft, nach einem Kdt dieses Bat (so jedenfalls eine Erklärung). Eine Strasse im zivilen Sinne war die “Cavendish Road” nie. Zudem war die “Road” teilweise eingesehen, verlief sie doch zwischen zwei Bergzügen (nördlich der “Phantom Ridge” und Monte Castellone, südlich die Höhe 593 mit dem “Snakehead Ridge”), auf denen auch deutsche Verteidiger ihre Stellungen hatten.

Wir fahren zum Kloster hoch und starten den Fussmarsch bei gutem Wetter 1015 beim Polnischen Friedhof. Kommen zu einem weiteren “Landmark” hier, der sogenannten “Albaneta Farm” (masseria Albaneta) am oberen Ende der Cavendish Road. Diese „Farm“, einmal eine Art Dépendence des Montecassino Klosters, mit massigen Mauern, war bis zum “Schluss” Gefechtsstand deutscher Truppen, v.a. der 1. FJD (Heidrich). Das Gebäude ist neu wieder sichtbar gemacht, d.h. aus dem wuchernden Gestrüpp herausgehauen worden.

Vorher zweigt besagte “Cavendish Road” nach rechts ab. Wir folgen ihr und kommen gleich zu den Überresten eines Sherman Tank, die Tankkette zum Mahnmal kreuzartig aufgerichtet. Das mit neuseeländischen Sappeuren verstärkte indische Genie Bat hatte im März 1944 unter grösster Geheimhaltung, z.T. hinter Abdeckungen, den Weg noch weiter ausgebaut und für Panzer befahrbar gemacht. 47 (!) Panzer und ähnliche Fahrzeuge (Selbstfahrlafetten und Bulldozer) mussten am 19.3.44 einen Vorstoss in schon fast tollkühner Fahrt auf der nur etwa 3 ½ Meter breiten “Strasse” wagen. Tollkühn auch, weil der Vorstoss nicht von Infanterie begleitet wurde. Das konnte kaum gut gehen gegen die kampferprobten Fallschirmjäger um die Albaneta Farm – und es ging auch nicht gut. Ein Grossteil der Panzer und Fahrzeuge ging verloren. Viele der Soldaten fielen. Einem weiteren Versuch der Polen – es waren wirklich Vielvölkerschlachten – zwei Monate später, Mitte Mai, erging es nicht besser, auch weil die Deutschen mittlerweile weiträumig Panzerminen verlegt hatten. Das Sherman Wrack hier erinnert an diesen polnischen Vorstoss: Einer der Panzer war hier auf eine Mine gefahren, wobei die Besatzung umkam. Nach dem Krieg haben die Polen aus dem Panzer ein Monument gemacht und dieses am 17.5.46 eingeweiht – zwei Jahre nachdem polnische Truppen unter ihrem General W. Anders als erste den Klosterberg in Besitz nehmen konnten. Nirgends im 2. Weltkrieg waren Soldaten aus so vielen verschiedenen Ländern eingesetzt wie hier in Italien und inbesondere hier im Ansturm auf die Gustav Linie. Den Polen sollte die Ehre der Einnahme des Klosters zukommen. Vom wieder aufgebauten Kloster sieht man heute hinüber auf den grossen polnischen Soldatenfriedhof, unter dem hart umkämpften “Snakehead”, respektive Kalvarienberg, und immer mal sieht man Gruppen, die ihn besuchen. Auf dem polnischen Friedhof liegen tapfere Soldaten fern der Heimat. Viele von ihnen hatten sich seinerzeit zuerst mal zu den Alliierten durchkämpfen müssen, bevor sie mit diesen den Kampf für ein freies Polen aufnehmen konnten. Den hier Begrabenen blieb wenigstens die grosse Enttäuschung bei Kriegsende erspart. General Anders tönt es mit einem Untertitel in seinen Memoiren an: “No V-Day for Poland”.

Wir folgen der oberen Cavendish Road abwärts, die heute aber wieder nur mehr bestenfalls ein Weg ist, und kommen durch die einsame Valle Pozzo Alvito zum sogenannten “Madras Circus”, so benannt nach der Herkunft der Truppen (der 4th Indian Division), die hier gebaut hatten. Hier konnten sich die angreifenden alliierten Truppen, meist nicht mehr als Kompaniestärke, besammeln. Von hier aus starteten Angriffe in verschiedene Richtungen, was wohl die Assoziation zum “Piccadilly Circus” ergab. Letzte Reste von mit Steinen errichteten Deckungen sind noch sichtbar. Weiter die Cavendish Road hinunter. Teilweise ist der Weg wegen des glitschigen, lehmigen Bodens noch weniger panzergängig, als er es im März 44 war. Wo es steiler wird, kehren wir um. Es gibt auf dem Lehm fast kein Halten mehr. Wie war das wohl 1944? Nach der ersten Schlacht erzwang damals das schlechte Wetter eine dreiwöchige Pause.

Zurück bei der “Albaneta Farm” versuchen wir noch einen Abstecher auf den Colle Sant’Angelo (601)! Ein grosses Kreuz markiert ihn klar, doch ist keinerlei Weg ersichtlich, nur Wald und Gebüsch rundum. War damals etwas anders, teilweise abgeweidet, teilweise zerschossen. Der Colle Sant’Angelo überragte einen Nachschubweg der Deutschen. Er wurde ursprünglich von der 44. ID gehalten. Eine geprüfte (österreichische) Division. Nach Untergang in Stalingrad wieder aufgestellt (mit schöner Namensgebung als “Reichsgrenadierdivision Hoch- und Deutschmeister” – HuD, manchmal spöttisch als Hunger und Durst ausgedeutscht) und dann Prellbock im Raum Cassino, bis sie durch die 1. Fallschirmjägerdivision abgelöst wurde. Diese mussten den Colle Sant’Angelo zuerst einmal wieder zurückerobern. Dann blieb er aber, hart umkämpft, bis ganz zum Schluss in der Hand der Fallschirmjäger.

Wir müssen uns durch Dreck und dichtes Unterholz schlagen, teilweise weglos. Immerhin kommen wir bis an den Fuss des Colle Sant’ Angelo, bevor wir aufgeben und umkehren. Ein anderer Abstecher führt uns auf einem nun angenehmen Weg vom Polnischen Friedhof hinauf zum berühmten Snake Head, vorderste Höhe des Snake Head Ridge. 1330 sind wir oben, auf dem Kalvarienberg, wie die Deutschen ihn nannten, Pt 593, ganz allein. Absolutes Schlüsselgelände, das die Alliierten zu Beginn einnehmen konnten, aber dann doch bald mal an die deutschen Fallschirmjäger verloren. Diese hielten sich auch hier bis ganz am Schluss. Ein Kreuz und Inschriften erinnern an die Polen, die die Höhe schliesslich, nach Abzug der Deutschen, einnahmen. Wir schauen hinüber zum Kreuz auf dem Colle Sant’ Angelo rechts und zum Kloster Montecassino links. Unten die massive Ruine der Albaneta Farm. Ein sehr überblickbarer Raum, von den Deutschen gehalten gegen eine gewaltige Übermacht.

1420 zurück beim Auto. Mit ihm fahren wir noch zum Kloster hoch, wo wir nun doch mal auf einen Menschen treffen, nämlich den Parkplatzwächter, der uns 3 Euro abverlangt. Dann besuchen wir das Kloster, das dank den ebenfalls geretteten Bauplänen nach dem Krieg wieder hat aufgebaut werden können. Die Statue des Heiligen Benedikts hat die Bombardierung überlebt und steht noch am alten Ort, wenn auch angesengt. Wir werden freundlich zu einem Film empfangen (kostet auch wieder ein paar Euros) und zum Besuch einer kleinen Ausstellung “vor 75 Jahren”. Schliesslich können wir natürlich das Kloster nicht ohne ein paar Einkäufe wieder verlassen, insbesondere nicht ohne einen sicher gesunden, grünfarbigen Schnaps.

Donnerstag, 24.1.19: Themen heute sind der Monte Cairo und der Passo Corno, allerdings in der Annahme, dass wir beide Punkte nicht erreichen werden – trotz der verheissungsvollen Beschreibung in einem italienischen Führer: “… molto panoramico, poco faticoso e presenta dislivelli molto limitati.” Soweit so gut, doch ist die Empfehlung für die wärmeren Monate im Jahr gedacht. Wir hingegen wollen ja die Januar-Realität etwas nachvollziehen – und sind gespannt! Wir starten gegen 1030. Schalten das Navi ein für Terelle und werde völlig wider Erwarten nach Belmonte Castello geführt, von wo wir ungläubige Blicke nach links zum Monte Belvedere werfen. Eine schmale, fast senkrechte Schlucht führt 800 m (!) hinauf zum Monte Belvedere. In der 1. Cassino Schlacht war hier eine ganze Kompanie eines tunesischen Inf Rgt hinaufgeklettert, um oben die Deutschen (von der 44. ID) zu überraschen. Eine gewaltige Leistung, rein schon “sportlich”! Aber es war viel mehr als das! Wie schrieb einer: Monter par là ? … Si encore il ne s’agissait que d’un bref passage. Mais, on est ici à la cote 60 et la crête à enlever d’assaut, objectif du bataillon, culmine là-haut à 862 mètres. Huit cents mètres à escalader, en s’aidant des pieds, des mains, des genoux, et des dents, avec toutes les armes, les F.M., les mitrailleuses, les mortiers, les obus, les musettes pleines de grenades, les cartouchières, les bidons, les toiles de tente en sautoir, tout l’énorme chargement des hommes. Presque trois fois la hauteur de la Tour Eiffel à gagner, à gravir mètre par mètre. Et cela sans marches, sans main courante, sans aide. “Ravin Gandoet” nennt die wissende Nachwelt den “Aufstieg” heute, nach dem BatKdt. Der Kdt der der die Gandoet Schlucht hochkletternden Kompanie, Lt Jordy, ist oben gefallen.

Weiter führt uns das Navi auf den “Neumann Weg”, seinerzeit als Nachschubweg gebaut vom Pionier Bat der 44. ID, unter Major Paul Neumann. Heute ist der seinerzeitige Nachschubweg eine kleine, wenig breite Provinzstrasse! Wir empfinden sie als abenteuerlich, jedenfalls beim herrschenden Winterwetter. Langsam hochfahrend kommen wir schliesslich nach Terelle. Der im Krieg stark zerstörte, aber wieder aufgebaute und etwas erweiterte Ort ist weitgehend verlassen, die Häuser zu; praktisch kein Mensch zu sehen. Nur ein paar kläffende Hunde. Wir parkieren schon im Dorf, was sich als klug erweist, denn bald ist die Strasse schneebedeckt und den Pneus unseres Autos trauen wir ja nicht. Starten 1110 im Dorf zu Fuss, natürlich wieder in völliger Einsamkeit. Bei der Ruine eines Forsthauses endet der befahrbare Teil der Strasse, die vermutlich im Rahmen der Befestigung der Gustav Linie angelegt worden ist. Wir kommen zu einem Aussichtspunkt mit Picnic Tischen und einer Orientierungstafel. Die Aussicht – es ist auch diejenige der deutschen Artilleriebeobachter, seinerzeit – ins Gebiet von Cassino, die Cassinate, ist in der Tat umfassend und wäre noch gewaltiger, wenn das Wetter besser wäre. Immerhin schneit es nicht. Die Strasse führt noch weiter zu einer “Casermette”genannten Häusergruppe. Sie hat nach einer kürzlichen Renovation nichts kasernenhaftes mehr und dient heute, jedenfalls in wärmeren Jahreszeiten, touristischen Zwecken. Damals waren es Unterkünfte der deutschen Artilleristen, die hier ihre Beobachtunsposten und sogar Stellungen hatten. Ein umgestürzter Baum versperrt den Pfad bergaufwärts in den Schnee. Wir kehren um, noch vor einem Artilleriebeobachtungsposten, der hier in den Fels gesprengt worden war, mit Ausblick über fast die gesamte Front und ins Liri Tal. Weiter oben soll es noch einen zweiten solchen Posten haben, mit Unterstand und Resten von Schützengräben und, was besonders interessant wäre, einer Geschützstellung. Vielleicht der Batterie, die zum “Hoch 4” genannten Hochgebirgsbataillon 4 gehörte.

1300 sind wir wieder zurück beim Auto. Wir fahren nicht mehr über den “Neumann Weg” zurück, sondern südwärts, gewissermassen im grossen Bogen um den Klosterberg, unter dem Pizzo Corno durch. Hier war das Hoch 4 an kritischer Stelle eingesetzt gewesen. Oberfähnrich Karl-Heinz Keck lag mit seinem geschwächten Zug in einer 700 Meter breiten Sicherungslinie in kupiertem Gelände um die Höhe 893 (KpGefSt) und andere Höhen, bis zur Schlucht entlang dem Colle Sant’Angelo. Als ihm im Mai der Bat Kdt persönlich Halten befahl und ihm die Hand drückte, sei es ihm etwas seltsam erschienen, berichtete er nach dem Krieg. Am 11.5.44 um 2300 begannen die Alliierten die vierte und letzte Cassino Schlacht (und “Operation Diadem”) mit einem Trommelfeuer aus 1660 Rohren . Auch Hoch 4 bekam davon ab. Dann griff polnische Infanterie an. Das Bat Hoch 4 zog sich hinter der Sicherungslinie von Keck langsam auf den Passo Corno zurück und setzte sich dann schliesslich (als KG Ruffin) ab. Keck deckte das Absetzen. Er hielt mit seinem Zug noch eine ganze Woche aus – bis zur Munitionserschöpfung und Gefangennahme des ganzen Zuges am 19.5.44. Das “Hoch 4” Bataillon hatte zwischen dem 1.2. und dem 27.5.44 440 Mann an Verlusten.

Den Tag beschliessen wir mit einem Besuch des Commonwealth Friedhofs. Hier waren wir 1994 mit vielen Veteranen anlässlich der 50-Jahrfeier. Was für ein Bild war das damals! Was für ein anderes Bild, ein Photo, hat hier jemand zu einem Grab hingelegt? Das ehemalige Kind mit seiner Mutter? Ohne den Vater, der hier begraben liegt?

Nach dem Durchbruch durch die Gustav Linie im Mai 1944 war es die nächste Ambition von General Mark Clark, möglichst PR-wirksam in Rom einzuziehen. Das war ihm wichtiger als die Einkesselung der sich zurückziehenden deutschen Truppen! Am 4.6.44 zog er in Rom ein. Die Glorie hielt jedoch nur kurz, zwei Tage, dann war die Weltaufmerksamkeit auf die alliierte Landung in der Normandie gerichtet – derweil der Krieg in Italien weiterging, von der Gustav zur Goten Linie …

Hans Bollmann, Zürich

Hans Bollmann, Jg. 1943, Dr. iur., Rechtsanwalt (www.bollmannlegal.ch), reduziert seine eigene Praxis in Zürich und widmet sich zunehmend mehr seinen Steckenpferden, darunter die Geschichte, insbesondere die Militärgeschichte. Militärisch tat Hans Bollmann Dienst in der Artillerie, um dann später als Hptm zur Flab zu wechseln und für fünf Jahre die selbständige Mob L Flab Abt 12 zu führen. Letzte Einteilung C Flab a i einer Brigade im Range eines Majors.  

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder zum Text

  • Venafro

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • US Soldaten am Monte Pantano, Bild von Robert Capa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Der Volturno im Januar 2019