“MOMENTUM”: Israel ersetzt F-16I durch F-35I

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F-16I Sufa in Ramat David. Den F-16 kam Jahrzehnte lang bei allen entscheidenden Luftschlägen Israels eine tragende Rolle zu; jetzt auch wieder gegen Iran in Syrien. Allmählich weichen sie dem F-35I Adir.

Die israelische Armee macht ernst mit General Kochavis “MOMENTUM”. Der dynamische Generalstabschef, gelernter Fallschirmjäger, setzt an allen Fronten zur umfassenden Erneuerung der Streitkräfte an. Von der Politik und aus der Truppe erhält er Unterstützung. 

  • Am 13. Mai 2020 kündigte Generalmajor Amikam Norkin an, er werde auf dem nördlichen Stützpunkt Ramat David die F-16I Sufa der 117. Staffel ausser Dienst stellen. Er nehme den Schritt schon im Oktober 2020 vor.
  • Die kawestierten F-16I, die der israelischen Luftwaffe Jahrzehnte lang hervorragende Dienste leisteten, sollen durch F-35I Adir ersetzt werden. Beide amerikanische Typen stammen von Lockheed Martin. Der Stützpunkt Ramat David soll seine starke Stellung an der Nordfront behalten.

Was bedeutet “MOMENTUM”?

Der israelische Generalstabschef Aviv Kochavi richtet seine Armee radikal neu aus. Die Doktrin der Zukunft heisst “MOMENTUM”: Es geht nicht mehr primär wie in den “traditionellen” Nahostkriegen um Geländegewinn. Es geht jetzt darum, den Gegner in möglichst kurzer Zeit mit möglichst geringen eigenen Verlusten komplett zu zerschlagen.

Das folgende Résumé zu “MOMENTUM” beruht auf einer Analyse des BESA, des Begin-Sadat Center for Strategic Studies, aus der Feder von Yaakov Lapin, erschienen am 22. März 2020.

Ein Hauptgegner: die Hisbollah (tt).

Die neue Definition von Sieg

Generalleutnant Kochavi definiert den Begriff “Sieg” neu.

  • Grundlage ist die Erfahrung, dass es auch Terror-Armeen wie Hisbollah und Hamas zu bekämpfen gilt, die in Städten und Dörfern verwurzelt sind und die eigene Zivilbevölkerung als “menschliche Schutzschilde” missbrauchen.
  • Sieg bedeutet nicht mehr einfach Gelände zu besetzen. Geländegewinn bleibt ein wichtiges Ziel. Aber Geländegewinn kann sich als Interim-Ziel erweisen, solange der Gegner nicht komplett zerschlagen ist – solange er Guerilla-Attacken unternehmen kann, aus Tunnels, Bunkern, Wohnhäusern.
  • Zu zerschlagen ist namentlich auch sein Potential, Israels Ortschaften mit Raketen anzugreifen. Solange diese Gefahr nicht beseitigt ist, ist der entscheidende Sieg nicht erzielt.

Die alte Definition von Sieg: Geländegewinn (grün) wie 1967 (me).

Schnelle Zerstörung des Gegners

In den Worten von Generalleutnant Kochavi:

  • “Bisher haben wir gewonnen, wenn unsere eigenen blauen Pfeile im Gelände ihr Ziel erreicht und gesichert hatten.”
  • “Jetzt gewinnen wir, wenn wir den Gegner komplett zerstören, und zwar rasch und mit einem Mindestmass an eigenen Verlusten.”
  • “Es gilt auch, Kommandoposten, Raketenstellungen, Waffenlager, alle gegnerischen Befehlsstufen und die feindliche Truppe radikal zu zerschlagen.”
  • “Noch mehr als die Inbesitznahme von Gelände zählt das, was wir am Boden, aus der Luft, zu Wasser, im elektromagnetischen Spektrum und im Cyberraum vernichten.”

Der Faktor Zeit

Warum wiegt der Faktor Zeit so schwer?

  • Wenn der Gegner den Krieg vom Zaun bricht, wird er den Angriff voraussichtlich mit massiven Raketensalven auf Israels Städte und Dörfer einleiten.
  • Sollte Israel angreifen, zum Beispiel Irans Atomanlagen, dann antworten Hisbollah, Hamas, Iran und womöglich Syrien mit Raketenschlägen gegen die israelische Bevölkerung.
  • Für den Gegner wäre namentlich auch Israels prosperierende Wirtschaft ein Ziel – siehe die Hisbollah-Angriffe von 2006 auf die Erdöl-Raffinerie zwischen Haifa und Akko.
  • Nach israelischen Daten verfügt die Hisbollah jetzt über mehr als 100’000 Raketen, clandestin geliefert von Iran. Neu sind präzise Geschosse – viel weiter reichend als 2006, bis in den Negev hinein zur Wüstenstadt Beersheva.
  • Das alles macht die Zeit zu einem kritischen Faktor. Die israelische Armee muss den Gegner in kurzer Zeit kampfunfähig machen, um die Attacken auf die eigene Bevölkerung und Wirtschaft zu beenden.

An der Negev-Grenze beübt das Südkommando das Caracal-Bataillon (idf).

Bataillone aufgewertet

“MOMENTUM” wertet die Bataillone kräftig auf. Die Brigaden behalten ihre Stellung, aber das verstärkte Bataillon erhält einen neuen Stellenwert. Die Parallele zur russischen Kampfgruppe ist unübersehbar; diese ist nichts anderes als ein massiv verstärktes Bataillon, das zu eigenen Aktionen befähigt ist.

  • Das Bataillon wird digital hervorragend vernetzt. Sein Kommandant und der Stab erhalten in Echtzeit das umfassende Lagebild. Die Nachrichtendienste dienen dem Bataillon zu.
  • Selbst der Kompaniekommandant löst Drohnenangriffe aus. Er hat Zugang zu Panzer-, Helikopter- und EKF-Formationen.
  • Das oberste Ziel ist die speditive Zerstörung gegnerischer Fähigkeiten. Priorität haben “kritische” gegnerische Waffen und Einrichtungen. Kochavi fordert: “Wir müssen die feindliche Panzerabwehrwaffe im dritten Stock eines Häuserblocks rasch ausschalten, mit allen Mitteln.”

Aufklärung: Sayeret Matkal (idf).

Herausragender Wert der Aufklärung

Der Faktor Zeit erfordert eine noch bessere Aufklärung, als sie die israelischen Streitkräfte schon haben.

  • Sie muss den Gegner aufspüren, wo immer er sich versteckt. Schon 2006 kämpfte die Hisbollah aus Wohnhäusern, Schulen, Moscheen und einem ausgebauten Tunnel- und Bunkersystem, das die vordringenden Israeli überraschte.
  • Der “sensor-to-shooter-cycle”, die kritische Zeit von der Erkennung des Zieles bis zur Bekämpfung, muss auf Sekunden gesenkt werden.
  • “MOMENTUM” forciert die vernetzte Intelligenz, neue Sensoren, selbst Künstliche Intelligenz und revolutionär neue Methoden der Ausbildung und des Trainings, um qualitativ den Vorsprung vor den feindlichen Terrorarmeen zu verteidigen.
  • Nach Kochavis Analyse verringerte der Gegner diesen Vorsprung in den letzten Jahren; jetzt will er ihn mit “MOMENTUM” wieder ausbauen.

Was befähigt Kochavi zu “MOMENTUM”?

Aviv Kochavi ist ein General in der Tradition von Persönlichkeiten wie Dayan, Rabin, Tal oder Sharon, die charismatische Truppenführer waren und gleichzeitig überragende intellektuelle Qualitäten besassen. Generalleutnant Gantz, Premier Netanyahus neuer politischer Koalitionspartner, gehört auch in diese Reihe.

Selten trägt Kochavi Ausgangsuniform. Er ist Israels einziger “Drei-Sterne-General”. Die flache Hierarchie der Armee kennt keine Stufe über dem Generalleutnant (idf).

Kochavi entstammt wie andere Generäle dem 890. Fallschirmbataillon, das er befehligte. Bevor er am 15. Januar 2019 die Armee übernahm, hatte er als Chef Operationen gedient und die Gaza-Division, den Armee-Geheimdienst AMAN und die Nordfront kommandiert.

Im Libanon erfand er den fünf Kilogramm schweren “Kochavi-Hammer”. Sein Bataillon hatte den Auftrag, im von der Hisbollah besetzten Lager Saida eine lange Zeile von aneinander gebauten Häusern in Besitz zu nehmen. Statt seine Fallschirmjäger in den engen Gassen feindlichem Feuer auszusetzen, liess er sie mit Hämmern die schwachen Wände einschlagen und durch die Löcher vorstossen. Mit geringen Verlusten besetzte das 890. Bataillon das Lager.

Den “Kochavi-Hammer” verwenden seither auch andere Armeen, so die amerikanischen Frontkämpfer in Irak oder Afghanistan.

Wie erabeitete Kochavi “MOMENTUM”?

Von Mitte Januar 2019 an gab Kochavi Vollgas. Er verordnete seiner Armee vier Stufen – mit dem Ziel, die neue Doktrin “MOMENTUM” in einem Jahr zu erarbeiten:

  • Umfassende Analyse der Lage.
  • Formulierung der neuen Ziele.
  • Erarbeitung der künftigen Grundsätze der israelischen Streitkräfte.
  • Zeitplan für die rasche Umsetzung von “MOMENTUM”.

Die Roten, die Blauen, die Weissen

Im April 2019 legte jeder Generalmajor und jeder Brigadegeneral einzeln im Generalstab seine Beurteilung der Lage vor. Kochavi forderte sie auf, nicht nur Stärken, sondern auch die Schwächen der bestehenden Doktrin “GIDEON” aufzudecken. Ebenso mussten sie ihre Empfehlungen für die Zukunft darlegen.

Kochavi vergliech diese “Diagnose” mit der “MRI” aus der Sprache der Ärzte.

Dann trommelte Kochavi 30 Equipen zusammen, welche die Herausforderungen des Jahrzehnts bis 2030 zu definieren hatten. Die Teams erhielten drei Farben:

  • Die Roten untersuchten die Feindfähigkeiten und markierten in Simulationen den Gegner.
  • Die Blauen zogen Konsequenzen für die Zukunft von Zahal, der israelischen Streitkräfte.
  • Die Weissen betteten die Erkenntnisse umfassend in den strategischen Kontext der Zwanziger Jahre ein, auch politisch und ökonomisch.

Rot hebt viel präzisere Waffen hervor

Die Roten arbeiteten – in einer Fülle von kommenden Neuerungen, auch für das Panzerkorps und die Luftwaffe – speziell heraus:

  • Die Ausrüstung des Gegners mit viel präziseren Waffen als noch 2006.
  • Die Steigerung der Reichweiten und Zerstörungskraft gegnerischer Waffen.
  • Die “Miniaturisierung” gewisser Waffen wie der taktischen Drohnen, die Veränderungen auf dem Gefechtsfeld und den Cyberkrieg (in dem Israel stets eine Vorreiterrolle spielte, siehe die Operation “STUXNET” gegen die iranischen Atomzentrifugen).
  • Die erhöhte Bedeutung des urbanen Kriegs, ohne Vernachlässigung des Kriegs im offenen Gelände.

Kampf im urbanen Gelände (idf).

Blau fordert Steigerung der Feuerkraft

Blau erarbeitete unter Zeitdruck, aber präzis:

  • Die noch stärkere Vernetzung aller Truppen im Kampf der verbundenen Waffen, den Generalmajor Tal im Yom-Kippur-Krieg am dritten Tag mitten im Kampf durchgesetzt hatte, um die Nachteile der “artreinen” Panzeroffensiven zu überwinden.
  • Zahal operiert gleichzeitig koordiniert am Boden, im Untergrund (gegen Hamas- und Hisbollah-Tunnels), in der Luft, auf dem Meer, im elektromagnetischen Spektrum und im Cybernetz.
  • Alle Kampftruppen steigern ihre Feuerkraft massiv. Der Infanterie, dem Panzerkorps, der Artillerie und der Luftwaffe kommt nach wie vor überragende Bedeutung zu. Sie werden weiter gestärkt.

Iron Dome schützt die Bevölkerung (idf).

  • Die zivile Bevölkerung muss noch besser geschützt werden. Der Zivilschutz wird ausgebaut, die Heimatfront gestärkt. Die drei Stufen der bodengestützten Luftverteidigung – Iron Dome, David’s Sling, Chez – schützen Dörfer und Städte.
  • Als weitere Schlüssel nennt Blau unverändert die Lufthoheit, das Feuer der schweren Waffen, die Überlegenheit der Geheimdienste und der Cybertruppe (Einheit 8200) und die resiliente Fähigkeit der Armee und der Bevölkerung, unter Feuer zu bestehen und den Auftrag fortzusetzen.

Iran, Hisbollah, Hamas

“MOMENTUM” definiert als Hauptfeinde Iran, Hisbollah, Hamas, eventuell Syrien (auch als Plattform für Iran) – mithin die Kräfte, die Israels Existenz auslöschen wollen.

Die neue Doktrin kommt schonungslos zur Konsequenz: Israel überlebt nur, wenn es gelingt, gegenüber diesen Feinden qualitativ den eigenen Vorsprung zu bewahren und auszubauen.

Generalleutnant Kochavi schafft eine Kriegsmaschine, die tödlicher und besser vernetzt ist als die bestehende Zahal:

  • Sie muss den Gegner in Rekordzeit vernichten und gleichzeitig den Sieg unter Minimierung der eigenen Verluste anstreben – ein unerhörtes Ziel.
  • Die Bataillone erhalten einen Stellenwert wie noch nie, in der ganzen Kette Führung, Aufklärung, Lage und Wirkung.
  • Die Luftwaffe wird zu weitreichenden Operationen mit Zerstörungsschlägen ungeahndeten Ausmasses befähigt. In der bodengestützten Luftverteidigung behält Israel dank seiner eigenen Spitzenwaffen die starke Stellung.

Sie klärten bereits über Iran auf: F-35I Adir (idf).

  • Lange waren Ägypten, Syrien, Jordanien und Terrorarmeen aus Gaza und dem Südlibanon die Gegner. Jetzt muss Zahal auch Ziele im fernen Iran bekämpfen können, so mit den neuen F-35-Staffeln ab Nevatim.

Starke Wirtschaft, politische Ordnung

“MOMENTUM” hält auch fest, dass Israel weiterhin auf eine starke Wirtschaft angewiesen ist und der staatlichen Stabilität bedarf. Letztere Forderung spricht indirekt den politischen Schwebezustand an, in dem sich das Land seit einem Jahr befindet.

Unmissverständlich macht “MOMENTUM” klar, dass Israel eine funktionsfähige Regierung braucht, um das höhere Militärbudget durchzusetzen, das die neue Doktrin erfordert.