BISS – KWM + Mowag > Artillerie-Schiessen aus der Fahrt

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AGM auf dem Trägerfahrzeug Boxer. In der Schweiz käme der Piranha IV von Mowag zum Zug.

Schon die Wehrmacht, die Rote Armee und die NVA nutzten den weitläufigen Schiessplatz von Klietz für ihre Artillerie. Derzeit erprobt und demonstriert die deutsche Waffenschmiede Krauss Maffei Wegmann (KMW) ihr neues 155-mm-Artillerie-Geschütz-Modul (AGM) bei Klietz.
Für die Schweizer Artillerie ist KMW die Kooperation mit der Kreuzlinger Firma Mowag eingegangen. Es geht um die M-109-Nachfolge. Beim Schweizer Vorhaben ersetzt der Piranha IV (früher genannt Piranha III plus) als Trägerfahrzeug den KMW-Boxer. Das 155-mm-Rohr stammt von Rheinmetall. 
Mit der Stoppuhr in der Hand lassen sich in Klietz zwei Stellungsbezüge des AGM beobachten, verbunden je mit einem Schnellfeuer zu drei Schuss.
t = Stellungsbezug 1, Boxer steht grundsätzlich in Schussrichtung
t + 4 Elevation wird erstellt
t + 8 Rohr schwenkt die Seite leicht nach rechts
t + 10 erster Schuss
t + 13 zweiter Schuss
t + 16 dritter Schuss
Rohr ins Marschlager, innert Sekunden ist die Stellung verlassen.
Das Geschütz geht in Deckung und bezieht erneut Stellung.
tt = Stellungsbezug 2, diesmal steht der Boxer quer zur Schussrichtung
tt + 10 erster Schuss
tt + 13 zweiter Schuss
tt + 16 dritter Schuss
und weg ist das Geschütz, in zügiger Fahrt auf der holprigen Panzerpiste.
Am Waldrand beurteilen Experten das Gesehene. Die beiden Lagen zu drei Schuss lassen die Fachleute staunend zurück. Anerkennung ist dem AGM gewiss.

AGM auf Boxer mit modifiziertem Turm.

360° – und Schiessen aus der Bewegung
Die neue Artilleriewaffe AGM weist Vorzüge auf. Die Exponenten der beteiligten Firmen KWM und Mowag (General Dynamics Land Systems) präsentieren zahlreiche Vorteile, die ins Gewicht fallen:
  • Im Gegensatz zu den Camion-Systemen CAESAR und Archer misst der Schussbereich 360°. Die Fähigkeit zum Rundum-Feuer bringt erhebliche taktische Vorteile.
  • Auf den Trägerfahrzeugen Boxer und Piranha IV ist das Geschütz geländegängiger und mobiler als die Lastwagen-Systeme aus Frankreich und Schweden. Das AGM-System ist bedeutend kürzer als CAESAR und Archer.
  • Die Abfederung des Rohrrückstosses ist derart stark, dass das Geschütz keine Abstützung braucht. Das erklärt den erstaunlich kurzen Stellungsbezug von zehn Sekunden – verbunden mit der vollautomatischen Auslegung des Systems.
  • Revolutionär mutet an, dass die KMW-Waffe auch aus der Bewegung schiesst. Der scharfe Schuss aus der Fahrt wird in Klietz erfolgreich erprobt und gezeigt. Das KWM-Verfahren stellt die traditionelle Artillerietaktik grundlegend in Frage. Nach dem herkömmlichen Verfahren gehört die Konterbatterie zu den gefährlichen Gegnern jeder Artillerie-Einheit. 
  • AGM taugt zum Bogen- und zum Direktschuss.
  • Die Geschützbedienung besteht nur noch aus zwei Mann. Dies eröffnet für Ablösungen neue Chancen. Denkbar ist ein Gesamtbestand pro Rohr von acht Mann, was den “Schichtbetrieb” von 2 x 4 Mann erlaubt.
  • Die Mannschaft ist geschützt – dies im Gegensatz etwa zum CAESAR: Vom Nexter-System sind Bilder in Erinnerung, auf denen Kanoniere wie Kaninchen ums Geschütz rennen.
  • Das Geschütz eignet sich gut  zum Einzelfeuer. Zur Einsatzdistanz sprechen einzelne Quellen von 60 Kilometern, andere bis zu 70. Für die Schweizer Artillerie wäre das ein gewaltiger Schritt. Mit geeigneter Munition kommt die kawestierte M-109 derzeit auf höchstens 21 Kilometer.
  • Konventionell wird es nach wie vor auch zum Kampf gegen gegnerische Truppen auf bestimmten Frontbreiten eingesetzt – allerdings nicht mehr wie mit der Geschützbatterie zu sechs Rohren.
  • Das AGM-Geschütz leistet einzeln das, wozu bisher eine ganze Batterie benötigt wurde. Zuerst wird die Frontbreite – zum Beispiel 200 oder 300 Meter – eingegeben. Dann schiesst das AGM in hoher Kadenz z B sechs Schuss, automatisch verteilt auf den befohlenen Frontabschnitt.

Der Piranha IV in der 12-cm-Mörser-Version. Der Piranha IV eignet sich auch für die Artillerie-Kooperation von Mowag und Krauss-Maffei Wegmann.

Das Trägerfahrzeug käme von Mowag

Für die Schweiz würde KWM auf den angestammten Boxer verzichten. Das Trägerfahrzeug, der Piranha IV, käme aus der Schweiz. In der Schweizer Armee steht der Piranha III bereits in mannigfachen Versionen im Einsatz. Der bewährte Radschützenpanzer hat gute Chancen, in der Erneuerung der Schweizer Infanterie zum Zug zu gelangen. In den 2020er-Jahren gilt es den in die Jahr gekommenen Piranha II abzulösen.

Krauss-Maffei Wegmann hat den Hauptsitz in München. Mit der Panzerhaubitze 2000 verfügt die Firma über Artillerie-Erfahrung. Die Pz Hb 2000 ist ein selbstfahrendes, gepanzertes Artilleriegeschütz vom Kaliber 155 mm. Sie ist die Standardwaffe der deutschen Artilleriebataillone und ersetzte die Panzerhaubitze M109. Die Bundeswehr erhielt in den Jahren 1998 bis 2003 insgesamt 185 Panzerhaubitzen 2000.

Bei den Kampfpanzern zeichnet KWM für die Leopard-2 verantwortlich, die nach wie vor zu den besten Waffen ihrer Kategorie gehören.