Kürsener zu: War Tonkin 1964 “Falsche Flagge”?

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Ein nordvietnamesisches Schnellboot umkreist am 2. August 1964 den US-Zerstörer „Maddox“ im Golf von Tonkin. Die Aufnahme der US-Navy dokumentiert die gespannte Situation. Hinter dem Schnellboot der Einschlag einer 12,7-cm-Granate.

 

Ein St. Galler Offizier fragt, ob die Ereignisse von Tonkin 1964 unter Falscher Flagge stattfanden. Wir legten die Frage dem Vietnamkrieg-Kenner Oberst i Gst Jürg Kürsener vor, der zu einer negativen Antwort gelangt und dies differenziert begründet. Er schreibt:

 

  • Sicher eine interessante und berechtigte Frage.
  • Auf den ersten Blick mögen da durchaus Gemeinsamkeiten zur jetzigen Lage in und um die Ukraine bestehen.
  • Wenn man etwas näher hinschaut, gibt es aber signifikante Unterschiede.
  • Zur Definition der «False Flag» Operationen, wie ich sie verstehe:
    «False Flag» Operationen sind von der Partei A bewusst gesuchte und initiierte, meist gewaltsame und/0der kriegerische Aktivitäten, mit dem Ziel, den Gegner (Partei B) zu provozieren, um danach den eigenen Angriff bzw eigene Aktionen (der Partei A) gegen diesen Gegner (B) zu rechtfertigen.
  • Die Ereignisse im Golf von Tonkin (August 1964) waren in diesem Sinne keine «False Flag» Operationen. Sie sind etwas differenzierter zu betrachten.
  • Die immer mehr um sich greifende Einmischung Nordvietnams in Südvietnam, die eigentlich bereits nach dem Fall Dien Bien Phus 1954 und dem Abzug der Franzosen aus Indochina eingesetzt hatte, die instabile Lage in Südvietnam und die Bedenken der USA gegen eine kommunistische Machtübernahme im Süden hatten anfangs der 60er Jahre zu einem verstärkten Engagement der USA im Süden geführt. Bereits damals hatte Präsident Kennedy über 10’000 Militärberater dorthin beordert. Die militärischen Gefechte von damals verliefen vorerst noch «harmlos», nahmen aber graduell an Intensität zu.

Kurs der USS Maddox, 31. Juli – 2. August 1964 > Erster Vorfall im Golf von Tonkin.

Drei Schnellboote griffen an; alle drei wurden beschädigt.

  • Eine Zäsur stellten die Ereignisse vom 2. August 1964 dar, als um etwa 11.00 Uhr drei nordvietnamesische Torpedo-Schnellboote den im Rahmen der «De Soto Patrol» vor der südlichen Küste Nordvietnams und bei der Insel Hon Me in internationalen Gewässern auf Aufklärungsmission kreuzenden US Zerstörer USS «Maddox» angriffen (die USS «Turner Joy» stiess erst nach diesem Vorfall dazu). Die abgefeuerten Torpedos verfehlten ihr Ziel.
  • Die Boote wurden von Trägerkampfflugzeugen der USS «Ticonderoga» angegriffen und vertrieben, eines blieb schwer beschädigt liegen. Diese offensichtliche Provokation der Nordvietnamesen mag im Umstand begründet gewesen sein, dass zuvor die Südvietnamesen ihre Infiltrationsversuche im südlichen Teil Nordvietnams verstärkt hatten. Jedenfalls steigerte der Vorfall die Nervosität der Amerikaner ganz beträchtlich.
  • Den Vorwand zur «Tonkin Gulf Resolution», die das eigentliche breite Engagement der USA in Vietnam auslöste, lieferten vordergründig dann die Ereignisse vom 4. August 1964. Damals wurden während starken Gewittern und nachts von den beiden Zerstörern USS «Maddox» und USS «Turner Joy» empfangene, nie sauber identifizierte Radarsignale als (weiterer) Angriff nordvietnamesischer Torpedo-Schnellboote interpretiert.
  • Solche Boote wurden aber nie eineindeutig gesehen und/oder identifiziert. Auch die herbeigerufenen Kampfflugzeuge des US Flugzeugträgers USS «Ticonderoga» (CVA-14), u.a. mit dem später gefangen genommenen Fregattenkapitän Jim Stockdale, Pilot einer F-8E «Crusader» und Kommandant der Fighter Squadron VF-51, konnten den Angriff nie bestätigen. Washington sah dies aber anders, ordnete Vergeltungsangriffe an und nahm den Vorfall als Vorwand zur Verabschiedung der «Tonkin Resolution» durch den Kongress.  Washington tat dies aber nicht allein aufgrund dieser Vorfalles vom 4.8.1964, der Vorfall vom 2. August trug letztlich zu diesem Entscheid bei.

So stellte sich der Marinemaler Edmond James Fitzgerald die Konfrontation nahe der nordvietnamesischen Küste vor.

  • Die beiden Vorfälle vom 2. und 4. August sind in einem engen Zusammenhang zu sehen und zu interpretieren. Und dies führt zu folgender Beurteilung.
  • Die beiden Ereignisse vom 2. und 4. August 1964 sind nicht als gezielte Provokationen der Amerikaner zu sehen, das unterscheidet sie grundsätzlich von «False Flag» Operationen. Vielmehr wurden vor allem die Aktivitäten des 4. August – geprägt von den Torpedoangriffen des 2. August und verunsichert durch die von Gewittern verursachten atmosphärischen Störungen – in einer nervösen und gereizten Stimmung falsch interpretiert, auch von den direkt vor Ort kreuzenden Verantwortlichen mit dem Verbandskommandanten Kapitän zur See Herrick.
  • Aber sie dienten als «willkommener» Vorwand, um Präsident Johnson (der im Wahlkampf stand….) in seiner Absicht zu bestärken, das Engagement in Vietnam hochzufahren, was denn auch mit der «Tonkin Gulf Resolution» geschah.
  • Diese war in Washington schon seit längerem als mögliche Option gedacht worden. Was vor allem am 4. August 1964 geschah, würde ich eher – im Sinne und als Anleihe bei Clausewitz – als «Fog of War» bezeichnen, also als «Dunst oder Unwägbarkeit eines Konfliktes bzw Krieges», mit all den fatalen Folgen des nun ausgelösten Vietnamkrieges.