Kürsener zerlegt Köppel

Standard

 

 

Führungsspitze: General Gerassimow, Präsident Putin, Verteidigungsminister Shoigu.

Wir alle erinnern uns: In der RS lernten wir, das Sturmgewehr zu zerlegen (und zu putzen): die kleine Zerlegung und die grosse. Eine grosse Zerlegung nimmt heute der Militärexperte Jürg Kürsener mit Nationalrat und Chefredaktor Roger Köppel vor. Er schreibt ihm im Wortlaut:

“Guten Tag Herr Köppel

Unerträglich und einseitig. Die Avancen gegenüber Putin, die Appeasement-Haltung gegenüber Russland und dem ex KGB-Offizier und  die Verharmlosung bzw Rechtfertigung seines Säbelrassen sind etwas vom Schlimmsten, was ich bis jetzt von Ihnen gehört habe. Diese Verbeugung vor Putin ist schlimm.

Im Einzelnen, und nur zu ein paar Punkten, die in ihrer vehementen Predigt pro Russland schwach sind, möchte ich mich wie folgt äussern:

  • Die OSZE Akte, die Sie zitieren, um die Erpressung des Westens durch Putin zu rechtfertigen, legen sie einseitig aus. Sie möchten das in der Charta festgehaltene Recht, wonach niemand seine Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer gestalten dürfe, für die Ukraine beschneiden (weil es die Sicherheit Russlands gefährde), das gleiche Recht für die Ukraine aber ziehen sie ins Lächerliche (es sei nicht das Papier wert, auf dem es stehe. Was für eine grenzenlose Arroganz).
  • Zudem versuchen Sie das Land mit den alten Vorwürfen der Korruption und Disfunktionalität zu diskreditieren, Sie sind da in bester Gesellschaft mit der Linken. Als ob es eine gewaltige Korruption nicht auch in Russland – in grosser Vielfalt und in etwas anderer Form – geben würde. Ganz abgesehen von dem sonst von Ihnen  so hochgehaltenen Recht auf Selbstbestimmung der Völker. Das gilt hier offenbar nur für Putin.
  • Viele Staaten haben aus geografischen Gründen nicht die Möglichkeit, einen Puffer zum Nachbarn zu konstruieren. Sie suchen ihren «Puffer» mittels Schutzschirm in einer Allianz zu finden. Das ist gemäss OSZE genauso legitim.
  • Die NATO mache Avancen gegenüber der Ukraine. Das ist Ihre Lesart. Wie ist es, wenn die Ukraine das möchte, weil auch sie aus der Geschichte lernt? Sozusagen eine Lebensversicherung sucht.
  • Immer wieder weisen sie auf die bitteren Erfahrungen und grossen Opferzahlen Russlands in der Geschichte hin (1812, 1941) hin, als dieses angegriffen wurde. Und dessen eigene Angriffe im Ausland (Syrien, Afghanistan, Georgien, der feige Angriff auf Japan 1945 als dieses schon am Boden war, 1953 Ostberlin, 1956 Ungarn, 1968 CSSR)?
  • Und wie war das mit den 20 Mio Landsleuten, die Stalin intern in den 30er bis 50er Jahren durch seinen NKDW ermorden bzw verhungern liess, vor allem in der Ukraine?  Ob das wohl für die Geschichte der Ukraine und für deren heutige Politik nicht auch ganz entscheidend ist? Nicht nur Russland hat gelitten, auch die Ukraine.
  • Immer wieder erzählen sie die Geschichte von den Atomwaffen in neuen NATO-Gebieten. Wo haben Sie das eigentlich her? Weder im Baltikum, noch in Polen, der CSSR, Bulgarien und Rumänien sind Nuklearwaffen stationiert. Dies im Gegensatz zu Putin, der seit kurzem wieder und unter Verletzung des (deswegen von den USA gekündigten) INF Vertrages Iskander Atomraketen im Westen Russlands und in Königsberg disloziert?
  • Ihre Wortwahl in Sachen Aufmarsch Putins rund um die Ukraine ist entlarvend, seitens Putin sei die Entwicklung «unvorteilhaft», die Reaktion der NATO ist «zähnefletschend». Beschönigender und verharmlosender kann man es nicht sagen. Das erinnert mich eher an die Sprache im «Neuen Deutschland» der SED als an ein angeblich objektives Medium aus der Schweiz.
  • Sie rühmen Reagan für dessen Verständnis gegenüber Gorbatschow, er habe dank Gorbatschow verstanden, was es heisse, Angst zu haben. Was ist das für eine unvollständige Sicht der Dinge. Dieser selbe Reagan hat, und das ist sein grosser Verdienst, in den 80er Jahren gerade dieses Reich Gorbatschews mit Entschlossenheit, mit starker Hand und einer starken Aufrüstung in die Knie gezwungen. Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht – und daraus macht er nicht einmal ein Geheimnis.
  • Amerikaner würden ja auch nicht glücklich sein, wenn Russland in Mexiko Raketen stationieren würden, ist ein anderes, ein sehr einfaches Argument, das zwar Ihre Thesen stützen soll, aber gewaltig hinkt. Eben zu einfach, weil es dazu immer zwei braucht. Würde denn Mexiko dem zustimmen? Es gibt Länder, die haben in solchen Dingen noch Mitsprache, auch die Ukraine würde sie dereinst haben….
  • Warum eigentlich veranstaltet Putin gleichzeitig zum Drohkulissenaufbau um die Ukraine weltweit grosse Seemanöver, im Arabischen Meer zusammen mit dem Iran und China, in der Exclusive Economic Zone vor Irland und im Fernen Osten, im Ochotskischen Meer, im Nordatlantik, in der Nordsee und im Mittelmeer, dies alles zeitgleich zu seinem Aufmarsch mit gegen 170’000 Mann um die Ukraine.
  • Und dies nach den letztjährigen Manövern ZAPAD («West»!) mit gegen 200’000 Mann, u.a. in Weissrussland, wo dann das Gros des Materials nach Abschluss der Manöver verblieb? Wo sind Ihre Berichte zu diesem Säbelrasseln dazu? Das würde mich viel mehr interessieren, als ein neues, wohl sehr «einfühlsames» Porträt über Putin.
  • Vielleicht haben Sie in der heutigen NZZ gelesen, was dort von kompetenter Seite zu dem gesagt wird, was Realpolitik auch ist.
  • «Moralisierende Verteufelung Putins» durch die hiesigen Medien? Es gibt auch Stimmen der «moralisierenden Verteufelung des Westens».

Jürg Kürsener”