Killte Mossad Iraner mit Roboter-MG?

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Belgisches FN-MAG-Maschinengewehr, wie es an der Paris Air Show gezeigt wurde: montiert auf einem Eurocopter EC-725 Cougar MkII.

  • Am 27. November 2020 wurde der iranische Atomphysiker Mohsen Fakhrizadeh, genannt auch “der Vater der Bombe”, bei Absard östlich von Teheran ermordet. Rasch fiel der Verdacht auf den israelischen Mossad. Was Israel mit der üblichen Formel bekräftigte: “Wir bestätigen nicht. Wir dementieren nicht.”
  • Zum Hergang der Tat zirkulierten zuerst Aussagen von “Augenzeugen”, wonach der 59-jährige Fakhrizadeh von einem fliegenden Killer-Commando umgebracht worden sei.
  • Jetzt aber wartet die New York Times (NYT) mit einer eigenen Recherche auf, welche die ursprüngliche Darstellung heftig in Frage stellt. Die Kidon, die Mossad-Killer, sollen den Physiker mit einem ferngesteuerten FN-MAG-Maschinengewehr umgelegt haben. Dabei sei nur Fakhrizadeh getötet worden, nicht aber seine Frau, die mit ihm in seinem Personenwagen sass.

Fakhrizadeh, der Vater der Bombe. Er dozierte an der Universität und war Offizier der Revolutionsgarde.

  •  Die Version der NYZ ist rüstungstechnisch brisant; in der zu Ende gehenden Woche berichteten wir vom intensiven Einsatz russischer Roboter-Waffen im Grossmanöver “ZAPAD 2021”.

Die Einrichtung wog rund eine Tonne

Was bringt die NYT am 18. September 2021 Neues?

  • Der Mossad habe die Strasse gekannt, die Mohsen Fakhrizadeh regelmässig benutzte. Am Strassenrand hätten die Kidon ein Automobil aufgestellt, das auf den ersten Blick verlassen wirkte. Im Wagen hätten sie ein modifiziertes FN-MAG-Maschinengewehr installiert. Dieses sei mit – Zitat NYT – “einem modernen Roboter und KI-Technik – verbunden gewesen.
  • Die ganze Einrichtung war gemäss NYT sehr schwer. Sie soll rund eine Tonne gewogen haben. Der Mossad schmuggelte die gewaltige Waffe in Einzelteile zerlegt nach Iran. Dort wurde sie im Verborgenen zusammengesetzt.

Ausgelöst aus dem Ausland?

Aufsehen erregt, was die NYT zur Auslösung der Mordwaffe recherchiert haben will:

  • Zur Tatzeit habe sich kein Mossad-Agent in der Nähe des Tatortes befunden. Im Gegenteil: Der Geheimdienst habe den eigentlichen Mord von einem Kommandoposten ausserhalb von Iran gesteuert.
  • Zu dieser Aussage beruft sich die NYT-Redaktion auf “Amerikaner, Israeli und Iraner, inklusive zwei Agenten, die mit der Planung und Durchführung der Operation vertraut waren.”
  • Der Mossad habe Fakhrizadeh seit 2007 beobachtet und den Mordanschlag seit Ende 2019 geplant. Der Physiker und seine Frau hätten sich auf dem Weg von ihrem Ferienhaus am Kaspischen Meer zu ihrer Landvilla in Absard befunden. Fakhrizadeh steuerte den Nissan, seine Frau sass neben ihm auf dem Beifahrersitz. Hinter ihm fuhren eine Zeitlang seine Leibwächter in zwei separaten Automobilen.

BBC-Karte. Oben die Firuzkuh-Hauptstrasse. Rot der Tatort. Gegen unten zweigt die Strasse nach Absard ab.

“Tausende Meilen entfernt”?

  • Der Nissan war nicht gepanzert, obwohl die Leibwächter das verlangt hatten. Ihnen missfiel auch, dass Fakhrizadeh darauf beharrte, selber zu fahren.
  • Beim Wagen mit dem Maschinengewehr soll es sich um einen blauen Nissan Zamyad Pickup gehandelt haben. Gemäss NYT stand er an einer Kreuzung, an der das Opfer nach Absard abzweigen musste. Der blaue Nissan war mit einer starken Kamera ausgerüstet und mit Sprengstoff beladen; er wurde nach dem Attentat samt der Waffe in die Luft gejagt.
  • Der Mörder war ein hochkarätiger Scharfschütze, laut NYT “Tausende Meilen entfernt”. Als der Sniper erfahren habe, dass sich das Zielobjekt näherte, habe er die Waffe noch einmal kalibriert, geladen und kaltblütig eingesetzt.

Künstliche Intelligenz habe Probleme behoben

Drei “Unstimmigkeiten” hätte der Mossad beachten müssen:

  • Die kurze Zeitverzögerung wegen der ferngesteuerten Auslösung.
  • Den Rückstoss beim Maschinengewehr, der die Flugbahn verändern konnte.
  • Das Fahrtempo von Fakhrizadehs Wagen.

Mit Künstlicher Intelligenz seien die Probleme behoben worden; wie, sagt die NYT nicht.

Drei Schüsse in die Wirbelsäule

Die NYT will wissen:

  • Insgesamt gab der Scharfschütze mit dem MG 15 Schuss ab. Die Operation dauerte weniger als 60 Sekunden.
  • Eine Gruppe Leibwächter habe sich aus dem Konvoi gelöst, um die Landvilla abzusuchen. Die andere Gruppe sei an der Kreuzung noch nicht abgezweigt.
  • Der erste Feuerstoss habe durch die Windscheibe eingeschlagen. Fakhrizadeh habe versucht, vor der offenen Fahrertür in Deckung zu gehen. Der Scharfschütze habe ihn dann mit drei gezielten Schüssen in die Wirbelsäule getötet.

Auf dem Vormarsch, aber …

  • Die NYT-Recherche wirft Fragen auf: Wer spielte der Redaktion all die taktisch-technischen Details zu? Wer hat ein Interesse daran, dass die Welt erfährt, wie raffiniert der Mossad vorging? Wer will, dass nun jede und jeder weiss, was Roboter und Künstliche Intelligenz vermögen?
  • Ja, Roboter-Waffen sind auf dem Vormarsch; unbestritten ist jedoch auch: Sie und militärisch angewandte Künstliche Intelligenz werfen ungelöste Fragen auf, auch zur Ethik.

Fotografien vom Tatort