Kiew: Panzerhaubitze 2000 > Ladeautomatik streikt

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Die Panzerhaubitze 2000.

Am 28. Juli 2022 brachten wir ein Bundeswehr-Gespräch mit Oberst Dietmar Felber, dem Kommandanten der Artillerieschule. Felber berichtete, die deutschen Panzerhaubitzen 2000 hätten sich in der Ukraine von Anfang an bewährt: “Sie sind erfolgreich”.

Nun meldet das Hamburger Magazin “Spiegel” am 30. Juli 2020:

  • “Nur einen Monat nach der Lieferung weisen die Panzerhaubitzen deutliche Verschleisserscheinungen auf.”
  • “Mitte der Woche informierte Kiew das Verteidigungsministerium in Berlin, dass einige der sieben Ende Juni gelieferten Geschütze vom Typ Panzerhaubitze 2000 nach intensivem Beschuss russischer Stellungen Fehlermeldungen anzeigten, mehrere Haubitzen seien deswegen reparaturbedürftig.”

Hohe Feuergeschwindigkeit

  • Die ukrainische Artillerie setze die Geschütze mit hoher Feuergeschwindigkeit ein; dadurch werde die Ladeautomatik enorm belastet.
  • Bei der Bundeswehr gälten schon 100 Schuss pro Tag als hochintensiver Einsatz. Die Ukrainer schössen offenbar weitaus mehr Granaten ab.
  • Zudem sollten die Kanoniere an der Front anfangs versucht haben, Spezialmunition auf zu grosse Entfernung zu verschiessen.

Der Widerspruch von Gespräch und “Spiegel”-Meldung erscheint auf den ersten Blick krass. Die Fehlermeldung aus Kiew lässt aufhorchen; handelt es sich doch bei der Panzerhaubitze 2000 um ein weltweit anerkanntes Geschütz. Sie gilt als die beste Artilleriewaffe ihrer Generation. Nicht auszuschliessen ist, dass die Ukrainer im verständlichen Bestreben, ihre sieben deutschen Haubitzen maximal einzusetzen, die Lademechanik überforderten.

Blick in die Panzerhaubitze.

Empfindlicher Ladeautomat

Dazu lohnt sich ein Blick auf den Ladeautomaten der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall:

  • “Die Ladeautomatik führt die Granaten zu und setzt sie im Rohr an; die modularen Ladungen legt ein Kanonier ein. Die Ladungszünder (32 im Magazin) werden automatisch in den Verschluss zugeführt. Damit ist die Waffe feuerbereit.
  • Die Schussfolge beträgt 3 Schuss in 10 Sekunden, 10 Schuss in 1 Minute, 20 Schuss in 2 Minuten oder 8 Schuss pro Minute für 3 Minuten. Bei einem längeren Feuerauftrag wird die Feuerrate durch die Hitzebelastung des Rohres auf knapp 3 Schuss je Minute begrenzt.
  • Der gesamte Granatenvorrat kann ohne Unterbrechung verschossen werden, da die kritische Temperatur von 160 °C, bei der sich die Treibladungen selbst entzünden könnten, nicht erreicht wird.”

Das sind spannende Angaben. Logischerweise nimmt die Schussfolge bei länger anhaltendem Feuer ab. Als Limitation wird nicht der Ladeautomat angeben, sondern die Hitzebelastung des 155-mm-Rohres. Kein Problem scheint auch die Selbstentzündung der Ladungen zu sein, da die kritische Temperatur nicht erreicht wird. So kann die Erklärung plausibel sein: Die Ukrainer beanspruchten den Ladeautomaten an Grosskampftagen so heftig, dass dieser ausfiel.

Theoretisch 480 Schuss/Stunde

Wer Freude am theoretischen Rechnen hat, der legt die genannten “8 Schuss pro Minute für 3 Minuten” = 24 Schuss auf die Stunde um und kommt dann auf sagenhafte 480 Schuss pro Stunde. Das ist, wie gesagt, theoretisch, belegt aber, dass die ukrainischen Kanoniere am Tag die in der Bundeswehr “hochintensiven” 100 Schuss am Tag in der Tat weitaus überbieten konnten – hätten sie nicht den Ladeautomaten überstrapaziert.

Aufschlussreich ist sodann, dass bei einem derart modernen, hochwertigen Rohr wie demjenigen der Panzerhaubitze 2000 die Rohrausbrennung keine Rolle spielte (oder nicht genannt wird).

Patrone, Ladungen, Zünder, Granaten 155 mm, Tempierschlüssel für Zeitzünder, Werkzeug.

Falsche Granaten auf zu lange Distanzen

Ein Wort noch zur deutschen Anmerkung, die Ukrainer hätten versucht,  Spezialmunition auf zu grosse Entfernung zu verschiessen.” Dazu wieder die Anhaben der Hersteller: “Die maximale Reichweite beträgt 30 km mit Standardgeschossen, 40 km mit ERFB-Geschossen und bis zu 56 km mit V-LAP-Munition.”

Auch das macht taktisch-technisch Sinn. Längst ist der Kampf um den Donbass zum Artilleriekrieg mutiert. Im April 2020 klagten die Ukrainer: “Mit ihren weitreichenden Geschützen und Mehrfachraketenwerfern greifen uns die Russen auch in der Tiefe des Raumes an. Wir haben dem mit unseren sowjetischen Haubitzen und BM-21 Grad wenig entgegenzusetzen. Schickt uns Geschütze und Werfer mit grosser Einsatzdistanz!”

Die NATO trug Kiews Wunsch mit der Feldhaubitze M777, der Panzerhaubitze 2000 und den französischen CAESAR Rechnung, wie sie den Ukrainern auch die Werfer M142 HIMARS, M270 MLRS und MARS II liefert. Offenbar versuchten die Empfänger, sobald sie die Panzerhaubitze 2000 hatten, mit Spezialmunition auf Distanzen zu schiessen, welche die Munition nicht zu leisten vermochte.