Karabach – “Diktatfrieden” wie Versailles 1919

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Dezember 2020: Türkisch-armenische Siegesfeier.

  • Zu den zeitgeschichtlichen Binsenwahrheiten gehört: Frankreichs “Tiger” Clemenceau und der britische “Löwe” Lloyd George zwangen 1919 den geschlagenen Deutschen einen Sieg- und Diktatfrieden auf.
  • Der Feldmarschall Hindenburg fabrizierte die “Dolchstosslegende”: Die kaiserliche Armee habe sich im Feld unbesiegt behauptet, aber die Politik habe ihr den Dolch in den Rücken gestossen.
  • Er verschwieg geflissentlich, dass 1918 Deutschlands Soldaten ausgehungert, ausgeschossen und zu Tode erschöpft waren, nachdem die Alliierten ihre Ludendorf-Offensive pariert und dank 200’000 frischen Amerikanern  Terrain gewonnen hatten.
  • Das “Diktat von Versailles” und der “Dolchstoss” trugen zum verhängnisvollen Aufstieg Adolf Hitlers bei, dessen Machtergreifung der greise Hindenburg als Staatspräsident offiziell absegnete (am “Tag von Potsdam”). Von 1933 führte Deutschlands Weg in den Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende das Dritte Reich sang- und klanglos unterging.
  • Es gab andere Gründe für Hitler und den neuen Krieg. Unbestritten ist aber, dass Clemenceau und Lloyd George in Versailles 1919 die Saat zur Katastrophe von 1939–1945 ausbrachten.

Putin liess Armenien zappeln

Es wäre vermessen, den Karabach-Krieg an der unfassbaren Tragödie des Ersten Weltkriegs zu messen. Allein schon Umfang und Dauer der beiden Waffengänge differieren gewaltig. Im Kampf um Nagorno Karabach siegte Aserbeidschan in 44 Tagen; und es war geografisch eher ein Kleinkrieg, verglichen mit der langen Westfront von 1914–1918 und den Ost-, Südost- und Südfronten. Dennoch:

  • In Paris sann Clemenceau auf Rache. Lloyd George suchte das vormals mächtige Deutschland für immer zu schwächen. Der Amerikaner Wilson war krank und liess den französischen “Tiger” gewähren.
  • Jetzt zwang Russland den militärisch unterlegenen Armeniern den Waffenstillstand auf. Präsident Putin verharrte Gewehr bei Fuss und liess den Verbündete in Erewan stehen; nur ein Angriff auf Armenien selbst rechtfertige das Eingreifen der russischen Armee.
  • Putin verabscheut das Regime des armenischen Premiers Pashiniyan; ein Sturz des Regierungschefs käme ihm gelegen.
  • Die Türkei gewinnt im Südkaukasus weiter Einfluss. Die Autokraten Putin und Erdogan spielten ihr Spiel erneut: Wie in Nordsyrien und ganz Libyen teilen sie Macht und ihre Einflusssphären unter sich auf.
  • Armenien empfindet den Waffenstillstand als Diktat von aussen; auch wenn die militärische Lage mit dem Verlust der beherrschenden Schlüsselstadt Shusha unhaltbar geworden war. Dessen ungeachtet stricken Fanatiker in Stepanakert und Erewan schon an ihrer “Dolchstosslegende”.

Landverlust, Flüchtlinge und Korridore

Eine zweite Parallele bietet Armeniens Landverlust. Deutschland hatte 1870/71 Elsass-Lothringen erobert und verlor die beiden Provinzen wieder in Versailles.

  • Die Armenier sicherten sich 1994 in blutigem Ringen Berg-Karabach und Pufferzonen – völkerrechtlich alles auf Aserbeidschans Staatsgebiet. Jetzt haben sie an der Fronten Terrain eingebüsst; und gemäss “Friedensvertrag” treten sie bis zum 1. Dezember 2020 viel Land ab. Aus Berg-Karabach flüchten armenisch-stämmige Menschen. Der azerische Präsident Alijew füllt das Vakuum prompt mit eigenen Bürgern.
  • Sogar Korridore heizen die Stimmung an – wie nach 1919 der Danzig-Korridor, den Hitler am 1. September 1939 zum “Anlass” des Weltkriegs nahm. Armenien verliert die Nordpassage nach Berg-Karabach; und die Russen übernehmen den lebenswichtigen Nachschubkorridor von Lachin, dessen Route in Nagorno Karabach neu an Shusha vorbeiführen soll.

Damals: Vier Monarchien gehen unter

Von 1917–1922 krachten gleich vier Monarchien elend zusammen. Als erste Dynastie stürzten in St. Petersburg die Romanow-Herrscher, die Russland drei Jahrhunderte lang geknechtet hatten. Mitten im Soldaten- und Arbeiteraufstand von 1918 flüchtete Kaiser Wilhelm II. nach Holland, und in Wien brach die Habsburg-Monarchie wie ein Kartenhaus ein. 1922 war in Istanbul “der kranke Mann am Bosporus” zu Ende – es übernahm General Mustapha Kemal, später genannt Atatürk.

  • Noch ist es in Erewan nicht soweit. Premier Pashiniyans Partei riss 2018 die Macht revolutionär an sich – zum Unwillen des militärischen Schutzpatrons Putin. 2020 lief es Pashiniyan schlecht – die Wirtschaft lahmte, Corona grassierte.
  • Und jetzt die demütigende Niederlage gegen den Erzfeind Aserbeidschan, den die Türkei mit modernen Waffen, mit Stabsoffizieren und syrischen Söldnern ausgestattet hatte; ausgerechnet die modernen Osmanen, deren Vorfahren Hunderttausende Armenier umgebracht hatten (der Genozid von 1915/16).
  • In Erewan schwappen die Wogen über, in Stepanakert tragen sie ihre Gefallenen zu Grabe. Nur Scharlatane wissen, wie Nikol Pashiniyan endet. Sein Sturz würde die Übereinstimmungen mit 1917–1922 allerdings auf die Spitze treiben.