Karabach 3: Tochka-U – eine fürchterliche Waffe

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Parade in Jekaterinburg: Tochka in steiler Elevation.

9K79 Tochka-U (SS-21 Scarab) – Reichweite bis 185 Kilometer

Sollten Armenien und Aserbeidschan (oder beide) vor der Waffenruhe die 9K79 Tochka-U eingesetzt haben, dann könnten sie sich gegenseitig die Anwendung einer fürchterlichen Waffe vorwerfen – im Sinn einer eindeutigen Eskalation.

Zum Einsatz der Waffe zeigt Russland Viedosequenzen aus der eigenen Tochka-Raketentruppe:

  • Zwei geländegängigen BAZ-5921-Trägerfahrzeuge rollen aus einem Wald in eine Lichtung, wo Vermesser die Schusspositionen mit roten Pfählen markiert hatten. Beide Geschütze werden eingemessen.
  • Per Kran werden die konventionellen Raketen 9M79MU in die Abschussvorrichtung gehoben. Noch einmal wird die Schussrichtung justiert. Der Richtkanonier hebt das Geschoss auf die richtige, im Video mittlere Elevation.
  • Der Feuerleitoffizier hat Funkverbindung mit der vorgeschobenen Beobachtungsstelle, die ihm die genauen Koordinaten gemeldet hatte. Der Offizier erhält von der Front den Feuerbefehl, den er simultan an beide Raketengeschütz-Bedienungen weitergibt. “Feuer frei” – und die tödlichen Toschka bohren sich in den weiten russischen Himmel.

Tochka: “Feuer frei”, “Schuss ab”.

  • Die Feuerleitstelle meldet dem Beobachter die Flugzeit. Er wiederum berichtet mit etwas Abstand vom vollen Erfolg der Aktion, das Ziel sei komplett zerstört; versteht sich im Werbevideo …

Aus der UdSSR, aber stets gefährlich

Die SS-21 Scarab ist eine taktische ballistische Boden-Boden-Rakete aus sowjetischer/russischerProduktion. Der Systemindex (GRAU-Index) der russischen Streitkräfte lautet 9K79 Tochka (übersetzt Punkt). Die Rakete heisst 9M79.

Die SS-21 ist das Nachfolgemodell der FROG-7 (R-65 Luna). 1968 begann das bekannte Konstruktionsbüro KBM in Kolomna mit der Systementwicklung. 1976 führte die Rote Armee die Waffe ein. Es wurden über 1’200 Lenkwaffen hergestellt.

9N123K-Gefechtskopf mit Submunition. 

Die SS-21 gehört zur Klasse der Gefechtsfeld-Kurzstreckenraketen (BSRBM). Das System ist auf dem geländegängigen BAZ-5921-Trägerfahrzeug placiert. Dabei handelt es sich um eine modifizierte Version des BAZ-5937. Der Systemindex der russischen Streitkräfte für dieses Fahrzeug lautet 9P129 bzw. OTR-21. Das System ist hochmobil und schnell verlegbar. Es wird eine minimale Reaktionszeit aus voller Fahrt bis zum Raketenstart von fünf Minuten erreicht. Jedes Fahrzeug ist mit einer 9M79-Rakete bestückt.

Die 9M79-Rakete wird durch ein einstufiges Feststoff-Raketentriebwerk angetrieben. Die Brenndauer des Triebwerkes liegt je nach Ausführung zwischen 18,4 und 28 Sekunden. Nach dem Start beschreibt die Flugbahn der Rakete eine semiballistische Kurve mit einem Apogäum von rund 26 km. Die maximale Schussdistanz wird in 136 Sekunden zurückgelegt. Die Steuerung der Rakete erfolgt mittels einer Trägheitsnavigationsplattform. Damit wird eine Präzision von 10 bis 165 m erreicht (je nach Version und Schussdistanz). Damit ist sie deutlich treffsicherer als das Vorgängermodell.

Nuklear und konventionell

Die Raketen können mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückt werden:

  • 9N39: mit AA-60-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 10–100 kT.
  • 9N64: mit AA-86-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 5–50 kT.
  • 9N64: mit AA-92-Nuklearsprengkopf mit einer variablen Sprengleistung von 100–200 kT.
  • 9N123F: 482 kg schwerer Splittergefechtskopf. Splitterwirkungskreis 80–100 m.
  • 9N123F-1: verbesserter 9N123F-Splittergefechtskopf. Splitterwirkungskreis 100–150 m.
  • 9N123FP: Splittergefechtskopf für die Raketen 9M79R. Splitterwirkungskreis 80 m.
  • 9N123K: Gefechtskopf für 50 9N24-Splitter-Bomblets (Submunition).
  • 9N123G: Gefechtskopf für 65 Bomblets mit dem chemischen Kampfstoff VX.
  • 9N123G2-1: Gefechtskopf für 65 Bomblets mit dem chemischen Kampfstoff GD.
Optimale Zerstörungswirkung in den Fläche
  • Beim Zielanflug wird die Rakete in einer Höhe von rund 450 m auf einen Winkel von 80° zur Erdoberfläche eingeschwenkt. Der 9N123F-Splittergefechtskopf ist in einem Winkel von 10° zur Längsachse der Rakete eingebaut. Dadurch befindet sich der Gefechtskopf im Moment der Detonation in einer senkrechten Lage über dem Ziel und entfaltet eine optimale Flächenwirkung.
  • Der Splittergefechtskopf wird durch einen Laser-Annäherungszünder in einer Höhe von 15–21 m zur Detonation gebracht und hat je nach Ausführung einen Wirkungskreis von 80–150 m. Der 9N123F-Splittergefechtskopf wiegt 482 kg, hat einen Sprengstoffanteil von 162,5 kg und erzeugt 14.500 Splitter. Der 9N123K-Bomblet-Gefechtskopf öffnet sich in einer Höhe von 2.250 m und verteilt die Bomblets in einem kreisförmigen Gebiet von 20.000–30.000 m². Das 9N24-Splitter-Bomblet wiegt 7,45 kg und erzeugt 316 Splitter.

Exporterfolg in elf Armeen – Kriegseinsätze

Das System wurde in grossem Umfang exportiert. Neben den sowjetischen Streitkräften wurde es von elf Staaten beschafft. In der Folge kam die SS-21 in Kriegen zum Einsatz.
  • Die sowjetischen und später die russischen Streitkräfte setzten die SS-21 in Afghanistan, Tschetschenien und gegen Georgien (2008) ein.
  • Im Bürgerkrieg in Syrien wird die SS-21 von der syrischen Armeeeingesetzt. Am 21. Februar 2020 wurden zwei Tochka von der syrischen Armee gegen von der Türkei unterstützten Rebellen eingesetzt und Raketenwerfer und Haubitzen ausgeschaltet, die zuvor die syrische Armee beschossen hatten.
  • ]2014 und 2017 hat die ukrainische Armee die Waffe gegen Ziele bei Luhansk eingesetzt.
  • Die SS-21 kommt im Bürgerkrieg von Yemen seit 2015 oft zum Einsatz.
  • Im Karabach-Krieg vom Oktober 2020 werfen sich Armenien und Aserbeidschan den Tochka-Einsatz auch auf zivile Ziele gegenseitig vor.