Pacific Coast Rangers – gegen Japan

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Unser Panzer-Korrespondent Hagen Seehase ist einer Truppe auf die Spur gekommen, den er den “vielleicht eigenartigste militärische Verband im Zweiten Weltkrieg” nennt. Es handelt sich um die Canadian Pacific Coast Militia Rangers.

 

“Der vielleicht eigenartigste militärische Verband im Zweiten Weltkrieg”

Von Hagen Seehase

Es war um 22.17 Uhr Ortszeit. Auf dem Strand von Estevan Point detonierte eine Granate, nur knapp 100 Meter vor dem Leuchtturm. Sie schien buchstäblich aus dem Nirgendwo gekommen zu sein, tatsächlich aber lag einige Kilometer draußen auf dem Pazifik das japanische U-Boot I-26 unter dem Kommando vonFregattenkapitän Yokota Minoru. Und es zielte wohl auf die Funkstation in direkter Nachbarschaft des Leuchtturms, denn dort befand sich auch ein Funkpeilgerät.

Mr. Lally, der Leuchtturmwärter, besaß die Geistesgegenwart, sofort das Licht des Leuchtturms zu löschen. So gingen rund zwei Dutzend Granaten des japanischen U-Bootes (im Kaliber 140 mm) über das beabsichtigte Ziel hinweg und explodierten in der Umgebung, ohne größeren Schaden anzurichten. I-26 lief ab, die Suche durch fünf kanadische Kriegsschiffe und ein Flugboot  blieb erfolglos.

Das geschah am 20. Juni 1942. Die kaiserlich-japanische Marine hatte deutlich in Erinnerung gerufen, dass Japan sich im Krieg mit Kanada befand. Die Winnipeg Grenadiersund die Royal Rifles of Canadawaren schon Ende 1941 zur Verstärkung der britischen Garnison nach Hongkong gesendet worden. Insgesamt 1975 kanadische Soldaten waren am 27. Oktober 1941 in Vancouver eingeschifft worden und am 16. November in Hongkong eingetroffen. Unter ihrem Kommandeur Brigadier John K. Lawson hatten sie im Dezember 1941 den Japanern heftigen Widerstand geleistet und große Verluste erlitten. Damit verglichen war der nächtliche Angriff auf Estevan Lighthouse eigentlich nicht der Rede wert.

Wenngleich keine Personen zu Schaden kamen und der materielle Verlust nicht nennenswert war, hatte dieses Ereignis aber doch Konsequenzen: die exponierter liegenden Leuchttürme wurden abgeschaltet, weitere wurden in Tarnfarben angemalt. Und die Leuchtturmwärter wurden in der Erwartung ähnlicher Vorkommnisse bewaffnet. Das reguläre Militär war nicht gerade überzeugend aufgestellt in der kanadischen Pazifikregion: in ganz British Columbia gab es beispielsweise nur 20 Flugabwehrkanonen.

Nun lebten aber in den Pazifikregionen durchaus viele Kanadier, die man zum Patrouillen- und Meldedienst heranziehen konnte.  Und aus diesem großteils (aber nicht ausschließlich) aus Fischern, Trappern und Holzfällern bestehenden Personenkreis rekrutierte man die „Pacific Coast Militia Rangers“, eine Truppe aus Freiwilligen, die bis auf eine Stärke von 15.000 Mann in 137 Kompanien anwuchs.

Initiator und Befehlshaber war Lieutenant-Colonel Thomas H. Taylor.  Das jüngste Mitglied der Rangertruppe war erst 13 Jahre alt, das älteste 86 – wenn man von dem 102jährigen Dog-Creek-Indianer absieht, der sich meldete und den man als Anerkennung zum Ehrenmitglied machte. Zum Zeitpunkt der Aufstellung im April 1942 bezweifelte noch ein Teil der kanadischen Öffentlichkeit ihre Daseinsberechtigung, nach dem Beschuss von Estevan Point sah das dann anders aus.

Jetzt trugen die Patrouillen der Rangers sehr zur Beruhigung einer von Invasionsängsten geplagten Öffentlichkeit bei. Und deren Ängste kann man nur bedingt als hysterisch abtun: immerhin hielten die Japaner die Aleuteninseln Attu und Kiska besetzt. Die von den Rangers personifizierte Militärpräsenz war nicht nur symbolisch.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es in British Columbia nur fünf militärische Schießstände gegeben, die Rangers bauten 163 weitere. Training fand bei Tag und bei Nacht statt. Rangers, die Werkstatt- oder Ladenbesitzer waren, stellten bei Trainingseinheiten, die während der Betriebsstunden stattfanden, ein Schild ins Fenster mit der Aufschrift: “PCMR on Manoeuvres”.

Am 12. August 1942 wurden die Pacific Coast Militia Rangers ganz offiziell zur Truppengattung der kanadischen Armee. Zunächst gab es aber noch nicht einmal Uniformen für die Rangers, an Waffen war eben nur das da, was die Leute von zu Hause mitbrachten. Das waren häufig Lever-Action-Gewehre, besonders vom Typ Winchester 94. In der Zeit des Goldrausches am Klondike um die Jahrhundertwende war die Winchester 94 so beliebt in Alaska und Nordwestkanada, dass man sie „Klondike Model“ nannte.

Ob es nun der Mangel an Repetiergewehren im Ordonnanzkaliber .303 war oder die Präferenz der Rangers für Produkte der Firma Winchester, die kanadische Regierung kaufte rund 2500 Stück Winchester 94 im Kaliber .30-30 (oder „.30 W.C.F.“), dazu noch gut 1800 Gewehre der Firma Marlin (Marlin Modell 36). Die US Army spendierte noch ein paar Hundert P-17-Gewehre. Munition war in den Anfangstagen knapp: jeder Ranger erhielt ganze sechs Schuss ausgehändigt. Der Rest lagerte in den Waffenkammern der Kompanien, und das waren meist die Werträume einer lokalen Bank. 1200 Angehörige der Pacific Coast Militia Rangers meldeten sich freiwillig für den Kriegseinsatz in Übersee.

Dank der Kanadier gelangte die Winchester 94 also noch einmal in den Militärdienst und bliben dort z.T. bis zum Zeitpunkt der Demobilisierung der Pacific Coast Militia Rangers (am 30. September 1945). Inzwischen hatten die Rangers auch P17-Gewehre im Kaliber .30-06 erhalten, auch Sten-Maschinenpistolen. Die Rangers hatten für ihren Dienst nie einen Sold bezogen, sie durften aber die dienstlich gelieferten Winchester für den Preis von fünf kanadischen Dollar erwerben – und das war nur ein Bruchteil des Kaufpreises, den die kanadische Regierung 1942 hatte bezahlen müssen. Nicht an Veteranen verkaufte Exemplare wurden an andere Behörden weitergegeben, von denen 1962 ausgesondert und leider verschrottet.

Am 21. Juni 1941 verbrachten die Einwohner der dem Estevan Lighthouse nahegelegenen Siedlung Hesquiat ihre Zeit damit, Granatsplitter als Souvenirs aufzusammeln. I-26 selbst konnte im weiteren Verlauf des Krieges den amerikanischen Flugzeugträger USS Saratogadurch Torpedotreffer beschädigen und den Kreuzer USS Juneausogar versenken. Das Boot war – gemessen an der versenkten alliierte Tonnage – das dritterfolgreichste der japanischen Marine. I-26 wurde selbst mit allen 105 Mann an Bord am 21. November 1944 versenkt. Teile der ursprünglichen Besatzung überlebten aber den Krieg, auch Yokota Minoru, und einige sprachen recht freimütig über ihren Angriff auf Estevan Lighthouse.

Neben einer noch in Kriegszeiten geborgenen Granate fand man dort im Jahre 1973 noch eine weitere. Zu dieser Zeit war die Nachfolgeorganisation der Pacific Coast Militia Rangers längst etabliert. Die „Canadian Rangers“ wurden 1947 aufgestellt und umfassen mehrere tausend Mann, die in entlegenen Regionen Kanadas Patrouillentätigkeit ausführen. Das eingeführte Dienstgewehr war über viele Jahrzehnte das Lee-Enfield No 4 im Kaliber .303, das seit 2015 durch eine von Colt Canada gefertigte Version der Tikka T3 Compact Tactical Rifle abgelöst wird.