Kampagne: War das ein gelungener Start?

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Hauptmann Chollet: Schulflugzeuge “taugen nicht.”

Am 27. Juni 2020 lancierten Bundesrätin Amherd, Armeechef Süssli, Rüstungschef Sonderegger und Hauptmann Fanny Chollet, F/A-18-Fliegerstaffel 18, ihre Pro-Kampagne für den Schweizer Kampfjet. Alles begann glänzend mit einem konzisen Auftritt der VBS-Chefin, der Hoffnung macht, dass wir den Kredit auch bei Jungen, Frauen, in den Städten und der Romandie durchbringen. Aber dann traten Risse auf, die an die düsteren Monate vor dem Gripen-Debakel 2014 erinnern. Doch heben wir zuerst positiv hervor:

  • Bundesrätin Amherd erteilte allen Hirngespinsten um unsere Luftverteidigung eine Absage. Dezidiert verwarf sie die Idee, andere Staaten würden die Schweiz verteidigen: “Es ist eine Frage der Solidarität, unseren Luftraum selber zu schützen. Wir können diese Aufgabe nicht unseren Nachbarn zumuten.”
  • Martin Sonderegger, der erfahrene Chef der Armasuisse, informierte korrekt, transparent, sachlich über den Ablauf und hielt den Stand der Evaluation fest. Im November 2020 müssen die noch vier Bewerber ihre zweite Offerte einreichen – ein Null-Fehler-Ritt des Rüstungschefs.
  • Hauptmann Fanny “Shotty” Chollet zersauste fadengerade die Phantastereien zu Drohnen, Helikoptern und Schulflugzeugen. Sie alle sind zu langsam, zu schwach und fliegen zu wenig hoch. Nicht einmal der von den Armeeabschaffern vorgeschobene Luftpolizeidienst könnte von Trainingsmaschinen erfüllt werden: “Sie taugen für unsere Arbeit nicht.”
  • In der Fragerunde stand Fanny Chollet Red und Antwort – mit der Kaltblütigkeit der ersten Schweizer F/A-18-Pilotin: ein Null-Fehler-Flug. Von der plumpen Frage, welchen Flugzeugtyp sie bevorzuge, liess sie sich nicht aufs Glatteis führen: “Dazu äussere ich mich nicht.”
  • Überzeugend widerlegte die Fliegerin die Verlängerung des F/A-18-Einsatzes durch Wartung. Einzelne Jets zeigten bereits Risse: «Für unsere Arbeit in Zukunft braucht es eine glaubwürdige Flotte. Sie muss erneuert werden, und diese Entscheidung müssen wir jetzt treffen.»

Ungereimheiten

So weit, so gut. Trotz der brillanten Einleitung von Viola Amherd und den Auftritten von Fanny Chollet und Martin Sonderegger hinterlässt Freitag, der 26. Juni 2020, einen bitteren Nachgeschmack.

  • Der Tag begann miserabel. Der Tages-Anzeiger machte mit der Schlagzeile auf: “Armeechef rührt an ein Tabu: Militärdienst für Ausländer.” Abgesehen davon, dass die Aussage staats- und verfassungspolitisch zweifelhaft ist, war das schlechtes Timing – nicht von den beiden Redaktoren, die an der Armee eh keinen guten Faden lassen.
  • Den Steilpass für die Armeeabschaffer musste die Bundeshauspresse aufnehmen. Dass KKdt Süssli 2 x betonte, das Thema sei nicht aktuell, entfachte das Buschfeuer nur noch mehr. Prompt warnte die NZZ am Samstag vor unnötigem “Zündeln” – “zeusle”, “züüsle” in Ostschweizer Dialekten.
  • Dann der Donnerschlag, die Schweiz müsse “mindestens 32 Kampfflugzeuge” beschaffen, gegründet auf der schwer einsehbaren Rechnung “4 x 4 = 16, und 2 x 16 = 32”. In Anwesenheit des Armasuisse-Chefs, der den Bewerbern zu deren Überraschung im Spiel die Regel geändert hatte: Es seien zweite Offerten für “36 + 4 = 40” Maschinen einzureichen: 36 voll ausgerüstete, vier ohne Zubehör.
  • Zum zweiten Mal herrscht unter Bewerbern Konsternation. Ändert die Schweiz die Regeln mitten im Spiel erneut? “Wir müssen 40 Apparate offerieren, und der Armeechef spricht von 32 – was gilt jetzt?” Und: “Weiss die Linke nicht, was die Rechte tut?” – nicht politisch gemeint, sondern die Redensart.

Da geht’s staatspolitisch ans Eingemachte

  • Den heikelsten Punkt sprach Hauptmann Beni Gafner, auch er vom Tages-Anzeiger, zur Durchhaltefähigkeit im Krieg an. Thomas Süssli hatte diese Fähigkeit eingehend anhand der Lage von erhöhter Spannung an. Nachdem der Armeechef die Frage, was das heisse, mit “Monaten” beantwortet hatte, präzisierte der Rüstungschef, das seien sechs Monate.
  • Hernach insistierte Gafner auf der Durchhaltefähigkeit im Verteidigungsfall. Und da fiel ein Satz, der Ohnmacht, ja Hilfslosigkeit offenbart. Wenn die jetzt zu beschaffende Flotte nicht mehr ausreiche, Volk und Land zu verteidigen, dann müsste die Schweiz “Partner” suchen – wen wohl?
  • Das auf demselben Podium, auf dem Bundesrätin Amherd postulierte hatte: “Es ist eine Frage der Solidarität, unseren Luftraum selber zu schützen. Wir können diese Aufgabe nicht unseren Nachbarn zumuten.”
  • Auch da: Was gilt jetzt? Ist der Major und Militärpilot Nicollier vergessen, der mindestens 40 Flugzeuge forderte? Oder die SOG, die ursprünglich 70 Maschinen verlangte? Oder das neutrale Finnland, dessen Luftwaffe 62 F/A-18 und eigene EKF-Mittel besitzt?

Mit Blick auf die Gripen-Erfahrung

  • Wir sollten uns an die klaren, dezidierten Voten von Viola Amherd, Fanny Chollet und Martin Sonderegger halten. Auf diesem geraden Kurs können wir die sechs Milliarden durchbringen.
  • Wir müssen unnötiges “Zeuslen” mit “Kulturwandel”, “Ausländern in der Schweizer Armee”, “Zivis sind wertvoll” ab sofort einstellen. Die Armee muss zu ihren treuen Fürsprechern Sorge tragen; die können sich beim besten Willen keinen lnfanteriezug vorstellen, in dem neben 40 Schweizern acht Ausländer das Land verteidigen.