Jürg Kürsener zum Ukraine-Konflikt

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Rot Russlands Aufmarsch.

Oberst i Gst Jürg Kürsener gehört mit seinen strategischen Lagebeurteilungen in der Schweiz und im ganzen deutschsprachigen Raum zu den herausragenden Experten. Neben seiner Milizlaufbahn in der Artillerie bekleidete er im Strategischen Nachrichtendienst (SND) lange die Position des Chefs Auswertung. Dann wurde er Attaché in Berlin und persönlicher Referent des ersten Armeechefs, des Korpskommandanten und Kampfpiloten Christophe Keckeis. Aufmerksam beobachtet Jürg Kürsener den Ukraine-Konflikt. Wir danken ihm für seine aktuelle Lagebeurteilung Mitte Januar 2022.

Siehe auch > Farwick zur Ukraine: Wetter beachten!

 

Beurteilung der Lage zum Ukraine-Konflikt


Die Anzeichen lassen nichts Gutes erahnen. Die Zuspitzung des Konfliktes um die Ukraine verläuft grundsätzlich nach den traditionellen Mustern, die wir aus dem Kalten Krieg kennen. Sie sind nicht neu, ausser der Tatsache, dass jetzt die seit der Krim bekannten Neureungen der hybriden Kriegführung (die «kleinen, grauen Männchen») und natürlich neue Waffensysteme dazu kommen.

Über allem steht der Wille und die Absicht der russischen Führung, lies Putins, die Ukraine «heim ins Reich zu holen». Wir erinnern uns daran, dass Putin schon mehrfach gesagt hat, die Auflösung der UdSSR sei der grösste, ein strategischer und ein historischer Fehler gewesen, den seine Vorgänger zugelassen hätten. Begründet wird das immer wieder damit, dass Russland und dessen Überleben von einem «sicheren Vorfeld» abhängig seien. Dies umso mehr, als der NATO permanent aggressive Absichten vorgeworfen werden. Solche sind unabdingbare Unterstellungen, um die eigenen Ansprüche rechtfertigen zu können.

Die NATO, wir sollten es inzwischen wissen, ist kein aggressives Bündnis, schon gar nicht militärisch. Das verbieten auch die Satzungen der Verteidigungsallianz. Die Erweiterungen der Allianz in Richtung Osteuropa sind einzig und ausschliesslich dem Willen der dortigen Völker und Regierungen entsprungen. Sie haben diesen Anschluss gesucht, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Erfahrungen unter langjährigem sowjetischem Diktat. Das internationales Völkerrecht hat das Selbstbestimmungsrecht der Völker mehrfach gutgeheissen.

Das zu erwartende Muster dürfte sich in zeitlicher Abfolge in etwa wie folgt abzeichnen bzw ist teilweise bereits so verlaufen:

  • Aufbau einer nachhaltigen Drohkulisse, so u.a mit dem Aufmarsch von bis zu 175’000 russischen Truppen im Norden, Osten und Süden (Schwarzes Meer), Die Grossübung ZAPAD vom letzten Jahr (West-Kulisse) hat einen ähnlichen Aufmarsch bereits geübt, wiederholt ist gesagt worden, Teile des Materials seien damals nicht mehr zurück geführt worden. Wer lässt bloss zur Einschüchterung oder als Drohgeste 175’000 Mann aufmarschieren, zu einem Aufmarsch, der nicht einmal als «Übung» deklariert wird? Allein die grosse Zahl spricht für weit ernsthaftere Absichten.
  • «Bereitschaft» zu Verhandlungen, dies mit Maximalforderungen, ohne eigene Gegenleistungen zu offerieren. Frühe Schuldzuweisung an die westlichen Gesprächspartner, diesen seien zu keinen Kompromissen bereit. Damit Versuch zur Rechtfertigung der Beibehaltung ggf Verschärfung der eigenen militärischen Vorbereitungen.
  • Ergänzend wird dabei immer wieder eine «Scheinbereitschaft» zu weiteren Gesprächen signalisiert, gleichzeitig aber damit gedroht, dass bisherige Reaktionen seitens des Westens unbefriedigend seien. Auf den Maximalforderungen wird aber beharrt.
  • Aufbau eines «Schuldzuweisungs-Kataloges», der ein späteres militärisches Eingreifen rechtfertigen soll. Nicht auszuschliessen sind auch Inszenierungen und Provokationen seitens Russlands, damit diese zum Vorwand für ein Eingreifen genommen werden können. Dies nach dem Motto vom September 1939 an der Grenze zu Polen «Seit 0545 wird zurückgeschossen». Man erinnere sich, diese Absicht zum Eingreifen ist existent, eine angebliche «Verhandlungslösung» dürfte von Putin nicht ernst genommen und auch nicht angestrebt werden.
  • Parallel dazu erste massive Vorkehren im Bereiche der Cyber Kriegführung (erste Angriffe sind bereits erfolgt), Desinformation, Falschmeldungen über die sozialen Medien sowie von gezielten Anschlägen. Agententätigkeiten sollen gemäss Radio SERF (15.1.) ebenfalls bereits im Gange sein. Wichtig ist hier folgendes:  Die hybriden Tätigkeiten werden ergänzende, komplementäre Aktivitäten sein. Letztlich wir die physische Unterwerfung der Ukraine unabdingbar sein, lies, ein Einmarsch nach traditionellen konventionellen Mustern mit «ganz normalen» militärischen Verbänden und nach den Prinzipien  des Kampfes der verbundenen Waffen wird folgen. Nur so dürfte die Ukraine vollständig unter russische Kontrolle gebracht werden können.
  • Das Zeitfenster einer militärischen Intervention wird ganz massgebend durch die Jahreszeit und die Bodenbeschaffenheit bestimmt werden. Solange dieser Boden gefroren ist, sind die Aussichten günstiger.
  • Die Zeit für Russland drängt, abgesehen davon, dass sich 175’000 Truppen nicht monatelang in Zeltlagern und unter misslichen Verhältnisse stationieren lassen.
  • Schliesslich wird der Einmarsch folgen unter massiven Vorwürfen an den Westen, dieser habe di einmalige Chance zu einer Verhandlungslösung vertan. Was höchstwahrscheinlich gar nie ernsthaft in Betracht gezogen worden war. Ein Einmarsch wird massiv und umfassend erfolgen, damit sollen rasch vollendete Tatsachen geschaffen werden. Dann wird Russland «Gespräche anbieten». Es ist nicht völlig auszuschliessen, dass Russland dabei «nur» Schlüsselgebiete der Ukraine zu besetzen beabsichtigt. Andererseits spricht einiges dafür, dass – wenn schon – dieses Problem ein für alle Male geklärt wird. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Einen europaweiten oder gar globalen gewaltsamen Flächenbrand wird es deswegen nicht geben.
  • Das russische Vorgehen dürfte in der vollen Überzeugung geschehen, dass weder NATO noch EU willens und/oder in der Lage sind, militärisch eine substanzielle Reaktion zu erbringen. Eine allfällige Schadensbegrenzung auf «Nebenkriegsschauplätzen» wie zB im Baltikum, aber auch im südosteuropäischen Raum, wird ganz entscheidend sein. Diese baltischen Staaten sind immerhin Mitglieder der NATO, einen Angriff auf diese Staaten wird Putin derzeit kaum wagen (Art V der NATO Satzungen).
  • Es ist leider anzunehmen, dass weder die NATO noch die EU militärisch einer russischen Intervention in der Ukraine etwas entgegenzusetzen haben und dies auch nicht ernsthaft erwägen. Hingegen wird es wirtschaftliche, politische und kulturelle Sanktionen geben, vermutlich auch weitgehende. Doch diese werden über die kommenden Jahre verpuffen, so wie dies damals nach Tienanmen in Beijing auch der Fall war. Es mag sein, dass die Winterspiele in China die Weltöffentlichkeit bis zu einem gewissen Grad ablenken.  China wird sich ohnehin zurückhalten und für solche russischen Abenteurer «Verständnis» aufbringen. Ein solches wird es dann von Russland erwarten, wenn China in absehbarer Zukunft gewaltsam gegen Taiwan vorgehen sollte.
  • Der Ausblick ist pessimistisch. Hier in unseren Breitengraden wird es nach einer ersten Empörung schon bald wieder den «courant normal» geben, die Geschäfte sollen wieder getätigt werden. Die Moralisten und Gutmenschen werden appellieren, dass man dem Wunsch Putins, ein sicheres Vorfeld haben zu wollen, Rechnung tragen müsse und dies im Interesse Gesamteuropas und der Welt sei. Linke und andere Kreise werden dem Westen vorwerfen, er habe die Chance zu einer «friedlichen Beilegung» des Konfliktes verpasst und werden ihm damit einseitig die Schuld zuweisen. Er, der Westen, habe es versäumt, der Ukraine eine Chance zu geben. Diese Schuldzuweisungen werden in einen Appell zur einer künftigen «friedlichen Koexistenz» münden. Wir kennen dieses Vokabular aus früheren Zeiten.
  • Wir dürfen gespannt sein darauf, wie die Verantwortlichen in der Schweiz, der Bundesrat, die Führung des VBS und die Armee, die Medien sowie die Öffentlichkeit auf ein solches Szenario reagieren werden, sollte sich dieses bewahrheiten. Es spricht einiges dafür.