Jürg Kürsener zum Bestseller “2034”

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  • 2017 machte der britische General Shirreff mit seinem Beststeller “War With Russia” Furore.
  • Jetzt wartet der amerikanische Admiral Stavridis mit dem Knaller “2034” auf. Liess Shirreff “seinen” Dritten Weltkrieg in der Ukraine, im Baltikum und in Kaliningrad ablaufen, konzentriert sich Stavridis auf das Südchinesische Meer.

 

Unser Korrespondent Jürg Kürsener hat das Buch gründlich studiert und gelangt zu folgender Rezension:

  • Der Eindruck ist sehr durchzogen. Durchaus interessante und bedenkenswerte Aspekte werden in diesem Buch berührt, die Szenarien-Ansätze sind sicher unkonventionell, oft sind sie aber auch etwas opportunistisch und offenbar der political correctness verpflichtet (USS «Michelle Obama»), hin und wieder auch etwas zeitgeistig (das Buch muss natürlich noch mit etwas «Pandemie» enden). Es sei denn Admiral Stavridis habe noch Ambitionen in der Administration Biden, so wie er sie bei Hillary Clinton gehabt hat…..
  • Szenarien wirken teils sehr gesucht, sind dann aber wieder, in Anlehnung an aktuelle Probleme (Korridor Kaliningrad – Weissrussland) durchaus realistisch. Wiederum andere Schlüsselaussagen wirken sehr sprunghaft und teils aus dem Kontext gerissen, zB UN Hauptsitz plötzlich von New York nach Mumbai. Was soll das? Ob nicht die Rolle Indiens ganz allgemein etwas überzeichnet wird?
  • Es fehlt dem Buch ein Einstieg, also ein Kapitel das die Ausgangslage beschreibt. Wieso kommt es zu diesem Clash im Südchinesischen Meer, bei dem gleich zwei US Atomflugzeugträger von China versenkt werden. Dies allein wäre übrigens seitens der USA Anlass genug, schon zu diesem Zeitpunkt und nicht erst viel später – wie es im Buch der Fall ist – eine nukleare Eskalation in Erwägung zu ziehen. Das ist auch heute so. Ein Schlag gegen einen Flugzeugträger überschreitet die rote Linie (sofern diese dann auch – nicht wie bei Obama 2013 – eingehalten wird).
  • Aufbau und Vorgehen im Buch erinnern mich stark an die Bücher von Tom Clancy, wobei diese viel durchdachter und ausgereifter (auch voluminöser) sind. Etwas action, mit mehreren Aktionsfeldern (Indien, Washington, South China Sea, usw.), etwas persönliche Schicksale, etwas Fakten, etwas Moral, etwas Belehrungen, etwas Globalisierung, usw.
  • Es ist gelegentlich schwer zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Auf der einen Seite erheben die Autoren Anspruch auf ein doch recht wirklichkeitsnahes Szenario, anderseits passen ihre Aussagen aber immer wieder nicht in dieses Bild. Es ist möglich, dass sie das bewusst machen, um jeglichen Einwand und Kritik im Keime zu ersticken. Sie können dann immer noch darauf hinweisen, dass die kritisierte Stelle eben fiktiv sei….
  • Mich haben einige Äusserungen zu maritimen Details erstaunt, zumal sie von einem Mitautor und Viersternadmiral mitgetragen werden, die so nicht stimmen.
    Beispiele:Ein Kommodore an Bord eines Zerstörers löst den Alarm auf dem Schiff aus («General Quarters»). Als Kommandant dieses Schiffes würde ich mich bedanken, bzw die Brücke verlassen, wenn der Verbandschef so dreinredet….

    Die Frau Kommandant des Zerstörers und der Kommodore suchen mit dem Feldstecher den Horizont nach einem möglichen Angreifer ab. Da gibt es wohl zuvor noch ganz andere elektronische und elektro-optische Möglichkeiten, das Umfeld des Schiffes nach Angreifern abzusuchen, abgesehen davon dass es dazu einige Ausgucks gibt und die beiden wohl noch wichtigere Aufgaben hätten….

    Einen F-35E gibt es nicht (vielleicht 2034 schon, aber die F-35 A, B und C fliegen auch 2034 noch…).

    Cyber Warfare ist offensichtlich in und sicher Ernst zunehmen, ob aber ein einzelner chinesischer Flugzeugträger im Südchinesischen Meer in der Lage ist, ganze Regionen und sogar Gebiete darüber hinaus elektronisch lahm zu legen, da gestatte ich mir selbst als Laie, einige Zweifel anzubringen.

    Sturmboote (sogenannte RHIBs) werden nicht achtern von einem Zerstörer, sondern seitlich abgesetzt. Das müsste eigentlich ein ehemaliger Zerstörerkommandant wissen…..

    Der russische Flugzeugträger Kuznetsov hat keine Katapulte.

Golfball-grosse Hagelkörner aufs Flugdeck der Enterprise. Fliegen da die Maschinen noch?

Bei der Aussage der Eroberung eines Landstreifens im Baltikum zwecks direktem russischem Zugriff auf Kaliningrad wird der Artikel V der NATO völlig ausgeblendet (Stavridis war immerhin SACEUR…). Dass dazu nichts gesagt wird, ist erstaunlich.

Zeitliche Abläufe sind gelegentlich ebenfalls  sehr «sportlich», z B zwischen den ersten Auseinandersetzungen zwischen der PLAN und der US Navy im Südchinesischen Meer und dann dem Grossaufmarsch der indischen Flotte im selben Meer.