Iran: Ziele für den Gegenschlag

Standard

 

Wohl ist weiterhin anzunehmen, dass Iran den grossen, den umfassenden Krieg mit den USA (und eventuell Israel) vermeiden will:

  • Gegen die modernen amerikanischen Streitkräfte wäre militärisch ein iranischer Sieg eine Überraschung – gelinde gesagt.
  • Eine militärische Niederlage könnte zum Sturz der Hardliner führen – das wäre exakt “regime change”, das Ende der Theokratie, von dem die US Präsidenten seit Reagan 1981 reden.

Dennoch eröffnen sich dem Ayatollah-Regime und den Revolutionsgarden unter der Kriegsschwelle mannigfache Ziele zur Rache.

Option 1: Direct action gegen zivile Ziele

Im September 2019 bewies die Garde, dass sie von iranischem oder irakischem Territorium über Hunderte Kilometer hinweg gezielt feindliche Ziele zerstören kann: 18 von 21 Drohnen und Cruise Missiles zerstörten in Saudi-Arabien die grösste Raffinerie und setzten das bedeutendste Ölfeld in Brand.

Saudi-Arabien: Einschläge von Norden.

  • Allein schon vom eigenen Land aus könnten die Garden einen derart verheerenden Angriff wiederholen. An der Gegenküste zum Persischen Golf liegen jede Menge lohnende Ziele, die noch immer nicht optimal geschützt sind > siehe die schwache Abwehr der Saudis gegen die tief fliegenden Drohnen und Marschflugkörper im September.
  • Ob andere Golfländer als Saudi-Arabien auf der Zielliste stehen, sei dahingestellt. Alle Staaten bieten dort nicht nur Ziele im Bereich von Erdöl und Erdgas, sondern – zum Beispiel – auch touristische Ziele, deren Zerstörung sie enorm treffen würde > Wie das Beispiel Ägypten zeigt, bricht der Fremdenstrom nach einem Terrorschlag jäh zusammen.
  • Obwohl die Emirate ihre Truppen im Yemen ausdünnen, stehen dort immer noch VAE-Verbände im Kampf mit den Houthi-Rebellen, die direkt on Iran abhängen > ein reiner Stellvertreterkrieg. Abu Dhabi, Dubai und die anderen fünf Emirate würden durch eine Attacke auf Geschäfte, Hotels oder die grossen Flugplätze Schaden nehmen.

Option 2: Direct action gegen militärische Stützpunkte

Bei den militärischen Zielen wären auch die USA und Grossbritannien verwundbar, wenn auch die beiden modernen Streitkräfte ihre Stützpunkte besser schützen als die Golfstaaten.

US Stützpunkte rund um Iran.

  • Die USA verfügen in Irak, Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, den VAE und Bahrain über ein ausgedehntes Netz von Heeres-, Luftwaffen- und Marine-Stützpunkten – zugegebenermassen gegen Angriffe aus der Luft geschützt.
  • In Bahrain liegen Schiffe der Fünften Flotte, die auch für den Golf von Oman und den Persischen Golf zuständig ist. Ebenso unterhält die Royal Navy dort einen Stützpunkt.

Option 3: Multipler Angriff auf Israel

Hamas-Raketenangriff von Gaza auf Israel.

Israels ist zwar nicht der 51. Staat der USA, wäre als Amerikas wichtigster Verbündeter in der Region ein lohnendes Ziel und könnte vielfach mit Raketen angegriffen werden:

  • Hamas und Jihad aus dem Gazastreifen.
  • Hisbollah aus Libanon (das von Iran aufgebaute Raketenarsenal umfasst derzeit 130’000 Missile).
  • Von den iranischen Stützpunkten in Syrien, die von der israelischen Luftwaffe laufend zerstört, aber immer wieder aufgebaut werden.
  • Von iranischem Territorium aus, zum Beispiel mit der Shabab-3.

Option 4: Attacken auf Handelsschiffe

2019 attackierten Schnellboote der Garde sechs Handelsschiffe im tiefen Golf von Oman, ohne dass eine Absicht erkennbar, die Tanker und Frachter zu versenken.

Golf von Oman: Attacke auf Tanker (go).

  • Inzwischen begleiten die US Navy und die Royal Navy ihre zivilen Schiffe durch den seichten Persischen Golf, die enge Strasse von Hormuz und den Golf von Oman. Andere Schiffe verkehren aber immer noch schutzlos.
  • Gut 30% der weltweiten Erdölversorgung passieren die beiden Fahrrinnen in der Strasse von Hormuz. General Mohammad Bagheri, der Befehlshaber der Revolutionsgarde, warnte schon im Sommer 2019: “Wir können Hormuz jederzeit für Tanker komplett sperren, wenn die USA vom Krieg nicht ablassen.”
  • Iran beherrscht das Nordufer der nur 39 Kilometer breiten Strasse. Die Garde kann Tanker könnten in den schmalen Fahrrinnen versenken.

Option 5: Aktivierung von Verbündeten in Irak und Syrien

Generalmajor Soleimani befehligte nicht nur das Quds-Elite-Korps der Revolutionsgarde, sondern auch Verbündete, die er ausbildete, bewaffnete und ins Gefecht führte:

  • Hisbollah in Libanon, Syrien und Irak.
  • Houthi im Yemen.
  • Hashed al-Saabi in Irak > sie unternahmen am 1. Januar 2020 den Angriff auf die US Botschaft in Bagdad, der die derzeitige Eskalation auslöste.
  • Afghanische Söldner und Gotteskrieger in Syrien.

Hisbollah Libanon (hl).

Am empfindlichsten sind im Bereich der amerikanischen Streitkräfte etliche Stützpunkte in Irak und die verbleibenden Special Forces in Syrien.

  • In Syrien verteidigen hervorragend geschulte, stark bewaffnete Sondertruppen die Ölfelder bei Deir ez-Zor am Euphrat. Nach wie vor steht ein US Kontingent auch an der jordanischen Grenze im Süden.
  • Im Irak stürmten Hashed-Einheiten die “Green Zone” von Bagdad, das am stärksten geschützte Territorium in der Hauptstadt > sie forderten den Rückzug der rund 5000 Amerikaner aus ihrem Land.

Alle genannten von Soleimani rekrutierten und trainierten Verbündete beweisen permanent,dass militärisch mit ihnen nicht zu spassen ist.

Option 6: Last but not least > Cyber

Iran wurde 2010/11 von der israelischen Stuxnet-Cyber-Attacke elend in Mitleidenschaft gezogen. Die Israeli warfen die iranische Atomrüstung um mindestens ein halbes, wenn nicht ein ganzes Jahr zurück. Es ist anzunehmen, dass die USA am Stuxnet-Erfolg ihren Anteil hatten.

Seither baute Iran sein defensives und offensives Cyber-Arsenal erheblich aus. 2012 und 2016 lähmten die iranischen Cyber-Krieger in Saudi-Arabien mit ihren Shamoon-Attacken

  • Saudi Aramco.
  • Ganze Ministerien, auch Verteidigung.
  • Zivile Organisationen und Firmen.

2012 und 2013 griff Irans Cyber Force in den USA ein gutes Dutzend Banken an (distributed denial-of-service attacks, DDoS) – mit Erfolg.

Liste ist bei weitem nicht abschliessend!

Die vorliegende Liste folgt einem sehr groben Raster. Und sie ist bei weitem nicht abschliessend. Ebenso wäre für die “grausame Vergeltung”, die Ayatollah Ali Khamenei den USA androhte, eine Kombination von Waffen und Zielen aus mehreren Optionen denkbar.

Erst einmal herrscht in Iran Landestrauer. Kassem Soleimani soll am Montag, 6.Januar 2020, zu Grabe getragen werden. Iran Kenner rechnen damit, dass das Land stillstehen wird – oder dass wilde Hasskundgebungen gegen die USA, gegen den “grossen Satan” ausbrechen.