BISS – Immer alles “historisch”?

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7. Dezember 1941, ein historischer Tag: Die USS West Virginia sinkt in Pearl Harbor.

 

Sportredaktoren haben einen leichten und zugleich schweren Beruf. Leicht fallen ihnen in der Regel die Berichterstattungen: Die Reporter sehen mit eigenen Augen, was sich ereignet. Schwer machen ihnen im Publikum die Legionen von Fachleuten die Arbeit: Im Fussball gibt es Nationaltrainer die Menge; Hunderttausende wissen besser als Kuhn, Hitzfeld und Petkovic, wie die Nati-Startelf auszusehen hat.

Doch einen Währschaftsmangel haben die Sportkorrespondenten. Sie deklarieren jede überdurchschnittliche Leistung als “historisch”. Am üppigsten grassiert die überrissene Wortwahl alle vier Jahre – während Olympia. Da ist jede dritte Superperformance historisch, besonders von Schweizerinnen und Schweizern.

Was aber ist historisch? Als historisch stufen wir Ereignisse ein, die den Gang der Geschichte nachhaltig verändern:

  • So ein Einschnitt ist der Sieg Herzog Wilhelms II. von der Normandie am 14. Oktober 1066 bei Hastings. Fortan verschmolzen auf der britischen Insel angelsächsische Tradition und normannischer Einfluss – das Erbe Wilhelms des Eroberers, das in der englische Weltsprache in ihrer angestammten Vielfalt bis heute nachwirkt.
  • Oder die Zäsur der ersten Dezembertage 1941. Am 5./6. Dezember schlugen Stalins frische sibirische Divisionen vor Moskau die Wehrmacht entscheidend zurück. Am 7. Dezember überfiel Japan die amerikanische Pazifikflotte auf Pearl Harbor, am 8. erklärten die USA den Japanern und den Deutschen den Krieg, am 11. zog Hitler gegen Amerika nach. Es war die Woche, welche die Welt für immer veränderte – eben ein historischer Einschnitt.

So erfreulich, so grossartig es ist, wenn eine Berner Sprinterin im Olympia-Final über 200 Meter auf den 7. Platz rennt – aber ist das, verglichen etwa mit 1291 (Rütli), 1945 (Hiroshima) oder 1989 (Berliner Mauer) ein historisches Ereignis?

Ja, es reisst selbst die TV-Zuschauer von den Sitzen, wenn der Norwegen Warholm die 400 Meter Hürden in 45,94 Sekunden läuft – unvorstellbar, selbst der Zweite bleibt unter dem alten Weltrekord. Doch würde da nicht auch “sporthistorisch” genügen, wenn es denn schon historisch sein muss?

 

Der Norweger Karsten Warholm, ein überragender Athlet in Tokio. Aber gleich historisch?