Helden im Schatten

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Heute nimmt sich unser trefflicher Panzerhistoriker Hagen Seehase der tschechoslowakischen Panzerbrigade an, die im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte.

 

HELDEN IM SCHATTEN

Die tschechoslowakische Panzerbrigade gegen die deutsche Wehrmacht

Von Hagen Seehase

Wenn Hitlers Wehrmacht ein Land besetzte, bildete sich dort bald recht schnell eine Widerstandsbewegung (résistance, Partisanen). Und im Ausland entstand meist eine Exilarmee, die im Verbund der Alliierten gegen die Deutschland kämpfte. Auch die Tschechoslowaken stellten Truppen auf. Doch anders als bei norwegischen, französischen, niederländischen oder belgischen Exiltruppen erfuhren die Tschechen und Slowaken erst eine späte Würdigung. 

Frühjahr 1945: Die deutsche Kapitulation stand bevor, aber in Böhmen wurde noch weiter gekämpft. Eine kleine Truppe tschechischer und slowakischer Soldaten bereitete sich darauf vor, nach Prag, das in greifbarer Nähe lag, weiterzumarschieren. Das war der Moment, auf den viele von ihnen lange gewartet hatten. Endlich ergab sich die Chance, die Hauptstadt ihrer Heimat aus eigenen Kräften von den Besatzern zu befreien, und dieser Gedanke erfüllte die Männer mit Stolz. Wer hätte ahnen können, dass eine Prager Regierung nur Jahre später diesen Einsatz verleugnen würde …

Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Es war ja nicht mal selbstverständlich, dass überhaupt Tschechen und Slowaken bereitstanden, um als Teil der Alliierten gegen die Deutschen vorzugehen. Aber nach der Besetzung der sogenannten „Resttschechei“ im März 1939 hatten eben etliche Tschechen und auch viele Slowaken ihre Heimat verlassen und sich, manchmal auf abenteuerlichen Wegen, bis nach Frankreich durchgeschlagen.

Am 15. Januar 1940 wurde dort die 1eme Division Tchécoslovaque aus Tschechen und Slowaken im Exil gebildet. Die mit 11.405 Mann personalschwache Division (eine französische Infanteriedivision verfügte immerhin über 17.500 Mann) hatte dann im Sommer 1940 nicht als geschlossener Verband gegen die Wehrmacht kämpfen können, sondern war regimentsweise verschiedenen französischen Großverbänden zugeteilt. 

Rund 4.000 tschechoslowakische Soldaten und 500 tschechoslowakische Zivilpersonen konnten sich nach der Niederlage Frankreichs nach Großbritannien absetzen. Dort wurden kleinere tschechoslowakische Einheiten neuformiert, mit britischem Material ausgerüstet und analog den britischen Truppen ausgebildet. Mitte April 1943 fasste man diese Einheiten zu einer Infanteriebrigade zusammen, aus der am 1. September die 1st Czechoslovak Independent Armoured Brigade Group (später simplifiziert zu Czechoslovak Armoured Brigade) entstand. 

Einige Soldaten besaßen schon beträchtliche Kampferfahrung, gesammelt vor allem in Nordafrika. Zwei Jahre zuvor hatten sie sich über den Libanon bis ins britische Mandatsgebiet Palästina durchgeschlagen, dort das 11th Infantry Battalion gebildet und dann am Kampf gegen die Vichy-französischen Streitkräfte in Syrien teilgenommen. Danach hatten sie als Teil einer exilpolnischen Brigade mitgeholfen, das von Italienern und Afrikakorps belagerte Tobruk zu verteidigen.

Aus den Resten des Bataillons war danach das 200th (Czech) Light AA Regiment (leichte Flak) entstanden. Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für alle im Ausland lebenden tschechoslowakischen Staatsangehörigen im Januar 1942 hatte man dann die administrativen Grundlagen zur Aufstellung größerer Verbände geschaffen. 

Die tschechoslowakische Panzerbrigade

Am Ende dieser Entwicklung stand also die 1943 gebildete Czechoslovak Armoured Brigade. Eine Independent Armoured Brigade beziehungsweise eine Independent Tank Brigade sollte bei der britischen Armee jeweils eine Infanteriedivision unterstützen. Tank Brigades waren in der Regel mit den langsameren Infantry Tanks ausgerüstet (Matilda, Valentine oder Churchill), Armoured Brigades mit den schnelleren Cruiser Tanks ( Crusader, Cromwell oder Centaur).

Die tschechische Brigade bestand aus zwei Panzerbataillonen mit Panzern vom Typ Cromwell IV und Cromwell VII, einem motorisierten Infanteriebataillon, einer Panzerjägerkompanie, einem Artilleriebataillon mit zwei Batterien, Panzeraufklärern, Flugabwehr, Pionieren, Fernmeldern und Logistiktruppen. Aus den Panzeraufklärern wurde später ein drittes Panzerbataillon, zusätzliche Feuerkraft verschaffte der Zulauf von Sherman-Firefly-Panzern. Derart ausgerüstet brannten die Tschechen und Slowaken darauf, endlich etwas zur Befreiung des europäischen Festlandes und damit auch ihrer Heimat beitragen zu können. 

Die Brigade trainierte auf britischem Boden und stieß Ende August 1944 zu den alliierten Truppen in der Normandie. Es gab zunächst nicht viel zu tun, sehr zum Verdruss der Soldaten. Das entging ihrem Kommandeur Generalmajor Alois Liška nicht.

Er wandte sich direkt an den Oberkommandierenden der westlichen tschechoslowakischen Exil-Armee, General Sergěj Ingr. Liška bat ihn, seine Brigade so schnell wie möglich an die Front zu schicken. Denn jedes weitere Hinauszögern „sei nicht dienlich für die Moral der Truppe“. General Ingr überzeugte sich zwischen dem 21. und 25. September persönlich während einer Inspektion vom Zustand des Verbandes.

Danach ging er direkt zu Fieldmarschall Bernard Montgomery. Doch Montgomery lehnte den Einsatz der Czechoslovak Armoured Brigade an der Front ab. Sie sei nach wie vor nicht vollzählig, es gäbe Nachschubprobleme und die Panzerbesatzungen seien ungenügend ausgebildet. 

Die tatsächlichen Gründe, warum Montgomery den Einsatz der Tschechoslowaken verbot, waren politischer Natur. Für eine Nachkriegsordnung in der Tschechoslowakei schien ein intakter tschechoslowakischer Grossverband als Gegengewicht zu kommunistischen Gruppierungen sehr wichtig. Doch fand der Brite eine fast salomonische Lösung: Er kommandierte die Brigade am 4. Oktober 1944 zur Belagerung der Hafenstadt Dünkirchen ab.

Die Deutschen hatten Dünkirchen zu einer fast uneinnehmbaren Festung ausgebaut. 12.000 deutsche Soldaten, davon 2.000 der Waffen-SS, hielten die Stadt, Munition und Verpflegung reichten für ein Jahr. Die Tschechen und Slowaken hatten also eine harte Nuss zu knacken. Und tatsächlich: Trotz der Unterstützung durch britische, kanadische und französische Einheiten gelang es ihnen nicht, Dünkirchen zu erobern. 

Liška, im Ersten Weltkrieg Wehrpflichtiger der k.u.k.-Armee, konnte trotz der Gefechtsverluste kurioserweise über mehr Leute verfügen, als zu Beginn der Belagerung, denn viele tschechische und slowakische Zwangsarbeiter schlossen sich der Brigade an, die im Frühjahr 1945 eine Ist-Stärke von 5900 Mann aufwies.

Es reifte die Idee, man könne die Brigade zu den in Deutschland stehenden US-Verbänden transferieren, denn die würden aller Voraussicht nach als erste westalliierte Truppen tschechisches Territorium erreichen. Das ging aber nicht, Montgomery wollte keine Truppen abgeben, außerdem waren die Tschechoslowaken britisch bewaffnet und ausgerüstet, das hätte im Verbund mit US-Truppen logistische Probleme gegeben. 

Die Token Force

Als dann aber am 18. April 1945 amerikanische Verbände die alte Grenze zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei erreichten, wurde ein Detachement der Czechoslovak Armoured Brigade angefordert, das die Amerikaner beim weiteren Vormarsch begleiten sollte. Man stellte die sogenannte „Token Force“ zusammen, acht Offiziere und 131 Unteroffiziere und Mannschaften, mit sieben Motorrädern und 26 Krafwagen, dazu sechs Bofors-Flakgeschütze. Das Kommando führte Oberstleutnant Alois Sítek, dazu kam noch ein britischer Verbindungsoffizier. 

Am 24. April brach die Token Force auf und erreichte am 1. Mai die alte deutsch-tschechische Grenze. Bald darauf rückte die Truppe in Eger ein, dessen sudetendeutsche Bevölkerung die Soldaten misstrauisch betrachtete. Der Empfang in Pilsen am 7. Mai war hingegen enthusiastisch. Die tschechische Bevölkerung jubelte und sehnte den Weitermarsch auf Prag herbei.

Einen Tag später war die Token Force in Kyšice und fuhr dann weiter Richtung Prag. Damit ergab sich dann aber die realistische Möglichkeit, dass die kleine Truppe in den Operationsbereich der Roten Armee geraten könnte, was das alliierte Oberkommando unbedingt  vermeiden wollte. Der Haltebefehl kam zu spät, und so rückte die kleine Formation als einzige Einheit von westalliierter Seite in Prag ein, musste die Stadt aber bald wieder verlassen: weder die Sowjets noch die ihnen hörigen tschechischen Kommunisten wollten eine westalliierte Präsenz in Prag.

Zurück in der Heimat

Vom 12. bis zum 22. Mai 1945 rückten auch die übrigen Einheiten der Czechoslovak Armoured Brigade, unterstützt von 300 kanadischen Panzertransportern, in die Tschechoslowakei ein. Tausende Soldaten sahen nach Jahren erstmals ihre Heimat wieder. Mit ihren 300 aufgeladenen Panzern, 230 gepanzerten Fahrzeugen und Transportern nebst 1.300 weiteren Fahrzeugen sowie 96 Artilleriegeschützen wurde die Brigade vorerst im US-Sektor im Böhmerwald stationiert.

Am 30. Mai erlaubte der sowjetische Kommandeur Prags eine Parade der Brigade in der Hauptstadt. Die Soldaten hatten Munition für ihre Handfeuerwaffen, die Panzer und Geschütze waren aber nicht aufmunitioniert – das war eine Bedingung der Sowjets. Der Jubel der Prager war überwältigend: hier mischten sich die Erleichterung über das Ende der deutschen Besatzung, Stolz auf die eigenen Soldaten und die Hoffnung, dass die Kommunisten nicht die einzige bewaffnete Macht in Tschechien bleiben könnten.

Damit hatte die Czechoslovak Independent Armoured Brigade aber auch schon den Scheitelpunkt ihres Daseins erreicht, bald schon sollte sie der Vergangenheit angehören: Sie wurde zum Ende des Sommers 1945 aufgelöst. Und nach der Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1948 rächten sich die neuen Machthaber an den Tschechoslowaken, die auf westlicher Seite und damit beim „Klassenfeind“ im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten.

Viele der ehemaligen Brigadeangehörigen mussten abermals ins Exil fliehen, einige wurden hingerichtet, unzählige eingekerkert. Auch Liška, dessen Familie unter der Naziherrschaft Furchtbares erlebt hatte (Frau und Tochter waren in ein Konzentrationslager verschleppt worden, hatten aber überlebt; der Sohn Jaroslav war erschossen worden), musste erneut ins Exil. Er starb 1977 in London. 

Verordnetes Vergessen und später Triumph

Obwohl sich das kommunistische Regime darum bemühte, die Erinnerung an die US-Armee und die tschechischen Exiltruppen, die Westböhmen befreit hatten, auszulöschen, ist dieses Andenken bei der Bevölkerung in der Region stets wach geblieben.

Um das Jahr 1968 wurden an einigen Orten Westböhmens sogar Gedenktafeln für die US-Soldaten installiert – die nach dem gescheiterten „Prager Frühling“ aber schnell wieder verschwanden. In Schulen erfuhren die Kinder ausschließlich etwas über die Rote Armee, während die Tatsache, dass 1945 US-Truppen vor Prag gestanden hatten, unter den Tisch fiel. Über die Czechoslovak Armoured Brigade herrschte Stillschweigen, dafür wurden die tschechoslowakischen Exilverbände unter dem Kommando der Sowjetarmee glorifiziert.

Doch seit dem Ende des Kommunismus kommen auch jene Exiltruppen, die einst in den Reihen der Westalliierten gekämpft hatten, wieder zu ihrem Recht, und das nicht nur in Schulen und Medien.

Für jedermann sichtbar erfahren sie auf den jährlichen Jubiläumsfeiern in Pilsen und andernorts eine Art „Wiederauferstehung“ – wenn sich Reenactors aus dem In- und Ausland in amerikanische Uniformen werfen und mit Jeeps und Sherman-Panzern die Vergangenheit lebendig machen. Was bei unseren Nachbarn 45 Jahre lang unter dem Mantel des Schweigens verborgen lag, ist heute selbstverständlicher Teil ihres geschichtlichen Erbes – das man stolz präsentiert.